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Die
hohe Zeit der Glücksgefühle: Der Frühling und die Biochemie
Stuttgart
(13.05.2000) - Sonne, blauer Himmel, Glücklichsein. Jeder kennt
es, kaum einer weiß, woher es kommt: Frühlingsgefühle haben im
Mai Hochkonjunktur, selbst bei manchen Tierarten. Aber vor allem
Stress und Hektik können den positiven Gefühlen, insbesondere
der Erotik, schnell ein Schnippchen schlagen, sagt der an der FU
Berlin lehrende Biopsychologe Prof. Peter Walschburger.
"Wer im Stress ist, wird sich erotischen Reizen nicht öffnen",
sagt er. Dann nützt es auch nichts, dass die längere
Lichteinstrahlung im Frühling die Hormone in Schwung bringt. Wer
keine Zeit hat, am Kudamm, an der Alster oder in Schwabing zu
flanieren, bei dem können die optischen Reize zwangsläufig gar
nicht ankommen: Spaghettiträger-Hemdchen, Miniröcke,
Sommersprossen oder braun gebrannte Männerarme - all das muss
sich buchstäblich zum Gehirn "durchsprechen", um echte
Frühlingsgefühle auszulösen.
Wer aber beispielsweise blühende Kastanienbäume wirklich
"wahrnimmt", der hat laut Walschburger gute Chancen,
dass auch seine "emotionale Erinnerung" glücksbringend
funktioniert: Das Kuss-Gefühl unter einem Kastanienbaum vom
letzten Frühjahr stellt sich wieder ein und "stimmt" fröhlich.
Allergiker können hier allerdings Pech haben. Stehen sie unter
dem falschen Baum, dann schlägt die Pollenkeule zu und löst
einen verheerenden Niesanfall aus - erotische Gefühle ade.
Der Bochumer Biopsychologe Onur Güntürkün sagt: "Bei
unserer Sexualität ist die visuelle Stimulation ein ganz
wichtiger Punkt". Leichtbekleidet oder dick eingemummelt, das
spiele bei erfreulichen Aus- und Seitenblicken im Frühling schon
eine Rolle. Die Netzhaut des Auges leitet das im Vergleich zur
Winterzeit verlängerte "Tageslicht" ans Gehirn weiter,
das auf diese Art von "Bestrahlung" mit einer ganzen
Kaskade von Hormonen reagiert, sagt Güntürkün.
Doch nicht nur das Auge, "alle Sinne werden durch das
Erwachen der Natur angeregt", meinen andere Experten wie der
Stuttgarter Biochemiker Hartmut Blecher. Im Frühling wird mehr
frisches Obst gegessen und die Haut kann an der frischen Luft im
wahrsten Sinne des Wortes "durchatmen".
Ausgedehnte Sonnenbäder kommen allerdings nach dem langen Winter
nicht nur bei der Haut schlecht an. "Minirock, enge T-Shirts
und verbrannte Haut sind die logische Reaktion der Erdenbürgerin",
spöttelte jüngst die "Neue Zürcher Zeitung" in ihren
"Betrachtungen zum Frühling - Männerblicke auf die
Damenwelt". Ob frohgemut, seufzend oder ganz allgemein: Auch
in der Lyrik schlagen sich Frühlingsgefühle regelmäßig nieder
- von Eduard Mörikes "Frühling lässt sein blaues
Band" bis hin etwa zu Erich Kästners "Der Mai, der
Mozart des Kalenders".
Dass das Paarungsverhalten von Tieren auch etwas mit Frühling zu
tun hat, weiß man an der Tierklinik der FU Berlin.
"Kaninchen haben im Februar und März Frühlingsgefühle,
wenn das erste frische Gras sprießt, Pferde beginnen ebenfalls
bei länger werdenden Tagen zu rossen", berichtete Siegfried
Glatzel.
Seitdem der Mensch über seine Natur sich zu erheben trachtet, hat
der Frühling sich verändert, spottete der italienische
Filmregisseur Carlo Manzoni (1909-1975): "Der Frühling ist
jene herrliche Zeit, in der wir alle ins Freie eilen, um endlich
etwas frischen Benzindunst zu atmen".
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