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Liebe,
Lust und Leidenschaft: Die Chemie der Emotionen
Stuttgart
(27.03.2000) Von Thomas Niemann - War das Thema Liebe historisch
gesehen den Künstlern, Geisteswissenschaftlern und zuletzt auch
Psychologen vorbehalten, so beschäftigen sich heute zunehmend
auch Naturwissenschaftler mit diesem Phänomen. Dabei liefert die
moderne Sexualforschung verblüffende Einsichten, warum wir uns
verlieben, wie ein Orgasmus das Gehirn verändert und welche
Hormone unser Liebesleben bestimmen.
Mit einer Masse von drei Pfund und mit einem Netzwerk von 100
Milliarden Nervenzellen ausgestattet ist das Gehirn unser größtes
Sexualorgan. Es steuert Erregung, Emotionen und Lust und ist sogar
dazu fähig, auch ohne den Einfluss äußerer Reize erotische
Phantasien auszulösen. Zudem übernimmt unsere Liebes-Zentrale im
Kopf die Regulation der Hormone, die maßgeblich an unserem
Sexualverhalten beteiligt sind. Mit modernsten Techniken versuchen
Hirnforscher weltweit die Lust im Hirn zu entschlüsseln.
Der Gehirnforscher und Psychologe Serge Stoleru vom Bicêtre-Krankenhaus
in Paris beschäftigt sich beispielsweise mit der Lokalisierung
von Gehirnregionen, die bei sexueller Erregung besonders aktiv
sind. Bei seiner Studie wurden die Hirnaktivitäten von acht
heterosexuellen Männern beobachtet, während sie sich einen
Erotikfilm anschauten. Das Ergebnis war für den Psychologen
teilweise überraschend. All diejenigen Regionen des Gehirns, die
nach Erkenntnissen aus Tierversuchen eigentlich mit Sex zu tun
haben müssten, nämlich das Amygdalae, der Hippocampus und das
Zwischenhirn waren bei den Testpersonen nicht aktiv. Dagegen
konnte nur im vorderen Abschnitt des Cingulums - im limbischen
System - erhöhte Aktivität bei den Probanden nachgewiesen
werden. Das Cingulum steuert einerseits eine Vielzahl hormoneller
Änderungen im Körper, ist aber andererseits auch für
zielgerichtetes Verhalten zuständig. Im Prinzip haben die
erregten Männer also mehr gedacht, statt emotional zu handeln.
Hormone - die eigentlichen Regisseure in der Liebe
Oxytocin gilt als bedeutsamstes Liebeshormon. Es wird vom
Hypothalamus produziert und kann entweder im Gehirn selbst an
bestimmten Nervenzellen wirken, oder im übrigen Körper, wenn es
von der Hirnanhangdrüse in winzigen Mengen abgegeben wird und so
ins Blut gelangt. Untersuchungen an Prärie- und Berg-Wühlmäusen
lassen vermuten, dass das Hormon Oxytocin für Treue und soziale
Bindungsfähigkeit verantwortlich ist. Während die
freiheitsliebenden Bergbewohner wenig von dem Treuehormon ausschütten,
zeigt sich bei den häuslichen Präriewühlmäusen ein sehr hoher
Oxytocin-Spiegel. Thomas Insel von der Emory University in Atlanta
stelle außerdem fest, dass Oxytocin die Milchproduktion bei den Wühlmaus-Weibchen
anregt. Zudem wirkt das Liebeshormon stimulierend auf das
Immunsystem und es erhöht die Spermienbeweglichkeit bei Männern,
wie die Stockholmer Biologin Kerstin Uvnäs-Moberg vom
Schwedischen Karolinska-Institut feststellte.
Während dem Hormon Oxytocin eine große Bedeutung bei der
Fruchtbarkeit und der Fürsorge für Partner und Nachkommen
zukommt, spielen für das Gefühl verliebt zu sein drei andere
Botenstoffe im Gehirn eine entscheidende Rolle. Die New Yorker
Anthropologin Helen Fisher hat an 13 frisch Verliebten untersucht,
wie sich deren Gehirn-Chemie von der nichtverliebter Menschen
unterscheidet. Sie beschreibt die Ergebnisse folgendermaßen:
"Wenn jemand am Anfang einer Beziehung total verrückt nach
dem Anderen ist und seine Gefühle kaum zu kontrollieren vermag,
dann schüttet das Gehirn viel Dopamin und Noradrenalin aber
weniger Serotonin aus."
Verlangen und Liebe: Bald nur eine Frage der richtigen Praline?
DARPP-32 heißt der Stoff, aus dem Gefühle entstehen. Nein -
dabei handelt es sich nicht um eine neue Designer-Droge, die uns
das Gefühl von Glückseligkeit nur vorgaukelt. Hinter der
geheimnisvollen Bezeichnung verbirgt sich das körpereigene
Protein, welches maßgeblich für unser sexuelles Verlangen
verantwortlich ist. So die neuesten Erkenntnisse von
Wissenschaftlern des Baylor College of Medicine in Waco, Texas
("Science", 11.02.2000, S.1053-1056).
Inzwischen versucht auch die Pharmaindustrie sich die
Eigenschaften des Gefühlsproteins zunutze zu machen.
"Innerhalb der nächsten fünf bis acht Jahre werden
entsprechende DARPP-Medikamente auf den Markt kommen, welche bei
ihren Anwendern sexuelles Verlangen stimulieren sollen“, sagt
Bert O´Malley, leitender Molekularbiologe am Baylor College.
"Für körperliche Belange in Sachen Sex leistet Viagra™
ohne Frage Großartiges, die emotionale Seite bleibt davon jedoch
vollkommen unberührt."
"DARPP-32 reguliert den Dopamin-Haushalt im Gehirn, der die
Chemie zahlreicher emotionaler Reaktionen steuert – wie etwa das
Ausmaß sexueller Erregung“, bestätigten Wissenschaftler von
der New York Rockefeller University vergangenen Donnerstag im
Wissenschaftsmagazin Science.
Natürlich sind für die künftigen DARPP-Präparate auch andere
medizinische Einsatzmöglichkeiten denkbar; beispielsweise die
Behandlung von Parkinson, Schizophrenie und anderen psychischen
Erkrankungen, denen eine abnormale Dopamin-Aktivität zu Grunde
liegt. Romantiker werden das künftige Liebespräparat sicherlich
in Pralinenform zu sich nehmen, denn Schokolade macht bekanntermaßen
ebenfalls glücklich.
Das Gefühl, emotional high zu sein, wurde von Wissenschaftlern
untersucht und die dabei auftretenden chemischen Vorgänge im
Gehirn mit denen zwangsneurotischer Patienten verglichen - ist
Liebe eine Krankheit? Der Psychologe René Diekstra von der
Universität Leiden spricht dagegen von Liebe als Sucht. Tatsächlich
scheint in Sachen Liebe alles nur eine Frage der richtigen Chemie
zu sein. (bdw)
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