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© PSYCHOTHERAPIE 16.04.2001
Entmündigung und Demütigung von Patienten in deutschen
Psychotherapie-Kliniken - auf Rechnung der Krankenkassen (Teil 6)
Der nackte Kaiser
Qualitätssicherung in der Psychotherapie braucht mündige Patienten
VON WULF MIRKO WEINREICH
Dies ist die Fortsetzung von
Teil 5 und der Abschluss des
erschütternden Berichtes aus einer tiefenpsychologischen und
psychoanalytischen Klinik.
Mir ist während des Praktikums klar geworden, dass es
mehrere Aspekte gibt, die für den Erfolg und die Wirkung einer Therapie
notwendig sind, und dass man daher nicht pauschal Menschen, Schulen etc.
verurteilen kann. Meines Erachtens gehören dazu:
- der äußere Rahmen (die Institution mit ihren Strukturen,
Machtverhältnisse, etc),
- das äußere Setting (z. B. inwieweit die Räume und ihre Einrichtung zur
Öffnung des Patienten beitragen),
- das Menschenbild,
- die Methode,
- die Persönlichkeit des Therapeuten (eigene Erfahrungen,
Einfühlungsvermögen, etc).
Ich persönlich halte die durch therapeutische Arbeit an sich selbst
erworbene eigene Reife für den wichtigsten Aspekt einer erfolgreichen
therapeutischen Arbeit überhaupt - nur so ist es zu erklären, dass es in
allen Schulen Therapeuten mit einer hohen Erfolgsquote gibt, die Wirksamkeit
von Therapie innerhalb der Schulen aber stark differiert. Und jede Methode
lässt sich letztendlich als Werkzeug zum Nutzen des Klienten oder als Waffe
zum Schutz des eigenen Selbstbildes einsetzen.
Diese Beschreibung individueller Erfahrungen ist sicher nicht geeignet,
irgendwelche allgemeingültigen Aussagen über Schulen, Therapeuten,
Institutionen etc. zu treffen. Meines Erachtens wäre schon viel gewonnen,
wenn es stärker öffentlich diskutiert würde, das die Behandlung einer
psychischen Erkrankung nicht notwendigerweise in die nächstgelegene
Psychotherapie zu führen hat, sondern dass es verschiedene Methoden,
spezielle Einrichtungen und Therapeuten für die diversen Erkrankungen gibt.
Außerdem dürfte auch ein psychisch erkrankter Patient den Anspruch auf freie
Therapeutenwahl, sowie einen Anspruch darauf haben, bei dieser Wahl
unterstützt und beraten zu werden.
Eine besondere Bedeutung bei der Evaluation der Angebote vor Ort haben die
Krankenkassen, denn sie müssen ja für die Kosten aufkommen: Zwölf Wochen
oder mehr haben ihren Preis. Sicher wäre es kein Problem, über Fragebögen an
behandelte Patienten die Effektivität vorhandener Therapieangebote zu
bewerten und danach über die eigenen Informationshefte Empfehlungen
auszusprechen bzw. über die Kostenübernahme regulierend einzugreifen. Die
einfachste Form wäre wohl die Frage: "Würden Sie diese Therapie auch machen,
wenn Sie sie selbst bezahlen müssten?" Allein diese Frage würde so manchen
Klienten veranlassen, genau zu schauen, ob Kosten und Nutzen in einem
vernünftigen Verhältnis standen.
Auch durch die genauere Abstimmung, welche Störung am besten in welcher
Klinik mit welcher Methode behandelt wird, ließen sich die Kosten drastisch
senken und Therapiefehler - von denen Therapieresistenz eine eher mildere
Form ist - weitestgehend vermeiden. Sofern überhaupt, wird es sicher noch
Jahre dauern, bis Gütekriterien wie menschliche Reife, sachgerechter Umgang
mit den Klienten oder Effektivität in die Zulassungsvoraussetzungen, um als
Therapeut arbeiten zu können, aufgenommen werden.
Ausbildung wird bis heute überwiegend als eine Angelegenheit des Intellekts
aufgefasst, eine Ansicht, die bei der Ausbildung von Psychotherapeuten viel
zu kurz greift. Die einzigen, die heute schon diesen Kriterien genügen
müssen, sind die freien Therapeuten, die nicht mit Kassenpatienten arbeiten:
Kaum ein Klient würde eine Therapie von zwölf Wochen Dauer bezahlen können,
die ihn dann auch noch gedemütigt statt geheilt entlässt. Der Markt als
qualitatives Regulativ birgt allerdings neben anderen Gefahren auch die
einer Mehr-Klassen-Psychotherapie: Die jungen und/oder schlechten
Psychotherapeuten dürfen in Krankenhäusern mit den Klienten experimentieren,
die nicht das Geld haben, sich einen guten, frei praktizierenden Therapeuten
zu leisten. Und der Trend ist leider derzeit ziemlich groß, dass gute
Therapeuten dem stressigen Klinikalltag den Rücken kehren und es vorziehen,
sich in eigener Praxis niederzulassen. Deshalb bleibt die öffentliche
Diskussion die wichtigste Entscheidungshilfe für einen Therapiewilligen.
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Degen, Rolf: Lexikon der Psycho-Irrtümer.
Frankfurt/Main: Eichborn-Verlag, 2000.
Mit seinem Angriff auf den "Irrgarten" von nunmehr 600
konkurrierenden Therapierichtungen enthüllt der von der Deutschen
Gesellschaft für Psychologie mit dem "Preis für
Wissenschaftspublizistik" ausgezeichnete Journalist die "reine
Quacksalberei" großer Teile der Psycho-Zunft. Provokant trägt das
Buch damit zur Entwicklung wissenschaftlicher Psychotherapie als
echte Heilungsalternative bei - durch fulminante Abrechnung mit
falschen Grundannahmen von Psychoanalyse, Psychosomatik und
Esoterik.
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In unserer ansonsten so
aufgeklärten Zeit kann es nicht angehen, dass die meisten Menschen aus purer
Uninformiertheit bei der Auswahl einer Weinsorte für den Freitagabend mehr
Sorgfalt an den Tag legen, als bei der Auswahl eines Psychotherapeuten, der
höchstwahrscheinlich die Richtung ihres weiteren Lebens maßgeblich
beeinflussen wird. Verwiesen sei nur auf den bekannten hohen Anteil von
Paarbeziehungen, die im Gefolge einer Psychoanalyse schon zerstört worden
sind.
Der "kompetente Klient" ist sicher der beste Garant dafür, dass die für
seine Probleme am besten geeignete Psychotherapie gefunden wird und
gleichzeitig eine wirksame Qualitätskontrolle für die anbietenden
Einrichtungen stattfindet. Hierzu bedarf es noch viel beharrlicher und
fundierter Aufklärung.
Beginnen
Sie mit Teil 1 dieses Praktikums-Berichtes über den Alltag einer
tiefenpsychologisch-psychoanalytischen Klinik.
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