© PSYCHOTHERAPIE 16.04.2001
Entmündigung und Demütigung von Patienten in deutschen
Psychotherapie-Kliniken - auf Rechnung der Krankenkassen (Teil
5)
Der nackte Kaiser
Wer gesund bleiben will, flieht vor dem Irrsinn und Selbstbetrug
der Psychoanalyse
VON WULF MIRKO WEINREICH
Dies ist die Fortsetzung von
Teil 4
des Berichtes aus einer tiefenpsychologischen und
psychoanalytischen Klinik.
Die Patienten auf dieser Station sind
keine Psychotiker, sondern Menschen, die überwiegend im
Berufsleben stehen und sich wegen Somatisierungen, Depressionen,
Angststörungen u.ä., teilweise nach einschneidenden
Lebensereignissen, selbst entschieden haben, eine Therapie zu
machen. In den Monaten, die ich hier bin, sind bisher 11
Patienten entlassen worden, kein einziger mit dem Prädikat
"gesund".
Einige sind so ehrlich, sich mit der entmutigenden
Selbsteinschätzung: "Das bringt ja doch nichts (mehr)!" zu
verabschieden. Manch kleiner Therapieerfolg wird groß geredet
aus der Angst heraus, vor sich und anderen als Versager
dazustehen. Dabei haben sich die Schmerzen oft nur unwesentlich
gebessert, sind die Symptome oft nur verschoben. Das entspricht
gerade mal so dem von Freud definierten Therapieziel, "das
übermäßige Leiden des Neurotikers in die normale Misere des
Alltags umzuwandeln", nicht aber einer seelischen Gesundheit.
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Klaus Grawe, Ruth Donati & Friederike
Bernauer: Psychotherapie im Wandel. Von der Konfession zur
Profession. Göttingen: Hogrefe-Verlag, 1994. XIV + 886 S.
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Eine aufwändige wissenschaftliche Analyse, welche Form der
Psychotherapie zum Erfolg führt, und eine erschütternde
Dokumentation der absurden Situation Deutschlands, in dem die
untauglichsten Psychotherapie-Methoden dominieren.
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Auf der Station findet man
von Verhaltensstörungen, Angststörungen, Depression, emotionale
Störungen über Sucht, Essstörungen, Somatisierungen bis hin zu
Borderline alles.
Offensichtlich spielt es keine Rolle, dass es spätestens seit
den Studien zur Wirksamkeit von Psychotherapie durch Prof.
Klaus Grawe (Universität Bern)
bekannt ist, dass verschiedene Therapieformen bei verschiedenen
Diagnosen unterschiedlich gut wirken. In dieser Klinik wird
genommen, was kommt - die Symptome lassen sich allemal
analytisch erklären. Es ist auch normal, dass für fast jeden
eine Verlängerung von 12 auf 14 oder gar 16 Wochen beantragt
wird - mit den üblichen schwammigen Begründungen. Und ich frage
mich, ob das Grundmotiv wirklich die Gesundheit der Patienten
oder eher die Auslastung der Klinik ist, von denen es in
Deutschland viel zu viele gibt.
Die Theorie hinter jeder Therapie ist das tiefenpsychologische
Modell, das davon ausgeht, dass die Beziehungsmuster der
Außenwelt, allen voran die Beziehungen zu den Eltern, in der
Therapiesituation nahtlos auf andere Personen übertragen werden,
dass sich also die Patienten in der Sondersituation eines
Krankenhauses automatisch genauso wie außerhalb desselben
verhalten und dass es aus diesem Grunde überflüssig ist, sich
mit den Problemen in der Außenwelt zu beschäftigen.
Davon abgesehen, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass die
meist älteren Patienten ihre Elternproblematik auf die doch sehr
jungen Therapeuten übertragen können, auch weil sich diese
sicher sehr anders verhalten, als die meisten Eltern es jemals
tun würden, macht es auch deutlich, warum die Therapeuten jedes
Erinnern an die Kindheit auf die Gegenwart zurücklenken. Eine
emotionale Aufarbeitung findet nicht statt, statt dessen geht es
hauptsächlich um ein Erkennen und Regulieren des eigenen
Verhaltens. Existentielle Ursachen oder Verletzungen gleich
welcher Art spielen keine Rolle, die Freudsche Theorie, nach der
die Ursachen aller psychischen Störungen allein in der
Eltern-Kind-Beziehung zu finden sind, dient lediglich dazu, die
Phänomene - irgendwie - zu erklären.
Ich frage den Therapeuten, ob die Ergebnisse von drei Monaten
Therapie nicht frustrierend sind. Er antwortet mir, dass die
meisten Patienten einfach frühgestört seien und dass 12 Wochen
zuwenig sind. Diese Zeit bräuchten die meisten allein schon
dafür, ein Vertrauensverhältnis zu den Therapeuten aufzubauen,
so dass es eine Leistung sei, wenn sie am Ende der Therapie
überhaupt von ihren Problemen sprächen. Ich verkneife mir zu
sagen, dass ich schon Gruppentherapie erlebt habe, wo die
Klienten den Beginn der Gruppenstunde kaum erwarten konnten und
dass ich dort Menschen erlebt habe, die wesentlich schlimmer
dran waren als das Gros der hiesigen Gruppe und die nach sechs
Wochen ihre gröbsten Probleme ursächlich bearbeitet hatten. Das
war allerdings in Kliniken, wo man normalerweise nach acht
Wochen entlassen wurde, weil die Wartelisten so lang waren.
Außerdem haben die Therapeuten dort die Fähigkeit, innerhalb
weniger Tage durch ihr authentisches Verhalten ein
Vertrauensverhältnis herzustellen und arbeiten auch mit etwas
anderen Methoden.
Natürlich bringt auch diese Therapie den Patienten etwas. Gerade
die, die sich vielleicht noch nie über längere Zeit mit sich
selbst beschäftigt hatten, werden angehalten, acht Stunden und
länger über sich nachzudenken, sich selbst und und ihre
Beziehungen zu andere Menschen zu beobachten. Probleme, die
durch verbesserte soziale Fähigkeiten und Selbstreflexion nicht
gelöst werden können - weil sie z.B. einer wirklichen
emotionalen Aufarbeitung bedürfen, anstatt nur darüber zu reden
- bleiben jedoch unbearbeitet. Dabei beweisen viele kognitive
und erlebnisorientierte Therapieformen, dass eine authentische
kognitive und emotionale Auseinandersetzung innerhalb kürzester
Zeit eine völlige Veränderung auch des sozialen Verhaltens mit
sich bringt.
Natürlich können die Patienten in dieser Klinik von sich
behaupten, dass sie jeden Schritt, den sie gemacht haben, auch
wirklich allein gemacht haben, manchen sogar gegen die Intention
der Therapeuten. Außer dem Satz, dass man auf seine Gefühle
achten soll, wird einem hier wirklich nichts vorgesagt. Doch
fragt es sich, ob die ständigen Doppelbotschaften - der Glaube
an den helfenden Therapeuten und die gleichzeitige Erfahrung,
von diesen permanent frustriert zu werden - wirklich der Heilung
dienen, oder diese nicht eher behindern. Meines Erachtens wäre
der größte Lernschritt der Patienten auf dieser Station, sich
gegen diese Therapie aufzulehnen.
Das einzige Ziel: Diesen Unsinn ohne Schaden überstehen
Jetzt ist natürlich die Frage: Warum hat
der Autor dieses Artikels sich nicht dagegen aufgelehnt. In der
Tat habe ich in den ersten zwei Tagen daran gedacht, habe mich
dann jedoch dafür entschieden, eine Doppelrolle zu spielen:
Tagsüber der fragende Student und abends der Schreiber dieses
Artikels - und ich kann mich für diese Täuschung nur
entschuldigen. Doch war ich der Meinung, dass es wohl eher
selten vorkommt, dass jemand die klassische klinische
Psychotherapie aus meinem Blickwinkel betrachten kann: Die
Patienten und andere Praktikanten kennen zu wenig
vergleichbares; die, die dort beschäftigt sind, kennen nichts
anderes; und die Therapeuten, die auf einem anderen Niveau
arbeiten, werden sich hüten, jemals in eine solche Einrichtung
zu gehen.
Ich hatte mir vorgenommen, einmal ganz normalen Klinikalltag
kennen zu lernen, und genau das habe ich erreicht - auch wenn es
mir ein Leichtes gewesen wäre, bei befreundeten Psychologen ein
angenehmeres Praktikum zu machen. Um mein Anliegen noch einmal
ganz deutlich zu machen: Es geht mir beileibe nicht darum, mit
diesem Artikel einen einzelnen Therapeuten oder eine Station
anzuschwärzen. Und ich hoffe auch, dass die Anonymisierung so
gut ist, dass Personen und Schauplatz der Handlung nicht mehr
identifizierbar sind. Wenn sich dennoch viele Psychotherapeuten
und Patienten in dieser Schilderung wiedererkennen, so macht
dies allein deutlich, wie typisch die geschilderten Zustände für
viele Kliniken sind.
Wenn es eine Frage gibt, die mich dabei bewegt, dann ist es die,
inwieweit wir als Psychiater und Psychologen die Verantwortung
den Klienten gegenüber haben, Psychotherapie auf höchstem
fachlichem UND menschlichem Niveau anzubieten. Psychotherapie,
die den Klienten als kompetenten Menschen achtet und ihm
Hilfestellung gibt, seine Probleme selbst zu lösen. Und aufgrund
der besonderen Eigenschaften von Psychotherapie ist eine Gefahr
leider immer gegenwärtig: Kein Therapeut ist gezwungen, sich
selbst zu hinterfragen, da er aufgrund seiner fachlichen
Qualifikation immer dem anderen eine Störung unterstellen kann.
Dabei wäre es eine der wichtigsten Herausforderungen, sein
eigenes Wirken auf die Klienten immer wieder kritisch zu
betrachten oder supervidieren zu lassen.
Sicher wird es auch einige tiefenpsychologisch-psychoanalytisch
arbeitende Therapeuten geben, ähnlich denen in der beschriebenen
Klinik, die sich jetzt in Deutungen und Spekulationen ergehen
werden: "Aus welchem Grunde hat der Autor diesen Artikel
geschrieben, welche neurotischen Störungen sind ihm zu eigen?"
Mir persönlich genügt es als Deutung festzustellen, dass das
Schreiben es mir möglich gemacht hat, die Zeit dort zu
überstehen, dass die Dokumentation des Absurden überhaupt das
Motiv war, nicht gleich wieder zu gehen.
Öffentliche Diskussion der Psychotherapieschulen notwendig
In den letzten beiden Jahren hat es im
Bereich der seelischen Hilfe für Menschen einschneidende
Veränderungen gegeben. Dies geschah in erster Linie durch ein im
Bundestag erlassenes Gesetz, das Psychotherapeutengesetz
(PsychThG), das die Behandlung seelisch erkrankter Menschen auf
zwei Richtlinienverfahren einschränkt: Die Verhaltenstherapie
und die psychoanalytisch orientierten Therapien (z.B.
Psychoanalyse, tiefenpsychologisch fundierte Therapie). Als
älteste psychologische Schulen haben sie ungeachtet ihres
theoretischen Fundaments und ihrer höchst unterschiedlichen
Effizienz jeweils starke Lobbies. Leider konnten die Ärzte im
PsychThG für sich durchsetzen, dass ihr Einfluss im klinischen
Bereich ungebrochen bleibt, dass also im allgemeinen, obwohl es
sich um primär psychische Erkrankungen handelt, Ärzte den
psychotherapeutischen Stationen vorstehen. Dies ist insofern
dramatisch, als damit die klassischen Strukturen und Hierarchien
des Gesundheitswesens mit in die klinische Psychotherapie
hineinwirken, die m. E. für eine psychische Gesundung eher
kontraproduktiv sind. Außerdem wurde dadurch die Vorherrschaft
der Freudschen Methoden zementiert, da die meisten Psychiater
eine psychoanalytische und tiefenpsychologische Ausbildung
haben.
Lesen Sie weiter im abschließenden Teil 6,
der einen Weg zu mehr Qualität in der Psychotherapie weist.
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