© PSYCHOTHERAPIE 16.04.2001
Entmündigung und Demütigung von Patienten in deutschen
Psychotherapie-Kliniken - auf Rechnung der Krankenkassen (Teil
4)
Der nackte Kaiser
Tiefenpsychologisch-psychoanalytischer Popanz schlägt neue
seelische Wunden und verlängert unnötig das Leiden
VON WULF MIRKO WEINREICH
Dies ist die Fortsetzung von
Teil 3
des Berichtes aus einer tiefenpsychologischen und
psychoanalytischen Klinik.
Täglich höre ich diese Sätze: "Sie müssen
Ihre Gefühle zulassen." "Wie fühlen Sie sich dabei?" "Wie geht
es Ihnen damit?" Überall, in der Bewegungstherapie, in der
Gestaltungstherapie, im Gruppengespräch. Und immer ist damit
gemeint: Sprechen Sie über Ihre Gefühle, verbalisieren Sie sie.
Und schon ist man weg vom Gefühl, ist mit seiner Aufmerksamkeit
im Kopf, stellt sich die Frage: "Was habe ich da eben eigentlich
gefühlt?" Aber kein Therapeut gibt den Raum zum Fühlen, indem er
einfach sagt: "Nimm das wahr." Und dann erst mal den Mund hält.
Und es erklärt auch keiner, was es für verschiedene Arten von
Gefühlen gibt, warum Fühlen besser ist als Verdrängen, wie man
Gefühle am besten zulässt, ohne sich oder andere zu verletzen,
wie man sie in unpassenden Situationen besser zurückstellt, wie
man einen Gefühlsausbruch in der Gruppe auffängt. Existentielle
Gefühle werden in das gruppendynamische Schema gepresst und
uminterpretiert als hysterischer Ausdruck mit dem Zweck, die
Gruppe und die Therapeuten manipulieren zu wollen. In der Pause
beschwert sich ein Therapeut über eine neue Patientin: "Die Frau
K., da kommt man einfach nicht ran, die hat schon mal eine
Therapie gemacht, die kann genau über ihre Probleme reflektieren
- aber sie ist kalt dabei, sie fühlt es nicht." Scheinbar gibt
es noch mehr Therapeuten, die solange verbalisieren lassen, bis
man nichts mehr fühlt.
Ich frage in der Pause die Therapeuten: "Was ist eigentlich,
wenn wirklich mal einer platzt, hemmungslos heult oder
losschreit und um sich schlägt?" Ein Therapeut sagt: "In den
ganzen Jahren, die ich hier bin, ist das noch nie geschehen."
Ein anderer erinnert sich: "Doch, vor einigen Jahren, da hat mal
eine stundenlang hysterisch auf dem Flur rumgeschrieen - der
haben wir eine Spritze gegeben."
Es ist paradox: um die Patienten an ihre Gefühle zu bringen,
wird Druck ausgeübt, geben sich die Therapeuten als lieblose
Übereltern. Und wenn dann wirklich ein Patient fast platzt,
kommt kein Therapeut darauf, ihm eine Brücke zu bauen, indem er
z.B. mit ehrlichem Mitgefühl in der Gruppenstunde sagt: "Herr
Y., ihnen scheint es nicht gut zu gehen, was ist mit Ihnen los?"
Anstehende Themen werden nicht angesprochen, die eigene Meinung
wird verschwiegen, die eigenen Gefühle werden nicht gezeigt,
obwohl das alles sicher nonverbal ständig durchschimmert. Wenn
ein Patient wirklich den Mut hat, bis ans "Eingemachte" zu
gehen, wird schnell abgelenkt: "Anfüttern und verhungern
lassen!"
Da ist es kein Wunder, dass es immer schlimmer wird mit den
Schmerzen - zu den körperlichen kommen die der aufgerissenen
seelischen Wunden noch hinzu. Keine Hoffnung auf Erleichterung,
keine Hoffnung auf Katharsis, keine Hoffnung auf Einsicht und
Aufarbeitung der wirklichen Hintergründe. Sinnloses Leiden, nur
weil die Therapeuten Angst vor Gefühlen haben. Und die Patienten
kommen nicht auf die Idee, die Übereltern zu hinterfragen,
kommen nicht auf die Idee, dass es in dieser Situation richtig
ist, KEIN Vertrauen zu haben. Statt dessen höre ich von ihnen
resignative Sätze wie: "Ich kann meine Gefühle einfach nicht
loslassen." Oder: "Ich habe Angst." Oder auch: "Es fällt mir
schwer, Vertrauen zu haben." Sie geben sich selbst die Schuld
und halten sich für kalt und für Versager. Dabei ist es doch der
gesunde Selbsterhaltungstrieb, der sie nicht auf Geheiß der
Therapeuten aus zehn Meter Höhe auf den nackten Beton springen
lässt...
Nähe und natürliches Empfinden - Totmacher Psychoanalyse?
Frau F. ist Ende 30. Und sie ist direkt.
Wenn ihr etwas gefällt, sagt sie es, und auch wenn es ihr nicht
gefällt. Man braucht keine Angst zu haben, dass sie es
hintenherum tut. Und sie zeigt Zuneigung auch körperlich: ein
solidarisches Schulterklopfen, ein anfeuernder Knuff in die
Seite, eine Umarmung nach einer gelungenen Partnerübung in der
Bewegungstherapie. Was für mich normal aussieht, wird in der
Mittagsrunde der Therapeuten ganz anders gesehen: "...völlig
distanzlos... ...immer dieses Rumgetatsche... ...mir reicht das
schon lange... ...der sollte man mal kräftig auf die Pfoten
hauen..." Keiner von ihnen kommt auf die Idee, sich zu
hinterfragen, ob er selbst Probleme mit Nähe hat, Angst vor
Berührung.
Eine Stunden später in der Gruppenvisite die Therapeutin: "Frau
F., wie ist das eigentlich, sie geben Herrn Q. manchmal einen
Knuff oder legen ihm die Hand auf die Schulter...??" Ich bin
erstaunt, wie neutral das kommt.
Herr Q. ist der jüngste in der Gruppe, grade um die 20, der
Schützling von Frau F.. "Na ja, ich muss ihm doch mal ein
bisschen Mut machen. Ich glaub´, ihm hilft das."
Die Therapeutin wendet sich an Herrn Q. "Sind sie auch der
Meinung? Und würden sie bei Frau F. genauso reagieren?"
"Na klar, das ist doch schön, das hilft einem doch, wenn man
weiß, dass man nicht allein ist. Sonst hätte ich mich sicher bis
heut´ nicht getraut, in der Gruppe mal was zu sagen."
Die Therapeutin zieht sich hinter ihre Hand zurück, wendet sich
an den Nachbarn auf der anderen Seite. Herr A. sagt selten etwas
in der Gruppenstunde und ist auch sonst sehr zurückhaltend.
"Herr A., wie sehen Sie das, wenn Frau F. sie berührt?"
"Na ja, das ist schon angenehm."
"Und würden Sie es auch bei ihr tun?"
"Ja, wenn ich mich trauen würde..."
Ich grinse in mich hinein. Leider kann ich das Gesicht der
Therapeutin nicht sehen. So sehe ich nur den Knoten in ihren
übereinandergeschlagenen Beinen, der immer fester wird...
Abstand - Schutz vor Entdeckung therapeutischer Sinnleere?
Wir sind in einem Krankenhaus. Da siezt
man sich. Das ist einfach so üblich.
Da gibt es Regeln. Diese Regeln sind zum Besten der Patienten
gemacht, die braucht man nicht zu hinterfragen. Da gibt es
Therapeuten.
Sie reden von Gefühlen und verziehen kein Gesicht, wenn jemand
einen Witz macht oder weint. Sie haben keine Meinung. Das ist
Methode.
Sie bohren und hinterfragen, aber sie erklären nichts. Das ist
zu kompliziert. Sie ordnen Maßnahmen an, deren Sinn niemand
versteht:
Früh um halb acht konzentrative Entspannung? Das ist nur zu
Ihrem Besten!
Die Arme schwingen nach klassischer Musik? Das war schon immer
so!
Einen Lebenslauf schreiben? Das gehört zur Therapie!
Ein Gruppengespräch verlängern oder aus aktuellem Anlass ein
zusätzliches einschieben? Das gibt's hier nicht! Die Therapien
laufen nach Plan, das gewöhnt die Patienten an Struktur!
Im Pausenraum machen sich die zurückgehaltene Gefühle und
Meinungen der Therapeuten Luft. Es wird karikiert und
übertrieben, man gackert und kichert, ist manchmal auch böse:
"...die fährt Motorrad..." "...sieht man doch: ein Mannweib..."
"...der ist total demonstrativ..." "...alles nur Theater..."
"...die kleidet sich immer so aufreizend..." "...kein Wunder,
wenn die Männer sie anmachen..."
"...der mit seinem Psalmodieren..." "...mich langweilt es schon,
wenn er nur den Mund aufmacht..."
"...die mit ihren Todesphantasien..." "...ja, ja, das kenn´ ich,
ist seit Wochen die gleiche Leier..."
"...die fasst jeden an..." "...völlig distanzlos..."
"...und wie der riecht..." "...ja, absolut ungepflegt..."
"...die hat ein umgekehrtes Kreuz um den Hals..." "...vielleicht
Sekte..." "...sicher Satanisten..."
Ich bin erschüttert über die mangelnde Achtung, mit der hier von
Menschen gesprochen wird. Der Patient hat keine Chance, denn
jede Eigenheit, jedes Verhalten, jeder Satz wird sofort als
krankhaft interpretiert, an der persönlichen Vorstellung, die
die Therapeuten von einem "Durchschnittsgesunden" haben,
gemessen. In der Norm und also "gesund" sind nur sie selbst.
Positive Deutungen gibt es nicht: Wenn sich ein Patient um einen
anderen kümmert, ist das keine Mitmenschlichkeit, sondern
"Anklammern", kümmert er sich nicht, ist er "narzisstisch". Wenn
die Patienten in der Bewegungstherapie wild sind, ist es
"Aggressivität", sind sie eher soft, gibt es die Etiketten
"konfliktscheu" oder "energielos".
Selbst als kerngesunder Mensch würde man wohl gleich ein
Krankheitsetikett angeheftet bekommen, denn so gut wie nichts
wird als natürlicher Ausdruck der Individualität gewertet, als
Ressource oder Potential gesehen. Auch etwaige Unmutsäußerungen
der Patienten über die Klinik und die Therapeuten werden nicht
auf ihre aktuelle Berechtigung geprüft, sondern nur als Ausdruck
ihrer Störung gesehen. Ich frage, ob diese Gruppe besonders
schlimm ist. Jemand antwortet: "Nein, nein, es sind immer die am
schlimmsten, die gerade da sind - im Rückblick verklärt sich das
und klingt dann so: Weißt Du noch, damals, die Frau M.? " Ich
merke, dass sie es nicht wirklich böse meinen - die Patienten
sind eben nur nicht ihresgleichen.
Mir drängt sich das Bild eines Labyrinthes auf: Die Therapeuten
schauen wie die Götter von oben auf die Erde, schauen den
Patienten zu, wie sie durch die Gänge irren, über Hindernisse
stolpern. Manchmal rufen sie "Warm!" oder "Kalt!", obwohl sie es
selbst nicht wissen, da sie zwar eine Landkarte auswendig
gelernt haben, aber niemals dort waren. Und auf dem Flur höre
ich, wie ein Patient zu einem anderen sagt: "Verstehst Du, warum
die uns so auf Abstand halten? Wir sind doch keine
Aussätzigen..."
Natürlich gibt es im täglichen Umgang auch Beispiele, wie sich
die Therapeuten Sorgen um die Patienten machten oder versuchten,
ihnen ein Stück entgegenzukommen. Und doch ist der Umgang
insgesamt durch einen von mir bis dahin noch nie erlebten
Abstand, durch eine ständig gegenwärtige Kühle gekennzeichnet.
Mir ist sehr wohl bewusst, dass das nicht aus Böswilligkeit
geschieht, sondern aus verschiedenen Beschränkungen resultiert:
Dem Zurückhaltungsgebot der Freudschen Theorie; dem menschlichen
Abstand, der durch die Hierarchien des Gesundheitswesens erzeugt
wird - selbst die Mitarbeiter untereinander duzen sich nur
innerhalb einer Hierarchiestufe - und durch die Angst der
Therapeuten vor wirklich tiefen seelischen Prozessen der
Patienten.
Ich bin mir sicher, dass jeder von ihnen seinen Beruf liebt und
das Beste für seine Patienten möchte. Doch vermisse ich eine
Komponente, die m. E. einen guten Therapeuten auszeichnet:
Empathie, Einfühlungsvermögen. Und genau das ist es, was aus dem
Umgang mit Dingen einen Umgang mit Menschen macht, was einen
Psychotherapeuten vom Autoschlosser unterscheidet. Und ich bin
dankbar, meine bisherigen Erfahrungen von Therapie mit einem
anderen Bild beschreiben zu können: Der Therapeut, der das
Labyrinth seiner eigenen Seele selbst erkundet hat, der daher
viele Gefahren kennt und mit dem Klienten durch dessen Labyrinth
geht, die Aufgaben erkennend, die der Klient allein lösen muss,
und ihm auf der Schwelle Mut macht: "Durch diesen Raum musst Du
allein gehen - ich warte auf der anderen Seite auf Dich."...
Teil 5 informiert über die geringe
Effektivität bzw. den Schaden dieser
tiefenpsychologisch-psychoanalytischen Behandlung.
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