PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753)
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Denken lernen statt denken lassen - Kognitive Verhaltenstherapie hilft am besten Denken lernen statt denken lassen - Kognitive Verhaltenstherapie hilft am besten
Denken lernen statt denken lassen - Kognitive Verhaltenstherapie hilft am besten
PSYCHOTHERAPIE
© PSYCHOTHERAPIE 16.04.2001

Entmündigung und Demütigung von Patienten in deutschen Psychotherapie-Kliniken - auf Rechnung der Krankenkassen (Teil 4)

Der nackte Kaiser
Tiefenpsychologisch-psychoanalytischer Popanz schlägt neue seelische Wunden und verlängert unnötig das Leiden

VON WULF MIRKO WEINREICH

Dies ist die Fortsetzung von Teil 3 des Berichtes aus einer tiefenpsychologischen und psychoanalytischen Klinik.

Täglich höre ich diese Sätze: "Sie müssen Ihre Gefühle zulassen." "Wie fühlen Sie sich dabei?" "Wie geht es Ihnen damit?" Überall, in der Bewegungstherapie, in der Gestaltungstherapie, im Gruppengespräch. Und immer ist damit gemeint: Sprechen Sie über Ihre Gefühle, verbalisieren Sie sie. Und schon ist man weg vom Gefühl, ist mit seiner Aufmerksamkeit im Kopf, stellt sich die Frage: "Was habe ich da eben eigentlich gefühlt?" Aber kein Therapeut gibt den Raum zum Fühlen, indem er einfach sagt: "Nimm das wahr." Und dann erst mal den Mund hält.

Und es erklärt auch keiner, was es für verschiedene Arten von Gefühlen gibt, warum Fühlen besser ist als Verdrängen, wie man Gefühle am besten zulässt, ohne sich oder andere zu verletzen, wie man sie in unpassenden Situationen besser zurückstellt, wie man einen Gefühlsausbruch in der Gruppe auffängt. Existentielle Gefühle werden in das gruppendynamische Schema gepresst und uminterpretiert als hysterischer Ausdruck mit dem Zweck, die Gruppe und die Therapeuten manipulieren zu wollen. In der Pause beschwert sich ein Therapeut über eine neue Patientin: "Die Frau K., da kommt man einfach nicht ran, die hat schon mal eine Therapie gemacht, die kann genau über ihre Probleme reflektieren - aber sie ist kalt dabei, sie fühlt es nicht." Scheinbar gibt es noch mehr Therapeuten, die solange verbalisieren lassen, bis man nichts mehr fühlt.

Ich frage in der Pause die Therapeuten: "Was ist eigentlich, wenn wirklich mal einer platzt, hemmungslos heult oder losschreit und um sich schlägt?" Ein Therapeut sagt: "In den ganzen Jahren, die ich hier bin, ist das noch nie geschehen." Ein anderer erinnert sich: "Doch, vor einigen Jahren, da hat mal eine stundenlang hysterisch auf dem Flur rumgeschrieen - der haben wir eine Spritze gegeben."

Es ist paradox: um die Patienten an ihre Gefühle zu bringen, wird Druck ausgeübt, geben sich die Therapeuten als lieblose Übereltern. Und wenn dann wirklich ein Patient fast platzt, kommt kein Therapeut darauf, ihm eine Brücke zu bauen, indem er z.B. mit ehrlichem Mitgefühl in der Gruppenstunde sagt: "Herr Y., ihnen scheint es nicht gut zu gehen, was ist mit Ihnen los?" Anstehende Themen werden nicht angesprochen, die eigene Meinung wird verschwiegen, die eigenen Gefühle werden nicht gezeigt, obwohl das alles sicher nonverbal ständig durchschimmert. Wenn ein Patient wirklich den Mut hat, bis ans "Eingemachte" zu gehen, wird schnell abgelenkt: "Anfüttern und verhungern lassen!"

Da ist es kein Wunder, dass es immer schlimmer wird mit den Schmerzen - zu den körperlichen kommen die der aufgerissenen seelischen Wunden noch hinzu. Keine Hoffnung auf Erleichterung, keine Hoffnung auf Katharsis, keine Hoffnung auf Einsicht und Aufarbeitung der wirklichen Hintergründe. Sinnloses Leiden, nur weil die Therapeuten Angst vor Gefühlen haben. Und die Patienten kommen nicht auf die Idee, die Übereltern zu hinterfragen, kommen nicht auf die Idee, dass es in dieser Situation richtig ist, KEIN Vertrauen zu haben. Statt dessen höre ich von ihnen resignative Sätze wie: "Ich kann meine Gefühle einfach nicht loslassen." Oder: "Ich habe Angst." Oder auch: "Es fällt mir schwer, Vertrauen zu haben." Sie geben sich selbst die Schuld und halten sich für kalt und für Versager. Dabei ist es doch der gesunde Selbsterhaltungstrieb, der sie nicht auf Geheiß der Therapeuten aus zehn Meter Höhe auf den nackten Beton springen lässt...

Nähe und natürliches Empfinden - Totmacher Psychoanalyse?

Frau F. ist Ende 30. Und sie ist direkt. Wenn ihr etwas gefällt, sagt sie es, und auch wenn es ihr nicht gefällt. Man braucht keine Angst zu haben, dass sie es hintenherum tut. Und sie zeigt Zuneigung auch körperlich: ein solidarisches Schulterklopfen, ein anfeuernder Knuff in die Seite, eine Umarmung nach einer gelungenen Partnerübung in der Bewegungstherapie. Was für mich normal aussieht, wird in der Mittagsrunde der Therapeuten ganz anders gesehen: "...völlig distanzlos... ...immer dieses Rumgetatsche... ...mir reicht das schon lange... ...der sollte man mal kräftig auf die Pfoten hauen..." Keiner von ihnen kommt auf die Idee, sich zu hinterfragen, ob er selbst Probleme mit Nähe hat, Angst vor Berührung.

Eine Stunden später in der Gruppenvisite die Therapeutin: "Frau F., wie ist das eigentlich, sie geben Herrn Q. manchmal einen Knuff oder legen ihm die Hand auf die Schulter...??" Ich bin erstaunt, wie neutral das kommt.

Herr Q. ist der jüngste in der Gruppe, grade um die 20, der Schützling von Frau F.. "Na ja, ich muss ihm doch mal ein bisschen Mut machen. Ich glaub´, ihm hilft das."
Die Therapeutin wendet sich an Herrn Q. "Sind sie auch der Meinung? Und würden sie bei Frau F. genauso reagieren?"
"Na klar, das ist doch schön, das hilft einem doch, wenn man weiß, dass man nicht allein ist. Sonst hätte ich mich sicher bis heut´ nicht getraut, in der Gruppe mal was zu sagen."
Die Therapeutin zieht sich hinter ihre Hand zurück, wendet sich an den Nachbarn auf der anderen Seite. Herr A. sagt selten etwas in der Gruppenstunde und ist auch sonst sehr zurückhaltend. "Herr A., wie sehen Sie das, wenn Frau F. sie berührt?"
"Na ja, das ist schon angenehm."
"Und würden Sie es auch bei ihr tun?"
"Ja, wenn ich mich trauen würde..."

Ich grinse in mich hinein. Leider kann ich das Gesicht der Therapeutin nicht sehen. So sehe ich nur den Knoten in ihren übereinandergeschlagenen Beinen, der immer fester wird...

Abstand - Schutz vor Entdeckung therapeutischer Sinnleere?

Wir sind in einem Krankenhaus. Da siezt man sich. Das ist einfach so üblich.

Da gibt es Regeln. Diese Regeln sind zum Besten der Patienten gemacht, die braucht man nicht zu hinterfragen. Da gibt es Therapeuten.

Sie reden von Gefühlen und verziehen kein Gesicht, wenn jemand einen Witz macht oder weint. Sie haben keine Meinung. Das ist Methode.

Sie bohren und hinterfragen, aber sie erklären nichts. Das ist zu kompliziert. Sie ordnen Maßnahmen an, deren Sinn niemand versteht:

Früh um halb acht konzentrative Entspannung? Das ist nur zu Ihrem Besten!

Die Arme schwingen nach klassischer Musik? Das war schon immer so!

Einen Lebenslauf schreiben? Das gehört zur Therapie!

Ein Gruppengespräch verlängern oder aus aktuellem Anlass ein zusätzliches einschieben? Das gibt's hier nicht! Die Therapien laufen nach Plan, das gewöhnt die Patienten an Struktur!

Im Pausenraum machen sich die zurückgehaltene Gefühle und Meinungen der Therapeuten Luft. Es wird karikiert und übertrieben, man gackert und kichert, ist manchmal auch böse: "...die fährt Motorrad..." "...sieht man doch: ein Mannweib..."

"...der ist total demonstrativ..." "...alles nur Theater..."

"...die kleidet sich immer so aufreizend..." "...kein Wunder, wenn die Männer sie anmachen..."

"...der mit seinem Psalmodieren..." "...mich langweilt es schon, wenn er nur den Mund aufmacht..."

"...die mit ihren Todesphantasien..." "...ja, ja, das kenn´ ich, ist seit Wochen die gleiche Leier..."

"...die fasst jeden an..." "...völlig distanzlos..."

"...und wie der riecht..." "...ja, absolut ungepflegt..."

"...die hat ein umgekehrtes Kreuz um den Hals..." "...vielleicht Sekte..." "...sicher Satanisten..."

Ich bin erschüttert über die mangelnde Achtung, mit der hier von Menschen gesprochen wird. Der Patient hat keine Chance, denn jede Eigenheit, jedes Verhalten, jeder Satz wird sofort als krankhaft interpretiert, an der persönlichen Vorstellung, die die Therapeuten von einem "Durchschnittsgesunden" haben, gemessen. In der Norm und also "gesund" sind nur sie selbst.

Positive Deutungen gibt es nicht: Wenn sich ein Patient um einen anderen kümmert, ist das keine Mitmenschlichkeit, sondern "Anklammern", kümmert er sich nicht, ist er "narzisstisch". Wenn die Patienten in der Bewegungstherapie wild sind, ist es "Aggressivität", sind sie eher soft, gibt es die Etiketten "konfliktscheu" oder "energielos".

Selbst als kerngesunder Mensch würde man wohl gleich ein Krankheitsetikett angeheftet bekommen, denn so gut wie nichts wird als natürlicher Ausdruck der Individualität gewertet, als Ressource oder Potential gesehen. Auch etwaige Unmutsäußerungen der Patienten über die Klinik und die Therapeuten werden nicht auf ihre aktuelle Berechtigung geprüft, sondern nur als Ausdruck ihrer Störung gesehen. Ich frage, ob diese Gruppe besonders schlimm ist. Jemand antwortet: "Nein, nein, es sind immer die am schlimmsten, die gerade da sind - im Rückblick verklärt sich das und klingt dann so: Weißt Du noch, damals, die Frau M.? " Ich merke, dass sie es nicht wirklich böse meinen - die Patienten sind eben nur nicht ihresgleichen.

Mir drängt sich das Bild eines Labyrinthes auf: Die Therapeuten schauen wie die Götter von oben auf die Erde, schauen den Patienten zu, wie sie durch die Gänge irren, über Hindernisse stolpern. Manchmal rufen sie "Warm!" oder "Kalt!", obwohl sie es selbst nicht wissen, da sie zwar eine Landkarte auswendig gelernt haben, aber niemals dort waren. Und auf dem Flur höre ich, wie ein Patient zu einem anderen sagt: "Verstehst Du, warum die uns so auf Abstand halten? Wir sind doch keine Aussätzigen..."

Natürlich gibt es im täglichen Umgang auch Beispiele, wie sich die Therapeuten Sorgen um die Patienten machten oder versuchten, ihnen ein Stück entgegenzukommen. Und doch ist der Umgang insgesamt durch einen von mir bis dahin noch nie erlebten Abstand, durch eine ständig gegenwärtige Kühle gekennzeichnet. Mir ist sehr wohl bewusst, dass das nicht aus Böswilligkeit geschieht, sondern aus verschiedenen Beschränkungen resultiert: Dem Zurückhaltungsgebot der Freudschen Theorie; dem menschlichen Abstand, der durch die Hierarchien des Gesundheitswesens erzeugt wird - selbst die Mitarbeiter untereinander duzen sich nur innerhalb einer Hierarchiestufe - und durch die Angst der Therapeuten vor wirklich tiefen seelischen Prozessen der Patienten.

Ich bin mir sicher, dass jeder von ihnen seinen Beruf liebt und das Beste für seine Patienten möchte. Doch vermisse ich eine Komponente, die m. E. einen guten Therapeuten auszeichnet: Empathie, Einfühlungsvermögen. Und genau das ist es, was aus dem Umgang mit Dingen einen Umgang mit Menschen macht, was einen Psychotherapeuten vom Autoschlosser unterscheidet. Und ich bin dankbar, meine bisherigen Erfahrungen von Therapie mit einem anderen Bild beschreiben zu können: Der Therapeut, der das Labyrinth seiner eigenen Seele selbst erkundet hat, der daher viele Gefahren kennt und mit dem Klienten durch dessen Labyrinth geht, die Aufgaben erkennend, die der Klient allein lösen muss, und ihm auf der Schwelle Mut macht: "Durch diesen Raum musst Du allein gehen - ich warte auf der anderen Seite auf Dich."...

Teil 5 informiert über die geringe Effektivität bzw. den Schaden dieser tiefenpsychologisch-psychoanalytischen Behandlung.

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