© PSYCHOTHERAPIE 16.04.2001
Entmündigung und Demütigung von Patienten in deutschen
Psychotherapie-Kliniken - auf Rechnung der Krankenkassen (Teil
3)
Der nackte Kaiser
Absurde Schweigestunden - billig produziert und als
"Gruppenpsychotherapie" teuer verkauft
VON WULF MIRKO WEINREICH
Dies ist die Fortsetzung von
Teil 2
des Berichtes aus einer tiefenpsychologischen und
psychoanalytischen Klinik.
Die Patienten sitzen im Kreis. Die
Therapeuten kommen rein, setzen sich auf ihre Plätze. "Es kann
losgehen." Alle starren auf den Boden. Nach einer halben Stunde
bittet die Therapeutin um ein Blitzlicht. Jeder äußert seinen
Gefühlszustand in einem Satz. Das Schweigen geht weiter. Herr O.
verlässt den Raum. Als er wieder hereinkommt. wird er von der
Therapeutin gefragt, wo er gewesen sei. Er ist auf der Toilette
gewesen.
Und warum er gerade jetzt gegangen sei? Er fühlt sich genötigt,
sich zu verteidigen, dass er es schon längere Zeit vor sich her
geschoben hat, aber nun, da ja sowieso keiner etwas sagt,
glaubte, er könne mal kurz gehen. Am nächsten Morgen wird der
Oberarzt darauf hinweisen, dass man sich so einzurichten habe,
dass man an der ganzen Gruppenstunde teilnehmen kann, und dass
es ja wohl möglich sein müsse, es anderthalb Stunden ohne
Toilette auszuhalten.
Das Schweigen geht weiter. Es gehört grundsätzlich zur
therapeutischen Methode, möglichst wenig einzugreifen. Auch wenn
jemand etwas sagt, wird selten reagiert, und wenn, dann
beschränkt es sich oft nur auf ein Spiegeln des Gesagten, sehr
selten auch eine Interpretation. Das versieht die Therapeuten
mit einem Nimbus der Unantastbarkeit: Keiner weiß, was sie
denken oder fühlen, sie sind für den Patienten als Menschen
nicht greifbar. Und auf die konkrete Frage, was genau man denn
tun könne, um sein Problem zu lösen, antworten Psychoanalytiker
regelhaft: "Tja, das müssen Sie schon selbst herausfinden."
Nach einer Weile wird es der Therapeutin dann doch zuviel: "Was
macht es ihnen so schwer, etwas zu sagen?" Frau F. antwortet:
"Wenn einer etwas sagt, ist er die ganze Stunde dran."
Die Therapeutin kontert: "Können Sie sich denn nicht vorstellen,
zu sagen, wenn es Ihnen zu viel wird?"
Die Patientin bleibt skeptisch: "Das wird ja sowieso nicht
respektiert - es wird immer weiter gestochert.."
Die Therapeutin versucht, dem einen positiven Sinn zu geben:
"Sie können doch aber etwas lernen, etwas klarer sehen, etwas
für sich tun?"
Das kommt nicht an: "Ich hab´ Angst, dann wieder heulend vor der
Gruppe zu sitzen. Das ist ja so: jeder hier hat Angst, jeder
bereitet sich aufs Schweigen vor."
Die Therapeutin beginnt zu interpretieren: "Kann es sein, dass
Sie sich etwas schämen? Vielleicht ist da eine Demütigung dabei:
Ich schaffe es nicht allein, ich bin auf die Hilfe von
Therapeuten angewiesen? Das ist schon verständlich: Wenn Sie
hier auspacken, zeigen Sie ja auch ihre Hilflosigkeit.
Andererseits ist es ja so, dass man sich in ein Problem
verrennen kann, da ist es einfach gut, wenn mal jemand von außen
darauf schaut? Da könnten Sie sich doch gegenseitig helfen?" Die
Therapeutin wendet sich an den Rest der Gruppe: "Was sagen Sie
eigentlich dazu?"
Einer sagt, dass es sowieso nichts bringt, eine andere, dass sie
das, was wichtig ist, lieber mit sich allein ausmacht und die
dritte ist froh, dass es heute endlich vorbei ist und sie nach
Hause gehen kann.
Auf die Idee, dass die Atmosphäre in der Gruppenstunde alles
andere als vertrauensfördernd ist und dass das vielleicht auch
etwas mit den Therapeuten zu tun haben könnte, kommt die
Therapeutin nicht. "Tja, die Zeit ist um." Die Therapeuten
verlassen den Gruppenraum und ich kann langsam verstehen, warum
er im Patientenjargon "Folterkammer" heißt.
Im täglichen Eigenbericht eines Patienten lese ich: "Ich habe
Angst, etwas zu sagen, weil ich dann zerpflückt werde." Ein
Satz, der es schnörkellos auf den Punkt bringt: Die Therapie
hier ist alles andere, nur kein geschützter Raum. Niemand, der
den Klienten das Gefühl gibt: "Du bist geachtet, so wie Du bist.
Du bist willkommen. Gemeinsam werden wir schauen, wie wir Deine
Probleme lösen können." So kommt zu der natürlichen Angst vor
den eigenen Problemen noch die Angst vor den Therapeuten.
Verrückterweise gehört das zur tiefenpsychologischen Methode:
Der Patient wird in völliger Ungewissheit gelassen, der
Therapeut ist als Mensch nicht fühlbar, und trotzdem wird vom
Patienten erwartet, dass er ein Vertrauensverhältnis zu den
Therapeuten aufbaut. Die Frustration, die viele seit ihrer
Kindheit kennen - nicht akzeptiert zu werden, wie sie sind -
wird wiederholt. So entsteht eine paradoxe Situation: Erst
erschaffen die Therapeuten Misstrauen und schieben es dann als
Widerstand den Patienten in die Schuhe. Dabei wäre es doch so
viel einfacher, durch einen geschützten Raum den Patienten die
Angst zu nehmen, sich ihre Probleme mal genauer anzuschauen.
Training der Gefühle oder emotionale Folterkammer?
In der Gruppenstunde gibt es Tränen: Herr
Q. erzählt von seiner Kindheit, kommt in ein leichtes
Schluchzen.
Die Therapeutin kommentiert unnachahmlich unpersönlich: "Das ist
aber sehr anerkennenswert, dass Sie den Mut haben, hier darüber
zu reden." Keine Ich-Botschaft, kein eigenes Gefühl, obwohl die
7 Regeln des Gruppengesprächs groß an der Wand stehen.
Frau F. ist da sensibler: "Wenn ich das höre, das berührt mich
total, ich kann das voll nachempfinden." Sie spricht es schwer
und atmet tief dabei.
Auch ich sitze in meiner Ecke, angerührt vom Schmerz eines
anderen Menschen.
Herr Q. spricht weiter, erzählt von seiner Rolle als ungeliebtes
Adoptivkind, von der Kälte des Vaters, nähert sich zaghaft dem
Zentrum seiner Trauer.
Die Therapeutin sitzt da, die Beine verknotet, die Arme vor der
Brust verschränkt, eine Hand vor dem Mund. Bloß nichts
ranlassen! Sie beginnt Haken zu schlagen, ich werde es noch oft
erleben: Immer wenn jemand seinen Gefühlen nahe kommt, wird die
Frage kommen: "Was sagen denn die anderen dazu?"
Und schon steht Herr Q. allein da mit seiner aufgerissenen
Wunde, versucht sich zu beruhigen, den Deckel wieder darüber zu
schieben.
Heute gibt es eine Variation, denn Herr M. sitzt schon eine
ganze Weile mit gesenktem Kopf, knetet sich sein hochrotes
Gesicht. Das Thema trifft ihn auch.
"Was sagen sie dazu, Herr M.? Die Gründe für Herrn Q´s Schmerz
scheinen auch in Ihrer Biographie Parallelen zu haben?"
Herr M., ein wortkarger Maurer, Einzelgänger, der über seine
Gefühle gern mit einem "Hmm, was weiß denn ich?"
drüberwegrutscht, steigt darauf ein, erzählt von den Schlägen
seines Stiefvaters, von dem ungeheuren Hass, den er ein Leben
lang in sich hineingefressen hat, dass selbst das Gefängnis eine
Erleichterung der Hölle zu Hause gegenüber war. Die Hände ballen
sich, der Atem wird schneller, erste Tränen rollen.
Die Therapeutin kommentiert: "Da haben Sie sich also einen Raum
freigehalten, ich meine, für das menschliche." Das wirkt wie
kaltes Wasser, alles ist wieder unter Kontrolle. Schnell gibt
sie das Thema an die Gruppe.
Frau C. beginnt es zu zerreden, erzählt Belanglosigkeiten, ist
emotional nicht wirklich anwesend. Doch die Ladung bei den
beiden ist so groß, dass das Gespräch immer wieder zu ihnen
zurückkehrt. Das Einfachste wäre, die beiden zu ermutigen,
wirklich ganz in die Erinnerungen einzutauchen, die Wut und die
Trauer zu fühlen und so die Situation im Nachhinein zu
abzuschließen und zu integrieren.
Prokrustesbett 100-jährigen psychoanalytischen Irrglaubens
Doch die Therapeutin kann es nicht sehen,
will es nicht sehen, presst das Leben lieber in das
Prokrustesbett einer 100 Jahre alten Theorie. Und diese
betrachtet eine Katharsis nur als sinnloses Ausagieren. Anstatt
die inneren Wunden zu heilen, soll der Patient zu der Einsicht
kommen, die äußeren Wirkungen der Wunden durch bewusstes
Verhalten zu beeinflussen. Dabei würde die Auflösung der alten
Schmerzen schlagartig das aktuelle Verhalten verändern - statt
monatelanger Psychoanalyse würden einige Stunden Arbeit mit den
gestauten Emotionen und in den nächsten Tagen etwas
Unterstützung zur kognitiven Integration völlig genügen.
Stattdessen versuchen die Therapeuten, die Symptomen an die
gesellschaftlichen Normen anzupassen, indem sie gute Ratschläge
geben: Herr M. soll also erkennen, dass es falsch ist, sich
ständig vor den Menschen in die Einsamkeit zu flüchten, nur weil
er Angst hat, sein Hass könnte sich unkontrolliert einen Weg
bahnen und einen Unschuldigen treffen. Und Herr Q. soll merken,
dass es nichts bringt, ständig mit männlichen Autoritäten in den
Kampf zu gehen. Analyse und Verhaltenstraining, um Gefühle unter
Kontrolle zu halten.
Der Gruppenraum ist für die Arbeit mit Emotionen auch nicht
eingerichtet: Es gibt weder Schaumgummimatte, noch Zellstoff.
Und keiner ist da, der sagt:, "Atme tiefer. Fühle, was da ist.
Schau genau hin. Halte nichts fest..." und der dann fähig ist
aufzufangen, was immer passiert.
Irgendwann scheinen die beiden zu spüren, dass sie hier keine
Chance haben, ihre Spannungen loszuwerden. Sie gehen in die
Resignation. Die Therapeutin verteilt weiter Ratschläge: "Herr
Q. ich habe ja Verständnis dafür, dass Sie immer noch sehr unter
Spannungen stehen. Haben sie es schon mal mit Sport versucht?
Das ist eine gute Methode, um Spannungen abzubauen..." Ein neues
Pflaster auf den Dreckverband, aus dem der Eiter sickert! Und
Herrn M. empfiehlt sie, genauer zu sortieren, da es ja gar nicht
um seinen Vater gegangen sei, sondern um den Vater von Herrn Q.
Und wenn er trotzdem unter Druck geraten sollte, könne er doch
autogenes Training oder konzentrative Entspannung machen, um
seine Gefühle zu kontrollieren. Sie hat überhaupt keine Ahnung
davon, dass es völlig normal ist, dass Menschen mit ähnlichen
Lebensthemen in solchen Situationen in Resonanz gehen - und dass
es für andere Therapeuten kein Problem wäre, dann eben mit 2
Personen parallel zu arbeiten.
Später sitzen die Therapeuten im Pausenraum zusammen. "Also ich
versteh´ das auch nicht: Ständig reißt Herr M. das Gespräch an
sich." "Na ja, mir kam es so vor, als ob Herr Q. und Herr M. im
Wettstreit waren, wer von beiden denn nun die schlimmere
Kindheit hatte." Ich bin entsetzt: Die Therapeutin hat doch
selbst die Aufmerksamkeit ständig dort abgezogen, wo es am
stärksten brodelte. Und sicher nicht aus Rücksicht auf die
Patienten, sondern wohl aus Angst vor dem, was passieren würde,
wenn sie dort einhakt, Angst vor der ungeheuren Wucht, mit der
sich solche jahrzehntelang aufgestauten Gefühle entladen können.
Und mir wird klar, dass die beiden wirklich nicht sehen, was da
los ist, dem überhaupt keinen eigenen Wert beimessen, sondern
alles nur an den in diesem Zusammenhang völlig absurden
gruppendynamischen Fragen messen: "Warum macht denn der das
gerade jetzt? Was will er damit bei uns erreichen? Streiten die
sich gerade um die Gruppenführung?" Anstatt die existentiellen
Situationen wahrzunehmen, unterstellen sie den Patienten, diese
würden die aktuelle Gruppensituation mittels ihren Gefühlen
manipulieren wollen. Zum Schluss kommentieren sie noch, was sie
unter Gefühlen verstehen: "Na, da haben die beiden sich ja
ziemlich mit Tränen vollgeschüttet." "Ja, und die anderen in der
Gruppe waren entsetzt darüber..."
Lesen Sie im Teil 4 wie die
Unfähigkeit der Psychoanalytiker und "Tiefenpsychologen" das
Leiden von Patienten verlängert.
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