PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753)
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Denken lernen statt denken lassen - Kognitive Verhaltenstherapie hilft am besten Denken lernen statt denken lassen - Kognitive Verhaltenstherapie hilft am besten
Denken lernen statt denken lassen - Kognitive Verhaltenstherapie hilft am besten
PSYCHOTHERAPIE
© PSYCHOTHERAPIE 16.04.2001

Entmündigung und Demütigung von Patienten in deutschen Psychotherapie-Kliniken - auf Rechnung der Krankenkassen (Teil 3)

Der nackte Kaiser
Absurde Schweigestunden - billig produziert und als "Gruppenpsychotherapie" teuer verkauft

VON WULF MIRKO WEINREICH

Dies ist die Fortsetzung von Teil 2 des Berichtes aus einer tiefenpsychologischen und psychoanalytischen Klinik.

Die Patienten sitzen im Kreis. Die Therapeuten kommen rein, setzen sich auf ihre Plätze. "Es kann losgehen." Alle starren auf den Boden. Nach einer halben Stunde bittet die Therapeutin um ein Blitzlicht. Jeder äußert seinen Gefühlszustand in einem Satz. Das Schweigen geht weiter. Herr O. verlässt den Raum. Als er wieder hereinkommt. wird er von der Therapeutin gefragt, wo er gewesen sei. Er ist auf der Toilette gewesen.

Und warum er gerade jetzt gegangen sei? Er fühlt sich genötigt, sich zu verteidigen, dass er es schon längere Zeit vor sich her geschoben hat, aber nun, da ja sowieso keiner etwas sagt, glaubte, er könne mal kurz gehen. Am nächsten Morgen wird der Oberarzt darauf hinweisen, dass man sich so einzurichten habe, dass man an der ganzen Gruppenstunde teilnehmen kann, und dass es ja wohl möglich sein müsse, es anderthalb Stunden ohne Toilette auszuhalten.

Das Schweigen geht weiter. Es gehört grundsätzlich zur therapeutischen Methode, möglichst wenig einzugreifen. Auch wenn jemand etwas sagt, wird selten reagiert, und wenn, dann beschränkt es sich oft nur auf ein Spiegeln des Gesagten, sehr selten auch eine Interpretation. Das versieht die Therapeuten mit einem Nimbus der Unantastbarkeit: Keiner weiß, was sie denken oder fühlen, sie sind für den Patienten als Menschen nicht greifbar. Und auf die konkrete Frage, was genau man denn tun könne, um sein Problem zu lösen, antworten Psychoanalytiker regelhaft: "Tja, das müssen Sie schon selbst herausfinden."   

Nach einer Weile wird es der Therapeutin dann doch zuviel: "Was macht es ihnen so schwer, etwas zu sagen?" Frau F. antwortet: "Wenn einer etwas sagt, ist er die ganze Stunde dran."
Die Therapeutin kontert: "Können Sie sich denn nicht vorstellen, zu sagen, wenn es Ihnen zu viel wird?"
Die Patientin bleibt skeptisch: "Das wird ja sowieso nicht respektiert - es wird immer weiter gestochert.."
Die Therapeutin versucht, dem einen positiven Sinn zu geben: "Sie können doch aber etwas lernen, etwas klarer sehen, etwas für sich tun?"
Das kommt nicht an: "Ich hab´ Angst, dann wieder heulend vor der Gruppe zu sitzen. Das ist ja so: jeder hier hat Angst, jeder bereitet sich aufs Schweigen vor."
Die Therapeutin beginnt zu interpretieren: "Kann es sein, dass Sie sich etwas schämen? Vielleicht ist da eine Demütigung dabei: Ich schaffe es nicht allein, ich bin auf die Hilfe von Therapeuten angewiesen? Das ist schon verständlich: Wenn Sie hier auspacken, zeigen Sie ja auch ihre Hilflosigkeit. Andererseits ist es ja so, dass man sich in ein Problem verrennen kann, da ist es einfach gut, wenn mal jemand von außen darauf schaut? Da könnten Sie sich doch gegenseitig helfen?" Die Therapeutin wendet sich an den Rest der Gruppe: "Was sagen Sie eigentlich dazu?"
Einer sagt, dass es sowieso nichts bringt, eine andere, dass sie das, was wichtig ist, lieber mit sich allein ausmacht und die dritte ist froh, dass es heute endlich vorbei ist und sie nach Hause gehen kann.

Auf die Idee, dass die Atmosphäre in der Gruppenstunde alles andere als vertrauensfördernd ist und dass das vielleicht auch etwas mit den Therapeuten zu tun haben könnte, kommt die Therapeutin nicht. "Tja, die Zeit ist um." Die Therapeuten verlassen den Gruppenraum und ich kann langsam verstehen, warum er im Patientenjargon "Folterkammer" heißt.

Im täglichen Eigenbericht eines Patienten lese ich: "Ich habe Angst, etwas zu sagen, weil ich dann zerpflückt werde." Ein Satz, der es schnörkellos auf den Punkt bringt: Die Therapie hier ist alles andere, nur kein geschützter Raum. Niemand, der den Klienten das Gefühl gibt: "Du bist geachtet, so wie Du bist. Du bist willkommen. Gemeinsam werden wir schauen, wie wir Deine Probleme lösen können." So kommt zu der natürlichen Angst vor den eigenen Problemen noch die Angst vor den Therapeuten.

Verrückterweise gehört das zur tiefenpsychologischen Methode: Der Patient wird in völliger Ungewissheit gelassen, der Therapeut ist als Mensch nicht fühlbar, und trotzdem wird vom Patienten erwartet, dass er ein Vertrauensverhältnis zu den Therapeuten aufbaut. Die Frustration, die viele seit ihrer Kindheit kennen - nicht akzeptiert zu werden, wie sie sind - wird wiederholt. So entsteht eine paradoxe Situation: Erst erschaffen die Therapeuten Misstrauen und schieben es dann als Widerstand den Patienten in die Schuhe. Dabei wäre es doch so viel einfacher, durch einen geschützten Raum den Patienten die Angst zu nehmen, sich ihre Probleme mal genauer anzuschauen.

Training der Gefühle oder emotionale Folterkammer?

In der Gruppenstunde gibt es Tränen: Herr Q. erzählt von seiner Kindheit, kommt in ein leichtes Schluchzen.
Die Therapeutin kommentiert unnachahmlich unpersönlich: "Das ist aber sehr anerkennenswert, dass Sie den Mut haben, hier darüber zu reden." Keine Ich-Botschaft, kein eigenes Gefühl, obwohl die 7 Regeln des Gruppengesprächs groß an der Wand stehen.
Frau F. ist da sensibler: "Wenn ich das höre, das berührt mich total, ich kann das voll nachempfinden." Sie spricht es schwer und atmet tief dabei.
Auch ich sitze in meiner Ecke, angerührt vom Schmerz eines anderen Menschen.
Herr Q. spricht weiter, erzählt von seiner Rolle als ungeliebtes Adoptivkind, von der Kälte des Vaters, nähert sich zaghaft dem Zentrum seiner Trauer.

Die Therapeutin sitzt da, die Beine verknotet, die Arme vor der Brust verschränkt, eine Hand vor dem Mund. Bloß nichts ranlassen! Sie beginnt Haken zu schlagen, ich werde es noch oft erleben: Immer wenn jemand seinen Gefühlen nahe kommt, wird die Frage kommen: "Was sagen denn die anderen dazu?"
Und schon steht Herr Q. allein da mit seiner aufgerissenen Wunde, versucht sich zu beruhigen, den Deckel wieder darüber zu schieben.

Heute gibt es eine Variation, denn Herr M. sitzt schon eine ganze Weile mit gesenktem Kopf, knetet sich sein hochrotes Gesicht. Das Thema trifft ihn auch.
"Was sagen sie dazu, Herr M.? Die Gründe für Herrn Q´s Schmerz scheinen auch in Ihrer Biographie Parallelen zu haben?"
Herr M., ein wortkarger Maurer, Einzelgänger, der über seine Gefühle gern mit einem "Hmm, was weiß denn ich?" drüberwegrutscht, steigt darauf ein, erzählt von den Schlägen seines Stiefvaters, von dem ungeheuren Hass, den er ein Leben lang in sich hineingefressen hat, dass selbst das Gefängnis eine Erleichterung der Hölle zu Hause gegenüber war. Die Hände ballen sich, der Atem wird schneller, erste Tränen rollen.
Die Therapeutin kommentiert: "Da haben Sie sich also einen Raum freigehalten, ich meine, für das menschliche." Das wirkt wie kaltes Wasser, alles ist wieder unter Kontrolle. Schnell gibt sie das Thema an die Gruppe.
Frau C. beginnt es zu zerreden, erzählt Belanglosigkeiten, ist emotional nicht wirklich anwesend. Doch die Ladung bei den beiden ist so groß, dass das Gespräch immer wieder zu ihnen zurückkehrt. Das Einfachste wäre, die beiden zu ermutigen, wirklich ganz in die Erinnerungen einzutauchen, die Wut und die Trauer zu fühlen und so die Situation im Nachhinein zu abzuschließen und zu integrieren.

Prokrustesbett 100-jährigen psychoanalytischen Irrglaubens

Doch die Therapeutin kann es nicht sehen, will es nicht sehen, presst das Leben lieber in das Prokrustesbett einer 100 Jahre alten Theorie. Und diese betrachtet eine Katharsis nur als sinnloses Ausagieren. Anstatt die inneren Wunden zu heilen, soll der Patient zu der Einsicht kommen, die äußeren Wirkungen der Wunden durch bewusstes Verhalten zu beeinflussen. Dabei würde die Auflösung der alten Schmerzen schlagartig das aktuelle Verhalten verändern - statt monatelanger Psychoanalyse würden einige Stunden Arbeit mit den gestauten Emotionen und in den nächsten Tagen etwas Unterstützung zur kognitiven Integration völlig genügen.

Stattdessen versuchen die Therapeuten, die Symptomen an die gesellschaftlichen Normen anzupassen, indem sie gute Ratschläge geben: Herr M. soll also erkennen, dass es falsch ist, sich ständig vor den Menschen in die Einsamkeit zu flüchten, nur weil er Angst hat, sein Hass könnte sich unkontrolliert einen Weg bahnen und einen Unschuldigen treffen. Und Herr Q. soll merken, dass es nichts bringt, ständig mit männlichen Autoritäten in den Kampf zu gehen. Analyse und Verhaltenstraining, um Gefühle unter Kontrolle zu halten.

Der Gruppenraum ist für die Arbeit mit Emotionen auch nicht eingerichtet: Es gibt weder Schaumgummimatte, noch Zellstoff. Und keiner ist da, der sagt:, "Atme tiefer. Fühle, was da ist. Schau genau hin. Halte nichts fest..." und der dann fähig ist aufzufangen, was immer passiert.

Irgendwann scheinen die beiden zu spüren, dass sie hier keine Chance haben, ihre Spannungen loszuwerden. Sie gehen in die Resignation. Die Therapeutin verteilt weiter Ratschläge: "Herr Q. ich habe ja Verständnis dafür, dass Sie immer noch sehr unter Spannungen stehen. Haben sie es schon mal mit Sport versucht? Das ist eine gute Methode, um Spannungen abzubauen..." Ein neues Pflaster auf den Dreckverband, aus dem der Eiter sickert! Und Herrn M. empfiehlt sie, genauer zu sortieren, da es ja gar nicht um seinen Vater gegangen sei, sondern um den Vater von Herrn Q. Und wenn er trotzdem unter Druck geraten sollte, könne er doch autogenes Training oder konzentrative Entspannung machen, um seine Gefühle zu kontrollieren. Sie hat überhaupt keine Ahnung davon, dass es völlig normal ist, dass Menschen mit ähnlichen Lebensthemen in solchen Situationen in Resonanz gehen - und dass es für andere Therapeuten kein Problem wäre, dann eben mit 2 Personen parallel zu arbeiten.

Später sitzen die Therapeuten im Pausenraum zusammen. "Also ich versteh´ das auch nicht: Ständig reißt Herr M. das Gespräch an sich." "Na ja, mir kam es so vor, als ob Herr Q. und Herr M. im Wettstreit waren, wer von beiden denn nun die schlimmere Kindheit hatte." Ich bin entsetzt: Die Therapeutin hat doch selbst die Aufmerksamkeit ständig dort abgezogen, wo es am stärksten brodelte. Und sicher nicht aus Rücksicht auf die Patienten, sondern wohl aus Angst vor dem, was passieren würde, wenn sie dort einhakt, Angst vor der ungeheuren Wucht, mit der sich solche jahrzehntelang aufgestauten Gefühle entladen können.

Und mir wird klar, dass die beiden wirklich nicht sehen, was da los ist, dem überhaupt keinen eigenen Wert beimessen, sondern alles nur an den in diesem Zusammenhang völlig absurden gruppendynamischen Fragen messen: "Warum macht denn der das gerade jetzt? Was will er damit bei uns erreichen? Streiten die sich gerade um die Gruppenführung?" Anstatt die existentiellen Situationen wahrzunehmen, unterstellen sie den Patienten, diese würden die aktuelle Gruppensituation mittels ihren Gefühlen manipulieren wollen. Zum Schluss kommentieren sie noch, was sie unter Gefühlen verstehen: "Na, da haben die beiden sich ja ziemlich mit Tränen vollgeschüttet." "Ja, und die anderen in der Gruppe waren entsetzt darüber..."

Lesen Sie im Teil 4 wie die Unfähigkeit der Psychoanalytiker und "Tiefenpsychologen" das Leiden von Patienten verlängert.

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