© PSYCHOTHERAPIE 16.04.2001
Entmündigung und Demütigung von Patienten in deutschen
Psychotherapie-Kliniken - auf Rechnung der Krankenkassen (Teil
2)
Der nackte Kaiser
Patientenalltag bei psychoanalytischen "Behandlungen":
Entmündigen und abhängig machen mit System
VON WULF MIRKO WEINREICH
Dies ist die Fortsetzung von
Teil 1
des Berichtes aus einer tiefenpsychologischen und
psychoanalytischen Klinik.
Der Tag beginnt um 7.30 Uhr mit der
konzentrativen Entspannung, einer sehr sanften Form der
Körperwahrnehmung. Es gibt immer wieder Probleme mit Patienten,
die gleich nach dem Aufstehen noch zu müde sind für diese
Therapie und denen ein paar Kniebeugen sicher besser bekommen
würden. Eine Befreiung davon ist nicht möglich und so wird
dieses Thema immer mal wieder zum Schauplatz von Machtkämpfen
zwischen Therapeuten und Patienten. Der Sieg der Therapeuten ist
vorprogrammiert: "Es gibt nur zwei Möglichkeiten, bei uns
Therapie zu machen: ganz oder gar nicht!"
Weiter geht es mit der Morgenbegegnung: Der Patientensprecher
wiederholt - je nach eigener Befindlichkeit auch mit etwas
schleppender Stimme - täglich seine Formel: "Zur heutigen
Morgenversammlung begrüße ich alle mit einem fröhlichen guten
Morgen." Danach fragt er : "Die Anwesenheit der Gruppen?"
In förmlichen Sätzen melden die Gruppensprechern die Anwesenheit
der Patienten.
Jeden Tag stellt der Patientensprecher die wörtlich gleichen
Anfragen: "Haben die Patienten Anfragen an die Therapeuten?",
"Haben die Therapeuten Anfragen an die Patienten?", "Gibt es
Freistellungsanträge?" und beendet mit dem Wunsch für einen
erfolgreichen Tag.
Ich frage die Therapeuten in einer Pause, wozu das Ritual gut
sein soll, da doch jeder Therapeut seine 8 bis 10 Patienten
kennt und man Freistellungen auch ganz gut formlos regeln kann.
Als Antwort wird mir gesagt, dass dadurch die
Selbstverantwortung der Patienten gestärkt wird. Mich erinnert
die ganze Zeremonie sehr stark an meine Armeezeit und ich kann
mir nicht vorstellen, dass die Meldung des Stubenältesten an den
Hauptfeldwebel, dass sein Zimmer vollständig zum Morgenappell
erschienen ist, der Stärkung der Selbstverantwortung dienen
kann.
Der Oberarzt kritisiert es, dass beim gestrigen Kulturabend
einige Tagespatienten schon früher nach Hause gegangen sind.
Ein Patient verteidigt sich: "Der Kulturabend soll doch
eigentlich der Entspannung dienen. Wenn wir bis 20 Uhr bleiben
müssen, nur damit der Struktur Genüge getan wird, obwohl das
Programm schon längst zu Ende ist, empfinde ich das als Zwang
und Druck."
Daraufhin versucht der Oberarzt wortreich dem Patienten klar zu
machen, dass das nichts mit Zwang und Druck zu tun, sondern
einen therapeutischen Zweck hat. Niemandem wird der Zweck klar.
Am Frühstückstisch kommentiert der Oberarzt die Morgenbegegnung:
"Die müssen wir zurechtstutzen auf unsere eigenen
Gegebenheiten...".
Als er den Raum verlassen hat, sagt der Therapeut: "Da hat er in
der Morgenbegegnung ja wieder ganz schön Nebel produziert -
natürlich üben wir Druck aus."
Frau F. ist schon über drei Monate da, hat aber immer noch
keinen Lebenslauf abgegeben. Die Therapeutin fragt sie ziemlich
heftig: "Ich verlange eine Erklärung, wieso Sie den Lebenslauf
heute immer noch nicht geschrieben haben. Wir hatten Freitag
abgemacht, dass Sie ihn mir heute geben."
Frau F. verteidigt sich, sie hätte zu Hause Probleme gehabt und
es sei wichtig gewesen. Die Therapeutin droht mit der
Krankenhausordnung.
Jetzt wird auch Frau F. wütend: "Wenn Sie so ein
Scheiß-Wochenende wie ich gehabt hätten..."
Erregt schaltet sich der Oberarzt ein: "...Hören Sie mal auf,
sich wie im Kindergarten zu benehmen und immer gegenzuplärren,
wenn der Kindergartenvater etwas sagt. Sie tragen doch hier nur
ihre Autoritätsprobleme aus. Wenn es Ihnen nicht passt, sich an
die Regeln zu halten, können Sie ja gehen."
Projektive Identifikation in Reinkultur, denke ich. Und keiner
kommt auf die Idee zu fragen, was denn bei Frau F. eigentlich
genau los war. Ich werde das Gefühl nicht los, dass Patienten
und Therapeuten auf einer ganz subtilen Ebene Feinde sind.
Roter Faden oder psychotherapeutischer Dilettantismus?
Die Therapeuten sitzen am Frühstückstisch
und beraten das Programm: "Hmmm, was machen wir denn in der
Bewegungstherapie?"
"Vertrauensübung?"
"Ach nein, die war erst vor zwei Wochen."
"Wie wäre es denn mal wieder mit einem Märchen spielen lassen?"
"Das ist gut, das hatten wir lange nicht mehr."
Später ist Rollenspiel dran. Die Gruppe ist in sehr gedrückter
Stimmung. Frau F. ist immer noch geladen - das wäre Thema genug.
Die Therapeutin lässt jeden berichten, was in der letzten Woche
sein unangenehmstes Erlebnis war. Eine erzählt von dem Zoff, den
Sie am Wochenende zu Hause mit ihrem Mann hatte. Die Therapeutin
drängt so lange, bis die Patientin zustimmt, diese Szene zu
spielen. Im nachfolgenden Gruppengespräch mauert die Gruppe.
Frau F. sitzt völlig verkrampft da. Die Therapeutin schafft es
nach einer halben Stunde Schweigen mit Mühe, ein Gespräch über
das Rollenspiel zu initiieren. Nach der Gruppe zitiert sie Frau
F. zu einem Einzelgespräch. Umgang mit Autorität wäre ein
schönes Tagesthema gewesen...
Dienstag am Frühstückstisch. Im Tagesbericht von Frau F. lese
ich: "...Bitte geben Sie mir noch eine Chance bis Mittwoch,
BITTE! ...".
Alle Therapeuten ziehen über Frau F. her. Heute ist es wirklich
böse. Es wird kein gutes Haar an ihr gelassen, keine
liebenswerte Seite an ihr gefunden. Und nach einer halben Stunde
ist mir klar: das ist nicht das normale Getratsche - sie haben
Frau F. fallengelassen und das Meinungsgewirr dient nur der
eigenen Rechtfertigung.
Die Gruppenstunde findet wieder auf einem Nebenschauplatz statt.
Frau F. hängt die ganze Zeit zusammengefallen und grau auf ihrem
Stuhl und sagt im Blitzlicht, dass es ihr beschissen geht. Mir
tut ihr Anblick nur weh und ich denke: Warum fragt diese
Therapeutin denn nicht mal, was los ist???
Mittwoch: Frau F. hat ihren Lebenslauf abgegeben. Er liest sich
authentisch und erschüttert mich. Für die Therapeuten am
Frühstückstisch ist das kein Thema. Die verschiedenen Therapien
plätschern so dahin, drehen sich um alle möglichen Dinge.
Das Gruppengespräch, das in der letzten Woche zur spannendsten
Veranstaltung geworden war, gerade auch durch Engagement von
Frau F., ist seit Montag nur noch oberflächliches Gerede und
wird es auch die nächsten Tage bleiben. Nach langem Schweigen
gibt es eine kopflastige Debatte über den Tod. Es ist sicher
kein Fehler, sich über den Tod auszutauschen - mit dem, was
unter der Oberfläche schwelt, hat es recht wenig zu tun. Die
Therapeutin bohrt auch nicht weiter - sicher ein Thema, das ihr
selbst nicht so geheuer ist.
Nachmittags ist Malstunde zum Thema "Was zeige ich hier nicht?".
Es wird klar, dass fast alle Patienten das, was wichtig ist, für
sich behalten. Frau F. hat nur ein großes Fragezeichen gemalt,
sagt in der Auswertung, dass sie verwirrt ist, dass nur noch
Angst und Wut in ihr sei. Die Therapeutin bittet sie im
Anschluss zu einem Gespräch. Frau F. lehnt ab: "Ich will nicht
mehr sprechen."
Eine Woche später der Oberarzt beim Frühstück: "Na ja, das mit
Frau F. ist ja nun im Ausklingen, sie wird am Freitag
entlassen." Die Therapeutin antwortet: "Ein Glück. Eigentlich
war es ein ständiger Kampf... Sie meint ja, mit ihren Eltern was
bearbeitet zu haben, aber genau genommen ist in den 14 Wochen
nichts passiert... Sie hat sich eben einfach ein Bild über
Therapie zusammengesponnen, so, wie sie es aus dem Fernsehen
kennt..."
Danach in der Gruppenvisite sagt der Oberarzt: "Tja, Frau F.,
das mit dem Vertrauensverhältnis zu den Therapeuten haben Sie ja
nicht so ganz hinbekommen. Aber ansonsten haben Sie wohl ganz
schön was geschafft..." Ich bin verblüfft über diese
Um-Interpretation. So hatte ich mir therapeutische Authentizität
nicht vorgestellt...
Ich frage mich, wie es sein kann, dass es im 21. Jahrhundert
immer noch Therapeuten gibt, die glauben, sie könnten als
unbeteiligter und neutraler Beobachter außerhalb der Gruppe
stehen, die glauben, ihr Verhalten hätte keinen Einfluss auf das
Gruppengeschehen, die den Machtfaktor, den sie selbst
darstellen, einfach ignorieren. Selbst wenn sie versuchen, ihrer
Theorie gemäß in der Gruppenstunde neutral zu sein, macht eine
Eskalation wie in der Morgenbegegnung allen deutlich, wer hier
die Autoritäten sind. Und das ist spürbar.
An einer Stelle sagt mal eine Therapeutin: "Mein Gott, die muss
doch das merken, dass wir sie nicht leiden können." Wenn sie es
nicht wissen, so ahnen sie also doch, dass ihr Verhalten auch
nonverbal wirkt. Ehrlicher wäre es, in einer solchen Situation
zu sagen: "Frau F., wir möchten nicht mehr mit Ihnen arbeiten.
Bitte gehen Sie nach Hause." Und ich weiß nicht, ist es nur
Blindheit oder ist es Unehrlichkeit, die den gesamten Umgang
aller mit allen durchzieht? Oder ist es nüchternes
kaufmännisches Kalkül?
Supervision gibt es nur in dem Sinne, dass einmal im Monat zwei
Ärzten einer anderen Klinik ein Patientenfall vorgestellt wird -
ein Reflektieren über das Verhalten im Team oder das Verhalten
des Teams den Patienten gegenüber findet nicht statt, auch nicht
durch externe Beobachter.
Im obigen Fall ist es offenkundig, dass seit der massiven
Intervention in der Morgenbegegnung der Gruppenprozess
stagniert, weil die Patienten eingeschüchtert sind. Anstatt die
Analysetechniken auf sich selbst anzuwenden, zu schauen, ob es
ungelöste Konflikte zwischen Patienten und Therapeuten gibt,
wird der schwarze Peter der Gruppe zugeschoben: "Mein Gott, so
eine schlimme Gruppe hatten wir lange nicht mehr. Die sind ja so
im Widerstand!..."
Lesen Sie im Teil 3 wie stundenlanges
Schweigen in billigen Gruppenstunden als "Psychotherapie"
verkauft wird.
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