© PSYCHOTHERAPIE 16.04.2001
Entmündigung und Demütigung von Patienten in deutschen
Psychotherapie-Kliniken - auf Rechnung der Krankenkassen (Teil
1)
Der nackte Kaiser
Bericht aus einer tiefenpsychologischen und psychoanalytischen
Klinik
VON WULF MIRKO WEINREICH
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Redaktionelles Geleitwort |
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Das weithin bekannte
Märchen von "Des Kaisers neuen Kleidern"
- in deutschen Psychotherapiekliniken ist es keine
Satire, sondern oft erschütternde Realität. Hans
Christian Andersons Gleichnis vom selbstverliebten
Herrscher und dessen Eitelkeit findet im
Selbstverständnis der psychoanalytischen und
tiefenpsychologischen Kliniken seine bittere
tägliche Entsprechung. Ärzte und Psychotherapeuten,
gefangen in ihrer verkrusteten psychoanalytischen
Ideologie, begegnen der Wirklichkeit blind und
ignorant. Ein "Hofstaat", realitätsfern, borniert
und selbstsüchtig geworden, sorgt dafür, dass die
für Krankenversicherungen und Patienten teure
Illusion von des Kaisers "unvergleichlicher"
Psychotherapie erhalten bleibt. Eine Illusion, die
häufig mit der Demütigung und Entmündigung der
Patienten einher geht - und sie erst richtig krank
macht.
"So ging der Kaiser unter dem
prächtigen Thronhimmel, und alle Menschen auf der
Straße und in den Fenstern sprachen: 'Wie sind des
Kaisers neue Kleider unvergleichlich! Welche
Schleppe er am Kleide hat! Wie schön sie sitzt!'
Keiner wollte es sich merken lassen, daß er nichts
sah; denn dann hätte er ja nicht zu seinem Amte
getaugt oder wäre sehr dumm gewesen. Keine Kleider
des Kaisers hatten solches Glück gemacht wie diese.
'Aber er hat ja gar nichts an!' sagte endlich ein
kleines Kind. 'Hört die Stimme der Unschuld!' sagte
der Vater; und der eine zischelte dem andern zu, was
das Kind gesagt hatte. 'Aber er hat ja gar nichts
an!' rief zuletzt das ganze Volk. Das ergriff den
Kaiser, denn das Volk schien ihm recht zu haben,
aber er dachte bei sich: 'Nun muß ich aushalten.'
Und die Kammerherren gingen und trugen die Schleppe,
die gar nicht da war."
Ob sich in der Gesundheitspolitik und bei den
Krankenversicherungen nach über 100 Jahren
psychoanalytischen Mummenschanzes noch Köpfe finden,
die ihrem Verstande trauen und diesem Spuk ein Ende
bereiten?
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"Die Behandlung des
Anderen als Sache macht uns selbst zur Sache und dies wirkt als
Selbstzerstörung", stellte Victor von Weizsäcker einmal
fest.
Um dieser Selbstzerstörung entgegenzuwirken, versuche ich im
folgenden Artikel meine eigenen - erschütternden - Erfahrungen
während eines Praktikums im Rahmen meines Psychologie-Studiums
in einer ganz normalen klinischen, tiefenpsychologisch
fundierten Psychotherapie zu beschreiben. Dies geschieht vor dem
Hintergrund meiner 18-jährigen Erfahrung (ich bin jetzt 42) als
Klient, Assistent und Co-Therapeut, in denen ich die
unterschiedlichsten Ansätze der Psychotherapie kennen lernen
konnte, von klassischer analytischer Therapie über
körperorientierte und systemische Verfahren bis hin zur
transpersonalen Psychologie.
Ich verbürge mich für alle in diesem Artikel beschriebenen
Szenen einschließlich dem sinngemäßen Inhalt der Aussagen - zum
größten Teil werden Redewendungen wörtlich wiedergegeben. Die
Szenen entstammen Gedächtnisprotokollen, die sofort nach den
Sitzungen angefertigt wurden. Ich habe mir lediglich erlaubt,
die Szenen zu verdichten. Um die Anzahl der Personen
überschaubar zu halten, wurden die Bemerkungen mehrerer Personen
den Protagonisten in den Mund gelegt - so kann ich auch sicher
sein, dass sowohl Therapeuten als auch Klienten keine
Ähnlichkeit mit irgendwelchen lebenden Person haben.
Das durch diese Verdichtung entstandene Bild ist dadurch nicht
unwahr geworden, sondern zeigt umso deutlicher, wie hier
gearbeitet wird, welche Prinzipien hier wirken. Für mich allein
hätte es sicher gereicht, diesen Artikel nur in Tagebuchform und
unveröffentlicht zu lassen. Immerhin hatte ich ja, von einem
etwas problematischem Start abgesehen, ein angenehmes Praktikum
- wenig Arbeit, freundliche Therapeuten - wenn da nicht dauernd
meine eigene Betroffenheit gewesen wäre und das Gefühl, auch als
Zuschauer verantwortlich zu sein.
Wenn dieser Artikel dazu beitragen könnte, in der Öffentlichkeit
sowie auch in Fachkreisen stärker über Schulen, Institutionen
und Qualitätsstandards der stationären Psychotherapie zu
diskutieren, hätte er sein Ziel erreicht.
In einer Gruft von Tiefenpsychologie und Psychoanalyse
Das Krankenhaus liegt inmitten der Stadt,
viele einzelne Gebäude, eingebettet in eine grüne Insel. Ein
ganz normales, durchschnittliches Krankenhaus irgendwo in
Deutschland, gleichzeitig Ausbildungskrankenhaus für die dortige
Universität. Neben den Stationen für körperliche Leiden gibt es
auch einen großen Bereich für psychische Erkrankungen.
In der Station für Psychotherapie werde ich von einer jungen
Therapeutin empfangen. Sie, wie auch ihr Kollege, sind beide
Anfang 30. Weiterhin gehört zur Station noch der Oberarzt, der
für die Patienten jedoch eher selten in Erscheinung tritt, sowie
mehrere Krankenschwestern. Natürlich steckt die Therapeutin in
der Klemme: Erwartet hat sie einen Studenten Anfang 20, der
außer dem Studium noch keine Berufserfahrung hat - statt dessen
kommt jemand, der älter ist als sie und schon ziemlich viel
kennen gelernt hat, von Bioenergetik bis Familienaufstellung,
von Gestalttherapie bis Fisher-Hoffman-Prozess. Sie wählt den
einfachsten Weg, den Weg der Macht: "Herr W., ich bin hier
Therapeutin und sie sind Praktikant. Ich habe hier die
Verantwortung und ich bin an Kommentaren oder Ratschlägen
ihrerseits nicht interessiert. Sie werden diese zwei Monate als
Zuschauer außerhalb der Prozesse verbringen - am liebsten würde
ich sie hinter eine Einwegscheibe setzen. Außerdem möchte ich
keine Gespräche zwischen ihnen und den Gruppenmitgliedern."
Im gutwilligsten Falle könnte man die Weisung in Bezug auf die
Gruppengespräche noch mit dem Setting der Therapieform erklären
- in Bezug auf Bewegungs- und Gestaltungstherapie wirkt sie
völlig hanebüchen. Einige Tage später wird der Oberarzt diese
Maßnahmen in absurder Weise noch mit der Abstinenzregel
begründen. Ich sage der Therapeutin deutlich, dass ich nicht
vorhatte, sie zu verunsichern und auch Wert darauf lege, eine
Unterstützung für sie und den Gruppenprozess zu sein - in erster
Linie will ich ja was Neues kennen lernen.
Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, was Hierarchien im
Krankenhaus bedeuten, welche neurotischen Potentiale trotz aller
Humanisierung in den letzten 50 Jahren allein in diesen
Strukturen begründet sind. Ich weiß noch nicht, wie sehr sich
Oberärzte, Ärzte, Psychologen und Schwestern voneinander
abgrenzen und erst recht von den (in ihren Augen) "Kranken". Ich
lebe noch in der Erfahrung der humanistischen Gruppentherapien,
wo wirklich im Team gearbeitet wird, wo Therapeuten,
Co-Therapeuten und Assistenten sich gegenseitig ihre
Beobachtungen und Vorschläge mitteilen, wo Therapeuten und
Klienten zusammenarbeiten als gleichwertige Menschen, die
lediglich an unterschiedlichen Punkten ihres Lebens stehen. Doch
der wesentlichste Unterschied dürfte sein: Alle diese
Therapeuten haben selbst jahrelang therapeutisch an sich
gearbeitet, kennen viele dunkle Räume der Seele aus eigener
Erfahrung und wissen daher genau, wovon ihre Klienten sprechen,
was sie fühlen und erleben.
Natürlich bin ich erst einmal enttäuscht: Es fühlt sich nicht
gut an, den ganzen Tag in der Ecke zu stehen - Entschuldigung:
zu sitzen - und zum Schweigen verurteilt zu sein. Doch es hilft
mir, wenn ich mir bewusst mache, dass diese Maßnahme nicht gegen
mich persönlich gerichtet ist, sondern aus der Unsicherheit
resultiert. Und so will es die Ironie des Schicksals, dass eine
Etage tiefer, auf einer anderen Station, eine meiner jungen
Mitstudentinnen Therapiesitzungen leiten und Patientenakten
bearbeiten darf, während ich für 2 Monate zum Zuschauen und
Schweigen verdonnert bin.
Zwei Tage bin ich am überlegen, ob ich das Praktikum hier nicht
lieber abbrechen und statt dessen zu einem befreundeten
Psychologen gehen soll. Doch immerhin bin ich ja hierher
gekommen, weil ich mal was anderes kennen lernen wollte, und so
beschließe ich, die Herausforderung anzunehmen: zwei Monate
Supervision, beobachten können, ohne verwickelt zu sein, durch
Zuschauen lernen, was ich will und vor allem, was ich nicht
will. Am Ende des Praktikums wird sich die Therapeutin dafür
entschuldigen, dass es hier nun mal leider nicht möglich sei,
die Praktikanten besser einzubinden und ich werde wissen, dass
es meinem Vorgänger auch nicht anders erging.
Lesen Sie im Teil 2 wie Entmündigung
und Demütigung der Patienten den Alltag dieser
psychoanalytischen Klinik prägen.
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