© PSYCHOTHERAPIE 12.03.2001
Ein moderner Mythos: Kritik der Freudschen Psychoanalyse (Teil
4)
Das "Unbewußte"
Die Ursprünge des Zentralbegriffs der Psychoanalyse in der
Romantik und zeitgeistigen Strömungen
VON UDO LEUSCHNER
Aus der nüchternen Sicht des
Naturwissenschaftlers hat Max Planck 1946 den ganzen Mythos vom
"Unbewußten", auf den sich die Psychoanalyse und eine Unzahl
abgeleiteter Psychologismen berufen, in wenigen Sätzen
zerpflückt und als Scheinproblem charakterisiert:
"Zwar spielen sich
sicherlich viele Vorgänge, vielleicht sogar die
ausschlaggebenden, in unserem Unterbewußtsein ab. Aber diese
sindeiner wissenschaftlichen Behandlung nicht fähig. Denn eine
Wissenschaft des Unbewußten oder Unterbewußten gibt es nicht.
Sie wäre eine contradictio in adjecto, ein Widerspruch in sich.
Was unterbewußt ist, weiß man nicht. Daher sind alle Probleme,
die sich auf das Unterbewußtsein beziehen, Scheinprobleme."
(1)
Dennoch gilt Freud bis heute als der "Entdecker
des Unbewußten". An dieser Phrase, die in unzähligen
Feuilletons nachgeplappert wurde, ist gleich zweierlei
fragwürdig: Zum einen gibt es nicht den geringsten Beweis für
die Existenz eines solchen Unbewußten, wie es die Psychoanalyse
unterstellt. Der Begriff ist nicht wissenschaftlich fundiert,
sondern eine Phantasmagorie. Zum anderen kann Freud nicht einmal
als Urheber dieser Phantasmagorie gelten, denn sie war zu seiner
Zeit längst entdeckt worden: Zuerst von den Romantikern in der
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und dann von den
Neukantianern und der Fin-de-siecle-Philosophie in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts.
So veröffentlichte der Arzt und Schriftsteller Carl Gustav Carus
1846 ein Buch mit dem Titel "Psyche - Zur
Entwicklungsgeschichte der Seele". Er entwarf darin ein
Modell der Seele, das um den romantischen Begriff des "Unbewußten" aufgebaut war und diesem in der
späteren psychologisch-philosophischen Literatur einen festen
Platz sichern half.
Carus knüpfte an die jedermann geläufige Tatsache an, daß von
der Gesamtheit der Fakten und Zusammenhänge, die im Bewußtsein
gespeichert sind, nur ein ganz winziger Teil jeweils präsent
sein kann. Er verglich deshalb das Leben der Seele "mit einem unablässig fortkreisenden großen Strome,
welcher nur an einer einzigen kleinen Stelle vom Sonnenlicht -
d.i. eben vom Bewußtsein - erleuchtet ist" Oder er
stellte fest, "daß fortwährend der bei weitem
größte Teil des Reiches unseres Seelenlebens im Unbewußten ruht".
Carus gab diesem Unbewußten jedoch eine spiritualistische
Deutung: "Der Schlüssel zur Erkenntnis vom
Wesen des bewußten Seelenlebens liegt in der Region des
Unbewußtseins", behauptete er schon im ersten Satz seines
Buches. Damit stellte er den begrifflichen Inhalt des
Bewußtseins auf den Kopf. Sein "Unbewußtes"
war nicht ursprünglich Bewußtes, das dann der Abspeicherung im
Gedächtnis, dem verallgemeinernden Denkprozeß oder der
Vergessenheit anheimfiel, sondern es war der ursprüngliche Kern,
von dem sich der präsente oder aktivierbare Bewußtseinsinhalt
abgespalten hat.
Dieses "Unbewußte" ist laut Carus
göttlicher Natur. Es tritt, solange sich der Mensch noch in
eiförmigem oder embryonalen Zustand befindet, nur als "absolut Unbewußtes" auf, das sich wiederum in
ein "allgemeines Unbewußtes" und in ein
"partielles Unbewußtes" gliedert.
Letzteres steuere die vegetativen Funktionen des Nervensystems
wie Wachstum, Atmung und Stoffwechsel. Mit der Geburt des
"eigentlichen Menschen" spalte sich dann von diesem absoluten
Unbewußten das "relative Unbewußte" ab.
Dieses umfasse solche Bestandteile des Unbewußten, die bereits
einmal zu Bewußtsein gelangt seien. Im Schlaf sieht Carus "das Wiedereinkehren in den Zustand des Unbewußtseins".
Das Bewußtsein selbst kehre immer wieder periodisch in den
Zustand des "relativen Unbewußten"
zurück. (2)
Schon bei Carus zeigt sich somit die für die psychoanalytische
Literatur typische Vermengung von empirischen Befunden mit
idealistisch-spiritualistischen Spekulationen. Läßt man die
göttliche Fundierung seines "Unbewußten" beiseite, hat man im
Prinzip nichts anderes als das Seelen-Modell der späteren
Psychoanalyse.
1869 erschien Eduard von Hartmanns "Philosophie
des Unbewußten", ein psychologisierendes Werk der
Modephilosophie, das sich weniger durch philosophischen Gehalt
als durch beträchtlichen Papieraufwand auszeichnete. Hartmann
bekannte sich darin zu einer teleologischen Betrachtungsweise,
der er wieder zur Geltung verhelfen wollte. Die Annahme eines "Unbewußten" diente ihm dazu, sämtlichen
Vorgängen in der Natur einen metaphysischen, vorherbestimmten
Zweck zu unterstellen. Der allwissende und allgegenwärtige
Exekutor dieses Zweckes sei das "Unbewußte",
das mit seiner "Allweisheit" den
gesamten Weltprozeß leite. Die Befriedigung des
Geschlechtstriebs dient demnach "unbewußt"
dem Zweck der Zeugung; wenn Knaben mit Gewehren und Mädchen mit
Puppen spielten, so täten sie dies ebenfalls unbewußt bzw.
aufgrund eines "vorahnenden Instinkts".
Als höchstes Ziel des Weltprozesses bezeichnete Hartmann die
immer stärkere Entwicklung des Bewußtseins, die ihrerseits
nichtsdestoweniger von der Allweisheit des Unbewußten geleitet
werde. Dem Bewußtsein selbst bereite der kulturelle Fortschritt
nur Pein. Es werde - wie Hartmann sich ausdrückte - mit
Schmerzen geboren, friste mit Schmerzen sein Dasein und erkaufe
mit Schmerzen seine Steigerung. - Die Parallelen zu Freuds
späterer "Sublimierungs"-Theorie liegen
auf der Hand. (3)
Auch für Nietzsche war das "Unbewußte"
eine geläufige Vorstellung. Mit seiner Unterscheidung von "dionysisch" und "apollinisch",
die der Romantik entlehnt war, nahm er den psychoanalytischen
Dualismus vom "Es" und dem "Ich" kongenial vorweg. Den Begriff des "Es" hat Freud später in bewußter Anlehnung an
Nietzsche übernommen. (4)
Schon 1873 - Freud war damals 17 Jahre alt - schrieb Nietzsche
sozusagen das Vorwort zur Psychoanalyse: "Was
weiß der Mensch eigentlich von sich selbst! Ja, vermöchte er
auch nur sich einmal vollständig, hingelegt wie in einem
erleuchteten Kasten, zu perzipieren? Verschweigt die Natur ihm
nicht das Allermeiste, selbst über seinen Körper, um ihn,
abseits von den Windungen der Gedärme, dem raschen Fluß der
Blutströme, den verwickelten Fasererzitterungen, in ein stolzes,
gauklerisches Bewußtsein zu bannen und einzuschließen! Sie warf
den Schlüssel weg: und wehe der verhängnisvollen Neubegier, die
durch eine Spalte einmal aus dem Bewußtseinszimmer heraus und
hinab zu sehen vermöchte...". (5)
Der im Fin de siecle hereinbrechende Psychologimus war
Bestandteil einer neu-idealistischen Wende. Er war eine Reaktion
auf die Defizite des alten Vulgärmaterialismus und dessen
Unvermögen, den "ungeheuren Andrang neuen
Stoffs" (Lamprecht) geistig zu bewältigen. Das rationale,
materialistische Denken wurde nun ins Ghetto der Wissenschaften,
vor allem der Naturwissenschaften, verbannt.
Friedrich Engels beschrieb die eigenartige ideologische Melange
des Fin de siecle im Jahre 1875 mit folgenden Worten: "Im Publikum grassierten seitdem einerseits die auf
den Philister zugeschnittenen flachen Reflexionen Schopenhauers
und später sogar Hartmanns, andrerseits der vulgäre
Reiseprediger-Materialismus eines Vogt und Büchner. Auf den
Universitäten machten sich die verschiedensten Sorten von
Eklektizismus Konkurrenz, die nur darin übereinstimmten, daß sie
aus lauter Abfällen vergangner Philosophien zusammengestutzt und
alle gleich metaphysisch waren. Von den Resten der klassischen
Philosophie rettete sich nur ein gewisser Neukantianismus,
dessen letztes Wort das ewig unerkennbare Ding an sich war, also
das Stück Kant, das am wenigsten verdiente, aufbewahrt zu
werden. Das Endresultat war die jetzt herrschende Zerfahrenheit
und Verworrenheit des theoretischen Denkens." (6)
Die wesentlichen Strömungen dieser ideologischen Melange benennt
auch eine Kulturkritik aus der Feder des Arztes und
Schriftstellers Max Nordau, der in den achtziger und neunziger
Jahren zu den bekanntesten Publikumsautoren Deutschlands
gehörte. Nordau vertrat ideologisch die Position des
Vulgärmaterialismus. Von dieser Warte aus urteilte er bereits in
seinem ersten Erfolgsbuch "Die conventionellen
Lügen der Kulturmenschheit" aus dem Jahre 1883:
"In der Philosophie ist die Modeströmung der
Pessimismus. Schopenhauer ist Gott und Hartmann sein Prophet.
Der Positivismus August Comtes macht als Doktrin keine
Fortschritte und breitet sich als Sekte nicht aus, weil selbst
seine Anhänger eingesehen haben, daß seine Methode zu eng und
sein Ziel nicht hoch genug ist. Die französischen Philosophen
studieren fast nur noch die Psychologie oder genauer
Psycho-Physiologie."(7)
Dies war der geistige Hintergrund, vor dem Freud seine angeblich
wissenschaftliche Methode zur Seelen-Erforschung und Heilung von
seelisch bedingten Leiden entwickelte. Freud war ideologisch
naiv. Er verfügte über keine nennenswerten Kenntnisse der
Geistesgeschichte. Ohnehin war ihm Philosophie ein Greuel. So
blieben ihm auch die erkenntnistheoretischen Probleme der
Psychologie fremd. Zum Teil übernahm er einfach die Borniertheit
des Positivismus, der sich um die Jahrhundertwende ausbreitete.
Freuds Wissenschaftsverständnis wurzelte aber noch mehr in der
Beschränktheit der älteren vulgärmaterialistischen
Betrachtungsweise, der er einen gewissen liberal-aufklärerischen
Impetus verdankte.
So wurde Freud ein argloses Opfer der zeitgenössischen
Ideologie. Die Psychoanalyse ist im wesentlichen und in
vexierbildhafter Form nichts anderes als der Neu-Kantianismus
und die Lebensphilosophie der Jahrhundertwende. An Freuds
Theorien bewahrheitete sich in voller Schärfe, was der ungleich
gewitztere Wilhelm Wundt über die "Vertreibung
der Philosophie" aus den Wissenschaften prophezeit hatte:
"Wer sie los zu sein glaubt, findet sich erst
recht von ihren Netzen umsponnen."
Anmerkungen
1 Max Planck, Scheinprobleme der Wissenschaft, Johann Ambrosius
Barth Verlag, Leipzig 1947, S. 17 (Vortrag gehalten in Göttingen
am 17. Juni 1946).
2 Carl Gustav Carus, Psyche - Zur Entwicklungsgeschichte der
Seele, Flammer und Hoffmann, Pforzheim 1846, S. 1 ff.
3 Eduard von Hartmann, Philosophie des Unbewußten, 3 Bände, Carl
Duncker, Berlin1871/1889.
4 Sigmund Freud, Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in
die Psychoanalyse (Ges. Werke, 15. Band), Fischer Verlag,
Frankfurt am Main 1961, S. 79.
5 Friedrich Nietzsche, Werke in drei Bänden, Carl Hanser Verlag,
München o.J., 3. Band, S. 310 ("Über Wahrheit und Lüge im
außermoralischen Sinn").
6 Friedrich Engels, Dialektik der Natur, Dietz Verlag, Berlin
1971, S. 33/34.
7 Max Nordau, Die conventionellen Lügen der Kulturmenschheit,
1884, S. 12.
Vom Autor überarbeiteter Auszug aus dem
Buch "Entfremdung - Neurose - Ideologie", Bund-Verlag, Köln.
Lesen Sie im Teil 1: Psychoanalyse als
moderner Mythos gilt vielen noch immer als "Insignie der höheren
Denkungsart".
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