© PSYCHOTHERAPIE 12.03.2001
Ein moderner Mythos: Kritik der Freudschen Psychoanalyse (Teil
3)
Die Frau als Kulturfeind
Wie Sigmund Freud den Zeitgeist und die Vorurteile seiner Epoche
als "Wissenschaft" verkleidete
VON UDO LEUSCHNER
Unverkennbar liegt der Psychoanalyse ein
asketisches Ideal zugrunde: Die Beherrschung der Triebe, ihre "Verfeinerung" und Dienstbarmachung für
kulturelle Zwecke, die Stärkung des Geistes gegenüber dem
Fleisch, die Ersetzung des "Lustprinzips"
durch das "Realitätsprinzip".
Freuds "Sublimierungs"-Theorie
zufolge geht der ungehemmte Sexualgenuss zu Lasten der
kulturellen Höherentwicklung des Menschen. Genau besehen ist die
Sublimierungs-Theorie sehr nahe verwandt mit der klösterlichen
Auffassung, wonach Askese den menschlichen Geist läutert und
näher zu Gott (bei Freud: Kultur) führt.
Über die Art dieser geheimnisvollen "Veredelung"
sexueller Triebe schweigt sich Freud aus. Dennoch ist er sicher
nicht willkürlich zu dieser Vorstellung gelangt. Sie wurde ihm
offenbar von seiner Zeit und von seiner Gesellschaft souffliert,
wie aus dem nachstehenden Brief hervorgeht, den der 27jährige an
seine Braut schrieb:
"Das Gesindel lebt sich aus, und wir
entbehren. Wir entbehren, um unsere Integrität zu erhalten, wir
sparen mit unserer Gesundheit, unserer Genußfähigkeit, unseren
Erregungen, wir heben uns für etwas auf, wissen selbst nicht,
für was, - und diese Gewohnheit der beständigen Unterdrückung
natürlicher Triebe gibt uns den Charakter der Verfeinerung. [. .
.] Wenn ich das Volk sich gütlich tun sehe mit Hintansetzung
aller Besonnenheit, denke ich immer: das ist ihre Abfindung
dafür, daß alle Steuern, Epidemien, Krankheiten, Übelstände der
sozialen Einrichtungen sie so schutzlos treffen. Ich will diesen
Gedanken nicht weiterverfolgen, aber man könnte darlegen, wie
'das Volk' ganz anders urteilt, glaubt, hofft und arbeitet als
wir. Es gibt eine Psychologie des gemeinen Mannes, die von der
unsrigen ziemlich unterschieden ist. Sie haben auch mehr
Gemeingefühl als wir; es ist nur in ihnen lebhaft, daß sie einer
das Leben des anderen fortsetzen, während jedem von uns mit
seinem Tod die Welt erlischt." (1)
Damit dürfte klar sein, was Freud zur "Entdeckung" des
angeblichen Widerspruchs zwischen Sexualität und Kultur
veranlasste: Das kleinbürgerliche Ethos vom Wohlstand durch
Sparen, vom sozialen Aufstieg durch Verzicht. Die Übersetzung
von finanzieller mit sexueller Einschränkung ist dabei
keineswegs nur symbolisch zu nehmen, sondern steht in einem
ursächlichen Zusammenhang. Der sexuelle Verzicht war zu Freuds
Zeiten für die unteren bürgerlichen Schichten und besonders für
das Bildungsbürgertum die Vorbedingung des sozialen Aufstiegs.
Das Heiratsalter in den sogenannten besseren Kreisen lag sehr
hoch (Freud selbst heiratete mit dreißig). Bis zur Ehe musste
der junge Herr mit Prostituierten, Dienstmädchen oder anderen
Frauen des vierten Standes vorliebnehmen, während die höhere
Tochter ihre Unschuld und Mitgift konservierte. Prostituierte
verlangten Geld, Dienstmädchen Alimente. Beim Ehehandel war die
Partie, die man machte, in den meisten Fällen das
ausschlaggebende. In der Ehe war von vornherein sexuelle
Einschränkung geboten, um nicht durch allzu großen Kindersegen
den standesgemäßen Unterhalt der Familie zu gefährden. Vor wie
während der Ehe war daher der Umgang mit Prostituierten für den
Mann fast eine Selbstverständlichkeit.
Freud diagnostizierte diese bürgerliche Sexual-Malaise nicht nur
bei seinen Patienten, sondern litt selbst sehr stark darunter.
Für ihn, der schließlich Vater von sechs Kindern war, "gibt es befriedigenden Sexualverkehr in der Ehe nur
durch einige Jahre, natürlich noch mit Abzug der zur Schonung
der Frau aus hygienischen Gründen erforderlichen Zeiten. Nach
diesen, drei, vier oder fünf Jahren versagt die Ehe, insofern
sie die Befriedigung der sexuellen Bedürfnisse versprochen hat;
denn alle Mittel, die sich bis jetzt zur Verhütung der
Konzeption ergeben haben, verkümmern den sexuellen Genuß, stören
die feinere Empfindlichkeit beider Teile oder wirken selbst
direkt krankmachend . . ." (2)
Für den Freud-Biographen Ernest Jones lässt sich "überzeugend nachweisen, dass er ungefähr zehn Jahre
lang - sagen wir während der neunziger Jahre - an einer
ausgesprochenen Psychoneurose litt". Jones
charakterisiert das neurotische Leiden Freuds als eine Art
Angsthysterie mit äußerst starken Stimmungsschwankungen, die
sich in Anfällen von Todesangst, Reisefieber und
Schreibhemmungen manifestierte.
Als überzeugter Anhänger der Psychoanalyse glaubt er freilich,
daß Freud mit der Ausarbeitung seiner Theorie diese schwere
neurotische Krise einer konstruktiven Lösung zugeführt habe. ("Er zahlte einen hohen Preis für das Geschenk, das er
der Welt machte.") Der Höhepunkt von Freuds Neurose
zwischen 1897 und 1900 sei zugleich der Höhepunkt seiner
schöpferischen Leistung gewesen. (3)
Ein schwerer herzneurotischer Anfall ereilt Freud 1894, nachdem
ihm sein Freund Fließ striktes Rauchverbot auferlegt hat.
Gegenüber Fließ schildert er ihn so: "Bald
nach der Entziehung kamen leidliche Tage, in denen ich auch
anfing, den Stand der Neurosenfrage für Dich niederzuschreiben;
da kam plötzlich ein großes Herzelend, größer als je beim
Rauchen. Tollste Arrhythmie, beständige Herzspannung - Pressung
- Brennung, heißes Laufen in den linken Arm, etwas Dyspnoe von
verdächtig organischer Mäßigung, das alles eigentlich in
Anfällen, d. h. über zwei zu drei des Tages in continuo
erstreckt und dabei ein Druck auf die Stimmung, der sich in
Ersatz der gangbaren Beschäftigungsdelirien durch Toten- und
Abschiedsmalereien äußerte." (4)
Dass Freud seine massiven neurotischen Symptome mit der
Ausarbeitung der Psychoanalyse im Sinne einer
Symptomverschiebung (nicht im Sinne einer Lösung, wie Jones
meint) nur bedingt verlor, ergibt sich aus anderen Einzelheiten
seiner Biographie. So stürzte er im November 1912 plötzlich
ohnmächtig zu Boden, nachdem er sich mit seinem
Lieblingsschüler, dem Schweizer C. G. Jung, heftig gestritten
hatte. Jung trug ihn schnell auf eine Couch, und als Freud
wieder zu sich kam, waren seine ersten Worte: "Es muß süß sein zu sterben . . ." (5)
Das vorangehende Zerwürfnis mit Fließ hatte nach Freuds eigenem
Bekunden zu "sehr ähnlichen, obzwar nicht so
intensiven, Symptomen" geführt. Auch Freuds extreme
Nikotin-Abhängigkeit - zwanzig Zigarren am Tag waren die Regel -
war Ausdruck eines neurotischen Suchtverhaltens. (6)
Schon als junger Arzt hatte Freud das neu entdeckte Kokain
regelmäßig genommen, um Depressionen und Schwierigkeiten seiner
Verlobungsphase zu bekämpfen. Er schickte sogar seiner Verlobten
kleine Dosen, "um sie stark und kräftig zu
machen". Auf die fatale Wirkung der neuen Droge wurde
Freud erst durch den Tod seines Freundes Fleischl aufmerksam,
dem er Kokain als Ersatz für Morphium empfohlen hatte. In einem
Brief an seine Verlobte vom 2. Juni 1884 bezeichnet er sich
selbst noch scherzhaft als "großer wilder
Mann, der Cocain im Leib hat" und fährt fort: "In meiner letzten schweren Verstimmung habe ich
wieder Coca genommen u. mich mit einer Kleinigkeit wunderbar auf
die Höhe gehoben. Ich bin eben beschäftigt, für das Loblied auf
dieses Zaubermittel Literatur zu sammeln." (7)
Mit der Ausarbeitung seiner Psychoanalyse begab sich Freud auf
das Gebiet geistiger Drogen, von dem er aufgrund seiner
ideologischen Naivität noch weitaus weniger Ahnung hatte. Die
Feststellung ist nicht neu, aber immer noch richtig: Die
Psychoanalyse misst der Sexualität eine übersteigerte, teilweise
aberwitzige Bedeutung bei. Welchen Popanz stellen doch, nüchtern
betrachtet, solche Freudschen "Entdeckungen"
wie der angebliche "Kastrationskomplex"
beim Knaben und der "Penisneid" beim
Mädchen dar. Welch moderner Mythos verbirgt sich hinter dem "Ödipuskomplex". Wie einfach ist es, das
Nicht-Erinnern dergleichen kindlicher Traumata mit einer "infantilen Amnesie" zu erklären. Wie
durchsichtig schließlich, wenn Freud die objektive Unterdrückung
der Frau in der bürgerlichen Gesellschaft in das subjektive
psychische Minderwertigkeitsgefühl verwandelt, das angeblich
schon kleine Mädchen in Ermangelung eines Penis empfinden; wenn
er eine "dauernde Schädigung des Wißtriebs",
also letztlich die fehlende Bildung benachteiligter
Bevölkerungsgruppen, mit dem Fehlschlag der "infantilen
Sexualforschung" in Verbindung bringt; wenn er "eine dauernde Geringschätzung des anderen
Geschlechts" durch die Männer seiner Kreise aus der "endlich gewonnenen Überzeugung" ableitet, "daß das Weib keinen Penis besitzt" (8).
Ohne dass Freud es merkt, gerät ihm seine Psychoanalyse zu einer
fadenscheinigen Rationalisierung der bürgerlichen Moral und zu
einer Apologie der bestehenden Gesellschaft. Er bringt es
fertig, mit "wissenschaftlichem"
Anspruch die Frau als minderwertiges Wesen einzustufen, als
kastrierten Mann, als einen von Penisneid und
Minderwertigkeitsgefühlen geplagten Verschnitt der Natur. Er
versteigt sich sogar zu der Behauptung, dass die Frauen "in einen Gegensatz zur Kulturströmung treten"
und gegenüber dem gesellschaftlichen Fortschritt "ihren verzögernden und zurückhaltenden Einfluß"
ausüben würden.
Wörtlich schreibt er: "Die Frauen vertreten
die Interessen der Familie und des Sexuallebens; die
Kulturarbeit ist immer mehr Sache der Männer geworden, stellt
ihnen immer schwierigere Aufgaben, nötigt sie zu
Triebsublimierungen, denen die Frauen wenig gewachsen sind. Da
der Mensch nicht über unbegrenzte Quantitäten psychischer
Energie verfügt, muß er seine Aufgaben durch zweckmäßige
Verteilung der Libido erledigen. Was er für kulturelle Zwecke
verbraucht, entzieht er großenteils den Frauen und dem
Sexualleben: das beständige Zusammensein mit Männern, seine
Abhängigkeit von den Beziehungen zu ihnen entfremden ihn sogar
seinen Aufgaben als Ehemann und Vater. So sieht sich die Frau
durch die Ansprüche der Kultur in den Hintergrund gedrängt und
tritt zu ihr in ein feindliches Verhältnis." (9)
Sigmund Freud schrieb die hier zitierten Sätze noch gegen Ende
der zwanziger Jahre in seinem Essay über "Das
Unbehagen in der Kultur". Noch als alter Mann, in den
dreißiger Jahren, hielt er an der "natürlichen"
Unterlegenheit der Frau fest. Auf den Einwand, ob es nicht
besser wäre, wenn beide Partner gleichberechtigt sind, erwiderte
er: "Das ist praktisch eine Unmöglichkeit.
Ungleichheit muß es geben, und die Überlegenheit des Mannes ist
das kleinere Übel." (10)
Auch soziale Ungleichheit erschien ihm quasi als Naturgesetz.
Für ihn ist es "ein Stück der angeborenen und
nicht zu beseitigenden Ungleichheit der Menschen, daß sie in
Führer und Abhängige zerfallen. Die letzteren sind die übergroße
Mehrheit, sie bedürfen einer Autorität, welche für sie
Entscheidungen fällt, denen sie sich meist bedingungslos
unterwerfen."
Freud schrieb diese Sätze wenige Monate vor Hitlers
Machtergreifung. Sie lagen auf der Linie der elitären
Masse-Konzeptionen eines Le Bon oder Ortega y Gasset - nur dass
sich bei Freud die elitäre Arroganz mit einem Anflug von
Philantropie schmückte: Seinem Rat zufolge müsste man "eine Oberschicht selbständig denkender, der
Einschüchterung unzugänglicher, nach Wahrheit ringender Menschen
erziehen, denen die Lenkung der unselbständigen Massen zufallen
würde." (11)
Es passt zu dieser Geistesverwandtschaft, dass sich Freud in
seiner Schrift über "Massenpsychologie und
Ich-Analyse" (1920) weitgehend "von dem
zu Recht berühmt gewordenen Buch von Le Bon" leiten
lässt. Er stellt fest, dass die Ausdrücke Le Bons - der etwa
auch den Begriff des "Unbewußten"
verwendet - "mit den Grundvoraussetzungen
unserer Tiefenpsychologie in guter Übereinstimmung stehen".
In der Beschreibung der "Massenseele",
wie sie Le Bon entwirft, sei "kein Zug darin,
dessen Ableitung und Unterbringung dem Psychoanalytiker
Schwierigkeiten bereiten würde". Freud deutet die
Massenbildung als "Wiederaufleben der Urhorde"
und "Regression zu einer primitiven
Seelentätigkeit". Die Massen sind für ihn grundsätzlich
dumm, gewalttätig, leichtgläubig, impulsiv, wandelbar, reizbar
und haben "den Wahrheitsdurst nie gekannt".
Demgegenüber erhebt sich zu einsamer Größe das Individuum, das
sein "Ich-Ideal" bewahrt und nicht mit
dem "im Führer verkörperten Massen-Ideal"
vertauscht. (12)
Es kann natürlich nicht ausbleiben, dass Freud die letzten
Ursachen der Massenbildung wiederum in "libidinösen"
Beziehungen entdeckt. Bei Behandlung der "künstlichen
Masse" Heer bedauert er die Vernachlässigung des "libidinösen Faktors" durch die Oberste
Heeresleitung, die angeblich zum Zusammenbruch der deutschen
Front 1918 geführt habe. "Bei besserer
Würdigung dieses Libidoanspruchs" - Freud meint die
Sehnsucht der Soldaten nach liebevollerer Behandlung durch ihre
Offiziere - "hätten wahrscheinlich die
phantastischen Versprechungen der 14 Punkte des amerikanischen
Präsidenten nicht so leicht Glauben gefunden und das großartige
Instrument wäre den deutschen Kriegskünstlern nicht in der Hand
zerbrochen." (13)
Auch an solchen beiläufigen Bemerkungen wird der apologetische
Grundzug der Psychoanalyse sichtbar: Was dem einen die
Dolchstoß-Legende, das ist dem Freudianer die These vom
verkannten Libidoanspruch des deutschen Soldaten. Gewiss war
Freud kein Chauvinist, aber in den politischen Grundfragen
identifizierte er sich eindeutig mit der herrschenden Klasse und
transformierte deren Ideologie in vermeintliche "Wissenschaft". Gewiss tat er dies nicht mit
bewusstem Vorsatz, aber er erlag eben der Macht "unbewußter" Kräfte, die durchaus anderer
Natur waren, als er es sich in seinem bornierten Pan-Sexualismus
träumen ließ.
Für den politischen Konformismus Freuds gibt es etliche weitere
Belege. So reagierte er auf den Ausbruch des Ersten Weltkriegs
noch als 58jähriger mit "jugendlichem
Enthusiasmus", wie Ernest Jones in seiner (dem großen
Lehrmeister gewidmeten und deshalb nicht sonderlich kritischen)
Freud-Biographie mitteilt. Jones zufolge bezeichnete Freud in
einem Brief an Karl Abraham vom 26. Juli 1914 "sogar das skrupellose Vorgehen Berchtolds (des
österreichischen Außenministers, Anm. d. V.) als 'das Befreiende
der mutigen Tat' und schrieb, zum erstenmal seit dreißig Jahren
fühle er sich als Österreicher. [. . .] Er war ganz aus dem
Häuschen, konnte an keine Arbeit denken und verbrachte die Zeit
in Gesprächen über die Tagesereignisse mit seinem Bruder
Alexander. Oder, wie er selbst formulierte: >Meine ganze Libido
gilt Österreich-Ungarn! " (14)
Fast mehr als mit der Habsburger-Monarchie identifizierte sich
Freud mit dem wilhelminischen Deutschen Reich. Noch am 22. März
1918 wünschte er in einem Brief an Karl Abraham einen deutschen
Sieg. (15) Noch
Anfang der dreißiger Jahre kolportierte er als alter Mann die
These von der ausschließlichen oder überwiegenden Kriegsschuld
der Entente: "In jener Nacht, als in
Friedenszeiten und zu Übungszwecken ein deutscher Zeppelin über
London kreiste, war wohl der Krieg gegen Deutschland
beschlossene Sache." (16)
Die Ursache von Kriegen erblickte Freud in einem natürlichen "Destruktionstrieb", der sowohl das Individuum
wie auch die "menschlichen Großindividuen, die
Völker, die Staaten" beherrsche. Er wundert sich in "Zeitgemäßes über Krieg und Tod" (während des
Ersten Weltkriegs geschrieben), dass ausgerechnet die "großen weltbeherrschenden Nationen weißer Rasse,
denen die Führung des Menschengeschlechts zugefallen ist",
ihre Konflikte in derart barbarischer Form austragen. Als
beflissener Patriot äußert er zugleich die "Hoffnung,
eine unparteiische Geschichtsschreibung werde den Nachweis
erbringen, daß gerade diese Nation, die, in deren Sprache wir
schreiben, für deren Sieg unsere Lieben kämpfen, sich am
wenigsten gegen die Gesetze der menschlichen Gesittung vergangen
habe". Die barbarische Art der Kriegführung lastet Freud
den unmittelbar Beteiligten, also den Soldaten an, denen er
unterstellt, dass sie ihre Triebe nie richtig sublimiert hätten.
Sie seien "Kulturheuchler", die sich
nur unter äußerem Zwang "zum guten Handeln im
kulturellen Sinn" entschlossen hätten, "ohne daß sich eine Triebveredlung, eine Umsetzung
egoistischer in soziale Neigungen" in ihnen vollzogen
habe. Es gebe "ungleich mehr Kulturheuchler
als wirklich kulturelle Menschen". Sobald der Druck der
kulturellen Zwänge von ihnen genommen sei, wie dies im Krieg
geschehe, werde den "Kulturheuchlern"
dies "zur begreiflichen Anregung, sich für
eine Weile dem bestehenden Drucke der Kultur zu entziehen und
ihren zurückgehaltenen Trieben vorübergehend Befriedigung zu
gönnen" (17)
Eine rührende Naivität zeigt der Begründer der Psychoanalyse
auch, wenn er den Anteil der "Großindividuen",
wie er sie nennt, an den Kriegsursachen veranschlagen soll.
Zunächst mal setzt er Volk, Staat und Regierung miteinander
gleich: "Völker werden ungefähr durch die
Staaten, die sie bilden, repräsentiert; diese Staaten durch die
Regierungen, die sie leiten." - Eine harmonische
Vorstellung. Von sozialen Gegensätzen, selbst von
Parteikonflikten, ist bei Freud nicht andeutungsweise die Rede.
Das Volk erscheint ihm als Summe der Individuen, der Staat als
deren gemeinsame Organisationsform und die Regierung als eine
Art Verwaltungsausschuss. Da ihm ohnehin alles einerlei ist,
nennt er der Einfachheit halber gleich die "Völker"
als die Kriegsparteien. Diese Völker befinden sich im Krieg,
weil sie angeblich ihren "Leidenschaften"
gehorchen. Mit dem Scharfsinn des Psychoanalytikers, der hinter
allem und jedem das Walten "unbewußter"
Kräfte erkennt, widerspricht Freud jenen Kritikern, die hinter
der Kriegslüsternheit der europäischen Mächte handfeste
wirtschaftliche Interessen vermuten. Genau das Gegenteil sei der
Fall: Die Völker "bedienen sich höchstens der
Interessen, um die Leidenschaften zu rationalisieren; sie
schieben ihre Interessen vor, um die Befriedigung ihrer
Leidenschaften begründen zu können".
Folgt man Freuds Auffassungen, so sind die Kriege eine Folge der
"Kulturheuchelei" des Massenmenschen,
der - vorübergehend vom Triebverzicht dispensiert - mit Wollust
das Seitengewehr in die Brust des Feindes bohrt. Natürlich haben
auch die "Großindividuen", die Völker,
Staaten und Regierungen, einen gewissen Anteil an der Barbarei,
aber auch dieser lässt sich - sofern man nicht besser überhaupt
auf eine diesbezügliche Erklärung verzichtet - mit der
Primitivierung des Menschen in der Volksmasse erklären: "Warum die Völkerindividuen einander eigentlich
geringschätzen, hassen, verabscheuen, und zwar auch in
Friedenszeiten, und jede Nation die andere, das ist freilich
rätselhaft. Ich weiß es nicht zu sagen. Es ist in diesem Fall
gerade so, als ob sich alle sittlichen Erwerbungen der Einzelnen
auslöschen, wenn man eine Mehrheit oder gar Millionen Menschen
zusammennimmt, und nur die primitivsten, ältesten und rohesten,
seelischen Einstellungen übrig bleiben." (18)
Im Jahre 1932 kam durch Initiative des "Völkerbundinstituts
für geistige Zusammenarbeit" ein Briefwechsel Albert
Einsteins mit Freud zum Thema "Warum Krieg?"
zustande. Der Briefwechsel - ein Schreiben Einsteins und die
Antwort Freuds - wurde anschließend mit anderen Briefwechseln
illustrer Zeitgenossen zu diesem Thema veröffentlicht. In seinem
Schreiben an Freud stellte der Physiker präzise Fragen, die
durchaus die sozialen Ursachen von Kriegen ansprachen. Einstein
ging davon aus, dass eine Minderheit von Herrschenden die
Instrumente zur Massenbeeinflussung, vor allem die Schule, die
Presse und meistens auch die religiösen Organisationen, fest in
ihrer Hand habe. Dann wollte er von Freud folgende Fragen
beantwortet haben:
1. "Wie ist es möglich, daß die soeben
genannte Minderheit die Masse des Volkes ihren Gelüsten
dienstbar machen kann, die durch einen Krieg nur zu leiden und
zu verlieren hat?"
2. "Wie ist es möglich, daß sich die Masse
durch die genannten Mittel (i. e. Schule, Presse, Religion) bis
zur Raserei und Selbstaufopferung entflammen läßt?"
3. "Gibt es eine Möglichkeit, die psychische
Entwicklung der Menschen so zu leiten, daß sie den Psychosen des
Hassens und des Vernichtens gegenüber widerstandsfähiger werden?"
Die Antwort Freuds erweckte den Eindruck, als habe er den
wichtigsten Teil von Einsteins Fragen nicht richtig gelesen oder
verstanden. Auf die beiden ersten Fragen ging er überhaupt nicht
oder nur floskelhaft ein. Statt dessen machte er erneut jenen
angeblichen allgemeinmenschlichen Destruktionstrieb für die
Kriege verantwortlich, den er schon 15 Jahre früher in "Zeitgemäßes über Krieg und Tod" strapaziert
hatte:
"Sie verwundern sich darüber, daß es so leicht
ist, die Menschen für den Krieg zu begeistern, und vermuten, daß
etwas in ihnen wirksam ist, ein Trieb zum Hassen und Vernichten,
der solcher Verhetzung entgegenkommt. Wiederum kann ich ihnen
nur uneingeschränkt beistimmen. Wir glauben an die Existenz
eines solchen Triebes und haben uns gerade in den letzten Jahren
bemüht, seine Äußerungen zu studieren. [...]
Mit etwas Aufwand an Spekulation sind wir
nämlich zu der Auffassung gelangt, daß dieser Trieb innerhalb
jedes lebenden Wesens arbeitet und dann das Bestreben hat, es
zum Zerfall zu bringen, das Leben zum Zustand der unbelebten
Materie zurückzuführen. Er verdient in allem Ernst den Namen
eines Todestriebs, während die erotischen Triebe die
Bestrebungen zum Leben repräsentieren. Der Todestrieb wird zum
Destruktionstrieb, indem er mit Hilfe besonderer Organe nach
außen, gegen die Objekte, gewendet wird. Das Lebewesen bewahrt
sozusagen sein eigenes Leben dadurch, daß es fremdes zerstört."
(19)
Im Lichte der Psychoanalyse erscheinen damit Kriege als eine Art
Naturereignis: Es ist dem Menschen halt nicht gegeben, der
dumpfen Triebe in seiner Brust Herr zu werden. "Mit etwas Aufwand an Spekulation" kommt Freud
zu ähnlichen Thesen, wie sie Oswald Spengler und andere
Kulturpessimisten vertreten. Der Unterschied ist: Freud macht es
"wissenschaftlich".
Der Briefwechsel zwischen Einstein und Freud veranschaulicht,
dass der Physiker ganz beiläufig mehr Verständnis für soziale
Prozesse und psychische Beeinflussung hatte als der
Psychoanalytiker. Sein Zustandekommen zeigt allerdings auch,
dass Freud schon damals über ein enormes Renommee verfügte und
als Einstein ebenbürtige Geistesgröße angesehen wurde.
Anmerkungen
1 Erich Fromm, Sigmund Freuds Sendung, Verlag Ullstein
(Weltperspektiven Band IX), Frankfurt am Main - Berlin 1961, S.
58-60.
2 Sigmund Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Fischer
Bücherei, Frankfurt am Main 1961, S. 131 bzw. 103), Band 7, S.
157.
3 Ernest Jones, Sigmund Freud - Leben und Werk, Deutscher
Taschenbuch Verlag, München 1984, Band 1, S. 356/357
4 Ebenda, Band 1, S. 361/362.
5 Ebenda, Band 1, S. 370.
6 Ebenda, Band 1, S. 361.
7 Ebenda, Band 1, S. 102-124 (Zitate S. 105 und 109).
8 Wie Anm. 2, S. 67/68.
9 Sigmund Freud, Abriß der Psychoanalyse/Das Unbehagen in der
Kultur, Fischer Bücherei, Frankfurt am Main 1960, S. 139/40.
10 Wie Anm. 1, S. 43/44.
11 Sigmund Freud, Das Unbewußte - Schriften zur Psychoanalyse,
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1960, S. 428 ("Warum
Krieg?").
12 Ebenda, S. 217-285.
13 Ebenda, S. 241.
14 Wie Anm. 3, Band 2, S. 207.
15 Wie Anm. 1, S. 148.
16 Sigmund Freud, Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in
die Psychoanalyse (Ges. Werke, 15. Band), Fischer Verlag,
Frankfurt am Main 1961, S. 192/193.
17 Wie Anm. 11, S. 187-213.
18 Ebenda, S. 200/201.
19 Ebenda, S. 418-431.
Vom Autor überarbeiteter Auszug aus dem
Buch "Entfremdung - Neurose - Ideologie", Bund-Verlag, Köln.
Lesen Sie im Teil 4: Das "Unbewußte".
Die Ursprünge des Zentralbegriffs der Psychoanalyse in Romantik
und Zeitgeist.
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