© PSYCHOTHERAPIE 12.03.2001
Ein moderner Mythos: Kritik der Freudschen Psychoanalyse (Teil
2)
Penisneid, Ödipuskomplex etc.
Freuds Werdegang und die Grundbegriffe des psychoanalytischen
Systems
VON UDO LEUSCHNER
Sigmund Freud wird 1856 in Freiberg in
Mähren geboren. Sein Vater betreibt dort einen gutgehenden
Textilhandel. Kurz nach Sigmunds Geburt setzt die große
Wirtschaftskrise des Jahres 1857 ein. "Die
Stätten, über welche die Pestilenz dahingeschritten war,
bedeckten sich zwar nicht mit Leichen und rauchenden
Schutthaufen, wohl aber mit zahllosen Ruinen des öffentlichen
und Privatwohlstandes", heißt es in einem Artikel der
Preußischen Jahrbücher zu den Auswirkungen dieser Krise. Unter
den Opfern der "Pestilenz" befindet
sich auch Freuds Vater. Der vordem wohlhabende Wollhändler ist
ruiniert. (1)
Sigmund ist vier Jahre alt, als sein Vater
mit der Familie Freiberg verlässt und nach Wien übersiedelt, um
dort eine neue Existenzgrundlage zu suchen. Gleichwohl bringt es
die Familie nie mehr zu dem alten Wohlstand und hat Mühe, eine
kleinbürgerlich-standesgemäße Lebensführung zu finanzieren. Auch
Sigmund Freuds spätere Studentenjahre sind von argen
Entbehrungen begleitet.
Auf dem Gymnasium in Wien zeichnet sich Sigmund Freud jahrelang
als Klassenprimus aus und macht das Abitur mit 17 Jahren "summa
cum laude". Als er im Herbst 1872 an der Wiener Universität mit
dem Studium der Medizin beginnt, befindet sich der
Vulgärmaterialismus in der Wissenschaft noch auf dem Höhepunkt.
Es ist jene Zeit, da Rudolf Virchow sarkastisch verkündet, er
habe tausend menschliche Körper seziert, ohne auch nur in einem
von ihnen eine Seele gefunden zu haben. Helmholtz, der seit 1871
in Berlin lehrt, verkündet die völlige Erforschbarkeit des
Menschen mittels physikalisch-mathematischer Methoden. Die
glänzenden Erfolge der damaligen Naturforschung scheinen die
vulgärmaterialistische Auffassung zu bestätigen. Freud tritt in
das Physiologische Institut des Wiener Helmholtz-Partners Ernst
Brücke ein und widmet sich intensiv dem Studium von
Nervenbahnen. Seine damaligen Arbeiten befassen sich mit
physiologischen Fragen und verraten noch nichts von den späteren
spekulativen Neigungen. So veröffentlicht er 1877 seine "Beobachtungen über Gestaltung und feineren Bau der
als Hoden beschriebenen Lappenorgane des Aals" und eine
Arbeit "Über den Ursprung der hinteren
Nervenwurzeln im Rückenmark von Ammocoetes (Petromyzon Planeri)".
1878 schreibt er "Über Spinalganglien und
Rückenmark des Petromyzon".1879 erscheint eine "Notiz über eine Methode zur anatomischen Präparation
des Nervensystems" usw.
Im Frühjahr 1885 erwirbt Freud - er ist 29 Jahre alt und hat im
Vorjahr promoviert - eine Privatdozentur für Neuropathologie.
Von Herbst 1885 bis Ende Februar1886 erhält er durch Vermittlung
Brückes ein Reisestipendium, das ihn an die "Salpetriere",
die Universitäts-Nervenklinik von Paris führt. Dort nimmt er an
den Vorlesungen des Neurologen Charcot teil, der mit seinen
hypnotischen Behandlungsversuchen an Hysterikern Aufsehen
erregt. Noch im selben Jahr übersetzt Freud Charcots "Neue Vorlesungen über Krankheiten des Nervensystems,
insbesondere über Hysterie" ins Deutsche.
Freud heiratet 1886 die 25jährige Martha Bernays, mit der er
seit 1882 verlobt war. Wenig später wird das erste Kind,
Mathilde, geboren. Nach der Heirat eröffnet er eine Privatpraxis
als Nervenarzt, die ihn allerdings weder auslastet noch
ausreichend ernährt. Neben seiner Privatpraxis bekleidet er
daher noch jahrelang die Stelle des Leiters der Neurologischen
Abteilung am "Ersten öffentlichen Kinderkrankeninstitut"
in Wien. In dieser Zeit veröffentlicht er auch einige Arbeiten
über die Krankheiten des Kindesalters.
Die entscheidenden Anregungen der achtziger Jahre verdankt Freud
seinem älteren Kollegen und Mentor Josef Breuer, dem er in
Brückes Physiologischem Institut begegnet. Breuer behandelt von
1881 bis 1882 eine hysterische Patientin, die unter dem
Decknamen "Anna 0." in die Literatur
eingegangen ist. Er vermittelt Freud den Gedanken, dass auch den
Erscheinungen der Hysterie ein Sinn innewohnt, der sich
ergründen lässt.
Breuer versetzt die "Anna 0." wie auch
andere Patienten zeitweilig in Hypnose und stellt fest, daß nach
dem Dämmerschlaf die hysterischen Symptome vorübergehend
abklingen. Ab 1887 macht sich auch Freud mit dieser Technik
vertraut. Er übersetzt Bernheims Buch "Die
Suggestion und ihre Heilwirkung" aus dem Französischen
ins Deutsche. 1889 fährt er nach Nancy, um sich dort von
Liebeault und Bernheim persönlich in Hypnose und Suggestion
unterweisen zu lassen.
Freuds Arbeiten sind noch bis in die neunziger Jahre von
neurologischen Fragestellungen bestimmt. Seit dem Aufenthalt an
der "Salpetriere" tritt allerdings zunehmend sein
Interesse für Neurosen hervor, die sich mit dem Instrumentarium
der Physiologie nicht in den Griff bekommen lassen. Die letzte
neurologische Arbeit erscheint 1897. Danach widmet er sich
ausschließlich den Neurosen und der Spekulation über deren
Ursachen. Freud löst sich dann im Laufe der Jahre fast gänzlich
von der naturwissenschaftlichen Methodik, die seine früheren
Arbeiten bestimmten, und wendet sich im Alter der Kulturkritik
zu. (2)
Es ist Freuds Verhängnis, seine Tragik, wenn man so will, dass
er sich mit dem untauglichen Instrument des
vulgärmaterialistischen Wissenschaftsverständnisses auf das
problematische Gebiet der seelischen Erkrankungen begibt. Er ist
zutiefst vom positivistischen Glauben durchdrungen, dass
Detail-Wissenschaft die Philosophie ersetzen könne und müsse.
Vor dem Hintergrund dieser tiefsitzenden Überzeugung muss seine
ausgeprägte Philosophie-Feindlichkeit gesehen werden, die seiner
Abneigung gegenüber der Religion kaum nachsteht. Für Freud ist
Wissenschaft praktizierte Philosophie. Die Welt erscheint ihm
als etwas Unverrückbares, Statisches, über das man nur noch das
Planquadrat der Vernunft zu breiten hat, um es zu katalogisieren
und dem wissenschaftlichen Verständnis zu erschließen. Die
völlige Erforschung der Welt ist in diesem Sinne nur eine Frage
der Zeit, und da sich prinzipiell alles rational erklären läßt -
so folgert Freud -, müssen sich auch die Ursachen seelischer
Krankheiten aufdecken lassen.
Freud bleibt zeit seines Lebens dieser vulgärmaterialistischen
Auffassung verhaftet. Als er den Boden der Empirie verlässt und
das spekulative Gebäude der Psychoanalyse errichtet, ist er sich
dieses Verlassens schuldhaft bewußt. Er betrachtet die
Psychoanalyse lediglich als einen Vorgriff, als eine Hypothese,
die eines Tages durch exakten Nachweis zum wissenschaftlichen
Festland werden soll. Andererseits ist er von der prinzipiellen
Richtigkeit seiner Hypothesen mit einer fast religiösen
Gläubigkeit überzeugt, die ihn den empirischen Beleg nur noch
als eine Art Formsache empfinden lässt: "Das
Gebäude der Psychoanalyse, das wir geschaffen haben, ist in
Wirklichkeit ein Überbau, der irgend einmal auf sein organisches
Fundament aufgesetzt werden soll; aber wir kennen dieses noch
nicht." (3)
Das wichtigste Werk der psychoanalytischen Literatur vor
Erscheinen der "Traumdeutung" sind die
"Studien zur Hysterie", die Freud 1895
gemeinsam mit Breuer herausbringt. Die Studien enthalten im
wesentlichen fünf Krankengeschichten, darunter den von Breuer
geschilderten Fall der "Anna 0.". Die
Verfasser verwenden für ihre Therapie, die Patienten unter
Hypnose "verdrängte" Erlebnisse
erzählen zu lassen, den Begriff der "Psychokatharsis".
Freud kommt später von der Hypnose ab und ersetzt sie durch die
Methode der "freien Assoziation". Er
ist der Auffassung, dass die Hypnose nur einen vorübergehenden
Erfolg bewirke, da sie den "Widerstand"
des "Unbewußten" verdecke, der sich
beim wachen Patienten bemerkbar mache.
Freuds Freundschaft mit Breuer ist schon bei Erscheinen der "Studien" einer fast feindseligen Haltung
gewichen, weil Breuer es ablehnt, die zentrale Ursache der
Neurosen in der Sexualität zu suchen. Im übrigen steckt Freuds
Gedankengebäude aber erst noch in den Anfängen. Freud ringt
mühsam um Begriffe und unternimmt noch immer den Versuch, ein
physiologisch strukturiertes Modell der Psyche zu entwerfen. In
diese Periode fällt seine Freundschaft mit dem Berliner Hals-
und Nasenspezialisten Wilhelm Fließ. Freud übernimmt von Fließ
vor allem den Hinweis auf die - dem Volksmund schon immer
geläufige angebliche Beziehung zwischen Nase und Genitalapparat
und die ursprüngliche Bisexualität des Menschen. Ganz allgemein
scheint er sich von Fließ eine medizinisch-biologische
Bestätigung seiner Sexualtheorie zu erhoffen. "Vielleicht finde ich bei Dir den Boden, auf dem ich
aufhören kann, psychologisch zu erklären, und beginnen,
physiologisch zu stützen", schreibt er am 30. Juni 1896
in einem Brief an seinen Freund. (4) Zu Beginn des neuen Jahrhunderts
erkaltet dann auch die "in mancher Beziehung
so neurotische Freundschaft" (Jones) mit Fließ. Sie
weicht ähnlicher Feindseligkeit wie gegenüber seinem früheren
Mentor Breuer oder den später abfallenden Jüngern seines Kreises
wie C. G. Jung.
Die "Traumdeutung" (1900) verrät nichts
mehr von Freuds anfänglichem Bemühen, seine Psychologie in der
Physiologie zu verankern. Rein spekulativ deutet er Luftschiffe,
Schlangen, Krawatten, Hämmer, Flinten, Dolche, Baumstämme,
Schirme usw. als Penis-Symbole, wogegen Höhlen, Schiffe, Dosen,
Schachteln, Kästen, Schränke, Öfen usw. angeblich verkappte
Erscheinungen der Vagina sind. Da jeder Gegenstand eine mehr
runde oder längliche Form aufweist, scheidet er damit praktisch
die ganze Erscheinungswelt in Penis- und Vagina-Symbole.
Auch bestimmte Situationen im Traum, etwa das Treppensteigen,
offenbaren sich ihm als sexuelle Vorgänge. Die "Traumarbeit" besteht Freud zufolge darin,
dass die oftmals peinlichen Vorstellungen des latenten
Trauminhalts vom Bewußtsein des Schläfers so lange abgewiesen
werden, bis sie genügend symbolhaft entstellt sind, um die "Zensur" des "Ich"
passieren zu dürfen. Demselben Zweck diene die Verkehrung ins
Gegenteil. Wenn beispielsweise jemand träumt, er durchschreite
eine Flucht von Zimmern, dann kann damit nach psychoanalytischer
Auffassung genauso ein Bordell-Besuch (ursprünglicher
Symbolgehalt) wie dessen "Gegenteil",
die Ehe, angesprochen sein.
In seiner "Psychopathologie des Alltagslebens"
(1904) und der Schrift "Der Witz und seine
Beziehung zum Unbewußten" (1905) spinnt Freud den Faden
der "Traumdeutung" weiter. Die
Fehlhandlungen des Alltags, das Versprechen, Verlegen und
Vergessen sowie die halluzinationsähnlichen Erscheinungen des "deja vu" oder "deja raconte"
erscheinen ihm ebenfalls als Beweis für die Existenz eines "Unbewußten" in der menschlichen Seele,
welches die Wächterinstanz des bewußten "Ich"
immer wieder übertölpelt. Die "Freudsche
Fehlleistung" wird zum stehenden Begriff. Die Funktion
des Witzes erklärt Freud aus einem plötzlichen "Lustgewinn", aus "erspartem
psychischem Aufwand", der normalerweise erforderlich
gewesen wäre, um eine dem Witz zugrunde liegende Vorstellung zu
unterdrücken.
In den "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie"
(1905) legt Freud der menschlichen Natur einen allgemeinen
Geschlechtstrieb (Libido) zugrunde, der sich auf "Sexualobjekte" (Personen) und "Sexualziele" (Handlungen) richte. Er
postuliert einen "zweizeitigen Ansatz zur
Sexualentwicklung". Den ersten Ansatz, der bei den
meisten Menschen allerdings einer "infantilen
Amnesie" verfalle, sieht er bereits im frühen
Kindesalter, wenn das Kind an der Brust der Mutter saugt oder
Interesse für seine Ausscheidungen bekundet. Dementsprechend
gliedert er seine "prägenitale Organisation
des Sexuallebens" in eine "orale"
und eine "anal-sadistische" Phase. Die
Energie der infantilen "Partialtriebe"
werde während einer später einsetzenden "Latenzperiode"
ganz oder größtenteils "von der sexuellen
Verwendung abgeleitet und anderen Zwecken zugeführt". Die
Pubertät unterstelle dann die Partialtriebe dem "Primat der Genitalien". Hinter Gefühlen wie
Zärtlichkeit, Verehrung und Hochachtung, welche die genitale
Sexualität des Menschen begleiten, sieht Freud "die alten, jetzt unbrauchbar gewordenen
Sexualstrebungen der infantilen Partialtriebe".
Freud glaubt feststellen zu können, dass sich bei keinem anderen
Lebewesen außer dem Menschen der von ihm behauptete "zweizeitige Ansatz zur Sexualentwicklung" mit
der "Latenzperiode" beobachten lasse,
und dass hierin die Grundlage der menschlichen Kultur zu suchen
sei: "Die Kulturhistoriker scheinen einig in
der Annahme, dass durch solche Ablenkung sexueller Triebkräfte
von sexuellen Zielen und Hinlenkung auf neue Ziele ein Prozess,
der den Namen Sublimierung verdient, mächtige Komponenten für
alle kulturellen Leistungen gewonnen werden." Auch im
späteren Sexualleben, so lehrt die Psychoanalyse, sei diese
geheimnisvolle "Sublimierung" sexueller
Triebe die Voraussetzung jeglicher kultureller Höherentwicklung
des Individuums und mit ihm der Menschheit.
Freud nimmt eine "infantile Sexualforschung"
an, die ab dem dritten Lebensjahr einsetze. Sie ende bei dem
Knaben, der des penislosen Mädchens angesichtig werde, mit dem "Kastrationskomplex", indem er fortan die
Befürchtung hege, ebenfalls "kastriert"
zu werden. Hinzu hinterlasse die endlich gewonnene Überzeugung,
dass das Weib keinen Penis besitzt, oft eine "dauernde
Geringschätzung des anderen Geschlechts". Umgekehrt
verfalle das Mädchen dem "Penisneid",
sobald es der Zierde des Knaben angesichtig werde: "Es bemerkt den auffällig sichtbaren, groß angelegten
Penis eines Bruders oder Gespielen, erkennt ihn sofort als
überlegenes Gegenstück seines eigenen, kleinen versteckten
Organs und ist von da an dem Penisneid verfallen." Das
Mädchen hege fortan nur noch den Wunsch, "auch
ein Bub zu sein".
Freud glaubt ferner, dass Knaben und Mädchen in früher Kindheit
eine "inzestuöse Objektwahl" treffen,
indem sich nämlich der Junge in die Mutter und das Mädchen in
den Vater verliebt. Daraus entwickele sich der "Ödipuskomplex", dessen mangelhafte
Bewältigung die Ursache zahlreicher Neurosen sei. "Man sagt mit Recht", so schreibt er, "daß der Ödipuskomplex der Kernkomplex der Neurosen
ist, das wesentliche Stück im Inhalt der Neurose darstellt. In
ihm gipfelt die infantile Sexualität, welche durch ihre
Nachwirkungen die Sexualität des Erwachsenen entscheidend
beeinflusst. Jedem menschlichen Neuankömmling ist die Aufgabe
gestellt, den Ödipuskomplex zu bewältigen; wer es nicht zustande
bringt, ist der Neurose verfallen."
Mit "Totem und Tabu" (1912) begibt sich
Freud sogar auf das Gebiet der Ethnologie und Anthropologie. Die
Sitten primitiver Stämme inspirieren ihn zu einem waghalsigen
Essay über die mutmaßlichen Anfänge der menschlichen Kultur.
Freud sucht sie im gewalttätigen, eifersüchtigen Vater der
Darwinschen Urhorde, der alle Weibchen für sich behält und die
heranwachsenden Söhne verjagt. Er nimmt an, dass sich die Söhne
eines Tages zusammenschlossen, den Vater erschlugen und nach
kannibalischer Sitte verspeisten. Anschließend seien die Söhne
jedoch aufgrund ihrer "ambivalenten"
Beziehung zum Vater, den sie zugleich geliebt und bewundert
hätten, von Reue und Schuldbewußtsein befallen worden. "Sie widerriefen ihre Tat, indem sie die Tötung des
Vaterersatzes, des Totem, für unerlaubt erklärten, und
verzichteten auf deren Früchte, indem sie sich die
freigewordenen Frau versagten." So seien der Brauch der
Totem-Mahlzeit und das Gebot der Exogamie entstanden.
Im "Abriß der Psychoanalyse", den er
1938 beginnt und nicht mehr vollendet - Freud stirbt 1939 in
London -, fasst er sein mehrfach revidiertes Gedankengebäude
nochmals zusammen: Anstelle des einzigen Geschlechtstriebs
postuliert er jetzt zwei "Grundtriebe",
nämlich den "Eros" und den "Todestrieb". Die frühkindliche Beschäftigung
mit der Sexualität in der "oralen" und
"analen" Phase erweitert er um eine "phallische Phase", in der die Aufmerksamkeit
der Kinder (beider Geschlechter) auf den männlichen Penis
gerichtet sei. Freud schreibt weiter:
"Knaben und Mädchen haben von jetzt an
gesonderte Schicksale. Beide haben begonnen, ihre intellektuelle
Tätigkeit in den Dienst der Sexualforschung zu stellen, beide
gehen von der Voraussetzung des Allgemeinvorkommens des Penis
aus. Aber jetzt scheiden sich die Wege der Geschlechter. Der
Knabe tritt in die Ödipusphase ein, er beginnt die manuelle
Betätigung am Penis mit gleichzeitigen Phantasien von
irgendeiner sexuellen Betätigung desselben an der Mutter, bis er
durch das Zusammenwirken einer Kastrationsdrohung und dem
Anblick der weiblichen Penislosigkeit das größte Trauma seines
Lebens erfährt, das die Latenzzeit mit allen ihren Folgen
einleitet. Das Mädchen erlebt nach vergeblichem Versuch, es dem
Knaben gleichzutun, die Erkenntnis ihres Penismangels oder
besser ihrer Klitorisminderwertigkeit mit dauernden Folgen für
die Charakterentwicklung; infolge dieser ersten Enttäuschung in
der Rivalität häufig mit erster Abwendung vom Sexualleben
überhaupt."
Freud führt ferner den Begriff der "Regression"
ein. Dieser steht für die "Neigung der Libido
im Falle von genitaler Nichtbefriedigung oder realer
Schwierigkeiten in die früheren prägenitalen Besetzungen
zurückzukehren". Wer also in der genitalen Liebe kein
Glück hat, "regrediert" auf die "orale" bzw. "anale"
oder "phallische" Phase seiner
Kindheit; beispielsweise indem er übermäßig ißt, Geld hortet
oder onaniert.
Die psychischen Vorgänge spielen sich für Freud in drei Ebenen
ab: Sie sind entweder bewußt, vorbewußt oder unbewußt. Parallel
hierzu unterscheidet er drei psychische "Instanzen",
nämlich das "Ich" bzw. "Über-Ich", die den Charakter des Bewußten
oder Vorbewußten tragen, und das "Es",
welches mit dem Unbewußten verbunden ist. Das "Ich", der Träger des Bewußten, ist der
Freudschen Lehre zufolge als eine Art von "Rindenschicht"
zu betrachten, die sich vom "Es" in der
Auseinandersetzung mit der Außenwelt absondert. Im "Über-Ich" lebt als Niederschlag der langen
Kindheitsperiode die elterliche Autorität fort. Es ist eine
dritte Macht, der das "Ich" Rechnung
tragen muss. Mit den elterlichen Geboten inkorporiert das "Über-Ich" auch die Familien-, Rassen- und
Volkstradition und die Autorität elterlicher Ersatzpersonen wie
Erzieher, öffentliche Vorbilder, verehrte Ideale usw.
Soweit die Grundauffassungen Freuds. Eine ausführlichere
Darstellung der Psychoanalyse mit ihren nach und nach
entstehenden Hypothesen, ihren mannigfachen
Widersprüchlichkeiten und Korrekturen ist in diesem Rahmen nicht
möglich. Es sei daran erinnert, dass die "Gesammelten Werke"
Sigmund Freuds 17 Bände umfassen. (5) Es ist überhaupt eine
Eigentümlichkeit der Freudschen Psychoanalyse, dass sie sich
schlecht zu präzis-einleuchtender Darstellung eignet. Das
Schrifttum Freuds gemahnt eher Belletristik. Ohne seine
hervorragende schriftstellerische Begabung wäre es ihm
jedenfalls nicht gelungen, die zahllosen Ungereimtheiten seines
Systems so erfolgreich zu kaschieren.
Anmerkungen
1 Paul Roazan, Sigmund Freud und sein Kreis - eine biographische
Geschichte der Psychoanalyse, Gustav Lübbe Verlag, Bergisch
Gladbach 1976, S. 48/49.
2 Das informativste Werk über Freuds Werdegang ist sicher das
seines Schülers und offiziellen Biographen Ernest Jones (Ernest
Jones, Sigmund Freud - Leben und Werk, Deutscher Taschenbuch
Verlag, München 1984, Band 1-3).
3 Sigmund Freud, Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse
(Gesammelte Werke, 11. Band), S. Fischer Verlag, Frankfurt am
Main 1961, S. 403.
4 Ernest Jones, Sigmund Freud - Leben und Werk, Deutscher
Taschenbuch Verlag, München 1984, Band 1, S. 351.
5 Sigmund Freud, Gesammelte Werke, S. Fischer Verlag, Frankfurt
am Main 1961, Band 1-17.
Vom Autor überarbeiteter Auszug aus dem
Buch "Entfremdung - Neurose - Ideologie", Bund-Verlag, Köln.
Lesen Sie im Teil 3: Die Frau als
Kulturfeind. Wie Freud den Zeitgeist und die Vorurteile seiner
Epoche als "Wissenschaft" verkleidete.
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