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© PSYCHOTHERAPIE 12.03.2001Ein
moderner Mythos: Kritik der Freudschen Psychoanalyse (Teil 1)
So untot wie Graf Dracula
Die Psychoanalyse gilt vielen noch immer als "Insignie der höheren
Denkungsart"
VON UDO LEUSCHNER
Die Psychoanalyse sei jene Krankheit, für deren
Therapie sie sich halte, spottete schon Karl Kraus. Als Literat hatte er ein
feines Gespür dafür, dass diese angebliche Wissenschaft ein uneheliches Kind
der Literatur war, und zwar jener von der schlechten Sorte.
Ähnlich äußerte sich der britische Literaturhistoriker
Richard Webster: Für ihn ist Sigmund Freud "der Schöpfer
einer komplexen Pseudo-Wissenschaft, die als eine der größten Torheiten der
westlichen Zivilisation erkannt werden sollte". (1)
"Der Wiener Seelenpionier ist genauso untot wie Graf
Dracula", konstatierte der Psychologie-Kritiker Rolf Degen in einem
jüngst erschienenen Buch. "Besonders bei
geisteswissenschaftlich orientierten Intellektuellen und im Feuilleton gilt
die Psychoanalyse immer noch als eine Insignie der höheren Denkungsart, und
die Krankenkassen blättern für eine Behandlung beim Analytiker bis zum
Abwinken Mittel der Solidargemeinschaft hin." (2)
Der Glaube an die Psychoanalyse ist in der Tat eines der merkwürdigsten
Phänomene des 20. Jahrhunderts - vergleichbar etwa der Begeisterung für den
"Ossian", der als angeblicher Bardengesang aus keltischer Frühzeit im
19. Jahrhundert die gebildete Welt faszinierte. In beiden Fällen tat der
Gläubigkeit keinen Abbruch, dass es sich um Fälschungen bzw. Mystifikationen
handelte, die ohne großen intellektuellen Aufwand als solche zu erkennen
gewesen wären.
Auf der Schwelle zum 21. Jahrhundert wird man allerdings kaum noch "orthodoxe"
Anhänger der Psychoanalyse finden, die das Werk des großen Meisters bis zum
letzten Buchstaben verteidigen (zumal schon zu Lebzeiten Freuds die ersten
seiner Jünger abtrünnig wurden und es heute auf diesem Sektor eine
unübersehbare Vielzahl von Gurus gibt). So ist der angebliche "Penisneid", der bei Frauen eine geschlechtsspezifische
Neurotisierung bewirken soll, heute unschwer als pseudo-wissenschaftliche
Begriffsbildung zu erkennen.
Dagegen erfreuen sich andere Versatzstücke der
psychoanalytischen Glaubenslehre wie der "Freudsche
Versprecher" oder die "orale Fixierung" noch
immer ungebrochener Popularität. Und noch immer wird die Psychoanalyse von
den Krankenkassen als Therapie anerkannt und bezahlt, obwohl nie ein
Nachweis ihrer Wirksamkeit geführt werden konnte.
Auch der famose Begriff des "Unbewussten" hat immer
noch Konjunktur, obwohl er bereits unter logisch-erkenntnistheoretischem
Aspekt ein "Widerspruch in sich" ist, wie Max
Planck auffiel. - Und obwohl sich der Nachweis führen lässt, dass diese
angebliche "Entdeckung" Freuds schon von den
Romantikern in der ersten und vom philosophischen Zeitgeist in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts kultiviert worden war.
Ausbreitung und Popularisierung der Psychoanalyse
Wie konnte es zur epidemischen Verbreitung der
Psychoanalyse kommen? Wie konnte etwas den Nimbus von "Wissenschaft"
erlangen, was eher ein moderner Mythos ist?
Es wäre sicher ein Irrtum, die schließliche Popularität der Psychoanalyse
für eine unmittelbare Wirkung von Freuds Schriften zu halten. Der 1919
gegründete Internationale Psychoanalytische Verlag hat in den zwanzig Jahren
seines Bestehens nur etwa 150 Titel veröffentlicht, darunter mehrere Reihen
und Freuds Gesammelte Werke. Der Gang der Geschäfte war derart schlecht,
dass der Verlag nur selten zahlungsfähig war und sogar seine Autoren,
anstatt ihnen Honorare zu zahlen, um Beiträge zur Deckung der Druckkosten
bitten musste. (3) Das lässt auf
sehr geringe Auflagen schließen, von denen keine unmittelbare Massenwirkung
ausgehen konnte. Ihre eigentliche Verbreitung erfuhren die
psychoanalytischen Thesen also erst durch Presse, Literatur und sonstige
Medien (wobei es eine zweitrangige Rolle spielte, ob die Aufnahme
begeisterter, skeptischer oder feindseliger Art war).
In den Anfängen widerfuhr der Psychoanalyse freilich schlimmeres als
Ablehnung - nämlich schlichte Nichtbeachtung. Und das Zirkelwesen, das Freud
mit seinen Jüngern um sich aufbaute, dürfte zum Teil als Reaktion auf die
ausbleibende öffentliche Anerkennung zu sehen sein. Über Jahre hinweg wurden
er und seine Jünger bei der Verleihung von Professorentiteln, die im Wien
der Jahrhundertwende mit dem sozialen Status eines Mediziners auch dessen
Einkommen beträchtlich erhöhten, übergangen. Dass er den begehrten Titel
1902 schließlich doch erhielt, verdankte er ausschließlich den Bemühungen
einer seiner Patientinnen, die Frau eines Diplomaten war und den zuständigen
Minister günstig zu stimmen wusste. (4)
Die "Traumdeutung", die Ende 1899 erschien und als
ein Hauptwerk der Psychoanalyse gilt, wurde in nur 600 Exemplaren gedruckt,
und es dauerte acht Jahre, bis sie verkauft waren. In der Fach- und
Publikumspresse wurde das Buch trotz aller Bemühungen so gut wie ignoriert.
Ähnlich verhält es sich mit den "Studien über Hysterie",
die Freud 1895 gemeinsam mit Breuer herausbrachte. Von diesem Buch wurden
800 Exemplare gedruckt, von denen nach 13 Jahren gerade 626 Stück verkauft
waren. (5)
Auf fruchtbareren Boden fielen die modernen Mythen der Psychoanalyse erst
nach dem ersten Weltkrieg, der alle alten Werte und Maßstäbe erschüttert
hatte. Als typisch für die massenwirksame Adaption der Psychoanalyse in den
zwanziger Jahren kann ihre Darstellung in der (Trivial-) Literatur gelten.
Zum Beispiel bei Gustav Meyrink, der seine phantastisch-skurrilen
Geschichten mit zahlreichen Zutaten aus dem mystisch-okkulten Bereich zu
garnieren pflegte und dabei auch zielsicher ins Fach der Psychoanalyse
griff. Im "Haus des Alchemisten" ist die Hauptfigur
ein dämonischer Gelehrter, der die Psychoanalyse zur Erzeugung statt zur
Lösung von "Komplexen" einsetzt und sich so seine
Mitmenschen unterwirft. Dabei kommt Meyrink nicht umhin, den Leser erst
einmal in die Grundzüge der Psychoanalyse einzuführen. Und zwar
folgendermaßen:
" 'Komplex!' Apulejus Ochs lehnte sich im Sessel zurück
und verwandelte sich in ein lebendes Konversationslexikon. - 'Die Lehre vom
Komplex ist eine Erfindung des berühmten Wiener Professors Freud und gehört
zum Gebiet der Seelenforschung. Komplexe sind, so könnte man sagen, nichts
anderes als fixe Ideen im Menschen, die nach und nach so stark geworden
sind, dass sie die Handlungsweise der von ihnen Befallenen in einer Art
lenken, die oft aller Vernunft Hohn spricht. Sie sind dann das Schicksal,
dem keiner entrinnen kann. Sie setzen sich wie Korallenriffe aus kleinsten
Teilen zusammen, - eines Tages, wenn die Wellen hochgehen, scheitert das
Schifflein, <Mensch> genannt, an ihnen. [. . .] Kurz und gut, wenn jemand
zugrundegeht, immer ist nur er selber daran schuld. Die Komplexe sind sein
Verhängnis, und dieses Verhängnis schafft er sich selbst. --- Das heimliche
Wachsen der Komplexe gleicht einer seelischen Polypenbildung. Wenn nicht
alle, so sicherlich die meisten Krankheiten des Geistes und - des Körpers
sind ihre Folgen. Scheinbar ganz abseits liegende, unmerkliche seelische
Eindrücke können die Ursache sein, dass sich später der furchtbarste Komplex
im Menschen bildet. Je winziger solche Eindrücke sind, desto gefährlicher
können sie sein. - Glauben Sie mir: es gibt auch geistige Mikroben! -
Körperliche Bazillen können wir töten, wenn sie oder ihr Herd im
Vergrößerungsglas sichtbar zu machen sind; gegen unsichtbare haben wir keine
Waffe. Aus den Träumen, und gerade aus den scheinbar sinnlosen, kann der
Forscher erkennen, von welcher Art Komplex jemand befallen ist. - Ein
solcher Seelenarzt kann dann auch - aber nur vielleicht! - die Ursache
durchschauen, die Wurzel ausreißen und damit die Krankheit beseitigen.'
" (6)
Meyrink liefert hier, bei aller skurrilen Überspitzung, eine im Kern sehr
anschauliche und zutreffende Darstellung der psychoanalytischen Ideologie,
die in der volkstümlichen Redensart vom "Komplex"
die breiteste Stufe ihrer Massenwirksamkeit erreicht. Er macht sogar auf den
Widerspruch zwischen dem Spiritualismus des psychoanalytischen Seele-Modells
und seinem vulgärmaterialistischen Ausgangspunkt aufmerksam, indem er die
Psychoanalyse als die Zuversicht jener Gelehrten bezeichnet, "die da hoffen, es gäbe keine Seele".
Kreuzungsversuche mit dem Marxismus
Es konnte nicht ausbleiben, dass die Psychoanalyse als
geistige Mode und Ersatzphilosophie auf andere ideologische Richtungen stieß
und sich teilweise mit diesen vermischte. Einer solchen Vermischung günstig
waren vor allem sämtliche Varianten der Lebensphilosophie, die Fleisch vom
selben Fleisch waren und mit der Psychoanalyse in fortgesetzter Verbindung
immer neue literarische und künstlerische Triebe hervorbrachten. Auch der
Marxismus rückte verstärkt ins Blickfeld von Anhängern der Psychoanalyse.
Umgekehrt musste die Psychoanalyse manchen enttäuschten Adepten eines
vulgarisierten, auf eine ökonomisch-soziale Theorie reduzierten Marxismus
als Bereicherung erscheinen.
So glaubte der Marxist Siegfried Bernfeld, in der methodischen Grundhaltung
der Psychoanalyse, allen Phänomenen des Bewusstseins eine eigentliche, "unbewusst" bleibende Motivation zu unterstellen, eine
Verwandtschaft mit der ideologiekritischen Haltung des Marxismus erkennen zu
können. Für Fritz Sternberg eröffneten sich durch den Begriff der "Verdrängung" neue Perspektiven der marxistischen Sicht
auf die Gesellschaft, indem er den Kapitalismus als "Hypertrophie
der Verdrängung" zu begreifen versuchte. Otto Fenichel erblickte in
der Psychoanalyse den "Keim einer zukünftigen
dialektisch-materialistischen Psychologie". Praktische Bedeutung
erlangte die Auseinandersetzung zwischen Psychoanalyse und Marxismus vor
allem in der "Sexpol"-Bewegung der KPD, die in der
Beseitigung der "sexuellen Unterdrückung der Massen im
Kapitalismus" den Hebel zur sozialen Revolution zu erblicken
vermeinte. Der "Sexpol"-Guru Wilhelm Reich sah in
der Psychoanalyse ebenfalls "die Grundlagen einer
künftigen dialektisch-materialistischen Psychologie".
Nicht zuletzt wäre hier Erich Fromm zu erwähnen, der bis 1934 ein orthodoxer
Anhänger Freuds war und im Dunstkreis des Frankfurter Instituts für
Sozialforschung mit marxistischer Theorie in Berührung geriet. Fromm sah in
der Psychoanalyse eine "naturwissenschaftliche,
materialistische Psychologie". Soweit er sich als Marxist verstand,
glaubte er, mit Hilfe der Psychoanalyse die soziologische Sichtweise des
Marxismus um den individualpsychologischen Aspekt ergänzen zu können. Nach
seiner Emigration in die USA löste er sich aber immer mehr von der
Orthodoxie beider Arten. Zusammen mit Karen Horney und Harry Stack Sullivan
trug Fromm maßgeblich zur Verbreitung und Reputation der Psychoanalyse in
den USA bei. Das Ansehen, das die Psychoanalyse mittlerweile in den USA
erlangt hatte, trug wiederum nach dem zweiten Weltkrieg entscheidend zu
ihrer weiteren Verbreitung in Europa bei. Denn der alte Kontinent glich auch
geistig einem Trümmerfeld.
Zur Reputierlichkeit der Psychoanalyse als "Insignie der
höheren Denkungsart" trug in Deutschland vor allem ihre Verbindung
mit der "Frankfurter Schule" bei. Mit der paradoxen
These, dass Aufklärung in Mythologie zurückschlage und schon der Mythos
Aufklärung sei, erklärten Horkheimer und Adorno jeden Versuch der geistigen
Orientierung für erlaubt und zugleich für sinnlos. Es war deshalb nur
folgerichtig, dass beide den modernen Mythen der Psychoanalyse anhingen und
diese als Aufklärung begriffen. Hinzu kam eine ähnlich geartete Rezeption
des Marxismus: Der Untergang des bürgerlichen Individuums in der
verwalteten, bürokratischen Massengesellschaft, der bei Adorno und
Horkheimer den auf Moll gestimmten Grundakkord bildet, wiederholt sich auf
ähnliche Weise in Marcuses "eindimensionalem Menschen"
und Fromms entfremdeten Menschen, der das "Sein"
zugunsten des "Habens" aufzugeben droht.
Im Zuge der Studentenbewegung gegen Ende der sechziger Jahre wurden die hier
skizzierten Verschmelzungsversuche zwischen Marxismus und Psychoanalyse neu
entdeckt. Sie spielten mit der Frankfurter Schule und der Variante Marcuses
eine hervorragende Rolle im Denken der "neuen Linken", bevor diese in
Resignation und Sektenwesen zerfiel. Vor allem Wilhelm Reich, dessen "Sexpol"-Ideen zu den anspruchsloseren
Verbindungsversuchen gehörten, erfreute sich zeitweilig größter
Wertschätzung. Seine "Massenpsychologie des Faschismus"
erlebte erst jetzt, wo die repressive Sexualmoral samt anderen Bestandteilen
der Nachkriegsrestauration dem Ende zuging, größere Verbreitung und
Beachtung. Neue Gesichtspunkte ergaben sich in dieser zweiten "Sexpol"-Debatte unter den Auspizien der neuen Linken
jedoch nicht. Sie versackte bald in so verquasten Szene-Bestsellern wie
Dieter Duhms "Angst im Kapitalismus" und leitete
damit direkt über zur "Psycho-Welle" der siebziger Jahre.
Anmerkungen
1 in: Der Spiegel, 25/1998 ("Kathedrale auf Treibsand").
2 Rolf Degen, Lexikon der Psycho-Irrtümer, Eichborn-Verlag, Frankfurt am
Main 2000, S. 13.
3 Ernest Jones, Sigmund Freud - Leben und Werk, Deutscher Taschenbuch
Verlag, München 1984, Bd. 3, S. 46 ff.
4 Ebenda, Bd. 1, S. 394-396.
5 Ebenda, Bd. 1, S. 417 + 300.
6 Gustav Meyrink, Das Haus zur letzten Latern 1 / Die Frau ohne Mund, Moewig
Taschenbuchverlag, Rastatt 1984.
Vom Autor überarbeiteter Auszug aus dem Buch
"Entfremdung - Neurose - Ideologie", Bund-Verlag, Köln.
Lesen Sie
im Teil 2: Freuds Werdegang und die Grundbegriffe des
psychoanalytischen Systems - Penisneid, Ödipuskomplex.
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