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© PSYCHOTHERAPIE 23.09.2000
Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie,
Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) in Lindau (22.-24.09.2000)
Flucht in die nackte "Kreativität"
Psychoanalytiker winden sich vor der Kritik am mangelnden
Psychotherapie-Erfolg
Nichts fürchtet die Psychoanalyse mehr als klare und
transparente Kosten-Nutzen-Vergleiche - zum Beispiel mit der kognitiven
Verhaltenstherapie. Die "unergründliche Tiefe" psychoanalytischer
Gedankengebäude, von Kritikern wissenschaftliche Leere genannt, verschaffte
den Psychoanalytikern auch nach vielen hundert Therapiestunden noch den
einzigartigen Komfort, ergebnislose und fehlerhafte Behandlungen in
flachster und menschenverachtender Weise auf das Versagen des Klienten
abzuwälzen.
"Obgleich Freuds Grundannahmen wie
der Glaube an die Verdrängung, an das Unbewusste und an die Bedeutung der
frühen Kindheit einer kritischen Prüfung nicht standhalten, machen immer
noch Millionen Menschen einen klassischen 'Couchtrip' durch",
kritisierte der Psychologie-Journalist Rolf Degen in seinem jüngst
erschienen und von Psychoanalytikern sogleich heftig attackierten "Lexikon der Psycho-Irrtümer". Den Hauptgrund für das
Beharrungsvermögen der Psychoanalyse sieht Degen darin, dass sie "tief sitzende Bedürfnisse der Gläubigen" nach einem "Stein der Weisen" befriedige, "eine
genialische Offenbarung, die bereits dem Halbgebildeten einen visionären
Einblick in die geheime Mechanik des Lebens gewährt".
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Degen, Rolf: Lexikon der Psycho-Irrtümer.
Frankfurt/Main: Eichborn-Verlag, 2000.
Mit seinem Angriff auf den "Irrgarten" von nunmehr 600
konkurrierenden Therapierichtungen enthüllt der von der Deutschen
Gesellschaft für Psychologie mit dem "Preis für
Wissenschaftspublizistik" ausgezeichnete Journalist die "reine
Quacksalberei" großer Teile der Psycho-Zunft. Provokant trägt das
Buch damit zur Entwicklung wissenschaftlicher Psychotherapie als
echte Heilungsalternative bei - durch fulminante Abrechnung mit
falschen Grundannahmen von Psychoanalyse, Psychosomatik und
Esoterik.
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Dieses archaische Verlangen, "mit ein paar flott zurechtgelegten Deutungen alle Welträtsel
nach dem Instant-Prinzip" geknackt zu erhalten, konnte die
Psychoanalyse "mit ihren rhetorischen Taschenspielertricks
befriedigen", so lange sie sich dem wissenschaftlichen Nachweis ihrer
Wirksamkeit zu entziehen vermochte. Mit der Zunahme der Belege, dass die
klassische Psychoanalyse lediglich teure Zerrbilder der Wirklichkeit
produziert, entwickelte und verfeinerte sich auch die psychoanalytische
Vernebelungsmaschinerie: "Wenn man einem Mythos den Kopf
abhackt, wachsen an anderer Stelle zwei nach", stellt der
Diplom-Psychologe Rolf Degen fest.
Umso erbitterter sind die wütenden und gehässigen Reaktionen, wenn ein
Magazin wie "DER SPIEGEL" (04.09.2000) oder ein Wissenschaftsjournalist wie
Degen den Schwindel aufdecken, den viele psychotherapeutischen
Dienstleistungen und insbesondere die Suggestion einer vorgeblichen "Analyse" darstellen.
Die Beispiele sprechen für sich: Der Psychoanalytiker Gerd Böttcher
beansprucht für sich "eine Würde der Kritik",
beschimpft den "SPIEGEL"-Artikel als "reine
SPIEGELfechterei" und "Boshaftigkeit eines
enttäuschten Feuilletonisten, der sich für eine ihm widerfahrene Unbill
rächen will" und vergewaltigt im selben Moment mit der allergrößten
Selbstverständlichkeit auf seiner Homepage die Grundsätze des Urheberrechtes
mit der Folge, sich bei der Deutschen Presse Agentur (dpa) entschuldigen zu
müssen. 
Hat Rolf Degens erschütternde Schilderung psychotherapeutischen Unvermögens
und verhängnisvoller Psycho-Irrtümer so ins Schwarze getroffen, dass die
psychoanalytische Zunft zwar von Würde noch zu faseln versucht, ihr beim
Dreck-Werfen aber die Maske vollends vom Gesicht fällt?
Für den Psychoanalytiker Dr. Frank Roland Deister, gleichzeitig
Pressesprecher und stellvertretender Vorsitzender des von Psychoanalytikern
dominierten Bundesverbandes der Vertragspsychotherapeuten (bvvp), sind
Degens Buch und der "SPIEGEL"-Beitrag zur Frage, "Was kann
Psycho-Therapie" der "nur wiederaufgewärmte Quatsch
eines neuen Therapeutenfressers". Und Professor Michael B. Buchholz,
Psychoanalytiker und Leiter einer psychosomatischen Abteilung bei Göttingen,
wertet den verdienstvollen Beitrag zur Aufklärung über die Scharlatane der
Psychotherapie als "Stopfung des Sommerloches" ab.
Auf die kardinale Frage allerdings, was denn nun eine erfolgreiche
Psychotherapie ausmacht, gibt der Psychoanalytiker Buchholz eine Erklärung,
die so unscharf und so wenig greifbar ist wie der Herbstnebel am Bodensee:
Die entscheidende Rolle für den Erfolg einer Psychotherapie, so Buchholz,
spiele die Kreativität des Behandelnden. Für jeden individuellen Fall müsse
der Therapeut eine geeignete Intervention "erfinden",
sagte Buchholz am heutigen Freitag in Lindau. Am Bodensee veranstaltet die
Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik
und Tiefenpsychologie (DGPT) bis Sonntag ihren Jahreskongress.
Die extrem unterschiedlichen und für die Psychoanalyse wenig erfreulichen
Ergebnisse der Wirkungsvergleiche verschiedener Therapieformen völlig
ignorierend, behauptete Buchholz, es sei inzwischen "unumstrittener
Konsens", dass Psychotherapie bei psychischen Problemen besser helfe
als Medikamente oder Gespräche mit unausgebildeten Ärzten. Die
psychoanalytische Forschung wende sich nun verstärkt der Bedeutung einer
kreativen Behandlung zu. Zwar spielten Fach- und Sachwissen nach wie vor
eine wichtige Rolle. Dies könne aber nie unabhängig von der konkreten Person
des Patienten genutzt werden. Die individuellen Anforderungen jeder
Behandlung wiederum machten eine allgemein gültige Definition der
Psychotherapie unmöglich, sagte Buchholz.
Wie bitte, mag der Beobachter fragen: Eine allgemein
gültige Definition der Psychotherapie unmöglich? Die nackte Kreativität des
Behandelnden als entscheidender Faktor? Soll das heißen: wie abstrus auch
immer, Hauptsache kreativ? Dass die Psychoanalytiker sich angesichts der
wachsenden Kritik mit besonders wolkigen "rhetorischen
Taschenspielertricks" einer wissenschaftlichen Begründung ihres Tuns
ebenso zu entziehen trachten wie der Wirkungsforschung, überrascht umso
weniger als sie darin gut hundert Jahre Erfahrung haben. Ob die moderne
Gesellschaft weiterhin "dem gewaltigen Tross von
einflussreichen Mythenschützern" (Degen) ihre Klarsicht, ihren
Verstand und ihr Geld zum Fraß vorwerfen will, wird sich erweisen.
Einstweilen wird in der DGPT, der bundesweiten Vereinigung von rund 3.000
Psychoanalytikern, intensiv an der Verfeinerung mythischer Nebelwerfer
gearbeitet. Kreativ - versteht sich.
Gelegentlich vermag das mythische Sperrfeuer der Psychoanalyse, die Udo
Leuschner in seiner vierteiligen Kritik des psychoanalytischen Mythos "so untot wie Graf Dracula" nennt, die Sicht darauf
behindern, dass es neben den psychoanalytischen und tiefenpsychologischen
Schulen durchaus wissenschaftlich fundierte Psychotherapieverfahren - z.B.
die kognitive Verhaltenstherapie - gibt. In ihrem langen Todeskampf wird die
Psychoanalyse den Krankenversicherungen daher noch viel Geld kosten und den
Hilfesuchenden noch viele Wunden schlagen - bis die Sonne klaren Denkens
den Nebel vertreibt. Nicht nur in Lindau am Bodensee.
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