© PSYCHOTHERAPIE 04.09.2000
"Lexikon der Psycho-Irrtümer": Psychoanalyse und
Tiefenpsychologie in öffentlicher Kritik
Wider die Psychoanalytiker, Quacksalber
und Gesundbeter
Generalangriff auf Unwissenschaftlichkeit eines großen Teils der
Psycho-Szene
Psychotherapie - insbesondere die
Psychoanalyse - ist nach Ansicht des Wissenschaftsjournalisten
Rolf Degen eine moralisch verkommene Veranstaltung von sündhaft
teuren, inkompetenten Gesundbetern, die den Patienten
Allwissenheit über die menschliche Psyche vorgaukeln, in
Wahrheit aber nur längst widerlegten Mythen aufsitzen.
Harsche Worte wählt Degen in seinem
jüngsten Werk "Lexikon der Psycho-Irrtümer",
um die seines Erachtens durchgehende Wirkungslosigkeit der
psychotherapeutischen Schulen zu geißeln. Ihr Einfluss sei
vielfach nicht größer als ein Placebo oder ein vertrauensvolles
- und kostenloses - Gespräch mit einem Freund.
Mit einem Frontalangriff auf den "Irrgarten"
von nunmehr 600 konkurrierenden Therapierichtungen will der
Bonner Wissenschaftsjournalist die Psycho-Zunft zwingen, den
Schritt von der "reinen Quacksalberei"
zu einer ernsthaften Wissenschaft und echten Heilungsalternative
zu machen. Sein Buch, eine fulminante Abrechnung mit
Grundannahmen von Psychotherapie, insbesondere Psychoanalyse,
Psychosomatik und Esoterik, erscheint diesen Montag im
Eichborn-Verlag (Frankfurt/Main).
Der holländische Wissenschaftshistoriker Han Israels hatte im
vergangenen Jahr mit "Der Fall Freud"
eine neue Runde im "Freud-Bashing", dem
Freud-Ohrfeigen, eingeleitet. Israels wies dem Altmeister der
Psychoanalyse fahrlässigen Umgang mit den Tatsachen und bewusste
Falschangaben nach. Der 47-jährige Degen schlägt in die gleiche
Kerbe, wenn er sämtliche Grundannahmen der Psychoanalyse, von
der psychosexuellen Entwicklung bis zum Unbewussten, als
unhaltbar bezeichnet. Freud habe mehr Schaden angerichtet als
Marx. Und doch, darin liegt nach Degen der Skandal,
ziehen Psychoanalytiker nach wie vor den Krankenkassen Geld für
Langzeittherapien aus der Nase.
Gängige Vorstellungsmuster der Psycho-Szene und vieler Laien
sind nach Ansicht des Autors: der böse Einfluss gewaltgeiler
Medien, die verheerenden Folgen verwöhnender Erziehung, die
Verdrängung unangenehmer Erlebnisse ins Unbewusste, eine
verkorkste Psyche als Ursache körperlicher Krankheiten und die
Unterbeschäftigung des Gehirns zu nur zehn Prozent. Nach Degen,
der dazu ausführlich neuere Literatur zitiert, sind alle diese
Annahmen unbeweisbar oder widerlegt. Die Irrlehren stammten aus
der Frühzeit der Industrialisierung und würden von ärztlichen
Psychotherapeuten, Psychologen und Geistheilern, die sich
hermetisch gegen jeden wissenschaftlichen Fortschritt abkapseln,
seit Generationen nachgeplappert.
Eine Menge beredter Beispiele für die Skrupellosigkeit
verblendeter Psychologen und Psychotherapeuten lieferte das
Inkrafttreten des Psychotherapeutengesetzes zum 01.01.1999. Das
Bemühen des Gesetzgebers, den Wildwuchs im Psychomarkt
einzudämmen, wurde von Psychotherapeutenverbänden teilweise
heftig bekämpft. Besonders hervor tat sich der Berufsverband
Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP), nachdem sein
Versuch gescheitert war, die hohen Qualitäts-Standards im
Psychotherapeutengesetz (PsychThG) zu verhindern. Dessen Kürzel
BDP übersetzte die Ärzte-Zeitung schon mal mit "Büchse der Pandora".
"Es war ein ungeheuerliches Täuschungsmanöver,
das der Berufsverband der Deutschen Psychologen vor Jahr und Tag
eingeleitet hat, um viele seiner Mitglieder in Amt und Brot zu
bringen", schrieb die "Ärzte-Zeitung" (Nr. 63,
Seite 3) am 05.04.2000: "Und alle Beteiligten
im Gesundheitswesen sind darauf hereingefallen."
Der angesehene Frankfurter Psychologie-Journalist Jochen Paulus,
selbst Verfasser eines Buches über Verhaltenstherapie,
berichtete in der Wochenzeitung "DIE ZEIT" (Nr. 8, Seite
27) am 12.02.1998: "Mehr als zwanzig Jahre
lang hofften deutsche Psychologen auf ein Gesetz, um endlich
ihrem Beruf unabhängig von Medizinern nachgehen zu können. Nun
ist das Psychotherapeutengesetz endlich beschlossen - und schon
drohen ganze Verbände und Organisationen, es zu mißachten. Denn
es verlangt künftig Qualifikationen in einer wissenschaftlich
anerkannten Therapie."
"Bisher durften die Seelenheiler in
psychiatrischen und anderen Kliniken praktizieren, wie es ihnen
und dem Chefarzt paßte", stellte Paulus in der "ZEIT"
fest. "Doch nun haben jene Therapeuten ein
Problem, die ihre Ausbildung in obskuren Ecken des florierenden
Psychobasars absolviert und sich über die oft ernüchternden
Ergebnisse der Therapieforschung erhaben gefühlt hatten. Den
vermeintlichen Ausweg aus der Klemme glaubt der Berufsverband
Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) gemeinsam mit
anderen Fachorganisationen gefunden zu haben: Die Kollegen
müßten ihre Behandlungen eben 'umbenennen'. Die Verbände riefen
sogar schriftlich zur 'Guerillatherapie' auf."
"Dieser Betrug, wird nicht dadurch besser",
fuhr Psycho-Kenner Paulus in der "ZEIT" fort, "daß manche Kassenpsychologen ihn bereits
praktizieren. Sie sind nämlich längst auf anerkannte Verfahren
festgelegt und halten sich nicht daran, wie Hans-Ulrich Wittchen
vom Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie festgestellt
hat."
Auch Degen ist anerkannter Psychologie-Journalist. Er
veröffentlicht in den besten deutschen Zeitungen und erhielt
dafür den "Preis für Wissenschaftspublizistik"
der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. Er leistet,
was die meisten Psychologen bisher versäumten: sich mit den
biologischen Begrenzungen des Menschen zu befassen und daraus
die Konsequenzen zu ziehen für geisteswissenschaftlich gewonnene
psychologische Aussagen.
Degens notwendiges und verdienstvolles Buch hat dennoch
Schwächen. Wo Israels forscht, trumpft Degen mit Behauptungen
auf, die nicht weniger einseitig und unhaltbar sind als jene,
die er angreift. Kann wirklich keine einzige
psychotherapeutische Schule Heilwirkungen vorweisen? Selbst
Presse, Fernsehen und Hörfunk berichten, was wissenschaftlich
gesichert ist: Moderne kognitive Psychotherapie und
Verhaltenstherapie in den Händen professioneller
Psychotherapeuten vermag Menschen mit Ängsten, Zwängen,
Depressionen, Sexualproblemen und vielen anderen Störungen
innerhalb von oft weniger als 15 Stunden zu einer dauerhaften
Störungs- und Problembewältigung führen.
Degen hätte dem edlen Ziel, mit den unwissenschaftlichen
Praktiken in der Psycho-Szene aufzuräumen, sehr viel mehr
gedient, wenn er auf der Grundlage des wissenschaftlichen
Kenntnisstandes die Psychotherapie differenzierter betrachtet
hätte. Die wachsenden Anforderungen der gesellschaftlichen und
technischen Entwicklung lassen immer mehr Menschen an ihre
Grenzen gelangen und - psychisch überfordert - versagen.
Psychotherapie werde deshalb heute mehr benötigt als je zuvor,
erläutert Psychotherapeut Dietmar G. Luchmann in der ABARIS
Akademie für Psychotherapie, aber "als
effiziente, strikt problemorientierte und mitunter präventive
Dienstleistung, die eine rasche und dauerhafte Lösung bei
Lebens- und Beziehungskrisen sowie eine überzeugende
Hilfestellung beim besseren Verständnis der eigenen
Persönlichkeit bietet". Für eine aufgeklärte Gesellschaft
eine Selbstverständlichkeit. "Die Schule lehrt
uns Physik, Biologie, Chemie und dergleichen", sagt
Luchmann, "wo aber wird professionell
vermittelt, wie Menschen den besten Gebrauch von ihrem Gehirn
machen können?"
Die Krux mit Psychologie und Psychotherapie liegt in der
Ungenauigkeit des Gegenstandes "Seele";
Studie steht gegen Studie. Der vom Eichborn-Verlag zum "Gegenpapst der Psychoszene" hochgejubelte
Degen zitiert beispielsweise die Metaanalyse des amerikanischen
Psychologen Joseph Durlak, wonach Laien gleiche oder bessere
Heilergebnisse erzielen als professionelle Helfer. Die von
Martin Seligman, dem Präsidenten der American Psychological
Association (der Amerikanischen Psychologenvereinigung APA),
ausgewertete Patientenbefragung eines Verbrauchermagazins kennt
Degen hingegen nicht. Dort wurden die Professionellen als besser
beurteilt im Vergleich zu Freunden und Priestern. Auch eine
eingehende Untersuchung in Bezug auf Kritiken an den
Meta-Analysen zur Wirksamkeit in der Psychotherapie, die im Juli
2000 im "Psychological Bulletin" der APA veröffentlicht
wurde, stellt zusammenfassend fest: wissenschaftlich fundierte "psychological therapies are robustly effective"
(Band 126, Seite 522).
Was Degen als widerlegt ansieht, muss vielleicht nur bis auf
weiteres in der Schwebe bleiben. Er selbst räumt ein, dass die
Debatte um die Wirkung von Psychotherapie keineswegs
abgeschlossen ist. Eine berechtigte und fundierte Kritik kann
der Psychoszene nur nützen, eine reine Gegnerschaft - auf die
das Buch zusteuert - wäre genau so orthodox wie die
Selbstimmunisierung der Psycho-Szene gegen ernsthafte Kritik.
Hier hilft nur Aufklärung - wieder und wieder.
Jochen Paulus schloss seinen "ZEIT"-Bericht über die
Aufforderung des BDP zum Rechtsbruch mit dem Hinweis: "Die Verlautbarungen der Verbände verraten, daß sie
vor allem die Interessen ihrer Mitglieder bedienen.... Schon
machen sie sich für Außenseiterverfahren wie Kunsttherapie
stark, obwohl Beweise fehlen, daß diese Kunst auch den Patienten
nützt. Die Psychologen haben es geschafft, den Ärzten
gleichgestellt zu werden, bravo! Doch wenn sie Patienten nicht
gemäß bestem Wissen, sondern nach eigenem Gusto behandeln, dann
sollte man sie verklagen. Wegen Kunstfehlern. Gleiches Recht für
alle."
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Degen, Rolf: Lexikon der Psycho-Irrtümer.
Frankfurt/Main: Eichborn-Verlag, 2000.
Mit seinem Angriff auf den "Irrgarten" von nunmehr 600
konkurrierenden Therapierichtungen enthüllt der von der Deutschen
Gesellschaft für Psychologie mit dem "Preis für
Wissenschaftspublizistik" ausgezeichnete Journalist die "reine
Quacksalberei" großer Teile der Psycho-Zunft. Provokant trägt das
Buch damit zur Entwicklung wissenschaftlicher Psychotherapie als
echte Heilungsalternative bei - durch fulminante Abrechnung mit
falschen Grundannahmen von Psychoanalyse, Psychosomatik und
Esoterik.
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Die notwendige Reinigung des
Psycho-Marktes von überlebten Psychoanalytikern,
wissenschaftsfeindlichen Quacksalbern und gefährlichen
Gesundbetern wird man von den interessengeleiteten
Psychotherapeutenverbänden schwerlich erwarten dürfen. Auch in
den in Gründung befindlichen und noch zu gründenden
Psychotherapeutenkammern wird die Lobby der Psychoanalytiker
eine Selbstreinigung zuverlässig zu verhindern wissen. Die
Befreiung der Psychotherapie von unwissenschaftlichen und
körperverletzenden Glaubenslehren kann nur eine aufgeklärte
Öffentlichkeit bewirken.
Hierzu ist Rolf Degens "Lexikon der
Psycho-Irrtümer" trotz aller Überzeichnungen und
Pauschalierungen ein nützlicher und überdies unterhaltsamer
Beitrag.
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