
TROTT-WAR, Januar 2003, Seite 14-15
Burn-out - eine unterschätzte Krankheit
Wenn der Job keinen Spaß mehr macht
Burn-out, die "Berufskrankheit der Sozialarbeiter", kann jeden treffen und ist inzwischen in
allen Branchen im Vormarsch. Psychotherapeuten und Supervisoren sind hier die besseren Ärzte: Wer sich den Frust von
der Seele redet, schafft neue Freude an der Arbeit. [...]
Bericht von Jürgen Spieß
In den medizinischen Lehrbüchern sucht man den Begriff Burn-out-Syndrom meist noch vergebens. Zwar ist diese
Erkrankung schwer zu umreißen und einzugrenzen. Dennoch spielt sie heute jn der ärztlichen Versorgung eine vielfach
unerkannte, aber zunehmend bedeutsame Rolle. "Burn-out", wörtlich übersetzt "ausgebrannt", ist ein Zustand der
inneren Leere, der seelischen Verausgabung. Dabei haben die Betroffenen nicht nur ihre wiederaufladbaren Energien
abgegeben, sie sind in ihrer Substanz angegriffen und geschädigt. Körperliche Krankheitszeichen gehören dazu, denn
bekanntermaßen bilden Körper, Seele und Geist eine unzertrennliche Einheit.
Krankheit der Manager ?
Burn-out ist längst nicht mehr die typische Managerkrankheit der unbelehrbaren Workaholics, die
sich täglich neu beweisen müssen. Burn-out betrifft ganz besonders die Angehörigen der so genannten helfenden Berufe
wie Krankenschwestern, Lehrer und Ärzte. Frauen sind noch öfter betroffen als Männer. "Es immer möglichst allen
alles recht zu machen" und "ja nicht als egoistisch" zu werden, unter diesem Druck stehen eher Frauen. "Die
Belastungen für Frauen sind im Vergleich zu denen der Männer häufig höher. Frauen haben in derselben Funktion im Job
mehr zu leisten, um dieselbe Anerkennung zu erhalten", sagt
Dietmar Luchmann, Diplom-Psychologe und Psychotherapeut beim ABARIS Institut für Psychotherapie in Stuttgart. "Außerdem
haben Frauen oft die Mehrbelastung von Familie, Kinder, Haushalt und Beruf zu schultern." Dazu ist der persönliche
Anspruch bei vielen zu hoch. Zu einem Eingeständnis, dass man ausgebrannt sein darf und deswegen noch lange kein
schlechter Mensch ist, gehört Mut.

Mehr als 130 verschiedene Symptome können mit dem Ausgebranntsein einhergehen. Von Anspannung, Einschlafstörungen und
Gereiztheit über Magenbeschwerden und Schweißausbrüche bis hin zu manifestem Zynismus reichen die
Begleiterscheinungen. Geprägt wurde der Begriff "Burn-out" 1974 von Herbert Freudenberger, dessen Untersuchung sich
auf ehrenamtliche Mitarbeiter in Hilfsorganisationen wie therapeutische Wohngemeinschaften, Frauenhäusern oder
Kriseninterven6tionszentren bezieht. Unbehandelt kann es zu schweren Depressionen, körperlichen Erkrankungen oder zur
Abhängigkeit von Suchtmitteln kommen. Am Ende steht häufig die Arbeitsunfähigkeit.
Grenzen anerkennen
Experten streiten sich, ob Burn-out eine ernstzunehmende Krankheit, eine vorübergehende Störung
oder eine Verlegenheitsdiagnose sei. Nach einer 1996 vom Emnid-Institut durchgeführten repräsentativen Befragung von
2000 Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen, leidet bereits jeder Vierte unter dem Burn-out Syndrom. Die
Betriebskrankenkasse (BKK) nahm die Finanzdienstleister und Führungskräfte unter die Lupe und kam zu ähnlich
alarmierenden Ergebnissen. In allen Berufen ereignen sich Situationen, aus denen man ohne HIlfe anderer nicht mehr
herauskommt. Auslöser können Beförderung, Berufseinstieg oder Jobwechsel sein. Dabei spielen neben Über- auch
Unterforderung und falsche Erwartungen eine große Rolle. Besonders Frauen in helfenden Berufen opfern sich häufig so
stark auf, dass kein emotionaler Raum fürs Privatleben mehr bleibt.
Dietmar Luchmann: "Eine wirksame Vorbeugung gegen Burn-out bezieht alle Lebens bereiche
ein, von der Arbeitsstelle bis zur Partnerschaft."
Auch von den Idealen der Pädagogen bleibt oft wenig. Nach Erkenntnissen des arbeitsmedizinischen Diensts in Hamburg
ist ein Drittel der Lehrer vom Burn-out-Syndrom bedroht. Jede zweite Lehrkraft geht dort vorzeitig in Pension. [...]
Das Durchschnittsalter der wegen Dienstunfähigkeit pensionierten Pädagogen liegt bei knapp 55 Jahren.
Gerade Supervision wird von langjährigen Mitarbeitern in Lehr- und Helferberufen als vorbeugende Maßnahme vor
Burn-out geschätzt. Wer gelernt hat, über seine kleinen alltäglichen Probleme in der Arbeit offen zu sprechen, dem
gelingt das auch leichter bei großen persönlichen Themen. Das gilt etwa, wenn man gar nicht mehr weiß, wie es mit
einem Projekt weitergehen soll, wenn die Abgrenzung zu Klienten nicht mehr gelingt oder übergroße Anforderungen die
letzten Reserven rauben. Supervisoren empfehlen, im geschützten Rahmen alles rauszulassen, was nervlich belastet.
Gerade im sozialen Bereich seien die persönlichen Anteile der Mitarbeiter für die Arbeit von enormer Bedeutung. Und
wenn es Raum gibt zum Ablassen von Frust, dann kann auch wieder Freude an der Arbeit aufkommen.
Einen anderen Ansatz verfolgt
Dietmar Luchmann: "Supervision ist nicht wirklich hilfreich, weil deren beschränkte
Möglichkeiten nicht den komplexen Erfordernissen des Problems gerecht werden", meint der Stuttgarter Psychotherapeut.
"Häufig wird übersehen: Ein Burn-out ist stets eine individuelle Reaktion auf eine persönliche Überforderung vor dem
Hintergrund einer individuellen Lebens- und Lerngeschichte. Deshalb gehört die individuelle Verhütung und Behandlung
von Burn-out in die Hände von Psychotherapeuten, die diese individuellen lebens- und lerngeschichtlichen Defizite
beheben helfen können."
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| PSYCHOTHERAPIE
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Leitung:
Dietmar G. Luchmann,
Diplom-Psychologe, Psychotherapeut.
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Burn-out kann nach
Luchmanns Meinung nur dann verhindert oder gelindert
werden, wenn ein grundsätzlicher Wertewandel in unserer Gesellschaft vonstatten geht: "Dazu gehört, psychische und körperliche Grenzen zu akzeptieren und nicht immer weiter zu überrennen. Ebenso ist eine größere Aufklärung über die Zusammenhänge von inneren und äußeren Belastungsfaktoren beim Burn-out notwendig."
© 2003 TROTT-WAR
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