Liebe: unproduktiv, Macht: sexy?
Leserbrief betr. "Scharping auf der Couch",
taz vom 07.09.2001
Liebe wirft einen aus der Bahn, wirft die Psyche aus dem
Gleichgewicht, während Macht sexy macht. Alles klar. Jetzt verstehe
ich die Berichterstattung. Frieden und Liebe haben nun wirklich
nichts miteinander zu tun, weil Liebe ist ja unproduktiv für Psyche,
Geist und Seele. Dagegen macht Macht sexy. Schröder, Scharping,
Fischer, die Nato, die UÇK, George Bush, auf die kommt es an. Sagt
mal, welcher taz-Redakteur ist denn gerade bei Psychotherapeut
Luchmann in Behandlung? Mit verliebten, daher
krankhaft-zwangsneurotischen Grüßen
Hans-Walter Krause*, Berlin
12.09.2001
Antwort:
Lieber Herr Krause, seien Sie versichert, anders als manche
Politiker zu ihren Gespielinnen, pendelt kein taz-Redakteur zwischen
Berlin und Stuttgart, weil er bei mir in Behandlung ist. Lassen Sie
mich auf Ihre bissig-humorigen Grüße erwidern: Wer hat denn gesagt,
dass Liebe unproduktiv ist? Grosse Leistungen in Kunst, Kultur und
Wissenschaft verdanken wir seit Anbeginn auch der Kraft der Liebe.
Es ist für die Beurteilung von Verhalten jedoch hilfreich zu
verstehen, dass Macht nicht nur sexy, sondern auch "scharf" machen
kann. Macht eröffnet Möglichkeiten, die erotisierend auf diejenigen
wirken, die sie ausüben und an ihr partizipieren. Das liegt in der
libidinösen Natur von Macht und ist nicht zu beanstanden. Wer die
Erotik der Macht klug handhabt, kann Gewinn für das Amt und
persönlichen Genuss vereinen. Ein Feldherr allerdings, der mit
pubertierenden Jünglingen öffentlich wetteifern zu müssen meint,
während seine Legionen in den Kampf ziehen, wird ernste Zweifel an
seiner politischen Klugheit wecken. Wer überdies der Verführung der
Mediengesellschaft erliegt, mangelnde politische Inhalte durch
menschelnde Selbstentblößung kompensieren zu wollen, reißt sich
selbst den schönen Schein herunter, der die organisierte
Verantwortungslosigkeit überdecken soll. Dazu bedarf es nicht einmal
des medialen Exhibitionismus mit Badehose am Swimmingpool.
Wenn die taz also fragt, ob die Liebe (im Sinne von Verliebtheit)
den Verteidigungsminister blind gemacht hat, so richtet sich diese
Besorgnis auf die vermutete Einengung der Wirklichkeitswahrnehmung
eines als "liebestoll" empfundenen Politikers, in dessen Händen
unsere Sicherheit liegt. Tatsächlich sind die sicherheitspolitischen
Aspekte eines liebestollen Verteidigungsministers, früher
Kriegsminister genannt, nicht ohne Pikanterie. Entsprechend der
evolutionären Bedeutung der Liebe findet bei Verliebten ein
biologisches Programm zur Fortpflanzung in einer Art chemischer
Kriegsführung statt, die zudem auf einer Ebene abläuft, die kognitiv
nicht zugänglich ist. Messbar ist dies anhand der
hirnphysiologischen Veränderungen von Menschen, die in der frühen
romantischen Phase einer Verliebtheit zum Beispiel denen von
Menschen ähneln, die unter Zwangsstörungen leiden - einer zumeist
auf gewisse Lebensbereiche bezogenen exzessiv verzerrten Bewertung
von Risiken und Vorteilen. Die moderne Hirnforschung bestätigt hier
nur, was seit den Anfängen unserer Kultur bekannt ist. Bereits der
griechische Philosoph Platon (427-347 v. Chr.) beobachtete: "Liebe
ist eine schwere Geisteskrankheit."
Wenn Scharping seine Noch-Ehefrau öffentlich mit Aussagen beleidigt
wie jener, dass er mit der Gräfin nicht zu Hause hocken und
Kartoffeln schälen werde, so kann dies ein Hinweis sein, in welchem
Maße ihn möglicherweise die überwertige Idee einer neuen Liebe
übersehen lässt, dass er die Beziehung, die er über lange Zeit mit
seiner Frau führte und jetzt abwertet, wesentlich selbst mit
gestaltet und zu verantworten hat. Verliebte haben oft eine
nachhaltig verengte und beeinträchtigte Wirklichkeitswahrnehmung,
die sie in ihrem obsessiven Zustand leicht ungerecht, fehlerhaft
oder unangemessen handeln lässt. Sie verkennen in ihrer Fokussierung
auf die selbstsüchtige libidinöse Programmierung, der die Natur sie
unterwirft, nicht selten die Realität, die außerhalb ihres zwanghaft
verengten Wahrnehmungsfeldes existiert. Erst nach 12 bis 18 Monaten
beginnt sich die Hirnchemie von Verliebten wieder zu normalisieren.
"Gott gab dem Mann Penis und Hirn. Leider nicht genug Blut, um beide
gleichzeitig zu bedienen", spottete zu Zeiten des "Oral Office" mit
Monika Lewinsky der US-Schauspieler Robin Williams über Bill
Clinton.
Die Frage ist angebracht, ob unsere Gesellschaft sich einen Minister
leisten will und kann, dessen Fokus der Aufmerksamkeit scheinbar
mehr von seinen Hormonen und weniger von Vernunft und
Verantwortungsbewusstsein für sein Amt gesteuert wird.
Mit freundlichen Grüßen aus Stuttgart
Dietmar G. Luchmann
15.09.2001
*Leserbrief aus der taz vom 12.09.2001.
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