PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753)
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PSYCHOTHERAPIE
die tageszeitung
die tageszeitung, 07.09.2001, Seite 3

Macken, Miles and more

Vor Scharpings Auftritt in der SPD-Fraktion halten ihn viele für erledigt. Doch in der Sitzung trifft er auf erstaunliche Milde

"Ich bin gleich wieder bei Ihnen", sagt Rudolf Scharping. Ohne ein weiteres Wort der Erklärung schiebt er sich durch den Journalistenpulk in den SPD-Fraktionssaal. [...] Man könnte glatt vergessen, dass dieser Mann selbst von vielen seiner Genossen als politischer Zombie angesehen wird: Die "dritte Stufe des Autismus" hat ein SPD-Abgeordneter vor dem Fraktionssaal bei Scharping ausgemacht: In der ersten Stufe merkt man selbst, etwas stimmt nicht, aber die anderen sehen es noch nicht. In Stufe zwei merkt man es selbst und die anderen auch. In der dritten fällt es nur noch den anderen auf. Nie traf diese Charakterisierung mehr zu als für Scharpings Verhalten gegenüber den Spekulationen um seinen bevorstehenden Rücktritt: für ihn scheinen sie nicht zu existieren. [...] Da lag gerade ein katastrophaler Tag hinter Scharping: Die Vorabexemplare des Stern zeigten den Minister auf dem Titel mit Clements Spott von der Macke. [...] Als der Verteidigungsminister am nächsten Morgen zur Fraktionssitzung kommt, hat SPD-Generalsekretär Franz Müntefering den Kurs des Kanzlers präzisiert: Scharping darf bleiben, wenn für seine innerdeutschen Flüge tatsächlich nur dienstliche Anlässe vorlagen. [...].


Auch ohne Amt noch sexy ?

Scharping auf der Couch

Der Diplom-Psychologe und Psychotherapeut
Dietmar G. Luchmann ist Leiter des "ABARIS Instituts für Psychotherapie" in Stuttgart


Wäre ein zurückgetretener Minister Scharping für Kristina Gräfin Pilati-Borggreve überhaupt noch sexy?

Luchmann: Macht macht sexy, wie man weiß. Ebenso, dass manche Beziehungen nicht ohne Kalkül sind. Wenn seine Paarbeziehung nicht auf dem Ministeramt fußt, sollte Herr Scharping auch nach dem Amt noch attraktiv für seine neue Partnerin sein.

Mit seinem Rücktritt könnte Scharping der Gräfin seine unbedingte Liebe beweisen.

Überhaupt nicht. Das hieße, sich den Meinungsmachern auf Gedeih und Verderb auszuliefern.

Scharpings Gebaren wirkt seltsam realitätsfremd. Macht die Liebe den Verteidigungsminister blind für den Imageschaden, den er anrichtet?

Wirkliche Liebe ist ein Zustand, der die Hirnchemie gravierend beeinflusst und die Psyche aus dem Gleichgewicht wirft. Wissenschaftler verglichen den Serotoninspiegel von Verliebten mit dem von Zwangsneurotikern, der verblüffende Ähnlichkeiten aufwies. Die Wirklichkeitswahrnehmung Verliebter ist oft nachhaltig verengt oder verändert. Neurochemisch gesehen, sind sie krank.

Text: Patrik Schwarz. Interview: KUZ

© 2001 die tageszeitung




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