SPIEGEL ONLINE + UniSPIEGEL, 01. Oktober 2001
Serie "Bizarre Berufe"
Trouble Scouts machen müde Manager munter
Wenn hoffnungsvollen Führungskräften der
Job zur Qual wird, merken Unternehmen das meist zu spät.
US-Arbeitgeber gehen einen neuen Weg: Sie setzen Trouble Scouts
ein, um aus ausgelaugten Mitläufern wieder begeisterte
Mitarbeiter zu machen.
Von Oliver Mest
"Ich hatte einfach keine Lust mehr, der Job ging mir gegen den
Strich. Ich wünschte mir nur noch, dass ich Urlaub hätte -
möglichst monatelang und mit der Gewissheit, nie wieder zurück
zu müssen. Ein fürchterliches Gefühl!" So wie dem IT-Leiter
Hannes Bürger geht es vielen Führungskräften vor allem in der
New Economy: Gute Mitarbeiter gehen auf dem Zahnfleisch, sind
kaum noch motiviert, ideenlos und wollen weg.
Für die Unternehmen ist das oft eine Katastrophe: Dass die
Mitarbeiter nicht mehr wollen, merken sie erst, wenn
vermeintlich hoffnungsvolle Führungskräfte in Meetings plötzlich
wirres Zeug reden - und dann ist es schon zu spät.
US-Unternehmen setzen deshalb Trouble Scouts ein. Ihre Aufgabe
ist klar definiert: Sie streifen als externe Berater der
Unternehmen durch die Büros und suchen Mitarbeiter, die
durchhängen. Überwiegend sind Psychologen am Werk. Aber auch
Karriereberater, Personal Coaches und selbst altgediente
Sporttrainer arbeiten als Motivatoren und Ansprechpartner.
Konkurrenz- und Termindruck nagen an Managern
Die Scouts sind aber nicht nur auf der
Suche nach Problemfällen in den Firmen. Mitarbeiter mit
beruflichen, gesundheitlichen und persönlichen Problemen können
von sich aus das Gespräch suchen. Und immer mehr Führungskräfte
nehmen diese Chance wahr.
Der Grund: Gerade in Führungspositionen machen Stress, täglicher
Konkurrenzkampf und Termindruck die Manager einsam. "Die
Menschen sind regelrecht verunsichert", so Warren Bennis,
Management-Professor an der University of Southern California in
der "Financial Times", "sie brauchen jemand, der ihre Ideen
aufnimmt und kommentiert, und sie brauchen jemand, der ihre
existenzielle Verunsicherung versteht."
Die Unterstützung der Trouble Scouts scheint in den US-Firmen
anzukommen. Aber wie sieht es in Deutschland aus? "Im
Unternehmen hatte ich immer das Gefühl, dass mir niemand helfen
konnte", stellt Hannes Bürger heute fest. "Einen Ansprechpartner
für die Ausgelaugten gab es nicht - und ich war bestimmt nicht
der einzige!"
Einmal um die Firma joggen
Was machen also die Unternehmen, um ihre
Mitarbeiter, ob Manager oder Sachbearbeiter, vor der Sinnkrise
zu bewahren? Der Trouble Scout als feste Institution ist (noch)
unbekannt, viele Unternehmen setzen andere Akzente. So bietet
der Spielehersteller Ravensburger als ersten Schritt
Veranstaltungen zur Arbeitsmotivation und Fitness an:
Mitarbeiter können sich zu Themen wie Arbeitssicherheit
informieren, Sportliche nehmen am gemeinsamen Jogging ums
Firmengelände teil.
Körperliche Fitness und Wohlbefinden haben die Unternehmen
mittlerweile als Wettbewerbsfaktor erkannt: Die Gesellschaft für
Arbeitsmedizin fand heraus, dass die Hälfte aller Fehltage in
Deutschland nicht auf tatsächliche Erkrankungen, sondern auf
mangelnde Motivation der Mitarbeiter zurückzuführen sind.
"Arbeit muss Spaß machen, sie muss Zufriedenheit vermitteln",
sagen Experten wie der Arbeitsmediziner Ralph Meunier.
Offene Firmen brauchen keinen Trouble Scout
Vor allem junge Firmen wie die Hamburger
Multimediaagentur Sinner Schrader setzen auf motivierende
Incentives: Massagen im Büro etwa bekommen die Mitarbeiter
verbilligt, Obst und Nutellabrötchen gibt es gratis. Andere
Unternehmen haben auch Wochenend-Tripps nach Rom oder Paris im
Programm.
Wellness und Motivation sind also zwei Mittel, um
"Problemfällen" zu helfen. Ein weiteres Instrument führt von
selbst dazu, dass Mitarbeiter über Stress, Ärger und Ängste
freiwillig reden: Offenheit und Transparenz im Unternehmen und
am Arbeitsplatz. "Wenn die Vorgesetzten es schaffen, eine offene
Atmosphäre zu verbreiten, den Konkurrenzdruck und Arbeitsstress
zu minimieren", erläutert Meunier, "dann könnten viele Probleme
und Sorgen schon im Keim erstickt werden, weil bei den
Betroffenen gar nicht erst das Gefühl aufkommt, das ihnen alles
zu viel wird. Solche Unternehmen bräuchten keine Trouble-Scouts!
Aber wo gibt es das schon?"
Wie verschwiegen ist der Betriebspsychologe?
Bleibt als persönlicher Ansprechpartner
allenfalls der Betriebsarzt. "An den hatte ich damals auch
gedacht", erzählt IT-Spezialist Bürger. "Aber ganz ehrlich: Will
man sich jemandem anvertrauen, bei dem man nicht sicher ist,
dass er anschließend in der Kantine unter den Kollegen alles
ausplaudert? Ich konnte mich jedenfalls nicht dazu durchringen",
so der 37-Jährige. Firmeninterne Angebote scheitern häufig an
Zweifeln an der Verschwiegenheit des Betriebsarztes oder
-psychologen.
Ohne externe Spezialisten gibt es also kaum Hilfe, um
ausgelaugte Mitläufer wieder zu begeisterten Mitarbeitern zu
machen. Nach Einschätzung von
Dietmar G. Luchmann,
Diplom-Psychologe am ABARIS Institut
für moderne Psychotherapie, besteht auch in deutschen
Unternehmen Bedarf an Trouble Scouts: "Wer in der New Economy
arbeitet, hat nicht nur mit klassischen Stressfaktoren wie
Leistungsdruck und Wettbewerb zu kämpfen. Es gibt auch kaum
Zeit, kürzer zu treten, um sich zu entspannen".
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| PSYCHOTHERAPIE
Adressen-Tipp |
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ABARIS® Institut für
Psychotherapie und Life Coaching
Zaackoer Weg 40
D-15926 Luckau
www.abaris.de - Online-Anmeldung für
die Angstambulanz, Coaching, kognitive Verhaltenstherapie,
Psychotherapie, Paartherapie u.v.m.
Leitung:
Dietmar G. Luchmann,
Diplom-Psychologe, Psychotherapeut.
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Die Leute betrieben Raubbau
an ihren körperlichen Ressourcen. Da helfe es wenig, "wenn der
Arbeitgeber vegetarisches Essen spendiert, den Fitnessklub
bezahlt und das Team zum Segeln nach Mallorca einlädt". Damit
gebe es ein neues Betätigungsfeld für Psychotherapeuten,
Karrierecoaches und Berater, meint
Luchmann.
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