PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753)
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PSYCHOTHERAPIE
SPIEGEL ONLINE + UniSPIEGEL
SPIEGEL ONLINE + UniSPIEGEL, 01. Oktober 2001

Serie "Bizarre Berufe"

Trouble Scouts machen müde Manager munter

Wenn hoffnungsvollen Führungskräften der Job zur Qual wird, merken Unternehmen das meist zu spät. US-Arbeitgeber gehen einen neuen Weg: Sie setzen Trouble Scouts ein, um aus ausgelaugten Mitläufern wieder begeisterte Mitarbeiter zu machen.

Von Oliver Mest

"Ich hatte einfach keine Lust mehr, der Job ging mir gegen den Strich. Ich wünschte mir nur noch, dass ich Urlaub hätte - möglichst monatelang und mit der Gewissheit, nie wieder zurück zu müssen. Ein fürchterliches Gefühl!" So wie dem IT-Leiter Hannes Bürger geht es vielen Führungskräften vor allem in der New Economy: Gute Mitarbeiter gehen auf dem Zahnfleisch, sind kaum noch motiviert, ideenlos und wollen weg.

Für die Unternehmen ist das oft eine Katastrophe: Dass die Mitarbeiter nicht mehr wollen, merken sie erst, wenn vermeintlich hoffnungsvolle Führungskräfte in Meetings plötzlich wirres Zeug reden - und dann ist es schon zu spät. US-Unternehmen setzen deshalb Trouble Scouts ein. Ihre Aufgabe ist klar definiert: Sie streifen als externe Berater der Unternehmen durch die Büros und suchen Mitarbeiter, die durchhängen. Überwiegend sind Psychologen am Werk. Aber auch Karriereberater, Personal Coaches und selbst altgediente Sporttrainer arbeiten als Motivatoren und Ansprechpartner.

Konkurrenz- und Termindruck nagen an Managern

Die Scouts sind aber nicht nur auf der Suche nach Problemfällen in den Firmen. Mitarbeiter mit beruflichen, gesundheitlichen und persönlichen Problemen können von sich aus das Gespräch suchen. Und immer mehr Führungskräfte nehmen diese Chance wahr.

Der Grund: Gerade in Führungspositionen machen Stress, täglicher Konkurrenzkampf und Termindruck die Manager einsam. "Die Menschen sind regelrecht verunsichert", so Warren Bennis, Management-Professor an der University of Southern California in der "Financial Times", "sie brauchen jemand, der ihre Ideen aufnimmt und kommentiert, und sie brauchen jemand, der ihre existenzielle Verunsicherung versteht."

Die Unterstützung der Trouble Scouts scheint in den US-Firmen anzukommen. Aber wie sieht es in Deutschland aus? "Im Unternehmen hatte ich immer das Gefühl, dass mir niemand helfen konnte", stellt Hannes Bürger heute fest. "Einen Ansprechpartner für die Ausgelaugten gab es nicht - und ich war bestimmt nicht der einzige!"

Einmal um die Firma joggen

Was machen also die Unternehmen, um ihre Mitarbeiter, ob Manager oder Sachbearbeiter, vor der Sinnkrise zu bewahren? Der Trouble Scout als feste Institution ist (noch) unbekannt, viele Unternehmen setzen andere Akzente. So bietet der Spielehersteller Ravensburger als ersten Schritt Veranstaltungen zur Arbeitsmotivation und Fitness an: Mitarbeiter können sich zu Themen wie Arbeitssicherheit informieren, Sportliche nehmen am gemeinsamen Jogging ums Firmengelände teil.

Körperliche Fitness und Wohlbefinden haben die Unternehmen mittlerweile als Wettbewerbsfaktor erkannt: Die Gesellschaft für Arbeitsmedizin fand heraus, dass die Hälfte aller Fehltage in Deutschland nicht auf tatsächliche Erkrankungen, sondern auf mangelnde Motivation der Mitarbeiter zurückzuführen sind. "Arbeit muss Spaß machen, sie muss Zufriedenheit vermitteln", sagen Experten wie der Arbeitsmediziner Ralph Meunier.

Offene Firmen brauchen keinen Trouble Scout

Vor allem junge Firmen wie die Hamburger Multimediaagentur Sinner Schrader setzen auf motivierende Incentives: Massagen im Büro etwa bekommen die Mitarbeiter verbilligt, Obst und Nutellabrötchen gibt es gratis. Andere Unternehmen haben auch Wochenend-Tripps nach Rom oder Paris im Programm.

Wellness und Motivation sind also zwei Mittel, um "Problemfällen" zu helfen. Ein weiteres Instrument führt von selbst dazu, dass Mitarbeiter über Stress, Ärger und Ängste freiwillig reden: Offenheit und Transparenz im Unternehmen und am Arbeitsplatz. "Wenn die Vorgesetzten es schaffen, eine offene Atmosphäre zu verbreiten, den Konkurrenzdruck und Arbeitsstress zu minimieren", erläutert Meunier, "dann könnten viele Probleme und Sorgen schon im Keim erstickt werden, weil bei den Betroffenen gar nicht erst das Gefühl aufkommt, das ihnen alles zu viel wird. Solche Unternehmen bräuchten keine Trouble-Scouts! Aber wo gibt es das schon?"

Wie verschwiegen ist der Betriebspsychologe?

Bleibt als persönlicher Ansprechpartner allenfalls der Betriebsarzt. "An den hatte ich damals auch gedacht", erzählt IT-Spezialist Bürger. "Aber ganz ehrlich: Will man sich jemandem anvertrauen, bei dem man nicht sicher ist, dass er anschließend in der Kantine unter den Kollegen alles ausplaudert? Ich konnte mich jedenfalls nicht dazu durchringen", so der 37-Jährige. Firmeninterne Angebote scheitern häufig an Zweifeln an der Verschwiegenheit des Betriebsarztes oder -psychologen.

Ohne externe Spezialisten gibt es also kaum Hilfe, um ausgelaugte Mitläufer wieder zu begeisterten Mitarbeitern zu machen. Nach Einschätzung von Dietmar G. Luchmann, Diplom-Psychologe am ABARIS Institut für moderne Psychotherapie, besteht auch in deutschen Unternehmen Bedarf an Trouble Scouts: "Wer in der New Economy arbeitet, hat nicht nur mit klassischen Stressfaktoren wie Leistungsdruck und Wettbewerb zu kämpfen. Es gibt auch kaum Zeit, kürzer zu treten, um sich zu entspannen".

   
 PSYCHOTHERAPIE Adressen-Tipp
ABARIS® Institut für Psychotherapie und Life Coaching
Zaackoer Weg 40
D-15926 Luckau

www.abaris.de - Online-Anmeldung für die Angstambulanz, Coaching, kognitive Verhaltenstherapie, Psychotherapie, Paartherapie u.v.m.
Leitung: Dietmar G. Luchmann, Diplom-Psychologe, Psychotherapeut.


Die Leute betrieben Raubbau an ihren körperlichen Ressourcen. Da helfe es wenig, "wenn der Arbeitgeber vegetarisches Essen spendiert, den Fitnessklub bezahlt und das Team zum Segeln nach Mallorca einlädt". Damit gebe es ein neues Betätigungsfeld für Psychotherapeuten, Karrierecoaches und Berater, meint Luchmann.

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