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ReifenMagazin
Heft 4/2001
Seite 36-39
Burn out - milliardenschwerer Energieverlust
Zombies statt Mitarbeiter
Der Bauch hat es längst gespürt, aber der Kopf braucht noch
seine Zeit: ein morgendliches Unwohlsein, Ängste vor einem neuen
Tag, eine bleierne Müdigkeit scheinen jedwede Energie geradezu
aufzusaugen. Alles Symptome einer Gefühlslage, die von
Medizinern und Psychologen mit "Burn-Out-Syndrom" beschrieben
werden.
"To burn out", zu deutsch "ausbrennen",
beschreibt den inneren Zustand von Menschen, "die depressiv
verstimmt sind, schnell ermüden oder vereinsamen". Diese
Gefühlslage ist zwar nicht ganz neu: So fühlte sich bereits 1996
jeder vierte Beschäftigte laut einer repräsentativen
Emnid-Umfrage unter 2.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern
durch die Arbeit ausgebrannt. Doch inzwischen greift das
Krankheitsbild nach Beobachtungen von Ralf Wegner vom
Zentralinstitut für Arbeitsmedizin in Hamburg stärker um sich.
[...]
Burn-out ist nach Meinung des Psychotherapeuten
Dietmar G. Luchmann, Leiter des
Stuttgarter
ABARIS Instituts für Psychotherapie und
Verhaltensmedizin, immer eine individuelle Reaktion
auf eine individuelle Überforderung. Geprägt wurde der Begriff
1974 in den USA "für eine Krankheit, die vormals enthusiastisch
für eine Aufgabe glühende Menschen zu Apathikern werden lässt."
Wer ausbrennt, der muss einmal entflammt gewesen sein! Mit
diesem geflügelten Wort wird treffend beschrieben, wer besonders
anfällig für das Burn-Out-Syndrom ist. Es sind in der Regel die
Hochmotivierten, besonders begeisterungsfähigen in der
Arbeitswelt. Der Mitarbeiter am Servicecounter, der tagtäglich
150prozentig die Kunden betreut; das Werkstatt-Team, das mit
Schwung den "ganzen Laden schmeißt"; der Inhaber, der morgens
"vor dem ersten Hahnenschrei" schon im Betrieb steht und am
Abend noch die jüngsten Umsatzlisten im heimischen Wohnzimmer
liest. Für viele ist es selbstverständlich, per Handy für die
Firma immer erreichbar zu sein, zu Hause am Computer zusätzlich
per E-Mail oder Internet zu arbeiten, Fortbildungsangebote in
der Freizeit anzunehmen.
Die amerikanischen Wissenschaftler diagnostizierten Burn-Out
anfänglich vor allem im Bereich der so genannten
Full-Contact-Berufe, der Berufsbilder im sozialen Bereich. Doch
seit einigen Jahren richten Arbeitsmediziner und Psychologen ihr
Augenmerk auch auf die Wirtschaft. Hier ist die Vorstellung,
dass jemand am Arbeitsplatz ausbrennt, allerdings immer noch
schwer vorstellbar und wenig bekannt.
Wie viele Menschen in Deutschland tatsächlich am
Burn-Out-Syndrom leiden, ist umstritten. Die Schätzungen reichen
von etwa 300.000 Menschen bis hin zu 1,5 Millionen. Der Grund
für diese weite Spanne: Das Krankheitsbild wird sehr
unterschiedlich ausgelegt. Und nicht immer wird das Ausbrennen
als Auslöser beispielsweise für grippe-ähnliche
Dauerbeschwererden oder chronische Virusinfektionen erkannt.
Noch sind deutsche Unternehmen nach Ansicht von
Psychotherapeut Dietmar G. Luchmann
weit davon entfernt, die wirklichen Kosten der psychischen
Reibungsverluste in ihrer ganzen Größenordnung wahrzunehmen.
Entsprechend schwer fällt es, den volkswirtschaftlichen Schaden
zu beziffern, der durch das Ausbrennen verursacht wird -
beispielsweise durch einen langsam steigenden Krankenstand sowie
eine insgesamt geringere Belastung und Ausdauer der betroffenen
Arbeitnehmer und Führungskräfte. Einen Anhaltspunkt vermitteln
jene Summen, die durch migräne- und kopfschmerzbedingte
Kurzausfälle von bis zu drei Tagen auflaufen. Allein dadurch
entstehen der Wirtschaft Ausfälle in Höhe von etwa sieben
Milliarden Mark jährlich. "Oft, wenn ich als Berater zu
stressgeschädigten Projekten hinzugezogen werde, bin ich
verblüfft, wie viele der Mitarbeiter zu Zombies geworden sind,
die mitlaufen, aber keinen nennenswerten Beitrag mehr leisten
können. Oft sind es die einstigen Spitzenleute des
Unternehmens", weist der angesehene amerikanische
Unternehmensberater Tom DeMarco zudem auf erhebliche
Produktivitätsverluste durch das Burn-Out hin. Denn: "In
Organisationen mit vielen ausgebrannten Mitarbeitern macht sich
eine drückende, lethargische Atmosphäre breit - kein Wunder,
wenn die Belegschaft sich vornehmlich aus lebenden Toten
zusammensetzt."
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| PSYCHOTHERAPIE
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Leitung:
Dietmar G. Luchmann,
Diplom-Psychologe, Psychotherapeut.
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Früher oder später
entschließen sich ausgebrannte Mitarbeiter zur Kündigung. Wer
aber meint, mit frischen Neuzugängen sein Effizienzproblem lösen
zu können, statt die innerbetrieblichen Strukturen zu verändern,
den belehrt DeMarco eines Besseren. Denn: Fluktuation ist ein
Kostenfaktor. Zum einen gehen dem Unternehmen die Investitionen
in das Wissen des Mitarbeiters verloren; zum anderen erfordert
die Einarbeitung des Nachfolgers Zeit und damit Geld. Dazu
addiert sich der Produktivitätsverlust eines Teams oder einer
Abteilung während der Integrationsphase des neuen Kollegen.
Neben der Fürsorgeverpflichtung gibt es also durchaus auch
ökonomische Gründe, bereits erste eindeutige Hinweise auf das
Burn-Out-Syndrom ernst zu nehmen. Dem
freundschaftlich-kollegialen Hinweis "Nun mach' mal halblang",
muss deshalb der drängende Hinweis folgen, kompetente Hilfe zu
suchen und in Anspruch zu nehmen. [...]
Anke Werner/Heinrich Kronlage.
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