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Online Today
Das Magazin zum Internet
Heft Oktober 2000
Seiten 126-130
Burn Out
Erst Feuer und Flamme,
dann ausgebrannt
Ob Schlagerstar oder
Start-up-Unternehmer: Wer beruflich zu schnell Gas gibt, läuft
Gefahr, an seiner Arbeit zu zerbrechen.
Er war jung und fühlte sich uralt. Reto
Bühler, mit knapp 30 bereits oberster Talentscout der
Plattenfirma Mercury Records, hatte einen Traumjob: Stars
treffen, Newcomer fördern und abends Livekonzerte besuchen.
Jeder 16-Stunden-Tag machte den Musikmanager erfolgreicher - und
innerlich ärmer. "Es hat mich alles nur noch grauenvoll
gelangweilt", beschreibt der in Hamburg lebende Schweizer den
Zustand. "Ich hatte keinen Spaß mehr an der Musik. Das ist das
Schlimmste, was dir in der Branche passieren kann."
Neu ist das totale Ausgebranntsein nicht, das der amerikanische
Psychologe Herbert Freudenberger 1974 zuerst als Helfersyndrom
beschrieb. Selbst Dichterfürst Goethe soll schon unter diesem
Zustand gelitten haben, als er, geschafft von den Weimarer
Verhältnissen, nach Italien floh. ...
Der "Zwang der Realität" ... mache das Burn-out-Phänomen zur
wachsenden Gefahr - gerade auch in der Internet- und
Software-Branche, wo geregelte Arbeitszeiten ein Fremdwort sind
und der Leistungsdruck sehr hoch ist. "Es gibt Leute, die können
mit Leidenschaft und Begeisterung zehn bis zwölf Stunden
durcharbeiten", sagt der
Stuttgarter Psychotherapeut Dietmar G.
Luchmann ... in dessen Praxis oft IT-Professionals
kommen. "Aber viele, die zu perfektionistisch sind und fehlerlos
funktionieren wollen, bekommen ein Problem. Es kann nun mal
nicht jeder der Beste sein."
Besonders den Start-up-Unternehmern und ihren hochmotivierten
Mitarbeitern wird ihr Anspruch an die eigene Leistungsfähigkeit
schnell zum Verhängnis. Je weniger dieser erfüllt werden kann,
desto gehetzter, reizbarer und ausgelaugter werden sie.
Körperliche Symptome wie Schlafstörungen, erhöhter Blutdruck,
Rückenschmerzen, Migräne und ständige Erkältungen treten auf.
Das Immunsystem und die Psyche leiden. Die Qualität der Arbeit
lässt nach, statt Engagement herrschen Resignation und Zynismus
vor. Auch im Privatleben drohen zwangsläufig Probleme. Im
Extremfall folgt der Totalzusammenbruch, die Flucht in Drogen
oder sogar Selbstmord.
Depression und Drogensucht: Gegen die schleichende
Zivilisationskrankheit sind auch Prominente nicht gefeit.
Jennifer Capriati, die schon mit 14 Jahren zu den Top Ten der
erfolgreichsten Tennisspielerinnen gehörte und bald darauf auch
Steffi Graf schlug, war bereits mit 18 Jahren ein
Burn-out-Opfer. "Ich verbrachte eine Woche in völliger
Dunkelheit im Bett", so Capriati über den quälenden Zustand.
"Wenn ich in den Spiegel ah, blickte ich in dieses zerstörte
Bild von mir."
Der Erfolgsdruck war zu groß für die
Ballkönigin - sie wurde beim Ladendiebstahl und mit Drogen
erwischt. "Von mir wurde erwartet, an der Spitze zu sein. Wenn
ich nicht gewann, galt ich als Versagerin. Ich war depressiv und
traurig und fühlte mich schuldig." ...
Anke Richter
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