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Net-Business, 11.12.2000, Seite 68
Early Life Crisis
Jung, reich und unglücklich auf der Psychocoach
Jahrelang galten 16-Stunden-Tage in der New Economy
als normal. Angespornt von Aktienoptionen und freundschaftlichem
Betriebsklima arbeiteten Angestellte von Internetfirmen bis zur
Selbstausbeutung. Jetzt kommen sie in die Sinnkrise: "Sudden Wealth
Syndrom", "Stresssucht" und "Early Life Crisis"
heißen die Krankheitsbilder.
www.psychotherapie.com Die Psychotherapeuten
im Silicon Valley haben eine neue Klientel: Junge, reiche
Startup-Mitarbeiter, die an Depressionen leiden. Was fehlt diesen
Endzwanzigern, die in Flipflops und verwaschenen T-Shirts zur Arbeit
gehen, jeden Tag kreative Ideen haben und dafür von ebenfalls jungen,
kreativen Chefs mit Aktienoptionen, Anti-Stress-Massagen und Büroparties
belohnt werden? Sie leiden unter einer verfrühten Midlife Crisis, werden
von Sinnsuche, Stresssymptomen und Depressionen geplagt.
Statt den Dot-Com-Traum zu leben, in dem Kollegen Freunde sind und eine
60-Stunden-Woche wie eine Einladung zur Party klingt, landen sie auf der
Psychiatercoach - oder kündigen gar.
Im Oktober diesen Jahres gaben 129 Geschäftsführer amerikanischer
High-Tech-Firmen ihren Job auf - so die US-Unternehmensberatung Challenger
Gray Christmas - 115 Prozent mehr als im Oktober 1999. Ein Grund: Der
Druck, dem die Macher der New Economy ausgesetzt sind, hat mit dem Verfall
der Aktienkurse zugenommen.
Diejenigen, die ihre Aktien verkauft haben, bevor im März 2000 die
Internet-Seifenblase geplatzt ist, müssten eigentlich froh sein. Schließlich
könnten sie den Rest ihres Lebens in einer Hängematte in der Karibik dösen.
Aber statt ihren Reichtum zu genießen, leiden sie unter "Sudden
Wealth Syndrom" und "Stress-Sucht". "Wer sein Leben
immer um die Arbeit herum organisiert hat, bekommt das Gefühl, nicht mehr
zu existieren, wenn er aufhört, in die Firma zu gehen", fasst der
kalifornische Psychologe Stephen Goldbart das Problem zusammen. Der Gründer
des Money, Meaning & Choices Institutes beschreibt die Symptome
auf seiner Website: Schlaflosigkeit, Schuldgefühle, Angstzustände und
Panikattacken.
Der plötzliche Reichtum wird als Last empfunden, nicht als Chance. Wer
mit Anfang 30 soviel erreicht hat wie die Elterngeneration mit Mitte
Vierzig, den erwischt die Sinnkrise. "Bei den schnell reich
Gewordenen tritt ein ähnliches Phänomen ein wie bei Lottogewinnern: Wenn
der Geldsegen plötzlich über sie hereinbricht, haben sie kein Konzept,
um damit umzugehen", sagt Dietmar G. Luchmann. "Stattdessen fragen sie
sich, was sie eigentlich von ihrem Wohlstand haben". Der
Diplom-Psychologe arbeitet am ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie in
Stuttgart-Vaihingen. Die Nähe zu IBM, Hewlett-Packard und
vielen kleinen IT-Unternehmen bringt ihm zunehmend Patienten aus der New
Economy.
Seit Anfang des Jahres hat das Institut eine
"Burnout-Sprechstunde" eingerichtet. "Wer in der New
Economy arbeitet, hat nicht nur mit den klassischen Stressfaktoren wie
Leistungsdruck und Wettbewerb unter Kollegen zu kämpfen, sondern auch mit
einer extrem kurzen Halbwertzeit des Wissens. Es gibt kaum Zeit, kürzer
zu treten, um sich zu entspannen". Dazu kommt der Hang zur
Selbstausbeutung bei Mitarbeitern, die Aktienoptionen bekommen. "Die
Leute betreiben Raubbau an ihren körperlichen Ressourcen", sagt Luchmann. "Da hilft es auch nicht, wenn der
Arbeitgeber vegetarisches Essen spendiert, den Fitnessklub bezahlt und das
Team zum Segeln nach Mallorca einlädt".
Die deutschen Unternehmen der New Economy entwickeln erst langsam
Sensibilität für die Selbstausbeutung ihrer Mitarbeiter.
"Burnout-Phänomen? Bei uns doch nicht!", lacht Inga Weihe,
Junior-PR-Managerin von Yahoo Deutschland. "Unseren Leuten
macht es nichts aus, lang zu arbeiten. Sie fühlen sich im Büro wie zu
Hause!"
Während die Yahoo-Belegschaft noch ganz auf Startup-Lifestyle
eingeschworen ist, ist eBay Deutschland schon auf dem Weg, den
16-Stunden-Tag abzuschaffen. "Früher haben wir oft noch um 20 Uhr
Meetings angesetzt, so dass wir erst gegen elf Uhr abends rauskamen",
sagt Pressesprecher Joachim Günthert, "heute ist es eher die
Ausnahme, wenn um 22 Uhr noch jemand da ist".
Für Daphne Rauch, PR-Frau bei der Berliner dooyoo AG, ist das
Burnout-Problem kein Fremdwort: "Uns ist klar, dass die Überlastung
der Mitarbeiter dem Unternehmen dauerhaft nur Nachteile bringt. Gemeinsame
Ausflüge helfen, den Stress abzubauen - aber jeder muss seine eigenen Weg
der Regeneration finden. Ich gehe nach der Arbeit mit einer Kollegin
joggen. Auf dem Hinweg reden wir über den Stress und Ärger des Tages.
Auf dem Rückweg ist viel davon vergessen."
Von Kündigungswellen ist die deutsche Internetwirtschaft noch weit
entfernt. "Aber da kommt noch einiges auf uns zu", sagt Psychotherapeut Luchmann, "schließlich ist
die Branche noch jung und ein paar Jahre Stress kann ein junger Mensch
aushalten."
Dorothea Sundergeld
© 2000 Net-Business
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