
Märkische Allgemeine Zeitung, 02.08.2001, Seite 33Die
viel beschworene Vollkasko-Mentalität ist in Deutschland längst
Realität: Das große Geschäft mit unserer Angst.
Die Versicherungsgesellschaft
VON RALF SCHULER
Die Frau hat ihre Kataloge gleich
mitgebracht und lässt sich vom Verkäufer nichts vormachen: Sie
kennt die Expertisen der Stiftung Warentest, die Crash-Versuche
des ADAC und jüngste Sicherheitsstudien aus dem Fernsehen. Beim
Kindersitz für den Sprössling gibt es keine Kompromisse, ein
bestimmtes Modell muss es sein, die Sitzschale gegen die
Fahrtrichtung natürlich, eine gesonderte Stahlstütze, die sich
gegen den Fahrzeugboden presst, ein spezieller Spanngurt vorn,
verstärkte Seitenflanken für den Kopf und patentiertes
Verankerungssystem am hinteren Gurt... Die Reisemulde für den
Nachwuchs - ein mobiler Hochsicherheitstrakt.
Der Verkäufer nimmt's gelassen [...]. Die Wahrscheinlichkeit,
den Sicherheitsvorsprung zwischen ihrem Spezial-Kindersitz und
deutlich billigeren, ebenfalls sehr guten Modellen des gehobenen
Standards jemals nutzen zu können, meint der Fachverkäufer, sei
geringer als die Wahrscheinlichkeit, vom Blitz erschlagen zu
werden. Und zuckt gleichgültig mit den Schultern. Je weiter
Geschäfte den Bereich des Rationalen verlassen, desto lukrativer
werden sie.
Die viel beschworene Vollkasko-Mentalität der Deutschen ist
längst kein Schlagwort mehr. Sie ist Realität. Von 24,6
Millionen Kfz-Versicherungen hierzulande sind knapp die Hälfte
(11,3 Millionen) Vollkasko-Policen. Nimmt man die 3,4 Millionen
Teilkasko-Kunden hinzu, so werden es deutlich mehr Menschen, die
mehr wollen als den nötigsten Schutz. Beim Berliner
Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) sieht
man das nicht ungern, gerade weil in der Autosparte durch
steigende Unfallzahlen bei den Versicherern kaum Gewinne gemacht
werden. Trotzdem darf GDV-Sprecher Siegfried Brockmann sogar auf
Zustimmung von den Verbraucherschützern rechnen, wenn er diesen
Umstand mit Verwunderung zur Kenntnis nimmt: Eine rationale
Versicherungsstrategie würde darauf abzielen, sich lediglich
gegen den "größten annehmbaren Unfall" (Gau) - das wären in
diesem Falle kaum bezahlbare Personenschäden - mit einer
Haftpflichtversicherung abzusichern. Das Aufkommen für kleinere
Kratzer im Lack seien eher Luxus und kosteten zusätzlich Prämie.
Doch die Deutschen sind nicht so. 257,6 Milliarden Mark haben
sie im Jahre 2000 für Versicherungen ausgegeben. Tendenz
steigend. Und die Bereitschaft, durch Selbstbeteiligungen die
Beiträge niedriger zu halten, sei erst langsam im Kommen, weiß
Brockmann. Der Stuttgarter Psychologe
Dietmar Luchmann (siehe Interview)
erklärt das damit, dass viele Menschen "über das natürliche
Bedürfnis nach Verringerung von Unsicherheit hinaus versuchen,
in einer Welt, in der es keine absolute Sicherheit gibt, die
Sehnsucht nach 100-prozentiger Sicherheit zu befriedigen".
Als Ursache für dieses Streben sieht
Luchmann einen partiellen
Realitätsverlust. "Wir haben nicht ausreichend gelernt,
Verantwortung für uns zu übernehmen und die Welt um uns herum
realistisch zu betrachten. Zudem wecken Wirtschaft, Politik und
Religion den Wunsch nach absoluter Sicherheit durch Versprechen,
die nicht befriedigt werden können. Die Ausbeutung der aus dem
Konflikt zwischen Wunsch und Wirklichkeit resultierenden Angst
war zu allen Zeiten ein profitables Geschäft."
Interview
Bis zu 30 Prozent der Menschen leiden im Laufe ihres Lebens an
einer Angsterkrankung
Wenn der bloße Gedanke Panik auslöst
Dietmar G. Luchmann,
Diplom-Psychologe und Psychotherapeut, ist Leiter der
Angstambulanz des ABARIS
Instituts für Psychotherapie in Stuttgart. Mit
ihm sprach Dagmar Schwarzmeier.
Was ist Angst?
Luchmann: Angst ist ein wertvolles
Gefühl, das uns vor Gefahren schützt, indem es eine
Flucht-oder-Kampf-Reaktion auslöst. Es gibt eine biologisch
vorgegebene Bereitschaft des Körpers, auf gewisse Dinge mit
Angst zu reagieren. Ebenso kann sich der Schmerz einer
körperlichen oder psychischen Verletzung so tief im Gedächtnis
eingraben, dass allein der Gedanke an eine Wiederholung Angst
oder Panik auslöst. Bis zu 30 Prozent der Menschen leiden im
Verlaufe ihres Lebens wenigstens einmal an einer
behandlungsbedürftigen Angsterkrankung.
Welche Symptome sind typisch?
Luchmann: Es gibt eine ganze Reihe
von Symptomen, die einzeln oder in Kombination auftreten können.
Dazu gehören Herzrasen, Schwindel , Schwitzen, Zittern, weiche
Knie, Atemnot, Erstickungs- oder Würgegefühle. Auch Kribbeln,
Seh- und Wahrnehmungsstörungen oder Magen-Darm-Beschwerden
können auf Angst zurückzuführen sein.
Wovor haben Gesunde Angst und wovor haben Angstpatienten
Angst?
Luchmann: Angst führt zu einer
sinnvollen Handlungssteuerung, wenn reale Gefahr droht. Es wäre
töricht, ohne Not ein Flugzeug zu benutzen, das nicht
verkehrssicher ist. Krankhafte Angst unterscheidet sich aber von
rationaler Risikominimierung. Das normale Maß an Unsicherheit,
das nun mal zum Leben gehört, wird nicht hingenommen, sondern es
erzeugt eine extrem wirklichkeitsfremde Risikowahrnehmung. Wenn
ein Erkrankter öfter Panik erlebt hat, tritt zusätzlich die
Angst vor der Angst hinzu.
Wie greift Angst in das Leben eines Menschen ein?
Luchmann: Menschen meiden
Situationen und Objekte, die sie zu fürchten gelernt haben.
Dieses in grauer Vorzeit biologisch sinnvolle Programm führt in
der heute technisch und sozial hoch komplexen Welt leicht zur
Arbeits- und Handlungsunfähigkeit. Der Erkrankte fürchtet sich
immer mehr und die Angstgefühle beanspruchen seine gesamte
Aufmerksamkeit. Oft wird erst bei dieser totalen Selbstblockade
eine Angststörung erkannt.

Wie können Angstpatienten behandelt
werden?
Luchmann: Angst- und
Panikstörungen gehören zu den am besten behandelbaren
psychischen Erkrankungen. Völlig ohne Medikamente sind sie heute
regelhaft in weniger als zwölf Stunden mit kognitiver
Verhaltenstherapie erfolgreich zu beheben. Dabei wird das
fehlerhafte Denken, das zu den Angst-Reaktionen führt,
aufgedeckt und verändert.
Das klingt sehr optimistisch.
Luchmann: Ja, das ist nach dem
Stand der Wissenschaft möglich. Allerdings ist die Kluft zur
Versorgungsrealität extrem. Angstpatienten irren nach Beginn
ihrer Erkrankung durchschnittlich acht bis zehn Jahre durch das
Gesundheitssystem, bis sie endlich einen Therapeuten finden, der
ihnen helfen kann.
[...] Anders gesagt: Es gibt nichts, was
Versicherer nicht versichern würden. Und es gibt wohl auch
nichts, was Menschen nicht versichert haben wollen. Künstler
schließen millionenschwere Policen auf ihre Gliedmaßen ab, um im
Falle eines Unfalles nicht zum Sozialfall zu werden. Der kleine
Mann sorgt sich da eher um seinen Zahnersatz, den Hausrat,
Reiserücktritt, Rechtsschutz oder Absicherung gegen Diebstahl
nach dem Juwelenkauf, wie er von einigen Kreditkartenfirmen
angeboten wird. Und auch auf manche Pflichtversicherung, siehe
Auto, wird häufig noch kräftig draufgesattelt, um in den Genuss
von Sonderkonditionen zu gelangen (Einzelzimmer im Krankenhaus,
Kostenübernahme bei neuen Brillen). Dass dabei nicht immer ganz
kühl kalkuliert wird, weiß auch Klaus Marten von der
Brandenburger Verbraucherzentrale. Reale Risiken werden
unterschätzt, dieweil Unsinniges versichert wird. [...]
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