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MAX
Heft 16/2001
26.07.2001
Seite 32
Warum wir nicht treu sein können
Volkssport Seitensprung
Boris Becker ist nicht allein. Die meisten von uns nehmen es mit der Treue
nicht so genau. FREMDGEHEN ist für viele ein Kavaliersdelikt. Kaum einer
rechnet mit einem Skandal und der privaten Katastrophe — man lässt sich
einfach nicht erwischen...
Es ist Punkt 12.15 Uhr, Mittagspause bis 14.30 Uhr,
und Martin, der seinen Wagen in der Tiefgarage geparkt hat und jetzt mit
schnellen Schritten die Hotelhalle durchquert, wird von der freundlichen
Empfangsdame bereits erwartet. "Schön, Sie wieder begrüßen zu dürfen",
lächelt sie. "Ihre Gattin ist bereits auf dem Zimmer. Ich wünsche Ihnen
einen angenehmen Aufenthalt." – "Danke", sagt Martin, "den werd’ ich sicher
haben."
Die Gattin hat inzwischen geduscht und den Champagner kaltgestellt. Als er
klopft, öffnet sie die Tür, wie er es erwartet – nackt, lächelnd, bereit. Es
geht sofort zur Sache. Um 14.10 Uhr rollt er sich von ihrem lustvoll
verschwitzten Körper, küsst seine Lieblingsstelle, das kleine Grübchen, da,
wo ihr Rücken in den Po übergeht. Ciao, mein Schatz, bis nächste Woche
[...].
Psychologie des Seitensprungs
Interview
"Vertrauen ist das Fundament der Partnerschaft"

Dietmar G. Luchmann Reden statt
fremdgehen
Warum gehen Menschen fremd?
In eine Partnerschaft bringt jeder unterschiedliche Erfahrungen, Erwartungen
und Kompetenzen ein. Wo die Liebe hinfällt, wird zunächst nicht die
Unvollkommenheit des anderen gesehen, sondern der Partner idealisiert. Im
alltäglichen Zusammenleben weicht die Verliebtheit einer zunehmenden
Vertrautheit. Dann treten auch die Schwächen deutlich hervor, für die die
meisten Menschen seit ihrer Kindheit Abwertung erfahren haben. Beginnt ein
Partner nun, die Schwächen des anderen anzusprechen, reagieren viele wieder
wie früher: tief verletzt. Deshalb vermeiden es viele, sich in der
Partnerschaft mit ihren Schwächen auseinander zu setzen. Begegnet ein über
die Unzulänglichkeiten seiner Beziehung frustrierter Mensch einem anderen,
der genau das zu haben scheint, was er beim Partner vermisst, erscheint der
Seitensprung als bequeme Lösung.
Sie betrachten den Seitensprung als eine Folge
mangelhafter Kommunikation?
Ja, aber ein Kommunikationsstil, der wechselseitige Anerkennung,
Aufrichtigkeit und tiefe Zuneigung praktiziert, lässt sich lernen.
Gibt es auch Seitensprünge, die mit der Partnerschaft
nichts zu tun haben?
Durchaus. Unsere kurze Kulturzeit kann nicht immer Millionen Jahre
biologische Entwicklung kompensieren, unser Verhalten wird noch oft durch
einfachste Schlüsselreize hormonal gesteuert. Viele unterschätzen ihre
Anfälligkeit, nach biologisch vorgegebenen Verhaltensmustern zu reagieren.
Diese Mechanik ist mit dem derben Satz gemeint: Wenn der Schwanz steht,
schaltet das Hirn ab.
Welche Vermeidungstaktiken gibt es?
Ein guter Weg besteht darin, am Anfang einer Partnerschaft auch für diese
Situation realistische Vereinbarungen zu treffen. Einen besseren Weg stellt
die unermüdliche Pflege der Paarbeziehung dar. Menschen in einer glücklichen
Beziehung sind in der Regel für einen Seitensprung deutlich weniger
anfällig. Ich empfehle meinen Klienten, ihrem Partner dieselbe
Aufmerksamkeit zu widmen, die sie sich selbst wünschen.
Soll man beichten?
Ein Seitensprung verändert eine Beziehung gravierend. Der eine weiß es, der
andere kann es spüren. Sowenig wie ein Autoliebhaber plötzliche
Motoraussetzer ignorieren würde, sowenig sollte ein Seitensprung übergangen
werden. Das Geschehen signalisiert einen ernsten Konflikt in der
Partnerschaft.
Kann man nicht einfach den Mund halten?
Ich empfehle respektvolle Offenheit statt Selbsttäuschung. Das mag
vorübergehend schmerzhaft sein, ist aber für eine im Grundsatz tragfähige
Beziehung ein Gewinn.
Wann sollte man sich einen Seitensprung in jedem Fall
verkneifen?
Ich halte jeden Seitensprung für eine schlechte Idee. Vertrauen ist das
Fundament und das kostbarste Gut jeder Partnerschaft. Der kurze Gewinn an
Lust und Illusion steht zu den Risiken eines nicht mehr behebbaren
Vertrauensverlusts in keiner vernünftigen Relation. Zwar leben wir in einer
Zeit, die Selbstverwirklichung zur Tugend erhebt, die aber auf Kosten des
Partners auf Dauer jede Beziehung tötet. Mit dem Sex ist es nicht anders als
mit den Kirschen in Nachbars Garten: Wenn man die Kirschen stiehlt, bekommt
man Schrotkugeln in den Hintern. Wenn man darum bittet, bekommt man manchmal
die schönsten Kirschen geschenkt.
© 2001 MAX / ABARIS Institut für Psychotherapie,
Stuttgart (Foto)
Lesen Sie hier das ungekürzte und vollständige
Interview mit Psychotherapeut und Diplom-Psychologe Dietmar G. Luchmann.
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