PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753)
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PSYCHOTHERAPIE
MAX


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Heft 16/2001
26.07.2001
Seite 32

Warum wir nicht treu sein können

Volkssport Seitensprung




Boris Becker ist nicht allein. Die meisten von uns nehmen es mit der Treue nicht so genau. FREMDGEHEN ist für viele ein Kavaliersdelikt. Kaum einer rechnet mit einem Skandal und der privaten Katastrophe — man lässt sich einfach nicht erwischen...

Es ist Punkt 12.15 Uhr, Mittagspause bis 14.30 Uhr, und Martin, der seinen Wagen in der Tiefgarage geparkt hat und jetzt mit schnellen Schritten die Hotelhalle durchquert, wird von der freundlichen Empfangsdame bereits erwartet. "Schön, Sie wieder begrüßen zu dürfen", lächelt sie. "Ihre Gattin ist bereits auf dem Zimmer. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt." – "Danke", sagt Martin, "den werd’ ich sicher haben."

Die Gattin hat inzwischen geduscht und den Champagner kaltgestellt. Als er klopft, öffnet sie die Tür, wie er es erwartet – nackt, lächelnd, bereit. Es geht sofort zur Sache. Um 14.10 Uhr rollt er sich von ihrem lustvoll verschwitzten Körper, küsst seine Lieblingsstelle, das kleine Grübchen, da, wo ihr Rücken in den Po übergeht. Ciao, mein Schatz, bis nächste Woche [...].


Psychologie des Seitensprungs

Interview
"Vertrauen ist das Fundament der Partnerschaft"

Dietmar G. Luchmann, 43, Psychotherapeut und Paartherapeut am ABARIS Institut für Psychotherapie in Stuttgart

Dietmar G. Luchmann, Psychotherapeut und Paartherapeut in Stuttgart

Dietmar G. Luchmann  Reden statt fremdgehen   

Warum gehen Menschen fremd?

In eine Partnerschaft bringt jeder unterschiedliche Erfahrungen, Erwartungen und Kompetenzen ein. Wo die Liebe hinfällt, wird zunächst nicht die Unvollkommenheit des anderen gesehen, sondern der Partner idealisiert. Im alltäglichen Zusammenleben weicht die Verliebtheit einer zunehmenden Vertrautheit. Dann treten auch die Schwächen deutlich hervor, für die die meisten Menschen seit ihrer Kindheit Abwertung erfahren haben. Beginnt ein Partner nun, die Schwächen des anderen anzusprechen, reagieren viele wieder wie früher: tief verletzt. Deshalb vermeiden es viele, sich in der Partnerschaft mit ihren Schwächen auseinander zu setzen. Begegnet ein über die Unzulänglichkeiten seiner Beziehung frustrierter Mensch einem anderen, der genau das zu haben scheint, was er beim Partner vermisst, erscheint der Seitensprung als bequeme Lösung.

Sie betrachten den Seitensprung als eine Folge mangelhafter Kommunikation?

Ja, aber ein Kommunikationsstil, der wechselseitige Anerkennung, Aufrichtigkeit und tiefe Zuneigung praktiziert, lässt sich lernen.

Gibt es auch Seitensprünge, die mit der Partnerschaft nichts zu tun haben?

Durchaus. Unsere kurze Kulturzeit kann nicht immer Millionen Jahre biologische Entwicklung kompensieren, unser Verhalten wird noch oft durch einfachste Schlüsselreize hormonal gesteuert. Viele unterschätzen ihre Anfälligkeit, nach biologisch vorgegebenen Verhaltensmustern zu reagieren. Diese Mechanik ist mit dem derben Satz gemeint: Wenn der Schwanz steht, schaltet das Hirn ab.

Welche Vermeidungstaktiken gibt es?

Ein guter Weg besteht darin, am Anfang einer Partnerschaft auch für diese Situation realistische Vereinbarungen zu treffen. Einen besseren Weg stellt die unermüdliche Pflege der Paarbeziehung dar. Menschen in einer glücklichen Beziehung sind in der Regel für einen Seitensprung deutlich weniger anfällig. Ich empfehle meinen Klienten, ihrem Partner dieselbe Aufmerksamkeit zu widmen, die sie sich selbst wünschen.

Soll man beichten?

Ein Seitensprung verändert eine Beziehung gravierend. Der eine weiß es, der andere kann es spüren. Sowenig wie ein Autoliebhaber plötzliche Motoraussetzer ignorieren würde, sowenig sollte ein Seitensprung übergangen werden. Das Geschehen signalisiert einen ernsten Konflikt in der Partnerschaft.

Kann man nicht einfach den Mund halten?

Ich empfehle respektvolle Offenheit statt Selbsttäuschung. Das mag vorübergehend schmerzhaft sein, ist aber für eine im Grundsatz tragfähige Beziehung ein Gewinn.

Wann sollte man sich einen Seitensprung in jedem Fall verkneifen?

Ich halte jeden Seitensprung für eine schlechte Idee. Vertrauen ist das Fundament und das kostbarste Gut jeder Partnerschaft. Der kurze Gewinn an Lust und Illusion steht zu den Risiken eines nicht mehr behebbaren Vertrauensverlusts in keiner vernünftigen Relation. Zwar leben wir in einer Zeit, die Selbstverwirklichung zur Tugend erhebt, die aber auf Kosten des Partners auf Dauer jede Beziehung tötet. Mit dem Sex ist es nicht anders als mit den Kirschen in Nachbars Garten: Wenn man die Kirschen stiehlt, bekommt man Schrotkugeln in den Hintern. Wenn man darum bittet, bekommt man manchmal die schönsten Kirschen geschenkt.

© 2001 MAX / ABARIS Institut für Psychotherapie, Stuttgart (Foto)

Lesen Sie hier das ungekürzte und vollständige Interview mit Psychotherapeut und Diplom-Psychologe Dietmar G. Luchmann.




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