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hi!tech - Das Zukunftsmagazin
Heft 3/2002
Seite 20
Die Couch im Cyberspace
Freuds Couch hat ausgedient. In Zukunft werden viele Klienten nicht mehr zum
persönlichen Gespräch zum Therapeuten kommen, sondern im Internet Hilfe suchen. Und
dort wartet oft nur ein Computer – doch auch der kann hilfreich sein.
Psychotherapie, ohne zum Therapeuten zu gehen
Ist das möglich? Ist nicht Therapie eine der persönlichsten Dienstleistungen, die man sich
vorstellen kann? Natürlich. Doch das Treffen muss nicht in einer Praxis stattfinden.
Es geht auch im Cyberspace: E-Therapy gehört in den USA längst zum Online-Alltag.
Ein einfacher Mausklick – und schon ist man in einer von Hunderten Cyberkliniken.
Auf der virtuellen Couch lässt sich scheinbar jedes Problem lösen, ob
Selbstmordgedanken, Panikattacken oder Depressionen. Tausende selbsternannter
Netzpsychologen versprechen schnelle Heilung per E-Mail oder im Chat. Statt den Weg
zum Therapeuten brauchen Patienten nur noch einen Internetanschluss und natürlich
eine Kreditkarte. Wie etwa bei Tracy Cabot. "Frag Dr. Tracy", wirbt die promovierte
Psychologin für ihre elektronische Sprechstunde in Liebesfragen. Dort erklärt sie,
wie man den Partner fürs Leben findet. Die Antwort – sie besteht aus "mindestens 250
Wörtern" – kostet fünfzig Dollar. Online-Hilfe in allen Lebensfragen verspricht auch
ihre Kollegin Dr. Diana Delaney-Finch. Das Foto der angeblichen Mrs. Delaney-Finch
zeigt alle paar Wochen eine andere Person. Noch seltsamer erscheint das
Beratungsangebot eines "Institute of Transcendent Analysis". Für stolze hundert
Dollar kann man dort dreißig Minuten – mit wem auch immer – chatten und sich
"transzendental" analysieren lassen. In Fällen wie diesen liegt die Vermutung nahe:
Da werden Seelennöte der Menschen einfach ausgenutzt. Fest steht jedoch: Das
Internet verändert die Psychotherapie. Das gilt auch für Österreich, obwohl die
Entwicklung hier deutlich langsamer verläuft als in den USA. Grund dafür ist auch
die gesetzliche Lage. Psychotherapie muss bei uns "unmittelbar und persönlich" sein.
Alles andere ist höchstens Beratung. Trotzdem – es tut sich einiges. Das beginnt
schon bei der Suche eines geeigneten Therapeuten. Früher griff man zum lokalen
Telefonbuch. Therapeutische Richtung, Kosten oder Spezialisierungen fanden sich hier
nicht. Den Richtigen finden
Heute beziehen immer mehr Klienten
Informationen aus dem Internet, und die sind wesentlich umfangreicher. [...] Das
Internet erleichtert aber schon heute die Kontaktaufnahme zwischen Patient und
Therapeut. Und senkt die noch immer hohe Hemmschwelle, sich als Hilfesuchender bei
einem Therapeuten zu outen. "Wir beobachten, dass die meisten Menschen mit
psychischen Problemen nicht durch den Hausarzt zur Psychotherapie finden, sondern
durch qualifizierte Berichte in den Medien, und hier in zunehmendem Maße durch das
Internet", betont der
Psychotherapeut Dietmar G. Luchmann, der neben seiner
Praxis in Stuttgart eine Psychotherapiezeitung im Internet herausgibt. [...]
Leiden verkürzt
Das nutzt dem einzelnen Klienten, aber auch der Gesellschaft.
"Hilfesuchende durch diese Information einige Jahre früher zu geeigneten
Psychotherapeuten zu führen, verkürzt nicht nur jahrelange individuelle
Leidensgeschichten, sondern verringert auch die beträchtlichen gesellschaftlichen
Folgekosten, die psychische Störungen verursachen", sind sich Experten wie
Luchmann einig. [...]
Pilotprojekt
Der Bedarf an Cyberpsychoberatung wächst, was mittlerweile
auch der Österreichische Berufsverband der Psychotherapie (ÖBVP) registriert hat –
wohl nicht zuletzt aus berufspolitischen Gründen, schließlich will man den
wachsenden Psychomarkt nicht Esoterikern, Gesundbetern oder Astrologen kampflos
überlassen. Jetzt will der ÖBVP eine Zertifizierung der Psycho-Online-Angebote
einführen, die natürlich nur ÖBVP-Mitglieder erhalten können. Im Rahmen eines
Pilotprojekts will der Verband zunächst jedoch Erfahrungen sammeln. Über eine
Homepage will die Therapeutenvereinigung Beratung und Krisenintervention via
Internet ein Jahr lang kostenlos anbieten. Der Startschuss für das Projekt soll noch
heuer erfolgen.
Man kann nur hoffen, dass das Projekt besser läuft als jenes in
Deutschland, das der Verband Psychologischer Psychotherapeutinnen und
Psychotherapeuten im Berufsverband
Deutscher Psychologinnen und Psychologen (VPP im BDP) betreut hatte. "Das
öffentliche und moderierte Internetforum präsentierte sich als ein Hort der
Fäkalsprache und Hochstapelei", kritisiert
Psychotherapeut Luchmann die Bemühungen
seiner Berufskollegen. Das Forum wurde mittlerweile vom Netz genommen. Der Erfolg
seriöser Beratungsobjekte wird auch stark davon abhängen, inwieweit es gelingt, die
Berater optimal auf ihre Arbeit im Internet vorzubereiten. Dazu wird es nötig sein,
herkömmliche Beratungsmethoden nicht einfach auf das Internet zu übertragen, sondern
sie dem neuen Medium anzupassen. So wie die Telefonberatung die für Face-to-face-Situationen entwickelten Gesprächsmodelle adaptieren musste, wird auch
die textbasierte Netzberatung spezifische Kommunikationsstrategien erfordern.
Computer als Therapeut
Vielleicht reicht es aber auch, einen Computer so gut zu
programmieren, dass man ihn nicht von einem menschlichen Therapeuten unterscheiden
kann. Der Psychologe John Suler von der Rider University in New Jersey zerbricht
sich den Kopf, über welche Fähigkeiten ein solches Maschinenwesen verfügen müsste.
Es solle etwa stets seine Wertschätzung des Klienten zum Ausdruck bringen, und bei
psychologischen Reizwörtern wie "Vater" muss er unbedingt sofort aufmerksam werden.
Doch letztlich glaubt selbst Suler nicht wirklich, dass Computerprogramme eines
Tages den Therapeuten zur Gänze ersetzen werden. Einen erheblichen Teil der Arbeit
könnten sie ihm jedoch durchaus abnehmen. Kalifornische Forscher haben eine von
Robert Gould, dem ehemaligen Leiter der UCLA-Psychiatrieambulanz, entwickelte
Software getestet. Das Programm, kombiniert mit einigen kurzen Besuchen beim
Therapeuten, hatte praktisch denselben Erfolg wie die klassische Methode. Die
Möglichkeiten der Psychotherapie scheinen also noch lange nicht ausgeschöpft. Die
persönliche Therapiestunde in der Therapeutenpraxis als einzig mögliche Form gehört
aber sicher der Vergangenheit an.
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