PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753)
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PSYCHOTHERAPIE
Hannoversche Allgemeine Zeitung
Hannoversche Allgemeine Zeitung, 24./25.03.2001, Seite 12

CeBIT 22. - 28. März 2001

Der Dauerstress fordert seinen Preis:
Die Internet-Manager sind mue.de

Von ihren 28 Urlaubstagen hat Daphne Rauch im vergangenen Jahr nur acht genommen. Anstelle von Hobbys oder Kneipenabenden gab es Pizza im Büro und Cola satt. Beim Berliner Internetdienstleister dooyoo ging es damit nicht anders zu als bei vielen anderen Start-Ups, deren Kapitalgeber in der 2000er Hausse auf einen schnellen Börsengang drängten.

"Einen Schönheitspreis hätte damals keiner von uns mehr gewonnen", sagt die 34-jährige PR-Managerin. Inzwischen hat man bei dooyoo ein paar Gänge zurückgeschaltet - weil die Baisse an der Börse den Gang aufs Parkett verzögert, aber auch aus Rücksicht auf die Mitarbeiter.

Dahinter steckt nicht Mildtätigkeit, sondern Kalkül: Für ein Verbraucherportal wie dooyoo, das mit Erfahrungsberichten von Kunden Entscheidungshilfen für Einkäufe im Internet bietet, sind die Programmierer vor den Computerbildschirmen die wichtigste Ressource. Da in der Informationstechnologie (IT) akuter Fachkräftemangel herrscht, tut ein Unternehmen gut daran, die einmal gewonnenen Mitarbeiter zu pflegen. Das hat man bei dooyoo erkannt. In der Branche sind die Berliner damit noch die Ausnahme.

"Mir zittern die Hände, und wenn ich nicht 17 Merkzettel von zu Hause mit in die Firma nehme, vergesse ich die Dinge, die ich tun soll", klagte jüngst ein 33-jähriger IT-Spezialist im Diskussionsforum einer Internetzeitschrift. Andere berichten von unnatürlicher Müdigkeit, Schwindelgefühl und Schlafproblemen. Sie können sich plötzlich nicht mehr erinnern, womit sie sich eigentlich beschäftigen wollen oder auf welchem Weg sie sich gerade befinden - die jungen Kreativen fühlen sich ausgelaugt. In der Internet-Euphorie - vor einem Jahr noch wie Heilsbringer einer "New Economy" bestaunt - spüren sie nun die Folgen der Dauerbelastung.

Für Arbeitsmediziner und Psychologen kommt das nicht unerwartet. 70-Stunden-Wochen, immer neue Nachtschichten und der Verzicht auf freie Wochenenden forderten auf Dauer eben ihren Tribut, sagt der Psychotherapeut Dietmar G. Luchmann. In seiner Praxis in der Nähe eines Stuttgarter Gewerbeparks mit vielen High-Tech-Unternehmen ist der Fachmann mit den typischen Symptomen der Branche vertraut: "Da anders als im Auto keine Warnlampen aufleuchten, gehen die Leute ständig über ihre Grenzen."

Luchmann weigert sich jedoch, von einem "Dot.com-Syndrom" zu sprechen. "Auch in der so genannten Old Economy wird zuweilen Raubbau am Körper betrieben." Doch es gibt einen markanten Unterschied zwischen Industriearbeitern und IT-Fachkräften: Während die einen vor allem mit Blick auf die Lohntüte im Akkord Überstunden leisten, überschneidet sich bei Software-Programmierern häufig das berufliche mit dem privaten Interesse.

Das liegt auch daran, dass es den kleinen und quirligen Start-Ups gelungen ist, sich ein familiäres Image zuzulegen. Flache Hierarchien, kleine Teams und kreative Freiheit bei Projekten fördern ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das im Alltag "normaler" Unternehmen zwischen Dienstvorschriften und dem Gerangel der Abteilungsleiter gar nicht erst aufkommt. Luchmann empfindet das als eine trügerische Euphorie: "Manchmal sind schon die jungen Auszubildenden nach zwei Jahren körperlich am Ende."

Es liegt aber nicht nur an der Länge der Arbeitszeit - auch die Intensität hat zugenommen. Immer schneller gilt es zu entscheiden, was wichtig ist und was nicht. E-Mails etwa beschleunigen zwar den Schriftverkehr ungemein, machen ihn aber nicht unbedingt einfacher. Gerade weil es so leicht ist, elektronische Botschaften zu verschicken, landet auch viel Info-Müll im PC-Briefkasten. Folglich wird schnell Nachricht auf Nachricht gelöscht, immer in der Sorge, etwas Entscheidendes zu übersehen.

Unter dem scheinbar selbstverschuldeten Dauerstress leiden am Ende nicht nur die Beschäftigten. Amerikanische Psychotherapeuten haben schon in den siebziger Jahren herausgefunden, dass gestresste Ärzte innerhalb kürzester Zeit zu depressiven Zynikern werden konnten, die ihre Patienten nur noch abweisend behandelten. Auch Richter, Architekten oder Lehrer fühlen sich häufig ausgebrannt, obwohl sie das Maß ihrer Arbeit vielfach selbst bestimmen können. "Burnout" hieß das Phänomen fortan.

Mediziner wissen, dass nur kurzzeitige Überforderung stimulierend wirkt. Bei dauerhafter Überdosierung des Stresshormons Kortisol hingegen schrumpften Teile des Gehirns, so dass sich das Risiko für Depressionen und Gedächtnislücken erhöhe, heißt es in einer aktuellen dänischen Studie. Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO wird die Behandlung von Stress-Folgeerkrankungen schon bald zu einem der größten Kostentreiber im Gesundheitswesen - nach 2020 könnten Depressionen nach Herzerkrankungen zur zweitgrößten Volkskrankheit werden.

   
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Gleichwohl wird dem Phänomen in Deutschland bislang wenig Beachtung geschenkt. Während führende IT-Unternehmen in Skandinavien bereits gemeinsam mit Arbeitsmedizinern nach Lösungen suchen, gibt man sich hier zu Lande noch unberührt. "Unsere Mitglieder sind in dieser Frage noch nicht an uns herangetreten", heißt es beim Branchenverband Bitkom. Auch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin widmet dem Thema keine Aufmerksamkeit.

Bei dooyoo ist man da schon einen Schritt weiter. "Wir gehen jetzt bewusster mit unseren Human Ressources um", sagt PR-Managerin Rauch. Mit Pizza aus dem Pappkarton ist es mittlerweile vorbei - statt dessen steht ständig frisches Obst auf Firmenkonten bereit. Auch an den neuen, rückenfreundlichen Bürostühlen wurde nicht gespart. Nur den Masseur, der einmal in der Woche Nacken und Schultern durchknetet, zahlt jeder aus eigener Tasche. Auch die Arbeitszeiten sind kürzer geworden. Und noch einmal 20 Tage Urlaub verschenken, will Rauch auch nicht mehr.
Jens Heitmann

© 2001 Hannoversche Allgemeine Zeitung




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