
econ.tec - Magazin für Wirtschaft und Technik, März
2003, Seiten 1 und 11
Titelthema
Gesichter der Angst
Seelenlast und Wirtschaftsbremse / Ein Gefühl
und seine Folgen
VON HANNES KRUG
[...] Egal um welche Angst
es sich handelt, oft ist sie hinderlich, manchmal
sogar zerstörerisch. Wir können sie verdrängen,
betäuben, überspielen oder leugnen. Aber wie der
Tod nicht aufhört zu existieren, wenn wir nicht
an ihn denken, so bleibt die Angst; auch bei geschlossenen
Augen. [...]
Längst ist die Angst nicht mehr nur ein psychologisches
Phänomen, sondern auch ein Medienthema. [...] Die
Menschen schreien förmlich nach einer Bestätigung,
mit ihrer Angst nicht allein zu sein. So findet
zum Beispiel "Focus" heraus, dass das "Phänomen
Angst" seit dem 11. September drastisch zugenommen
habe und "55 Prozent mehr Angstgestörte als früher
die Arztpraxen aufsuchen". Für das Magazin Grund
genug, ein "Zeitalter der Angst" auszurufen. Die
"Frankfurter Rundschau" sieht gar eine ganze "Gesellschaft
in Angst und Verunsicherung". Stagnation, Handlungsunfähigkeit,
Perspektivlosigkeit und Zukunftsangst bei den Deutschen
seien Indikatoren für deren "höchst labilen Zustand".
Auch die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung"
mischt mächtig mit im Angstbottich. Sie sagt der
Angst eine "große Karriere" vorher. Angst, soviel
ist klar, spiegelt unsere Abhängigkeiten. [...]
Ob banale oder große Angst, materiell lassen wir
uns die Angst einiges kosten. Der Diplom-Kaufmann
und Soziologe Winfried Panse schätzt, dass die deutsche
Wirtschaft 70 Milliarden Euro verliert, weil Beschäftigte
Angst haben. Und das jedes Jahr. Hinzu kommt der
Versuch, Ängste durch Tabletten zu betäuben. Bilanziert
werden diese Kosten nicht. Können sie auch gar nicht.
Nicht nur, weil Angst am Arbeitsplatz ein Tabu ist,
sondern auch, weil Führungskräfte und Krankenkassen
Angst nicht als Krankheit sehen. [...]
Diagnose: Angststörung
Das Herz rast, die Knie zittern, die Hände schwitzen:
Angst ist ein Gefühl das jeder kennt
VON MEIKE WERKMEISTER
[...] Eine Möglichkeit der
Hilfe für Menschen mit Angsterkrankungen ist eine
Psychotherapie. [...] Häufiger angewandt wird die
Verhaltenstherapie, die davon ausgeht, dass die
krankhaften Verhaltensweisen gelernt worden sind,
und sich auf die Beseitigung dieser konzentriert.
[...] Diesen Ansatz haben sich auch Anti-Angst-Seminare
zu Eigen gemacht, die eine Heilung in wenigen Tagen,
manchmal Stunden, versprechen. [...]
Nachteil der Seminare: Sie sind meistens kostspielig.
[...] Anti-Angst-Seminare jeder Art bei der
ABARIS Angstambulanz
1.500 Euro. Die Krankenkassen zahlen die Seminare
nur, wenn laut Attest vom Arzt eine Angststörung
vorliegt und sie keine günstigere Lösung für eine
Heilung anbieten können.
Kostenfalle Angst
Über 70 Milliarden Euro verliert die deutsche
Wirtschaft jedes Jahr, weil Beschäftigte Angst haben.
Um diesen Schaden zu mindern, fordern Experten gezieltes
Angstmanagement. Psychologisches Wissen lohnt sich
also nicht nur in der Werbung, sondern ist auch
bei der Verbesserung von Leistung und Umsatz rentabel.
VON SONJA LINDENBERG
Ein stressiger Tag im Büro.
Plötzlich springt ein Kollege auf, nimmt seinen
Computer und wirft ihn aus dem Fenster. Warum? Erfühlt
sich vom neuen Computersystem bedroht, hat Angst,
damit nicht zurecht zu kommen und Fehler zu machen.
Also "greift er den Computer an und schlägt ihn
in die Flucht".
Ein fiktives Szenario - dennoch wäre es eine logische
Verhaltensweise, wie Winfried Panse, Professor für
Betriebswirtschaftslehre und Personalwesen an der
Fachhochschule Köln, meint: "Wenn wir uns unsicher
fühlen, Angst vor etwas bekommen, bleibt nur Angriff
oder Resignation."
Dennoch wird häufig anders als bei unserem fiktiven
Kollegen reagiert. Um der Angst vor dem Computersystem
auszuweichen, wählt man die zweite Variante: Man
resigniert. Dadurch wird die Angst aber nicht gemildert,
sondern verstärkt sich und kann sich zur Krankheit
entwickeln. Und das kann teuer werden.
Der Diplom-Kaufmann und Soziologe Winfried Panse
hat 1995 zusammen mit dem Diplombetriebswirt Wolfgang
Stegmann das Buch "Kostenfaktor
Angst" verfasst [siehe hierzu die
Rezension von Dietmar
Luchmann vom 13.07.2000, Red.]. Schon damals ergab
seine Studie, dass die Angst der Deutschen die Wirtschaft
jährlich über 50 Milliarden Euro kostet. Heute,
so schätzt er, "sind es etwa 70 Milliarden Euro".
Denn 60 Prozent der abhängig Beschäftigten haben
schon einmal Angst am Arbeitsplatz erlebt, ergab
eine forsa Studie, die im Jahr 2000 von der Wirtschaftszeitschrift
"Capital Bizz" in Auftrag gegeben wurde. Für 28
Prozent der Befragten ist die Angst vor eigenen
Fehlern die größte Panikquelle. Eng dahinter rangiert
mit 27 Prozent die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren.
Für Panse ist das nicht verwunderlich: "In unserem
Wirtschaftssystem haben wir alle etwas erreicht,
und dann kommt die Angst, das Erreichte wieder zu
verlieren."
Betrieblich bedeutungsvolle Ängste seien hauptsächlich
Versagensängste: Die Angst, gegenüber neuen Technologien
hilflos zu sein, folgenschwere Entscheidungen zu
treffen oder auch in innerbetrieblichen Machtkämpfen
zu unterliegen. Gegen diese Ängst versucht man sich
zu wehren, ein "Angstabwehrverhalten" entsteht.
Panse: "Wir haben festgestellt, dass sich 50 Prozent
der Beschäftigten in innerer Kündigung befinden."
Das heißt, die Angestellten erscheinen zwar am Arbeitsplatz,
verweigern dem Arbeitgeber aber Initiative und Leistungsbereitschaft,
sie bringen ihre Kreativität nicht mehr ein. Dadurch
entstehen laut Panse Kosten von 35 Milliarden Euro.
Der Experte ist überzeugt: Je mehr Menschen Angst
vor Arbeitslosigkeit haben, desto häufiger kommt
es auch zu diesem Phänomen." Schließlich kündige
heute fast keiner mehr freiwillig.
Oft wird auch zu Schlaf- oder Beruhigungsmitteln
oder Alkohol gegriffen, um die Angst zu unterdrücken.
Doch damit werden die Probleme nur noch verschärft,
denn "Angststörungen sind im Wesentlichen auch Denkfehler",
sagt
Dietmar G. Luchmann,
Diplom-Psychologe und Psychotherapeut und Leiter
der Angstambulanz am
ABARIS Institut in Stuttgart.
Durch Tabletten oder Alkoholmissbrauch kann krankhafte
nicht geheilt werden. Allein die durch Tablettenkonsum
verminderte Leistungsfähigkeit während der Arbeitszeit
erzeuge einen Schaden von zehn Milliarden Euro,
sagt Winfried Panse. Hinzu kommen Kosten durch Kündigungen,
angstverursachte Fehlzeiten, Mobbing und auch Unfälle.
"Aber all diese Kosten werden eben nicht bilanziert",
so Panse.
Quer durch alle Tätigkeitsbereiche, Hierarchien
und Altersgruppen seien Angststörungen vertreten.
Dabei sei auch das Bild des dynamischen, streßstabilen
Managers, der Ängste nicht kennt, unrealistisch.
Panses Untersuchungen zufolge sind Angstattacken
nach Depressionen und Alkoholismus die dritthäufigste
psychische Störung bei Managern. Sechs von zehn
Führungskräften fürchten sich demnach vor ihren
Angestellten. Panse: "Man hat eine Gruppe unter
sich, und man hat ständig die Angst, die könnten
einen fertig machen."
Dennoch werden Angstattacken, ob es sich um Flugangst
oder eine generalisierte Angststörung handelt, gerade
in Führungskreisen oft tabuisiert, obwohl "angstbedingtes
Vermeidungsverhalten bei Führungskräften oft zu
teuren Fehlentscheidungen für Unternehmen und Gesellschaften
führen", bestätigt
Luchmann. Nicht selten
können Ängste auch die Karriere kosten. Insbesondere
Beschäftigte mit sozialer Angst "arbeiten oft weit
unter ihrem intellektuellen Vermögen und erreichen
im Leben nicht die Position, die ihren Fähigkeiten
entspricht", sagt der Psychotherapeut, zu dessen
Patienten sowohl Studenten als auch Manager zählen.
Im Durchschnitt dauert es acht bis zehn Jahre, bis
Patienten mit einer Angst- und Panikstörung zu einem
Psychotherapeuten gelangen, der sie erfolgreich
therapiert. Das kann für die Karriere schwere Folgen
haben: "Als ich zu Ihnen kam, stand ich kurz vor
dem Scheitern meines Diploms und hatte schon mehrere
Tage Klinikaufenthalt hinter mir", schreibt eine
Patientin [an
Luchmann, Red.]. Und:
"Manchmal frage ich mich, wie viel mir an Verzweiflung
erspart geblieben wäre, wenn ich schon vor neun
Jahren in Ihrer Praxis gelandet wäre."
Gegen Ängste kann man etwas tun, auch und gerade
in Betrieben. [...] In einem angstfreien Betriebsklima
werden Leistungen gesteigert, und das Ergebnis der
Arbeit werde besser. "Wenn ich einen Fehler gemacht
habe, gehe ich nur zum Chef, wenn ich weiß, ich
werde dafür nicht bestraft", erklärt Panse ein Angstmanagement,
das auf ein offenes Betriebsklima abzielt. Trotzdem
sollte frühzeitig ein Psychotherapeut aufgesucht
werden, rät
Luchmann. Das sollte
auch unser fiktiver Kollege tun, um seine Angst
zu beheben. Denn: "Angststörungen sind in weniger
als zehn Stunden erfolgreich zu beheben, eine ruinierte
Karriere kann kaum repariert werden."
www.angstambulanz.de
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