|
BILD + FUNK
Heft 25/2003
13.06.2003
Seite 118-119
Psychologie
Keine Angst vor der Angst
Neueste Studien beweisen: Mehr als 15 Millionen
Menschen leiden an Angst- und Panikattacken. Mit
der richtigen Therapie sind jedoch auch hartnäckige
Phobien heilbar.
Schweißgebadet sitzt Hildegard
Schäfer (Name geändert) in der Abflughalle. Sie
will ihren Sohn in den USA besuchen. Doch soweit
kommt sie nicht - sie traut sich nicht in den Flieger.
Zu groß ist die Panik abzustürzen.
Hildegard Schäfer ist kein Einzelfall. Jeder vierte
Passagier leidet unter Flugangst. Die Gründe dafür
sind vielfältig: Angst vor Höhe und Enge - Bedenken,
sich auf Gedeih und Verderb der Technik auszuliefern
oder einfach schlechte Erfahrungen.
Die Flugangst ist jedoch nur eine von vielen Phobien.
"Untersuchungen belegen, dass 20 bis 30 Prozent
aller Deutschen im Verlaufe ihres Lebens behandlungsbedürftige
Ängste entwickeln", weiß der Diplom-Psychologe und
Verhaltenstherapeut
Dietmar G. Luchmann
vom
ABARIS Institut für Psychotherapie
in Stuttgart.
Dabei unterscheidet man vier Arten: Die Agoraphobie
mit oder ohne Panikstörung (Angst vor öffentlichen
Plätzen und Menschenmassen), die spezifische Phobie
(Angst vor bestimmten Objekten oder Situationen),
die soziale Phobie (Angst vor dem Kontakt mit Menschen)
und die generalisierte Angststörung (gesamter Alltag
ist von Furcht geprägt). Das Schlimme daran: "Jeder
Mensch kann eine Angst- oder Panikstörung entwickeln",
so
Luchmann. Damit
sie nicht chronisch wird, ist es wichtig, sie früh
zu erkennen und zu behandeln.
Wie entsteht eine Phobie ?
Angst und Panik entstehen
als Reaktion des vegetativen Nervensystems auf Angst
auslösende Situationen. Häufig ist ein konkretes
Ereignis Auslöser des ersten Panikanfalls. Allerdings
können auch Gedanken allein massive körperliche
Angstzustände erzeugen. "Ich dachte plötzlich daran,
was passieren könnte..." Wenn sich diese phobischen
Gedanken verselbstständigen, kann sich daraus leicht
eine manifeste Angst- und Panikstörung entwickeln.
Diese phobische Entwicklung wird zumeist erst dann
bemerkt, wenn die körperlichen Symptome so heftig
geworden sind, dass sie das Leben massiv beeinträchtigen.
Insgesamt gibt es drei Behandlungs-Methoden: Die
Technik des Überflutens (Expositions- oder Konfrontationstherapie
genannt), die systematische Desensibilisierung und
das kognitive Verfahren. Bei der ersteren Therapie
wird der Angstkranke der Situation ausgesetzt, die
er am meisten fürchtet - entweder Schritt für Schritt
(hierarchisierte Konfrontationstherapie) oder ganz
direkt (Flooding). Die zweite Methode ist etwas
sanfter. Der Betroffene lernt, seine Panik mit Entspannungsübungen
(autogenes Training oder Muskeltraining) in den
Griff zu bekommen; gegen Ende der Therapie wird
der Patient mit seiner Angst konfrontiert. Bei der
kognitiven Therapie wird zuerst im Gespräch die
Angst identifiziert. Später wird mit mentalen Übungen
trainiert, wie man Ängste unter Kontrolle hält.
"Von einer medikamentösen Behandlung ist eher abzuraten,
da leicht eine Abhängigkeit entsteht", warnt der
Diplom-Psychologe
Luchmann.
Angst vor großen Plätzen
Auswirkungen
Die Agoraphobie ist die häufigste und wohl schwerste
Form der Phobie. Sie kann offene Plätze genauso
wie Menschenansammlungen betreffen. Nicht selten
führt sie zu massiven beruflichen und sozialen Beeinträchtigungen
bei den Betroffenen. Denn viele Erkrankte ziehen
sich aufgrund ihrer Angst in die schützende Wohnung
zurück; sie wagen sich nur noch in Begleitung auf
die Straße - wenn überhaupt. Deshalb ist es oft
unmöglich für sie, alltäglichen Verpflichtungen
nachzugehen. In extremen Fällen haben die Betroffenen
oft nur noch Kontakt zum engen Familienkreis. Symptome,
die bei allen Phobien auftreten können: Herzrasen,
Schwindel, Schweißausbrüche, unkontrollierbare Hitzewallungen,
Zittern, Kribbeln und Taubheit in Körperteilen,
Seh- und Wahrnehmungsstörungen.
Was hilft?
"Viele Therapeuten setzen ihre Patienten ohne kognitive
Vorbereitung lediglich einer Reizkonfrontation aus,
das ist ein Behandlungsfehler", so
Luchmann. Der
Diplom-Psychologe schwört sogar ausschließlich auf
kognitive Verhaltenstherapie. "Denn eine Angststörung
entsteht durch Denkfehler", so
Diplom-Psychologe Luchmann.
Wer also diese Denkfehler einmal erkannt und ihren
lerngeschichtlichen Ursprung verstanden hat, verliert
seine Ängste und behält diese Erkenntnis auch ein
Leben lang.
Kontakt
Der Diplom-Psychologe Dietmar G. Luchmann ist Leiter
des ABARIS Instituts für Psychotherapie. Es befindet
sich in der Waldburgstrasse 122 in Stuttgart. Im
Internet unter:
www.abaris.de
oder
www.angstambulanz.de.
Anne Keuler
© 2003 BILD + FUNK
|