PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753)
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Denken lernen statt denken lassen - Kognitive Verhaltenstherapie hilft am besten Denken lernen statt denken lassen - Kognitive Verhaltenstherapie hilft am besten
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PSYCHOTHERAPIE
Allegra


Allegra

Heft 10/2001
Seite 11

Neue Trennungsstudie

Wie viel Urlaub verträgt die Liebe?




Die Urlaubszeit ist vorbei - die Beziehung auch: Nach einer neuen Studie wird jede zweite Scheidung nach den Ferien eingereicht. Diplompsychologe Dietmar G. Luchmann sagt, warum.

Psychotherapeut Dietmar G. Luchmann im Allegra-Interview


Das ungekürzte und vollständige Interview, das Julia Möhn von der "Allegra"-Redaktion mit Psychotherapeut Dietmar G. Luchmann vom ABARIS Institut für Psychotherapie, Stuttgart, führte:

Julia Möhn: Warum sind vor allem Paare im Urlaub so schnell gestresst voneinander?

Dietmar G. Luchmann: Deutsche Paare reden laut Statistik durchschnittlich pro Tag kaum zehn Minuten miteinander. Im Alltag geben Beruf und Haushalt Struktur und bieten bei Bedarf Rückzugsmöglichkeiten, die im Urlaub entfallen. Plötzlich steht den Paaren, die kaum Übung darin haben, wirkliche Gespräche miteinander zu führen, fast unbegrenzt Zeit füreinander zur Verfügung. Sind die Wünsche nach der Urlaubsgestaltung sehr verschieden und gelingt keine ausgewogene Lösung, so wird aus den häufig überzogenen Erwartungen leicht ein Gegeneinander. Der Gesprächsstoff geht rasch aus und die gewohnten wechselseitigen Kränkungen und Abwertungen potenzieren sich.

Kann man sagen, wer wen womit stresst?

Luchmann: Am stärksten betroffen sind Männer im Alter zwischen 30 und 40 Jahren wie Ärzte, Anwälte und Selbstständige, die außerhalb der Ferienzeit wenig in den familiären Alltag eingebunden sind. Sie empfinden es häufig als Diktat, typisch weibliche Beschäftigungen wie Kinder hüten, Einkaufen gehen oder das Ferienhaus putzen erledigen zu müssen. Zudem beklagt ein Viertel der Männer die Zunahme hysterischer Eifersuchtsszenen, für die es im freizügigen Urlaub mehr Auslöser gibt. Jede vierte Frau bemängelt demgegenüber an ihrem Mann, er pflege sich nicht, sei unordentlich und aggressiv. Befragungen zeigen überdies, dass Mann und Frau höchst unterschiedliche Bedürfnisse im Urlaub befriedigen wollen. Während der Wunsch nach viel Spaß, Erholung, Naturerlebnis und Zeit füreinander beide Partner noch verbindet, klaffen die Bedürfnisse beim Luxus, Genießen und Faulenzen, das Frauen bevorzugen, weit auseinander. Männer bevorzugen stärker körperliche Aktivitäten und leben lieber ihr archaisches Urgefühl als Entdecker aus.

Wie könnten Paare den Stress vermeiden?

Luchmann: Auch im Urlaub gilt es, sich realistische Ziele zu setzen. Eine rechtzeitige Planung hat die Bedürfnisse aller Beteiligten zu erforschen und zu berücksichtigen. Bei sehr unterschiedlichen Interessen kann ein getrennter Urlaub mehr Erholung und Gewinn bringen und damit der Partnerschaft dienen als der verkrampfte Versuch von Gemeinsamkeit. Es ist wichtig, sich der Bedeutung von Urlaub bewusst zu sein. Urlauben heißt, sich etwas erlauben. Dazu gehören das Faulenzen ebenso wie Zärtlichkeit und Zuwendung, die im Alltagsstress oft untergehen, oder auch der Sex auf der Parkbank. Auf keinen Fall sollte das Leistungsstreben des Alltags in anderen Bereichen fortgeführt werden. Urlaub heißt, den Alltag loslassen, sich frei zu machen für Neues und einfach mal auf seine innere Stimme zu hören.

Gibt es tatsächlich Untersuchungen zu einer gesteigerten Scheidungs-Quote nach dem Urlaub?

Luchmann: Ja. In Deutschland wird jede dritte Scheidung nach dem Urlaub eingereicht. In Italien ergab die Auswertung von 2000 Scheidungsfällen, dass sogar jede zweite Scheidung nach den Sommerferien verlangt wird. Zu zwei Dritteln sind es die Frauen, die eine Trennung fordern.

Ist dies eine neuere Entwicklung oder hat Urlaub auch schon vor 20 Jahren die Menschen auseinander getrieben?

Luchmann: Urlaub war auch früher ein Ereignis, das durch seine ungewohnten Freiräume, seine erdrückende Nähe und überzogene Erwartungen die schwelenden Konflikte der Paarbeziehung leichter ausbrechen ließ. Die größere Unabhängigkeit der modernen Frau und höhere Ansprüche der Partner verstärken heute die Bereitschaft zur Trennung, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden. Die Ursachen des Scheitern sind zumeist nicht fundamentaler, sondern kommunikativer Art, die man lernen kann zu verändern. Für manches Paar könnte es hilfreich sein, vor dem Gang zum Reisebüro für ein oder zwei Stunden bei einem guten Psychotherapeuten als Urlaubscoach vorbeizugehen. Das wäre die beste Versicherung gegen die Beziehungskatastrophe Urlaub.

© 2001 Allegra




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