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Allegra
Heft 10/2001
Seite 11
Neue Trennungsstudie
Wie viel Urlaub verträgt die Liebe?
Die Urlaubszeit ist vorbei - die Beziehung auch: Nach einer neuen Studie
wird jede zweite Scheidung nach den Ferien eingereicht.
Diplompsychologe Dietmar G. Luchmann sagt,
warum.

Das ungekürzte und vollständige Interview, das Julia Möhn von der
"Allegra"-Redaktion mit Psychotherapeut Dietmar G. Luchmann vom ABARIS
Institut für Psychotherapie, Stuttgart, führte:
Julia Möhn: Warum sind vor
allem Paare im Urlaub so schnell gestresst voneinander?
Dietmar G. Luchmann: Deutsche Paare reden laut
Statistik durchschnittlich pro Tag kaum zehn Minuten miteinander. Im Alltag
geben Beruf und Haushalt Struktur und bieten bei Bedarf
Rückzugsmöglichkeiten, die im Urlaub entfallen. Plötzlich steht den Paaren,
die kaum Übung darin haben, wirkliche Gespräche miteinander zu führen, fast
unbegrenzt Zeit füreinander zur Verfügung. Sind die Wünsche nach der
Urlaubsgestaltung sehr verschieden und gelingt keine ausgewogene Lösung, so
wird aus den häufig überzogenen Erwartungen leicht ein Gegeneinander. Der
Gesprächsstoff geht rasch aus und die gewohnten wechselseitigen Kränkungen
und Abwertungen potenzieren sich.
Kann man sagen, wer wen womit stresst?
Luchmann: Am stärksten betroffen sind Männer
im Alter zwischen 30 und 40 Jahren wie Ärzte, Anwälte und Selbstständige,
die außerhalb der Ferienzeit wenig in den familiären Alltag eingebunden
sind. Sie empfinden es häufig als Diktat, typisch weibliche Beschäftigungen
wie Kinder hüten, Einkaufen gehen oder das Ferienhaus putzen erledigen zu
müssen. Zudem beklagt ein Viertel der Männer die Zunahme hysterischer
Eifersuchtsszenen, für die es im freizügigen Urlaub mehr Auslöser gibt. Jede
vierte Frau bemängelt demgegenüber an ihrem Mann, er pflege sich nicht, sei
unordentlich und aggressiv. Befragungen zeigen überdies, dass Mann und Frau
höchst unterschiedliche Bedürfnisse im Urlaub befriedigen wollen. Während
der Wunsch nach viel Spaß, Erholung, Naturerlebnis und Zeit füreinander
beide Partner noch verbindet, klaffen die Bedürfnisse beim Luxus, Genießen
und Faulenzen, das Frauen bevorzugen, weit auseinander. Männer bevorzugen
stärker körperliche Aktivitäten und leben lieber ihr archaisches Urgefühl
als Entdecker aus.
Wie könnten Paare den Stress vermeiden?
Luchmann: Auch im Urlaub gilt es, sich
realistische Ziele zu setzen. Eine rechtzeitige Planung hat die Bedürfnisse
aller Beteiligten zu erforschen und zu berücksichtigen. Bei sehr
unterschiedlichen Interessen kann ein getrennter Urlaub mehr Erholung und
Gewinn bringen und damit der Partnerschaft dienen als der verkrampfte
Versuch von Gemeinsamkeit. Es ist wichtig, sich der Bedeutung von Urlaub
bewusst zu sein. Urlauben heißt, sich etwas erlauben. Dazu gehören das
Faulenzen ebenso wie Zärtlichkeit und Zuwendung, die im Alltagsstress oft
untergehen, oder auch der Sex auf der Parkbank. Auf keinen Fall sollte das
Leistungsstreben des Alltags in anderen Bereichen fortgeführt werden. Urlaub
heißt, den Alltag loslassen, sich frei zu machen für Neues und einfach mal
auf seine innere Stimme zu hören.
Gibt es tatsächlich Untersuchungen zu einer gesteigerten
Scheidungs-Quote nach dem Urlaub?
Luchmann: Ja. In Deutschland wird jede dritte
Scheidung nach dem Urlaub eingereicht. In Italien ergab die Auswertung von
2000 Scheidungsfällen, dass sogar jede zweite Scheidung nach den
Sommerferien verlangt wird. Zu zwei Dritteln sind es die Frauen, die eine
Trennung fordern.
Ist dies eine neuere Entwicklung oder hat Urlaub auch
schon vor 20 Jahren die Menschen auseinander getrieben?
Luchmann: Urlaub war auch früher ein Ereignis,
das durch seine ungewohnten Freiräume, seine erdrückende Nähe und überzogene
Erwartungen die schwelenden Konflikte der Paarbeziehung leichter ausbrechen
ließ. Die größere Unabhängigkeit der modernen Frau und höhere Ansprüche der
Partner verstärken heute die Bereitschaft zur Trennung, wenn Erwartungen
nicht erfüllt werden. Die Ursachen des Scheitern sind zumeist nicht
fundamentaler, sondern kommunikativer Art, die man lernen kann zu verändern.
Für manches Paar könnte es hilfreich sein, vor dem Gang zum Reisebüro für
ein oder zwei Stunden bei einem guten Psychotherapeuten als Urlaubscoach
vorbeizugehen. Das wäre die beste Versicherung gegen die
Beziehungskatastrophe Urlaub.
© 2001 Allegra
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