
Hamburger Abendblatt, 03.08.2002, Seite 5
Wenn nichts mehr funktioniert
Burnout - Wie es sich entwickelt und wie man es entdeckt
Unruhig, deprimiert, ausgelaugt. Das Gefühl, mit den Kräften am Ende
zu sein, galt lange als typisch männliche Reaktion auf zu viel Stress im Job. Doch auch
Frauen brennen aus - die Folge jahrelanger Überlastung.
Von Andin Tegen
"Es ist, als wäre ich mit Gewichten an die Matratze gefesselt. Jedes Mal, wenn ich versuche
aufzustehen, hängt sich jemand dran." Wenn Tanja morgens um 9 Uhr zur Arbeit geht, muss sie
ihren Wecker auf 6 Uhr stellen, damit sie halbwegs pünktlich kommt. Stunden, die sie
braucht, um aufzustehen und sich auf einen grauenhaften Arbeitstag als Artdirectorin
einzustellen.
Nach zwei zermürbenden Jahren in einer Agentur hatte die 29-Jährige vierzig Kilo zugenommen.
Zu diesem Zeitpunkt funktionierte gar nichts mehr: Ihr Chef kritisierte ihre Entwürfe vor
den Kunden, drohte mit Kündigung, hielt Versprechen nicht ein. "Ich hatte gerade erst meine
Ausbildung hinter mir und war froh, in einer namhaften Agentur zu arbeiten", erzählt sie.
"Da blieb ich kleinlaut." So ließ sie Anfeindungen über sich ergehen. Bei Modeshootings war
Tanja "die Tonne vom Set". Bis zu 80 Stunden die Woche spielte sie ihre Rolle als
selbstbewusster Artdirectorin verblüffend gut.
"Gerade in den kreativen Berufen ist der Selbstausbeutungs-Aspekt in den letzten 15 Jahren
immens gewachsen", sagt Christiane Färber von der Kooperationsstelle Hamburg bei der Behörde
für Wissenschaft und Forschung. "Der Konkurrenzdruck in der Medienbranche ist stark
gestiegen, die Anforderungen kaum noch zu bewältigen. Wer einen Arbeitsplatz hat, der kämpft
oft, bis alle Energie-Ressourcen verbraucht sind."
Innerlich war Tanja schon nach wenigen Monaten ein Wrack. Ihren Frust kompensierte sie mit
regelrechten Fressattacken. "Mir war alles egal. Nach der nächtlichen Pasta gab es
Schokolade und dann Pudding" , erzählt sie. "Ich habe mich wie ein Fleischberg gefühlt."
Abends hielt sie mit der linken Hand die Fernbedienung, in der rechten die Pralinen-Packung
- bis sie so einschlief.
Nichts geht mehr. Wohl jeder kennt das Gefühl, morgens kaum aus dem Bett zu kommen.
Spätestens, wenn das Fiepen im Ohr nicht mehr verschwindet, der Magen schmerzt, das Blut im
Schädel pulsiert, nachts der Schlaf nicht kommt, schaffen immer weniger Menschen den Weg aus
der schleichenden Krise, dem Burnout. [...]
In der modernen Ellenbogen-Gesellschaft zeigt man keine Schwäche. Wer psychisch labil ist,
ist aus dem Spiel. Mehr als 130 verschiedene Symptome wurden bisher entdeckt, die mit dem
Ausgebranntsein einhergehen. Dennoch ist das Phänomen noch nicht ausreichend erforscht, um
als eigenständige Krankheit zu gelten.
Für Menschen wie Tanja eine bittere Tatsache: Sie musste erst 40 Kilo schwerer werden, um
einen Therapieplatz zu bekommen - mit der Diagnose Essstörung. [...]
Leute mit Burnout-Syndrom können sich selten allein aus der Krise befreien. Ihnen ist oft
nicht einmal klar, dass sie ausbrennen. Der Blick für die Außenwelt schwindet, nicht einmal
mehr der eigene Partner kann helfen.
Frank hat es lange versucht. Wie oft hat der 33-Jährige seiner Frau Verena erklärt, dass ihr
Arbeitseifer ihm Angst mache. Dass sie auf dem besten Wege sei, sich und die Beziehung zu
zerstören. "Als Lehrerin ist Verena zwar immer schon um 14 Uhr zu Hause, aber danach
arbeitet sie bis spät in die Nacht", berichtet er. "Ich hatte den Eindruck, sie wollte das
ganze Schulsystem reformieren." Am Wochenende ist Verena nur erschöpft.
Frank fleht seine Frau an, gemeinsam eine Therapie zu machen. Er bucht Reisen, die sie dann
kurzfristig absagt. An seinen Kinderwunsch ist kaum noch zu denken.
"Manche Frauen opfern sich im Beruf so auf, dass kein emotionaler Raum fürs Privatleben
bleibt", erklärt Ralf Wegner vom Zentralinstitut für Arbeitsmedizin in Hamburg. "Solche
Frauen neigen später dazu, alles hinzuschmeißen, weil sie den Balanceakt zwischen Job und
Privatleben nicht geschafft haben."
Für Frank und Verena endet ein langer Kampf schließlich kinderlos und mit der Trennung. Bis
zur Schuldirektorin hat sich Verena hochgeboxt: "Ich habe alles erreicht, was ich erreichen
wollte, auf Kosten des Privatlebens. Ich bin kinderlos. Mein Freundeskreis besteht aus
Kollegen."
"Frauen, die sich nur auf die Leistungen im Job konzentrieren, unterdrücken ihre weibliche
Persönlichkeit", sagt Ralf Wegner. "Mutterschaft, Kontaktfreudigkeit, Familie - all diese
Dinge können, wenn sie negiert werden, zu Sinnkrisen und zum Burnout führen."
In einer ähnlichen Lage wollte Sozialarbeiterin Nele aufgeben. Einfach
Schluss machen. Bewusstlos fand ihre Tante sie auf dem Sofa. Vierzig Tranquilizer pumpten
die Ärzte aus ihrem Magen. Erst danach öffnete sie sich und begann mit einer Therapie.
Tanja stand zweimal nach der Arbeit auf der Brücke. Dann rief sie verzweifelt einen Freund
an, der sie zum Arzt brachte. Weit weg vom Arbeitsplatz ging sie zur Therapie. Erst nach
vielen Gesprächen wurde sie sich über den Irrsinn der Vergangenheit klar. "Wenn mein Leben
nur noch aus Arbeit besteht, dann ist es kein Leben", erkannte Tanja. Für sie heißt das
heute: "Ein neuer Arbeitsplatz muss her. Mit besseren Bedingungen." Wie Nele schöpft sie
Kraft daraus, endlich den Mund aufgemacht zu haben: "Reden ist so wichtig. Nie hätte ich
gedacht, dass meine eigene Geschichte mich stark machen kann."
So oder ähnlich kann ein Burnout verlaufen:
1. Idealismus: Die Energiereserven für eine Aufgabe scheinen
unerschöpflich.
2. Mangelndes Engagement: Ein Ziel wird nicht erreicht. Ohne Perspektive ist der
Arbeitseifer dahin.
3. Emotionale Reaktionen: Chef, Kollegen, Partner werden für das eigene Befinden
verantwortlich gemacht. Neigung zu Aggression.
4. Abbau der Leistungsfähigkeit: Die Qualität der Arbeit lässt nach. Man wird unpünktlich
und unzuverlässig.
5. Verflachte Emotionen: Die anderen werden als Objekte wahrgenommen, Zynismus.
6. Beeinträchtigter Gesundheitszustand: Hörsturz, Migräne, Schlafstörungen oder ähnliches.
7. Verzweiflung: Kein Ausweg in Sicht. Suizidgedanken.
Nicht alle Symptome müssen bei einem Burnout vorhanden sein. Die Wahrscheinlichkeit ist aber
hoch, dass ein Symptom zusammen mit den genannten auftritt. Manchmal äußern sich
psychosomatische Reaktionen schon in der Anfangsphase. Durch innere oder äußere
Veränderungen kann der Prozess jedoch gestoppt werden.
Wie kommt man heraus?
Therapeut
Dietmar G. Luchmann vom "ABARIS Institut für
Psychotherapie" in Stuttgart: "Sich krankschreiben lassen. Oft helfen sechs Wochen Urlaub.
Dann wird klar, wie viel Raum die Arbeit im Kopf einnimmt. Wer nach der Karibik immer noch
von Kunden und Auftragslage träumt, für den wird eine Therapie akut." Das Problem: Die
meisten nehmen die Symptome nicht ernst, bevor sie nicht körperlich erkranken.
Adressen und Hilfe:
ABARIS,
Institut für Psychotherapie, Waldburgstr. 122, 70563 Stuttgart.
Tel. 01908 / 77 924 (1,86 Euro pro Minute)
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