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© PSYCHOTHERAPIE 18.05.2001
Desinteresse der Ärzte an Behandlung mit Psychotherapie
"Gesundheitslotse" Hausarzt? Nein, danke!
Bei psychischen Störungen sind Hausärzte als Anlaufstelle ungeeignet
- besser gleich direkt zum Psychotherapeuten
VON REINHILD SONNENSCHEIN
Rechtzeitig vor dem anstehenden Umbau des deutschen
Gesundheitssystems, den ökonomische und demografische Faktoren erzwingen,
wollen Hausarztfunktionäre die Geldströme zu ihrer Klientel lenken. Künftig
müsse den Hausärzten die zentrale Rolle als alleiniges Eingangstor zum
Gesundheitssystem zukommen, fordern sie. Doch Experten und Patienten sind "hochskeptisch". Psychische Störungen werden von Ärzten
oft nicht erkannt oder falsch als rein körperliche Krankheiten behandelt,
warnt Michael Geyer, Chefarzt der Leipziger Universitätsklinik für
Psychotherapie und Psychosomatik und Leiter der Akademie für Psychotherapie
Erfurt. Statt Kostenminderung erzeuge der "Lotse" Hausarzt vielmehr ein
enormes Kostenwachstum.
Die Idee, die Klaus-Dieter Kossow, Vorsitzender des
Berufsverbandes der Allgemeinärzte Deutschlands (BDA), propagiert,
klingt deshalb nur auf den ersten Blick bestechend: Deutschlands Hausärzte
werden erste Anlaufstelle für alle Patienten und übernehmen für den weiteren
Verlauf der Behandlung eine Lotsenfunktion. Die Kosten könnten sinken und
die Versorgungsqualität verbessert werden.
Soweit die Theorie. Doch die Realität sieht völlig anders aus: Obwohl
mindestens die Hälfte aller Beschwerden, die Patienten in die Praxis eines
Hausarztes führen, psychische Ursachen haben, erkennen die Ärzte nur einen
geringen Teil der psychischen Störungen und psychosomatischen Beschwerden. "Es ist eher die große Ausnahme als die Regel, dass Hausärzte
psychische Störungen rechtzeitig und angemessen behandeln", schildert
Dietmar G. Luchmann, Diplom-Psychologe und Leiter des ABARIS Institutes
für Psychotherapie in Stuttgart, seine Beobachtungen.
WHO: Psychische Erkrankungen werden zu selten behandelt
Psychische Erkrankungen werden auch nach Ansicht der
Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Deutschland zu selten behandelt.
"Mit den heutigen Methoden kann nahezu jede psychisch
bedingte Krankheit geheilt werden", sagte der europäische
WHO-Regionalbeauftragte für Psychische Gesundheit, Wolfgang Rutz, in einem
Gespräch vor der Eröffnungsveranstaltung des Weltgesundheitstages am
05.04.2001 in Köln. "Weil beispielsweise Depression aber
immer noch ein Tabu in unserer Gesellschaft ist, wagen viele Betroffene
nicht, sich Hilfe zu suchen."
Zudem seien viele Hausärzte nicht ausreichend für den Umgang geistiger
Störungen geschult. "Allgemeinmediziner erkennen nur etwa
50 Prozent der Fälle", sagte Rutz. Dabei seien die nötigen Kenntnisse
relativ schnell und gut vermittelbar. Doch sogar einige Ärzte würden diesen
Bereich der Medizin noch immer als "nicht so wichtig"
ansehen. Es erfordere eine Änderung des Bewusstseins in der gesamten
Gesellschaft, um psychischen Erkrankungen den angemessenen Stellenwert zu
verschaffen. "Die Leute müssen begreifen, dass es
heutzutage ganz normal ist, Angstzustände zu haben", meinte Rutz.
Gerade Angsterkrankungen, unter denen zwischen 10 bis 30 Prozent der
Bevölkerung leiden, sind mit wenigen Sitzungen erfolgreich zu behandeln. Ein
Patient mit einer Angst- und Panikstörung brauche am Anfang seiner
Erkrankung weder eine Krankschreibung noch ein Medikament. "Oft genügen zehn, höchstens 15 Sitzungen kognitiver
Verhaltenstherapie zum dauerhaften Erfolg. Patienten mit Angststörungen
starten ihre Leidenskarriere zumeist erst durch die ärztliche Fehlbehandlung",
stellt Luchmann fest. Zum Schluss werde dieses Unvermögen hausärztlichen
Umgangs mit psychischen Störungen nach jahrelanger Verschleppung durch einen
überflüssigen Klinikaufenthalt richtig verteuert.
Allein die Depression ist einer Untersuchung der WHO zufolge bereits jetzt
Volkskrankheit Nummer eins vor Diabetes und Alkoholismus - Tendenz steigend.
Vier Millionen Menschen in Deutschland leiden den Angaben zufolge an
Depressionen, die sich durch Schlafstörungen, Energielosigkeit,
Niedergeschlagenheit, Antriebsschwäche, Angstgefühle, Schuld- und
Minderwertigkeitsgefühle sowie unterschiedlichste Schmerzen bemerkbar
machen. Doch trotz Arztbesuch bleibt nach den Worten des
Psychiatrie-Professors Ulrich Hegerl von der
Ludwig-Maximilians-Universität München die überwiegende Zahl aller Fälle
unerkannt. Erkannte Fälle würden von den Hausärzten zudem oft nicht
entsprechend behandelt.
Psychische Erkrankungen werden von Hausärzten regelhaft nicht erkannt
Es ist "Fakt, dass 50 Prozent aller
Selbstmörder in den letzten vier Wochen vor ihrem Tod noch Kontakt zum
Hausarzt hatten", sagt Diplom-Psychologe David Althaus von der
Psychiatrischen Uniklinik München. Auch er beobachtet, dass nur wenige
Allgemeinmediziner Depressionen erkennen. "In über 90
Prozent aller Fälle sind unerkannte, aber therapierbare Depressionen"
die Ursache für Selbstmorde, stellt der Neurologe Günter Niklewski,
leitender Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie des Klinikums Nürnberg
Nord von dem in Nürnberg gegründeten "Bündnis gegen Depression" am
09.01.2001 fest. Besonders erschreckend ist das Ergebnis von Untersuchungen
des Max-Planck-Institutes für Psychiatrie in München: "Selbst Hausärzte, die eine Zusatzausbildung in Psychotherapie
absolviert haben, waren beim Erkennen von Depressionen nicht erfolgreicher
als andere", berichtet PSYCHOTHERAPIE (28.03.2000).
Friedrich Schwartz, Vorsitzender des Institutes für Sozialmedizin,
Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung (ISEG) in Hannover, nannte
auf dem Internistenkongress in Wiesbaden am 23.04.2001 dramatische Zahlen,
die auf die regelmäßige Verschleppung psychischer Erkrankungen schließen
lassen: Die Zahl der Krankheitsfehltage wegen psychischer Störungen stieg in
den vergangenen zehn Jahren von 86 auf 132 Fehltage je 100 Versicherte. Die
Zahl der Behandlungstage in einem Krankenhaus nahm von 175 auf 220 Tage je
1.000 Versicherte zu. Den Angaben zufolge wuchs somit der Anteil psychischer
Störungen an erkrankungsbedingten Arbeitsausfällen von 5,0 auf 8,1 Prozent.
Bei den Krankenhausaufenthalten steigerte sich der Anteil von 8,3 auf 11,6
Prozent. "Nach Kreislauferkrankungen sind psychische
Erkrankungen heute die zweithäufigste Ursache für die Einweisung in ein
Krankenhaus", sagte Schwartz.
Bei den Männern hätten dabei vor allem die Abhängigkeit von Alkohol und
andere Suchterkrankungen zugenommen. Während Suchtkrankheiten bei 1.000
Versicherten 1991 noch für 36,4 Krankenhaustage verantwortlich waren,
führten sie im Jahr 2000 zu 58,6 Tagen in stationärer Behandlung. Als
häufigste psychische Erkrankung bei Frauen nannte Schwartz depressive
Erkrankungen. Hierbei verwies er darauf, dass Depressionen überhaupt und vor
allem bei Männern häufig erst sehr spät erkannt würden. "Oft
sind die Leute schon drei bis sieben Jahre lang krank", sagte er. Ein
glattes Versagen des Hausarztes als "Gesundheitslotse".
Ärzte und ihr Anspruch auf Psychotherapie: ein Anachronismus
Der Überweisung zum psychotherapeutischen Fachmann
stehen jedoch nicht nur das eklatante Informationsdefizit und Desinteresse
der Ärzte entgegen, sondern ein knallhartes wirtschaftliches Kalkül, das
viele Ärzte vor dem Hintergrund ärztlicher Überkapazitäten zuerst auf den
Erhalt ihres Praxisumsatzes achten lässt. Behandelt der Psychotherapeut den
Patienten erfolgreich, ist der Hausarzt um einen verlässlichen
Dauerpatienten und dessen resultierende Einkünfte ärmer. Der Stuttgarter
Psychotherapeut Dietmar G. Luchmann, der im Jahresdurchschnitt über 2.000
Therapiesitzungen durchführte, stellt ernüchtert fest: "In
allen Jahren habe ich noch nie erlebt, dass Hausärzte Patienten mit
psychischen Störungen zeitnah oder gar regelmäßig überweisen. In aller Regel
kommen Patienten erst dann, wenn sie feststellen, dass der Hausarzt und
zuweilen auch der Nervenarzt sie ordentlich 'ausgenuckelt' haben und massive
Folgeprobleme aufgetreten sind."
Diese unerträgliche Situation ist nur durch mehr Marktwirtschaft und
Wettbewerb im Gesundheitssystem zu lösen. Die Psychotherapeuten haben diesen
Wettbewerb im Interesse psychisch Kranker offensiv zu führen. Für psychische
Störungen ist trotz aller Abwehrkämpfe der Ärzteschaft der Psychotherapeut -
in der Regel ein Diplom-Psychologe - der Kompetenzträger und geeignete
Spezialist. "Die schlechten Ärzte werden rausfliegen",
prognostizierte der Volkswirtschafts-Professor und Gesundheitsökonom Peter
Oberender von der Universität Bayreuth in der Ärzte-Zeitung am
17.05.2001, alles andere sei unsinnig. "Es kann doch nicht
behauptet werden, alle Ärzte sind gut. Das stimmt nicht."
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Klaus Grawe, Ruth Donati & Friederike
Bernauer: Psychotherapie im Wandel. Von der Konfession zur
Profession. Göttingen: Hogrefe-Verlag, 1994. XIV + 886 S.
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Eine aufwändige wissenschaftliche Analyse, welche Form der
Psychotherapie zum Erfolg führt, und eine erschütternde
Dokumentation der absurden Situation Deutschlands, in dem die
untauglichsten Psychotherapie-Methoden dominieren.
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Bereits 1994 wies der als Gutachter von
der deutschen Bundesregierung zum Stand der Psychotherapie befragte Forscher
der Universität Bern, Klaus Grawe, auf den Umstand hin, dass die "Psychologen [...] im Durchschnitt
wesentlich besser als Ärzte auf den Psychotherapeutenberuf vorbereitet
[sind]; sie sind es, die im wesentlichen die Anwendung der
Psychotherapie zu heilenden Zwecken wissenschaftlich untersucht haben und
sie mehrheitlich praktizieren; sie führen im Durchschnitt wirksamere
Therapien durch als Ärzte" (S. 20). Trotzdem, so kritisiert der
Wissenschaftler, "gehört [es] zu
den absurdesten Anachronismen unseres Gesundheitssystems, dass dennoch der
Ärztestand den Psychologen gegenüber den Anspruch stellt, für die
Psychotherapie führend verantwortlich zu sein" (Grawe u.a. 1994, S. 20).
Vergütungssystem nicht auf seelische Erkrankungen, sondern
Apparatemedizin eingestellt
Das deutsche Gesundheitssystem berücksichtige den
hohen Anteil seelischer Erkrankungen nicht angemessen, sondern belohne die
Apparatemedizin, kritisierte Michael Geyer am Rande der Thüringer
Gesundheitswoche am 04.04.2001, in deren Mittelpunkt die seelische
Gesundheit stand. "Die Folge sind mitunter jahrelanges
Leiden der Betroffenen und hohe volkswirtschaftliche Kosten", sagte
er.
Fehldiagnosen und -behandlungen seelischer Krankheiten über zwei Jahre
hinweg kosten nach Expertenberechnungen bis zu 25.000 Mark je Patient. "Dazu kommen Folgekosten wie Krankschreibungen", sagte der
Psychotherapie-Chefarzt Geyer von der Universität Leipzig. Nach
seinen Schätzungen fallen seelisch kranke Patienten bei nicht fachgerechter
Behandlung innerhalb von zwei Jahren an bis zu 140 Tagen am Arbeitsplatz
aus. 30 Prozent der Bevölkerung werden danach im Laufe des Lebens mindestens
einmal ernstlich psychisch krank. Häufigste Leiden sind Depressionen
und psychosomatische Störungen wie Rückenschmerzen oder Herzleiden. Immer
häufiger treten Essstörungen wie Bulimie auf. Entsprechend hoch sind die -
bei sachgerechtem Umgang mit psychischen Erkrankungen vermeidbaren - Kosten
für Krankenversicherungen und die gesamte Gesellschaft.
Die Mängel in der Behandlung seelisch kranker Menschen hängen laut Geyer
nicht zuletzt mit dem seiner Meinung nach unausgewogenen Vergütungssystem
der Ärzte zusammen. "Das kommt eher der Pharma- und
Apparatemedizin zugute", kritisierte er. Weil das Honorarsystem für
Hausärzte und Internisten kaum Anreiz für zeitaufwendige therapeutische
Gespräche biete, verzichteten viele Praxen darauf.
Dazu kämen Versäumnisse in der Ärzteausbildung. Mediziner müssten bereits
während des Studiums psychische Erkrankungen erkennen können. Bislang sei
der Blick zu eng auf körperliche Krankheiten gerichtet. Dieser Entwicklung
komme die Haltung der meisten Patienten entgegen. "Körperliche
Erkrankungen werden von Patienten in aller Regel akzeptiert, seelische
Probleme möchten die Betroffenen oftmals einfach nicht wahr haben",
sagte Geyer.
Experten fordern bessere Behandlung für psychisch kranke Kinder
Besonders dramatisch ist das Desinteresse der
Hausärzte an psychischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Rund 15
Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind nach Schätzung von
Experten verhaltensauffällig oder psychisch gestört. "Etwa
jeder zehnte junge Mensch unter 18 Jahren ist behandlungsbedürftig",
sagte Michael Schulte-Markwort, Psychiatrie-Professor an der Universität
Hamburg, am 03.05.2001 zum Auftakt des "7. Forums
Rehabilitation - Brennpunkte in der Psychiatrie" in Hamburg.
Einem großen Bedarf nach Behandlung stehen nach seinen Worten aber nur knapp
500 niedergelassene Ärzte und Jugendpsychiater gegenüber. Auch die Anzahl
der Kinderpsychologen sei unzureichend. "Nach neueren
epidemiologischen Zahlen sind noch nicht einmal die Hälfte der psychisch
auffälligen Kinder und Jugendlichen in Behandlung", erklärte der
Psychiater.
Auch sei der Kenntnisstand bei Kinder- und Hausärzten sowie Lehrern und
Erziehern über psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter immer noch
unzureichend. Das führe zu Fehldiagnosen oder verspäteten Überweisungen. "Werden psychisch auffällige Kinder nicht oder nicht richtig
behandelt, hat das Auswirkungen auf ihr ganzes Leben", betonte
Schulte-Markwort. Die Spätfolgen seien oft verheerend.
Eine wirkungsvolle Vernetzung aller Berufsgruppen, die mit Kindern und
Jugendlichen arbeiten, sei notwendig, "damit allen Kindern
rechtzeitig und professionell geholfen werden kann", so
Schulte-Markwort. Dazu gehöre auch die Vernetzung mit der
Erwachsenenpsychiatrie.
Regelmäßige Leistungsnachweise für Ärzte gefordert
Vernetzungen oder Kooperationen können jedoch weder
Desinteresse noch Wissensdefizite bei den Hausärzten beheben. "Die meisten Behandlungsfehler passieren bei niedergelassenen
Ärzten. Genau diese nehmen aber nur zu einem Fünftel (vier Fünftel:
Krankenhausärzte) regelmäßig an Fortbildungsveranstaltungen teil",
zitierte die BILD-Zeitung am 23.03.2001 den Geschäftsführenden Arzt der
Ärztekammer Hamburg, Klaus-Heinrich Damm.
Regelmäßige Leistungstests für deutsche Ärzte hat der Münchner Professor
Peter Scriba gefordert. Nach seiner Ansicht weist die ärztliche Fortbildung
in Deutschland erhebliche Defizite auf. "Weniger als die
Hälfte der deutschen Ärzte bildet sich regelmäßig weiter", erklärte
der Medizinprofessor am 08.04.2001. Gleichzeitig verdoppele sich aber das
medizinische Wissen alle zehn Jahre. Scriba war langjähriger Ärztlicher
Direktor des Münchner Klinikums Innenstadt der Ludwig-Maximilians
Universität und ist Mitglied des Sachverständigenrates für die
konzertierte Aktion im Gesundheitswesen.
Medizinische Fortbildung werde zwar empfohlen, sei aber nicht verpflichtend
vorgeschrieben, sagte Scriba. Darüber hinaus ließen die angebotenen
Fortbildungsveranstaltungen qualitativ oft zu wünschen übrig. Eine
regelmäßige Weiterbildung sei aber gerade in der Medizin unerlässlich. "Die Ärzte haben einen entscheidenden Einfluss auf die
Lebensqualität ihrer Patienten", sagte Scriba. "Andere
Berufsgruppen werden auch regelmäßig getestet, zum Beispiel Piloten."
Desillusioniert: "Hausarztsystem ist nicht zu vermitteln"
"Wir haben einige Illusionen
verloren, nachdem wir bestehende Hausarztmodelle im Ausland angeschaut haben",
sagte Franz Knieps vom AOK-Bundesverband auf dem am 18.05.2001 zu
Ende gehenden 4. "Hauptstadtkongress Medizin und
Gesundheit" in Berlin. Hauptnachteil des Modells seien längere
Wartezeiten bei den Fachärzten. Nicht nur Krankenkassenvertreter Knieps,
auch andere Experten hielten eine Übertragung ausländischer
Versorgungsmodelle auf Deutschland für nicht möglich - allein schon die
gewachsenen Strukturen würden das nicht zulassen.
Zudem, so Knieps, hätten sich beispielsweise in einer Umfrage die
AOK-Versicherten "hochskeptisch" gegenüber
Hausärzten als Torwächter zu Gesundheitsleistungen gezeigt. "In einem Modellversuch in Hessen war es überaus schwierig,
Patienten zu einer Bindung an einen Hausarzt ihrer Wahl zu bewegen",
so Knieps weiter. "Ein obligatorisches Hausarztsystem ist
den Versicherten im Augenblick nicht zu vermitteln", meinte auch
Leonhard Hansen, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein.
Insbesondere bei den teuren Krankenhausaufenthalten könne im
nichtpsychotherapeutischen Bereich durch die Schleusenfunktion des
Hausarztes manche Einweisung gespart werden. Während in Deutschland 200 von
1000 Menschen pro Jahr in ein Krankenhaus eingeliefert werden, sind es in
den Niederlanden nach Angaben von Jouke van der Zee von der Universität
Maastricht nur halb so viele. "Und die Holländer sind
nicht kränker oder gesünder als die Deutschen", meinte er auf dem bis
Freitag dauernden Kongress.
Statt zum Hausarzt besser gleich zum Psychotherapeuten
Als ein Haupthindernis des Hausarztmodells sahen die
Experten die strikte Trennung in ambulante und stationäre Versorgung und die
Trennung der Honorarbudgets von Haus- und Fachärzten seit Anfang 2000. "Ohne ein Aufbrechen dieser Sektoren wird es keinen Fortschritt
geben", meinte Hans-Friedrich Spies, Vorstandsmitglied der
Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). "Wir müssen
Kooperation herstellen, dann lösen sich einige Probleme." Ein
weiteres, von Kassenarztfunktionären gern und regelmäßig totgeschwiegenes
Hindernis ist deren Bestreben, die Psychotherapie für Kassenversicherte nach
Kräften auszubluten. Dabei scheuen sie weder vor rechtswidrigen
Honorarverteilungsmaßstäben zurück und treten das Urteil des
Bundessozialgerichtes vom 25.08.1999, das für eine 50-minutige
Psychotherapiesitzung "mindestens" 145 Mark für
angemessen erachtete, nach Kräften mit den Füßen.
Der Stuttgarter Psychotherapeut Luchmann hat diesen
Zielkonflikt der Hausärzte zwischen Ethik und Geldgier am 27.01.1998 in
einem Beitrag unter dem Titel "Die Plattmacher"
analysiert. Nur skandalöse 14,22 Mark waren dem Vorsitzenden der
Kassenärztlichen Vereinigung Nord-Württemberg (KV NW) und Hausarzt
Werner Baumgärtner die 50-minutigen Psychotherapie-Sitzungen einer
ärztlichen Psychotherapeutin wert. Als die Psychotherapeutin ihn auf die
Rechtswidrigkeit dieser Honorarverteilung hinwies, schrieb er kaltschnäuzig:
"Daß es auch hier Gewinner und Verlierer gegeben hat, muß
ich Ihnen nicht erklären". Erst das Stuttgarter Sozialgericht wies
die von Baumgärtner geführte KV NW beim rücksichtslosen Versuch der
Besitzstandswahrung in die Schranken des Rechts.
Hierzu passt eine Geschichte, die auf die bekannte Tatsache Bezug nimmt,
dass Patienten den Hausarzt überwiegend mit Beschwerden aufsuchen, die
psychische Ursachen haben: "Ein erfahrener Hausarzt
beschließt, Urlaub zu machen, und lässt sich von seinem Sohn, der soeben
sein Medizinstudium erfolgreich beendet hat, in der Praxis vertreten. Als
der alte Arzt gut gelaunt aus dem Urlaub zurückkehrt, begrüßt ihn der junge
Arzt mit den Worten: 'Vater, wusstest du schon, dass die Hälfte deiner
Patienten zu heilen ist?' Daraufhin wird der alte Arzt blass, beginnt zu
zittern und erwidert entsetzt: 'Und wovon soll ich nun mein Bauherrenmodell
abzahlen?'"
Die Glaubwürdigkeit der Ärzteschaft ist, wie repräsentative Umfragen
belegen, in den letzten Jahren dramatisch gefallen und der aufgeklärte
Patient des Informationszeitalters hat seine Erwartungen an einen Arzt
bereits dieser brutalen Realität angepasst. Wen seine psychische Gesundheit
lieb ist und wen es folglich nicht danach verlangt, psychische Probleme in
vertrauensvoller Gutgläubigkeit und zum Wohle des Hausarztes über Jahre
hinweg zu psycho-somatischen "zu entwickeln", der wird stets den direkten
Weg zu einem geeigneten Psychotherapeuten wählen. Hausarzt? Nein, danke!
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