© PSYCHOTHERAPIE 07.04.2001
Weltgesundheitstag unter dem Motto "Psychische Gesundheit"
WHO fordert Umdenken bei psychischen
Krankheiten
Politiker beklagen Vorurteile gegenüber psychisch Kranken mit
reichlich Wortblasen und wenig Taten
VON REINHILD SONNENSCHEIN
Anlässlich des Weltgesundheitstages
mahnen Politiker von SPD und Union ein Umdenken beim Umgang mit
psychischen Krankheiten an. Der Tag, den die
Weltgesundheitsorganisation (WHO) jährlich am 7. April begeht,
steht in diesem Jahr unter dem Motto "Psychische
Gesundheit - erhalten und wiederherstellen". Schirmherrin
für Deutschland ist Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt
(SPD), die darauf hinwies, dass psychische Störungen wie
Depressionen, Angstzustände oder Schizophrenie inzwischen die
zweithäufigste Erkrankung sind - Tendenz steigend.
Gleichwohl würden psychische Erkrankungen
im deutschen Gesundheitssystem noch immer geringer beachtet als
andere Beschwerden, sagte Schmidt: "Öffentlichkeit
ist wichtig, gerade weil psychische Erkrankungen immer noch mit
einem Stigma behaftet sind. Noch immer sind Vorurteile gegenüber
psychisch Kranken weit verbreitet. Dabei ist eines klar:
Psychische Erkrankungen können jeden und jede von uns jederzeit
treffen." Die Bundesgesundheitsministerin verwies
darauf, dass der Bund zahlreiche Modellprojekte fördere, mit
denen ambulante und stationäre Betreuungsangebote besser
vernetzt werden sollen. Des weiteren gebe es bessere
Möglichkeiten zur Selbsthilfe, fügte die Ministerin hinzu.
Experten kritisieren freilich, die Förderung von
Selbsthilfegruppen sei bei den meisten psychischen Erkrankungen,
die schnell und gut behandelbar sind, unsinnig.
Selbsthilfegruppen führten oft nur zur Verschleppung einer
qualifizierten Psychotherapie. Die psychotherapeutische
Versorgung für Kassenversicherte habe die deutsche
Gesundheitspolitik hingegen zugrunde gehen lassen.
Die Ministerin räumte ein, insgesamt hinke die medizinische
Versorgung in Deutschland anderen Ländern hinterher. Ihre
Qualität - gemessen an der Lebenserwartung aller Kranken - liege
beim Vergleich der Industrienationen lediglich im unteren
Drittel. Dem entgegen stünden aber die dritthöchsten
Pro-Kopf-Ausgaben, sagte Schmidt bei der deutschen
Eröffnungsveranstaltung zum Weltgesundheitstag 2001 am Freitag
in Köln. Nur in der Forschung hätten Versorgungsnetze zu
neuropsychiatrischen Krankheiten wie Schizophrenie, Depression,
Demenz und Schlaganfall ihren festen Platz.
Nur Worthülsen zum Versorgungs-Notstand in der ambulanten
Psychotherapie?
Die skandalöse Mangel-Situation bei
der psychotherapeutischen Versorgung von Versicherten der
gesetzlichen Krankenkassen, die die Politik mit zu verantworten
hat, überging die Ministerin geflissentlich. Bei teilweise weit
unter den Kosten liegenden Psychotherapiehonoraren der
Krankenkassen finden deren Versicherte oft "gar
keinen Therapieplatz", wie der Bundesverband der
Vertragspsychotherapeuten vor wenigen Tagen warnte. Nach seiner
Erklärung führt "die jahrelange Honorarmisere
der Psychotherapeuten - insbesondere im schlecht honorierten
Primärkassenbereich - zu enormen Versorgungsdefiziten mit den
entsprechenden Fehlallokationen und Folgekosten". Außer
wohlfeilen Wortblasen zum Motto des Tages ließen sich bei den
Politikern keine Ansätze zur Beseitigung dieser gravierenden
Diskriminierung psychisch Kranker und ihrer Behandler erkennen
(siehe Lese-Tipp "Psychisch Kranke haben keine Lobby").
"Manche Menschen
brauchen Unterstützung durch psychologisches Know-how. Oft
genügen wenige Stunden Psychotherapie, Menschen gesundheitlich
zu stärken, ein positives Selbstwertgefühl aufzubauen und damit
die psychosomatische Krankheit in den Griff zu bekommen. Niemand
sollte sich scheuen, diese Hilfe in Anspruch zu nehmen oder
andere dazu zu ermuntern", erklärte die
Bundesgesundheitsministerin in ihrer Rede zum Weltgesundheitstag
am 06.04.2001.
In einem Interview mit der Zeitung "DIE WOCHE" sagte Ulla
Schmidt am Vortag: "Immer häufiger wird die
Frage nach der Krankenkasse gestellt, bevor der Patient einen
Behandlungstermin bekommt. ... Wir müssen vielmehr darüber
sprechen, wie wir die vorhandenen Mittel am sinnvollsten
einsetzen. Denn eines muss ja mal gesagt werden: Am Geld fehlt
es im deutschen Gesundheitssystem nicht." Ja, Frau
Ministerin, das musste wirklich mal gesagt werden. Bei
skandalösen Honoraren für eine 50-minütige Sitzung
Psychotherapie von 0,145 DM (IKK Schleswig-Holstein, BKK Dräger)
oder 1,74 DM (AOK Berlin) fehlt es dem Geschwätz der Politiker
erkennbar an Realitätsbezug. Wenn deutsche Gesundheitspolitiker
aller Parteien der psychischen Gesundheit den Stellenwert
einräumen wollen, der ihr zukommt, dann ist der erste Schritt
zwingend die Sicherstellung der psychotherapeutischen
Versorgung, indem das Urteil des Bundessozialgerichtetes vom
25.08.1999 mit dem Mindesthonorar von 145,00 DM je
Psychotherapiestunde (bezogen auf das Jahr 1993) ohne Ausnahmen
und erforderlichenfalls gegen den ärztlichen Widerstand
durchgesetzt wird (siehe Lese-Tipp "Die Plattmacher").
Auch Bayerns Sozialministerin
Christa Stewens (CSU) sah weiteren Verbesserungsbedarf bei der
Versorgung psychisch kranker Menschen. Psychisch Kranke würden
immer noch mit Vorurteilen konfrontiert, kritisierte Stewens.
Die Angst vor gesellschaftlicher Ächtung hindere viele daran,
sich rechtzeitig behandeln zu lassen. Sie tabuisierten ihre
Leiden und gerieten dadurch in einen Teufelskreis, denn
Isolation und Diskriminierung nähmen zu und verstärkten das
psychische Leiden. Deshalb sei es dringend erforderlich, "die Öffentlichkeit über psychische Erkrankungen
besser zu informieren. Vorurteile müssten durch Wissen ersetzt
werden", betonte die Ministerin.
Allein in Deutschland leiden nach Einschätzung von Experten mehr
als acht Millionen Menschen an behandlungsbedürftigen
psychischen Störungen, teilte Stewens mit. Statistiken zufolge
sind weltweit 11,5 Prozent aller Krankheiten
neuropsychiatrischen Ursprungs.
Auch bei der Psyche gilt: Vorbeugen ist besser als heilen
Einen offensiven Umgang mit psychischen
Krankheiten hat der Präsident der Bundesvereinigung für
Gesundheit, Hans-Peter Voigt, am Freitag in Köln gefordert.
Psychische Krankheiten seien kein Anzeichen für
Charakterschwäche, sondern Folge psychologischer und sozialer
Faktoren, sagte Voigt anlässlich des Weltgesundheitstages.
Bayerns Gesundheitsminister Eberhard Sinner (CSU) warnte
am Samstag vor einer Diskriminierung und Stigmatisierung
psychisch kranker Menschen. "Wir müssen weg
von der Reparatur und hin zu mehr Vorsorge", sagte Sinner
auf einer Veranstaltung des Europäischen Netzwerks für
Suizid-Prävention zum Weltgesundheitstag in Würzburg. Auch auf
dem Gebiet psychischer Erkrankungen sei eine konsequente
Vorsorge von der Jugend bis ins hohe Alter nötig.
Psychische Gesundheit ist nach Auffassung Sinners eine
Grundvoraussetzung für eine gesunde Entwicklung von Kindern und
ein erfülltes Leben im Erwachsenenalter. Nach Angaben des
Ministers leiden weltweit rund 800 Millionen Menschen an
Depressionen, Schizophrenie und anderen psychischen Krankheiten.
Im vergangenen Jahr hätten fast eine Million Menschen Selbstmord
begangen. In fast 90 Prozent der Fälle seien psychische
Störungen wie Depressionen und Suchtverhalten miteinander
gekoppelt. Deshalb müssten die noch immer existierenden
Barrieren bei der Behandlung und Wiedereingliederung von
Menschen mit psychischen Krankheiten beseitigt werden.
Zwar gibt es keine bahnbrechenden neuen Therapien, aber für
viele psychische Erkrankungen existieren Therapien, deren
Wirksamkeit inzwischen wissenschaftlich nachgewiesen ist. Als
Beispiel verweisen Experten auf die Schizophrenie, an der in
Deutschland rund 800.000 Menschen leiden. Weil sie keine
Behandlung erhalten, werden sie oft schon mit 30 arbeitsunfähig.
Mit einer Therapie hingegen könnten sie ein weitgehend normales
Leben führen - so wie zum Beispiel ein Diabetiker, der
entsprechend behandelt wird. Grundsätzlich müsse mit einer
Behandlung - wie beispielsweise von posttraumatischen
Stresserkrankungen, die nach schweren Unfällen, Vergewaltigungen
oder anderen Belastungen auftreten - rasch begonnen werden, um
langfristige Schäden zu vermeiden.
"Globale Mobilmachung gegen psychische Krankheiten" -
Weltweit ist jeder Vierte mindestens einmal psychisch krank
Jeder vierte Mensch weltweit ist nach
Studien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) irgendwann
im Leben von einer psychischen Krankheit betroffen. Und noch
immer lebt eine große Zahl von psychisch Kranken nach Aussagen
der WHO "weggeschlossen hinter Mauern der
Hoffnungslosigkeit, verursacht durch gesellschaftliche
Vorurteile und Unverständnis". Bis zu 20 Millionen
Menschen unternehmen jedes Jahr einen Selbstmordversuch, eine
Million sterben - etwa so viele wie an Malaria.
Das Motto des Weltgesundheitstags in Deutschland "Psychische Gesundheit - erhalten und
wiederherstellen" soll die Aufmerksamkeit auf die
ungenutzten Möglichkeiten der Prävention richten. Hierzulande
leiden laut Experten-Schätzungen - mit zunehmender Tendenz -
bereits vier Millionen Menschen unter Depressionen, die als
Hauptgrund für jährlich über 100.000 Selbstmordversuche
angesehen werden. Mehr als 11.000 davon enden tödlich, andere
führen zu schwersten Behinderungen.
Nach Auskunft der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention
nimmt sich in Deutschland alle 45 Minuten ein Mensch das Leben.
"Depressionen werden von den Hausärzten nur in
etwa 20 Prozent der Fälle erkannt. Sie werden nicht angemessen
behandelt und dadurch oft chronisch. Aus einer bei frühzeitigem
Behandlungsbeginn leicht therapierbaren psychischen Störung
macht das deutsche Gesundheitssystem so eine langdauernde
schwere Erkrankung", sagt Dietmar G. Luchmann,
Psychotherapeut und Leiter des ABARIS Institutes für
Psychotherapie in Stuttgart. Diese für die Gesellschaft mit
enormen Folgekosten verbundene Zahl von Depressionen und
Selbsttötungen ließe sich durch eine intelligentere und
sachgerechtere psychotherapeutische Versorgung deutlich
reduzieren (siehe Lese-Tipp "Psychopharmaka unnötig?").
Die WHO hat den Weltgesundheitstag an
diesem Samstag daher unter das Motto "Kein
Ausschluss - Ja zur Behandlung" gestellt. Und sowohl
UN-Generalsekretär Kofi Annan wie auch WHO-Generaldirektorin Gro
Harlem Brundtland rufen zu einer Art globaler Mobilmachung im
Kampf gegen psychische Krankheiten auf. "Früher
hat man nicht über Aids, davor nicht über Krebs gesprochen -
aber Stück für Stück brechen die Tabus weg", so
Brundtland.
Die Liste der psychischen Krankheiten ist lang: Angst- und
Panikstörungen, Depressionen, Essstörungen, Schizophrenie,
Alzheimer, geistige Unterentwicklung, Sucht. Nach Auskunft der
WHO haben 43 Prozent aller Länder keine Gesundheitspolitik, die
geistige Krankheiten einschließt. In fast einem Viertel (23
Prozent) werden geistige Krankheiten rechtlich gar nicht
erfasst. Dabei nahm allein die Depression bisher Platz 10 bei
den weltweiten Krankheiten ein.
Das UN-Kinderhilfswerk Unicef forderte derweil mehr
psychologische Hilfen für traumatisierte Kinder in Krisen- und
Katastrophengebieten. Erfahrungen wie der plötzliche Tod eines
Elternteils oder eine Flucht belasteten die gesamte weitere
Entwicklung der Kinder. "Psychologische
Unterstützung für Kinder darf nicht nur Kindern in
Industrieländern vorbehalten sein", mahnte der Chef von
Unicef Deutschland, Reinhard Schlagintweit. Die weitaus meisten
der weltweit rund 20 Millionen minderjährigen Flüchtlinge und
Vertriebenen hätten traumatische Erfahrungen gemacht. Die
häufigsten Reaktionen darauf seien Schlafstörungen,
Angstzustände, Lernschwierigkeiten und Depressionen. "Gerade in Krisengebieten müssen wir den Kindern
helfen, ihre traumatischen Erfahrungen möglichst frühzeitig
aufzuarbeiten", betonte der Unicef-Vertreter. Dafür
müssten mehr Mittel zur Verfügung gestellt werden.
Eine Chance für psychisch Kranke sehen Experten im Internet.
Die Anonymität dieses Mediums ermögliche Patienten die leichtere
Information über ihre Erkrankung und Kontaktaufnahme zu
Beratungsstellen, Psychotherapeuten und anderen Betroffenen.
Allein im deutschsprachigen Internet seien auf bis zu 20.000
Seiten psychiatrisch-psychotherapeutische Themen zu finden. In
der von Berufs- und Fachverbänden unabhängigen
Online-Zeitschrift "PSYCHOTHERAPIE" informieren so zum Beispiel
unter dem Titel-Credo "Sich verstehen - Glücklicher leben"
ärztliche und psychologische Experten patientenorientiert und
kritisch auf inzwischen über 1.000 Seiten über alle Aspekte
psychischer Gesundheit und Psychotherapie.
Mit der Einführung
eines Gütesiegels (siehe Abb.) sollen künftig seriöse Anbieter
von Scharlatanen und Wunderheilern unterscheidbar gemacht
werden. Das Gütezeichen soll ab Ende des Jahres vergeben werden,
erklärte Gunther Eysenbach von der Universität Heidelberg, der
dieses europäische Zertifizierungs-Projekt "MedCERTAIN" leitet.
|