PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753)
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PSYCHOTHERAPIE
© PSYCHOTHERAPIE 07.04.2001

Weltgesundheitstag unter dem Motto "Psychische Gesundheit"

WHO fordert Umdenken bei psychischen Krankheiten
Politiker beklagen Vorurteile gegenüber psychisch Kranken mit reichlich Wortblasen und wenig Taten

VON REINHILD SONNENSCHEIN

Anlässlich des Weltgesundheitstages mahnen Politiker von SPD und Union ein Umdenken beim Umgang mit psychischen Krankheiten an. Der Tag, den die Weltgesundheitsorganisation (WHO) jährlich am 7. April begeht, steht in diesem Jahr unter dem Motto "Psychische Gesundheit - erhalten und wiederherstellen". Schirmherrin für Deutschland ist Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD), die darauf hinwies, dass psychische Störungen wie Depressionen, Angstzustände oder Schizophrenie inzwischen die zweithäufigste Erkrankung sind - Tendenz steigend.

Gleichwohl würden psychische Erkrankungen im deutschen Gesundheitssystem noch immer geringer beachtet als andere Beschwerden, sagte Schmidt: "Öffentlichkeit ist wichtig, gerade weil psychische Erkrankungen immer noch mit einem Stigma behaftet sind. Noch immer sind Vorurteile gegenüber psychisch Kranken weit verbreitet. Dabei ist eines klar: Psychische Erkrankungen können jeden und jede von uns jederzeit treffen." Die Bundesgesundheitsministerin verwies darauf, dass der Bund zahlreiche Modellprojekte fördere, mit denen ambulante und stationäre Betreuungsangebote besser vernetzt werden sollen. Des weiteren gebe es bessere Möglichkeiten zur Selbsthilfe, fügte die Ministerin hinzu.

Experten kritisieren freilich, die Förderung von Selbsthilfegruppen sei bei den meisten psychischen Erkrankungen, die schnell und gut behandelbar sind, unsinnig. Selbsthilfegruppen führten oft nur zur Verschleppung einer qualifizierten Psychotherapie. Die psychotherapeutische Versorgung für Kassenversicherte habe die deutsche Gesundheitspolitik hingegen zugrunde gehen lassen.

Die Ministerin räumte ein, insgesamt hinke die medizinische Versorgung in Deutschland anderen Ländern hinterher. Ihre Qualität - gemessen an der Lebenserwartung aller Kranken - liege beim Vergleich der Industrienationen lediglich im unteren Drittel. Dem entgegen stünden aber die dritthöchsten Pro-Kopf-Ausgaben, sagte Schmidt bei der deutschen Eröffnungsveranstaltung zum Weltgesundheitstag 2001 am Freitag in Köln. Nur in der Forschung hätten Versorgungsnetze zu neuropsychiatrischen Krankheiten wie Schizophrenie, Depression, Demenz und Schlaganfall ihren festen Platz.

Nur Worthülsen zum Versorgungs-Notstand in der ambulanten Psychotherapie?

Die skandalöse Mangel-Situation bei der psychotherapeutischen Versorgung von Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen, die die Politik mit zu verantworten hat, überging die Ministerin geflissentlich. Bei teilweise weit unter den Kosten liegenden Psychotherapiehonoraren der Krankenkassen finden deren Versicherte oft "gar keinen Therapieplatz", wie der Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten vor wenigen Tagen warnte. Nach seiner Erklärung führt "die jahrelange Honorarmisere der Psychotherapeuten - insbesondere im schlecht honorierten Primärkassenbereich - zu enormen Versorgungsdefiziten mit den entsprechenden Fehlallokationen und Folgekosten". Außer wohlfeilen Wortblasen zum Motto des Tages ließen sich bei den Politikern keine Ansätze zur Beseitigung dieser gravierenden Diskriminierung psychisch Kranker und ihrer Behandler erkennen (siehe Lese-Tipp "Psychisch Kranke haben keine Lobby").

   
 PSYCHOTHERAPIE Lese-Tipp
Psychisch Kranke haben keine Lobby
"Wer privat versichert ist, findet am schnellsten einen Therapieplatz".


"Manche Menschen brauchen Unterstützung durch psychologisches Know-how. Oft genügen wenige Stunden Psychotherapie, Menschen gesundheitlich zu stärken, ein positives Selbstwertgefühl aufzubauen und damit die psychosomatische Krankheit in den Griff zu bekommen. Niemand sollte sich scheuen, diese Hilfe in Anspruch zu nehmen oder andere dazu zu ermuntern", erklärte die Bundesgesundheitsministerin in ihrer Rede zum Weltgesundheitstag am 06.04.2001.

In einem Interview mit der Zeitung "DIE WOCHE" sagte Ulla Schmidt am Vortag: "Immer häufiger wird die Frage nach der Krankenkasse gestellt, bevor der Patient einen Behandlungstermin bekommt. ... Wir müssen vielmehr darüber sprechen, wie wir die vorhandenen Mittel am sinnvollsten einsetzen. Denn eines muss ja mal gesagt werden: Am Geld fehlt es im deutschen Gesundheitssystem nicht." Ja, Frau Ministerin, das musste wirklich mal gesagt werden. Bei skandalösen Honoraren für eine 50-minütige Sitzung Psychotherapie von 0,145 DM (IKK Schleswig-Holstein, BKK Dräger) oder 1,74 DM (AOK Berlin) fehlt es dem Geschwätz der Politiker erkennbar an Realitätsbezug. Wenn deutsche Gesundheitspolitiker aller Parteien der psychischen Gesundheit den Stellenwert einräumen wollen, der ihr zukommt, dann ist der erste Schritt zwingend die Sicherstellung der psychotherapeutischen Versorgung, indem das Urteil des Bundessozialgerichtetes vom 25.08.1999 mit dem Mindesthonorar von 145,00 DM je Psychotherapiestunde (bezogen auf das Jahr 1993) ohne Ausnahmen und erforderlichenfalls gegen den ärztlichen Widerstand durchgesetzt wird (siehe Lese-Tipp "Die Plattmacher").

   
 PSYCHOTHERAPIE Lese-Tipp
"Die Plattmacher"
Kassenärztliche Vereinigung Nord-Württemberg (KVNW) unter Vorsitz von Dr. med. Werner Baumgärtner verhöhnt Psychotherapeuten (3 Teile).


Auch Bayerns Sozialministerin Christa Stewens (CSU) sah weiteren Verbesserungsbedarf bei der Versorgung psychisch kranker Menschen. Psychisch Kranke würden immer noch mit Vorurteilen konfrontiert, kritisierte Stewens. Die Angst vor gesellschaftlicher Ächtung hindere viele daran, sich rechtzeitig behandeln zu lassen. Sie tabuisierten ihre Leiden und gerieten dadurch in einen Teufelskreis, denn Isolation und Diskriminierung nähmen zu und verstärkten das psychische Leiden. Deshalb sei es dringend erforderlich, "die Öffentlichkeit über psychische Erkrankungen besser zu informieren. Vorurteile müssten durch Wissen ersetzt werden", betonte die Ministerin.

Allein in Deutschland leiden nach Einschätzung von Experten mehr als acht Millionen Menschen an behandlungsbedürftigen psychischen Störungen, teilte Stewens mit. Statistiken zufolge sind weltweit 11,5 Prozent aller Krankheiten neuropsychiatrischen Ursprungs.

Auch bei der Psyche gilt: Vorbeugen ist besser als heilen

Einen offensiven Umgang mit psychischen Krankheiten hat der Präsident der Bundesvereinigung für Gesundheit, Hans-Peter Voigt, am Freitag in Köln gefordert. Psychische Krankheiten seien kein Anzeichen für Charakterschwäche, sondern Folge psychologischer und sozialer Faktoren, sagte Voigt anlässlich des Weltgesundheitstages.

Bayerns Gesundheitsminister Eberhard Sinner (CSU) warnte am Samstag vor einer Diskriminierung und Stigmatisierung psychisch kranker Menschen. "Wir müssen weg von der Reparatur und hin zu mehr Vorsorge", sagte Sinner auf einer Veranstaltung des Europäischen Netzwerks für Suizid-Prävention zum Weltgesundheitstag in Würzburg. Auch auf dem Gebiet psychischer Erkrankungen sei eine konsequente Vorsorge von der Jugend bis ins hohe Alter nötig.

Psychische Gesundheit ist nach Auffassung Sinners eine Grundvoraussetzung für eine gesunde Entwicklung von Kindern und ein erfülltes Leben im Erwachsenenalter. Nach Angaben des Ministers leiden weltweit rund 800 Millionen Menschen an Depressionen, Schizophrenie und anderen psychischen Krankheiten. Im vergangenen Jahr hätten fast eine Million Menschen Selbstmord begangen. In fast 90 Prozent der Fälle seien psychische Störungen wie Depressionen und Suchtverhalten miteinander gekoppelt. Deshalb müssten die noch immer existierenden Barrieren bei der Behandlung und Wiedereingliederung von Menschen mit psychischen Krankheiten beseitigt werden.

Zwar gibt es keine bahnbrechenden neuen Therapien, aber für viele psychische Erkrankungen existieren Therapien, deren Wirksamkeit inzwischen wissenschaftlich nachgewiesen ist. Als Beispiel verweisen Experten auf die Schizophrenie, an der in Deutschland rund 800.000 Menschen leiden. Weil sie keine Behandlung erhalten, werden sie oft schon mit 30 arbeitsunfähig. Mit einer Therapie hingegen könnten sie ein weitgehend normales Leben führen - so wie zum Beispiel ein Diabetiker, der entsprechend behandelt wird. Grundsätzlich müsse mit einer Behandlung - wie beispielsweise von posttraumatischen Stresserkrankungen, die nach schweren Unfällen, Vergewaltigungen oder anderen Belastungen auftreten - rasch begonnen werden, um langfristige Schäden zu vermeiden.

"Globale Mobilmachung gegen psychische Krankheiten" - Weltweit ist jeder Vierte mindestens einmal psychisch krank

Jeder vierte Mensch weltweit ist nach Studien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) irgendwann im Leben von einer psychischen Krankheit betroffen. Und noch immer lebt eine große Zahl von psychisch Kranken nach Aussagen der WHO "weggeschlossen hinter Mauern der Hoffnungslosigkeit, verursacht durch gesellschaftliche Vorurteile und Unverständnis". Bis zu 20 Millionen Menschen unternehmen jedes Jahr einen Selbstmordversuch, eine Million sterben - etwa so viele wie an Malaria.

Das Motto des Weltgesundheitstags in Deutschland "Psychische Gesundheit - erhalten und wiederherstellen" soll die Aufmerksamkeit auf die ungenutzten Möglichkeiten der Prävention richten. Hierzulande leiden laut Experten-Schätzungen - mit zunehmender Tendenz - bereits vier Millionen Menschen unter Depressionen, die als Hauptgrund für jährlich über 100.000 Selbstmordversuche angesehen werden. Mehr als 11.000 davon enden tödlich, andere führen zu schwersten Behinderungen.

Nach Auskunft der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention nimmt sich in Deutschland alle 45 Minuten ein Mensch das Leben. "Depressionen werden von den Hausärzten nur in etwa 20 Prozent der Fälle erkannt. Sie werden nicht angemessen behandelt und dadurch oft chronisch. Aus einer bei frühzeitigem Behandlungsbeginn leicht therapierbaren psychischen Störung macht das deutsche Gesundheitssystem so eine langdauernde schwere Erkrankung", sagt Dietmar G. Luchmann, Psychotherapeut und Leiter des ABARIS Institutes für Psychotherapie in Stuttgart. Diese für die Gesellschaft mit enormen Folgekosten verbundene Zahl von Depressionen und Selbsttötungen ließe sich durch eine intelligentere und sachgerechtere psychotherapeutische Versorgung deutlich reduzieren (siehe Lese-Tipp "Psychopharmaka unnötig?").

   
 PSYCHOTHERAPIE Lese-Tipp
Psychopharmaka-Unfug:
Bei Depressionen ist Sport und kognitive Psychotherapie wirksamer als antidepressive Tabletten, Tropfen und Spritzen oder die psychoanalytische Couch.


Die WHO hat den Weltgesundheitstag an diesem Samstag daher unter das Motto "Kein Ausschluss - Ja zur Behandlung" gestellt. Und sowohl UN-Generalsekretär Kofi Annan wie auch WHO-Generaldirektorin Gro Harlem Brundtland rufen zu einer Art globaler Mobilmachung im Kampf gegen psychische Krankheiten auf. "Früher hat man nicht über Aids, davor nicht über Krebs gesprochen - aber Stück für Stück brechen die Tabus weg", so Brundtland.

Die Liste der psychischen Krankheiten ist lang: Angst- und Panikstörungen, Depressionen, Essstörungen, Schizophrenie, Alzheimer, geistige Unterentwicklung, Sucht. Nach Auskunft der WHO haben 43 Prozent aller Länder keine Gesundheitspolitik, die geistige Krankheiten einschließt. In fast einem Viertel (23 Prozent) werden geistige Krankheiten rechtlich gar nicht erfasst. Dabei nahm allein die Depression bisher Platz 10 bei den weltweiten Krankheiten ein.

Das UN-Kinderhilfswerk Unicef forderte derweil mehr psychologische Hilfen für traumatisierte Kinder in Krisen- und Katastrophengebieten. Erfahrungen wie der plötzliche Tod eines Elternteils oder eine Flucht belasteten die gesamte weitere Entwicklung der Kinder. "Psychologische Unterstützung für Kinder darf nicht nur Kindern in Industrieländern vorbehalten sein", mahnte der Chef von Unicef Deutschland, Reinhard Schlagintweit. Die weitaus meisten der weltweit rund 20 Millionen minderjährigen Flüchtlinge und Vertriebenen hätten traumatische Erfahrungen gemacht. Die häufigsten Reaktionen darauf seien Schlafstörungen, Angstzustände, Lernschwierigkeiten und Depressionen. "Gerade in Krisengebieten müssen wir den Kindern helfen, ihre traumatischen Erfahrungen möglichst frühzeitig aufzuarbeiten", betonte der Unicef-Vertreter. Dafür müssten mehr Mittel zur Verfügung gestellt werden.

Eine Chance für psychisch Kranke sehen Experten im Internet. Die Anonymität dieses Mediums ermögliche Patienten die leichtere Information über ihre Erkrankung und Kontaktaufnahme zu Beratungsstellen, Psychotherapeuten und anderen Betroffenen. Allein im deutschsprachigen Internet seien auf bis zu 20.000 Seiten psychiatrisch-psychotherapeutische Themen zu finden. In der von Berufs- und Fachverbänden unabhängigen Online-Zeitschrift "PSYCHOTHERAPIE" informieren so zum Beispiel unter dem Titel-Credo "Sich verstehen - Glücklicher leben" ärztliche und psychologische Experten patientenorientiert und kritisch auf inzwischen über 1.000 Seiten über alle Aspekte psychischer Gesundheit und Psychotherapie.

MedCERTAINMit der Einführung eines Gütesiegels (siehe Abb.) sollen künftig seriöse Anbieter von Scharlatanen und Wunderheilern unterscheidbar gemacht werden. Das Gütezeichen soll ab Ende des Jahres vergeben werden, erklärte Gunther Eysenbach von der Universität Heidelberg, der dieses europäische Zertifizierungs-Projekt "MedCERTAIN" leitet.

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