© PSYCHOTHERAPIE 02.10.2000
Teure Mittelmäßigkeit des deutschen Gesundheitswesens
Krankenkassenverwaltung und Arzneimittel
mit neuen Kostenrekorden
FDP will mit neuem Konzept Probleme im Gesundheitswesen lösen
VON REINHILD SONNENSCHEIN
Die Verwaltungskosten der
gesetzlichen Krankenkassen haben mit 14,03 Milliarden Mark im
vergangenen Jahr einen neuen Rekord erreicht. Das berichtet die
Berliner Tageszeitung "Die Welt" in der heutigen Montagausgabe
unter Berufung auf die neueste Jahresstatistik für Gesetzliche
Krankenkassen des Bundesgesundheitsministeriums. Danach seien
die Verwaltungsausgaben seit 1989 im Westen um mehr als 50
Prozent gestiegen. Im vergangenen Jahr stiegen die
Verwaltungskosten im gesamten Bundesgebiet um 5,25 Prozent
gegenüber 1998 (13,33 Milliarden Mark).
Das Bundesgesundheitsministerium
bestätigte am Montag in Berlin den entsprechenden Bericht der
Tageszeitung "Die Welt". Verantwortlich für den Anstieg seien
die Betriebskrankenkassen, sagte ein Ministeriums-Sprecher. Dies
sei erwartet worden. Die Betriebskrankenkassen können sich seit
1996 auch für Versicherte außerhalb der Unternehmen öffnen. Seit
diesem Jahr dürfen aber, wie das Ministerium erläuterte, die
Verwaltungskosten nicht vom jeweiligen Betrieb getragen, sondern
müssen der Krankenkasse zugerechnet werden. Dies habe zu einem
erwarteten Anstieg der Verwaltungskosten geführt, den das
Ministerium auf 13,85 Milliarden Mark geschätzt habe. Nach
Angaben des Ministeriums stiegen die Verwaltungskosten im
vergangenen Jahr insgesamt um 4,68 Prozent. Im Westen lag die
Steigerung bei 4,9, im Osten bei 3,6 Prozent.
Auf diesen Zusammenhang verwies auch der Vorstandschef der
Ersatzkassenverbände VdAK/AEV, Herbert Rebscher, am Montag in
Siegburg bei Bonn. Die seit 1996 mögliche Öffnung für
betriebsfremde Mitglieder erkläre den Verwaltungskostenanstieg
bei den Betriebskrankenkassen von durchschnittlich 50 Prozent.
Es sei deshalb "grob irreführend", die
"explodierenden" Verwaltungskosten auf
die gesetzlichen Krankenkassen zu schieben, sagte Rebscher.
Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT),
Hans Peter Stihl, sagte der Zeitung dazu: "Die
starke Steigerung der Verwaltungskosten im Bereich der
gesetzlichen Krankenkassen zeigt überdeutlich, dass eine Reform
der Verwaltung zur Steigerung der Leistungseffizienz längst
überfällig ist. 14 Milliarden Mark zeigen aber auch, dass hier
noch ein beachtliches Potenzial zur Senkung der gesetzlichen
Krankenversicherungskosten schlummert." Dieses Potenzial
sollte möglichst schnell ausgeschöpft werden. "Denn gerade die gesetzliche Krankenversicherung
gehört zu den starken Treibsätzen der Lohnzusatzkosten",
sagte Stihl.
Arzneiverordnungs-Report 2000: Ärzte könnten Budgets
einhalten - Milliarden-Reserven
Auch die Kassenärzte haben neue
Kostenrekorde verursacht. Im Vorjahr überschritten sie ihre
Arznei- und Heilmittelbudgets in elf der 23 Bezirke um insgesamt
917 Millionen Mark. Davon haften sie nach Angaben der
Betriebskrankenkassen (BKK) für fast 588 Millionen Mark mit
ihren Honoraren. Wie aus der jetzt vom Bundesverband in Berlin
vorgelegten Abschlussrechnung für die Budgets 1999 hervorgeht,
hätten die Ärzte nach Ansicht des BKK-Bundesverbandes in allen
Bezirken das Budget einhalten können. So ließen sich noch rund
3,5 Milliarden Mark sparen, wenn die Ärzte konsequent
preiswertere Nachahmer-Produkte verordneten sowie auf
Pseudo-Innovationen und umstrittene Mittel verzichteten.
Nach Ansicht ärztlicher Experten hätten die Kassenärzte 1999 bei
Arzneien mit 8,2 Milliarden Mark sogar noch mehr sparen können
als ihnen vom BKK-Bundesverband vorgerechnet wurde, ohne dass
die medizinische Qualität gelitten hätte. Diese Zahl aus dem im
November erscheinenden "Arzneiverordnungsreport 2000" nannte der
Arzneiexperte und Herausgeber Prof. Ulrich Schwabe am Mittwoch
in Berlin vorab. Nach seiner Ansicht können die Ärzte durch
einen sinnvollen Sparkurs die gesetzlichen Arzneibudgets
einhalten und auch die drohenden Regresse noch abwenden.
Nach Überzeugung des Arzneiexperten Schwabe ist dies zu
schaffen. Bei einer Anhörung des Bundestags-Ausschusses
Gesundheit zum Arzneibudget widersprach er den Klagen von
Ärzten, Apothekern und Pharmaindustrie, die Sparpotenziale seien
ausgeschöpft. Vielmehr hätten die Mediziner im vergangenen Jahr
2,97 Milliarden Mark sparen können, wenn sie noch konsequenter
preiswertere Nachahmerprodukte verordnet hätten. Der Verzicht
auf teure Schein-Innovationen und umstrittene Mittel hätte
weitere 2,26 und 2,99 Milliarden Mark gebracht.
Schwabe plädierte dafür, die Budgets vorerst beizubehalten. Die
1993 eingeführten Budgets hätten die medizinische Versorgung
nicht gefährdet. Trotz der Sparzwänge hätten die Ärzte die
Arzneitherapie sogar modernisiert und verbessert. So seien die
Ausgaben für teure Spezialpräparate etwa für Krebs- und
Aids-Kranke seit 1992 um vier Milliarden Mark gestiegen. Dagegen
seien die Ausgaben für umstrittene Mittel um fast 4,8 Milliarden
Mark gesunken.
Fehlbehandlung psychischer Störungen vervielfacht Kosten
Bei den Psychopharmaka ließen sich nach
Einschätzung von psychotherapeutischen Experten erhebliche
Kosten sparen, wenn die Ärzte frühzeitig eine Überweisung zum
Psychotherapeuten veranlassten. Die Realität der Konkurrenz
zwischen Ärzten und psychologischen Psychotherapeuten führt
jedoch dazu, dass Ärzte "die psychischen
Probleme von Patienten vielmehr über Jahre mit Tabletten
zudecken und verfestigen". Durchschnittlich acht bis zehn
Jahre irren so zum Beispiel Patienten mit Angst- und
Panikstörungen von Arzt zu Arzt und werden mit Tabletten "abgefüttert" und teilweise abhängig gemacht.
Die Kosten psychischer Störungen würden durch diese
Fehlbehandlung vervielfacht.
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) startete derweil ein
neues Sparprogramm, um absehbare Budgetüberschreitungen noch zu
vermeiden. Die Ärzte sollen nur streng medizinisch notwendige
Arzneien verordnen. Mittel gegen Bagatellleiden soll es nur auf
Privatrezept geben, berichtete das "Handelsblatt". Anders als
das umstrittene Notprogramm vom Sommer 1999 entspreche das neue
Programm aber der Gesetzeslage. Der Staatssekretär im
Gesundheitsministerium, Erwin Jordan, begrüßte, dass die KBV die
Ärzte an die Rechtslage erinnere. Der KBV-Appell käme allerdings
sehr spät.
Auch das Gesundheitsministerium, die Kassen und die SPD
verteidigten die Budgets. Dagegen forderten FDP, Ärzte,
Pharmaindustrie und Apotheker, die Budgets und die
Kollektivhaftung der Ärzte dafür abzuschaffen. Die Sparreserven
seien erschöpft. Als Folge komme es zu Rationierung und einer
Zwei-Klassen-Medizin. Kassenpatienten würden vom medizinischen
Fortschritt abgeschnitten.
FDP will mit neuem Konzept Probleme im Gesundheitswesen
lösen
Mit einem neuen Konzept, das deutlich mehr
Eigenverantwortung schafft, will die FDP die großen Probleme im
Gesundheitswesen lösen. Damit soll jeder Bundesbürger
verpflichtet werden, eine Versicherung über "Kernleistungen"
abzuschließen, erläuterten Parteichef Wolfgang Gerhardt und der
Gesundheitsexperte Dieter Thomae am Mittwoch in Berlin. Diese
Kernleistungen sollen in etwa dem jetzigen Leistungsumfang der
gesetzlichen Krankenkassen entsprechen.
Daneben solle es Möglichkeiten für individuelle Wahlleistungen
oder Selbstbeteiligungen geben. So sei denkbar, etwa Unfälle aus
dem Katalog der Kernleistungen herauszunehmen. Solche
Detailfragen will die FDP aber zunächst mit Fachleuten erörtern,
bevor das Konzept abgeschlossen wird, sagte Thomae.
Die Kosten der Versicherung für die Kernleistungen beliefen sich
nach Berechnungen der FDP auf etwa 300 Mark für jeden
Versicherten. Dabei müssten sozial Schwache, etwa Familien mit
Kindern, aus Steuermitteln entlastet werden. Für Jugendliche
soll die Versicherungspflicht ohnehin bis zu einem bestimmten
Alter entfallen.
Thomae und Gerhardt meinten, dass Bundesgesundheitsministerin
Andrea Fischer (Grüne) mit ihrem Konzept der Budgetierung und
Reglementierung das Gesundheitswesen nicht werde retten können.
Es sei heute schon "maroder" als die
Rentenversicherung. Daher drohten im gesamten System weitere
drastische Leistungseinschränkungen und sogar Wartelisten für
Behandlungen wie in Schweden und Großbritannien.
Im Bereich der psychotherapeutischen Versorgung ist dieser
Zustand im deutschen Gesundheitswesen bereits eingetreten.
Psychotherapeutenverbände haben die unzureichend honorierte
Kassenpsychotherapie bereits für "tot"
erklärt und ihre Mitglieder aufgefordert, die Behandlungen von
Kassenpatienten "auszusetzen". Lange
Wartezeiten sind für Kassenversicherte - sofern diese bei
Kassenhonoraren von teilweise weniger als 10 Mark pro Stunde
überhaupt einen Therapieplatz finden - schon lange bittere
Realität.
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