© PSYCHOTHERAPIE 12.09.2000
Kassenpsychotherapie "Problem" der Gesundheitspolitik
Gudrun Schaich-Walch
Erbin von SPD-Fraktionsvize Rudolf Dreßler will "Akzeptanz für
neue Wege in der Gesundheitspolitik" wecken
Neue stellvertretende
SPD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag ist Gudrun Schaich-Walch.
Bei einer Kampfabstimmung setzte sich die 54-jährige am Montag
in Berlin gegen ihren Fraktionskollegen Ottmar Schreiner durch.
Für die SPD-Politikerin aus Hessen votierten 134 Abgeordnete,
Schreiner erhielt 113 Stimmen.
Die bisherige gesundheitspolitische
Sprecherin Gudrun Schaich-Walch folgt Rudolf Dreßler
nach, der seit Anfang September neuer deutscher Botschafter
in Israel ist. Dessen Amt als stellvertretender Fraktionschef
mit der Zuständigkeit für Gesundheitspolitik hatte sie bereits
im Juli kommissarisch übernommen. Die Fraktionsführung hatte
sich in der letzten Woche ebenfalls mit klarer Mehrheit für die
Abgeordnete aus Frankfurt/Main ausgesprochen.
Sie gehört zu den eher Ruhigen im Parlament. Außerhalb des
Plenums ist sie weitgehend unbekannt. Das soll sich jetzt
ändern. Gudrun Schaich-Walch will das Erbe von Rudolf Dreßler
antreten. Künftig wird wohl ein neuer Stil die Diskussionen in
der Koalition über die Gesundheitsreform prägen. Dreßler hatte
bis zu seinem Wechsel als Botschafter nach Israel die zuständige
Ressortchefin Andrea Fischer immer wieder massiv attackiert und
ihr Ahnungslosigkeit vorgeworfen. Schaich-Walch gilt dagegen als
besonders konsensfähige Sozialdemokratin, die viele
Vorstellungen der Grünen-Ministerin teilt.
"Durch Kampfgeist, Ausdauer und Geduld bemühe
ich mich, Akzeptanz für neue Wege in der Gesundheitspolitik zu
wecken", sagt die in Kopenhagen geborene und in
Frankfurt/Main aufgewachsene Politikerin. Beruflich bildeten für
die gelernte Physikalisch-Technische Assistentin 20 Jahre Arbeit
in der Krebsforschung am Max-Planck- Institut und anderen
Einrichtungen die Grundlage für ihre jetzige Arbeit.
"Als gesundheitspolitische Sprecherin versuche
ich mein Engagement vor allem an den Menschen auszurichten. Denn
sie haben keine machtvolle Lobby wie Ärzte, Apotheker und die
Pharmaindustrie", sagt die Mutter einer 19-jährigen
Tochter. Auch durch ihre ehrenamtliche Tätigkeit als
Vizepräsidentin der Deutschen Rheuma Liga sucht Schaich-Walch
den engen Kontakt zu Patientengruppen.
Als praktischen Ausgleich für viele politische Debatten kocht
und backt sie gerne zusammen mit Familie und Freunden. "Das kann manchmal ruhig etwas länger dauern. Denn es
ist immer wieder erstaunlich, wie viel Entspannung ein
gemütliches Essen bewirken kann." In solchen Situationen
schrumpften die Probleme des Gesundheitswesen oder der
gesetzlichen Krankenversicherung wieder auf Normalmaß zusammen.
Ganz ohne Aufregung will die stellvertretende
SPD-Fraktionsvorsitzende sich künftig erst einmal für eine
europäisch abgesicherte Gesundheitsgesetzgebung in Deutschland
einsetzen. Im ARD-Morgenmagazin beklagte sie am heutigen
Dienstag, dass bisher die Urteile des europäischen Gerichtshofes
nicht ausreichend beachtet worden seien. Sie wies darauf hin,
dass die EU und auch die Unternehmen mehr Wettbewerb einklagten.
Als konkretes Beispiel nannte sie die Diskussion über die
Einführung einer Positivliste bei den Arzneimitteln.
Schaich-Walch sprach sich zugleich gegen eine Aussetzung der
Ökosteuer aus. Sie halte es für sinnvoll, dass die Europäer
gemeinsam bei der OPEC auf eine Erhöhung der Fördermengen
drängten. gegangen ist.
Die Chancen für stabile Krankenkassenbeiträge beurteilt
Schaich-Walch nach einem Bericht der "Berliner Morgenpost" als
eher gering. "Da habe ich meine Zweifel,
zumindest bei einigen Kassen", sagte sie der Zeitung.
Neben der Bevölkerungsentwicklung, die den Kassen rückläufige
Einnahmen und damit weiterhin strukturelle Engpässe beschere,
seien dafür die Karlsruher Urteile verantwortlich, die zu
Korrekturen bei Regelungen aus der Zeit der Kohl-Regierung
zwängen.
Schaich-Walch wies darauf hin, dass durch Einmalzahlung und
Gleichstellung von freiwillig und pflichtversicherten Rentnern
auf die Kassen etwa drei Milliarden Mark Zusatzbelastungen
zukämen. Dazu gerechnet werden müssten Einnahmeverluste durch
Wechsel der Versicherten in billigere Kassen: "Deshalb müssen wir für die Umsetzung der
Gerichtsurteile noch gesetzliche Regelungen finden, die eine
Beitragsstabilität gewährleisten."
Die Nachfolgerin des langjährigen SPD-Sozialexperten Rudolf
Dreßler kritisierte die bisherige Zusammenarbeit der Koalition
bei der Gesundheitspolitik. Sie kündigte einen anderen Umgang
miteinander an: "Wir werden jetzt sehr
frühzeitig mit den Grünen Projekte besprechen, um zu einer
gemeinsamen Zielsetzung zu kommen." Nach Auffassung der
SPD- Politikerin ist für eine effektive Gesundheitspolitik
künftig aber auch mehr Entgegenkommen des grünen
Koalitionspartners notwendig.
So sei der jüngste Gesetzentwurf von Bundesgesundheitsministerin
Andrea Fischer (Grüne) zur Einmalzahlung für unrechtmäßig
gezahlte Beiträge auf Weihnachtsgeld nicht mit der SPD-Fraktion
abgestimmt. "Vom Gesetzentwurf zur
Einmalzahlung habe ich tatsächlich durch den Anruf einer Kasse
erfahren. So etwas darf künftig nicht mehr passieren."
Als vordringlich sieht Schaich-Walch auch eine bessere
Koordination zwischen Bundesregierung und den Ländern an, da
fast alle gesundheitspolitischen Vorhaben der Regierung im
Bundesrat zustimmungspflichtig seien.
Zur Diskussion um die groteske Entwicklung in der
Kassenpsychotherapie, wo bei Stundenhonoraren von teilweise 14,5
Pfennigen (Schleswig-Holstein) oder 1,74 Mark (Berlin) die
Versorgung zusammenbricht, hatte die SPD-Politikerin bislang
keine Lösungen anzubieten. "Wir haben ein
Problem", gestand sie zwar am 11.05.2000 in der ersten
Lesung des von der F.D.P. eingebrachten "Gesetzes zur Sicherung
einer angemessenen Vergütung psychotherapeutischer Leistungen im
Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung" ein. Schaich-Walch
ging das "Problem" indes völlig
stressfrei an: "Wir müssen uns diese Dinge
erst vorstellen können, damit wir dann auch klar sagen, was es
bedeutet", erklärte sie tiefgründig. Die Bedeutung der
wohlfeilen Worthülsen aus der Gesundheitspolitik erschöpft sich
in der Bemäntelung der bitteren Realität, dass psychisch Kranke
keine Lobby haben. Denn das "Problem"
ist heute größer denn je: Die Kassenpsychotherapie stirbt,
stellen Experten und Verbände fest.
Dokumentation
Protokoll der Bundestagssitzung zum Psychotherapeutengesetz
Auszüge aus der 1. Lesung des von der
F.D.P. eingebrachten "Gesetzes zur Sicherung einer
angemessenen Vergütung psychotherapeutischer Leistungen im
Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung" am
11.05.2000 unter dem Vorsitz von Bundestags-Vizepräsident
Rudolf Seiters
Vizepräsident Rudolf Seiters:
Für die SPD-Fraktion spricht nun die Kollegin Gudrun
Schaich-Walch.
Gudrun Schaich-Walch (SPD):
Lieber verehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Es ist natürlich klar: Wir haben ein Problem. Aber wir werden
dieses Problem nicht lösen können, solange wir nicht in der Lage
sind, das Geschehen wirklich exakt zu beurteilen. Ansonsten
laufen wir letztendlich Gefahr, zu Lösungen zu kommen, die unter
Umständen ebenso unzulänglich sind, wie es die damalige
Budgetfestsetzung in dem entsprechenden Gesetz, das innerhalb
der Regierungszeit der CDU/CSU und der F.D.P verabschiedet
worden ist, offensichtlich gewesen ist.
Wir haben in diesem Bereich allerdings auch nichts versprochen,
was wir letztendlich nicht gehalten haben. Wir haben das Budget
für diesen Bereich im Jahre 1998 erhöht. Wir haben in den
letzten Jahren in diesem Bereich einen Anstieg zu verzeichnen.
Im Gegensatz zu dem, was Herr Wolf hier vorgetragen hat, gibt es
in diesem Bundesland keine einzige KV, die einen Punktwert von
weniger als 2 Pfennig festgelegt hat. Das ist ganz einfach nicht
wahr. Im Osten besteht eine schwierige Situation, in den
West-KVen allerdings nicht. Ich gehe auch davon aus, dass der §
11 im Gesetz letztendlich konsequent umgesetzt werden wird. Wenn
dies nicht der Fall sein sollte, muss man, denke ich, sehen,
dass wir das Gesetz in diesem Bereich korrigieren werden.
Was uns aber letztendlich fehlt, ist die Tatsache, dass in
diesem gesamten Bereich keine Bedarfsplanung besteht, dass wir -
Ostdeutschland ausgenommen - sehr schwer feststellen können, wo
Überversorgung und wo Unterversorgung besteht. Wir müssen uns
diese Dinge erst vorstellen können, damit wir dann auch klar
sagen, was es bedeutet.
(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/CSU]: Aber wie lange soll
das denn dauern? Das ist das Problem!)
- "Wie lange soll es denn dauern?" Sie kannten die Datenlage
doch auch nicht. - Nein, eines kann nicht sein, nämlich dass
wir, wenn Überversorgung besteht,
(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/CSU]: Wir haben doch
überhaupt keine Überversorgung!)
diese Überversorgung finanzieren und nicht abbauen, indem wir
die Beiträge der Versicherten erhöhen.
(Beifall bei der SPD - Abg. Aribert Wolf [CDU/CSU] meldet sich
zu einer Zwischenfrage.)
Vizepräsident Rudolf Seiters: Frau Kollegin, gestatten Sie eine
Zwischenfrage?
Gudrun Schaich-Walch (SPD): Nein.
Das ist keine Perspektive, mit der wir arbeiten. Wenn die
Selbstverwaltung - in diesem Fall die KV - die Umverteilung des
ärztlichen Honorars nicht so vornimmt, wie es im Gesetz
geschrieben steht, kann ich auch nicht sagen, dass die Reaktion
der Politik dann diejenige sein muss, mehr Geld in das System zu
investieren. Das kann auch nicht sein.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Sie sollten hier heute auch eines zur Kenntnis nehmen: Wir
hatten noch nie einen so großen Umfang von Ausgaben im Bereich
des Gesundheitswesen und eine solch hervorragende Zuwachsrate
wie in diesem Jahr.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES
90/DIE GRÜNEN)
Ich möchte von Ihnen wissen, wie Sie letztendlich mehr Geld
ausgeben wollen, als Beiträge in diesem System aufgebracht
werden. Wenn Sie mir sagen können, wie es gehen soll, die
Beiträge stabil zu halten und den Ärztinnen und Ärzten mehr Geld
zu geben, muss ich Ihnen allerdings sagen, dass Sie dann eine
Bombenlösung haben. Aber wie Ihre Lösung, zu der Sie hier nichts
sagen, aussieht, kann ich Ihnen sagen: 10 DM Zuzahlung bei jedem
Arztbesuch und neben hohen Versicherungsbeiträgen eine weitere
Abschöpfung durch Zuzahlung der Versicherten. Dies kann nicht
funktionieren. Wir müssen klarmachen, wie die
Versorgungssituation aussieht, was und wieviel Geld wir dafür
brauchen. Dies werden wir bis zum Herbst geschafft haben.
(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/CSU]: Dann sind Sie
abgesoffen!)
Dann wird es auch - wenn es so sein sollte - die notwendigen
gesetzlichen Regelungen geben.
(Beifall bei der SPD)
Vizepräsident Rudolf Seiters:
Zu einer Kurzintervention gebe ich dem Kollegen Aribert Wolf das
Wort.
Aribert Wolf (CDU/CSU):
Frau Schaich-Walch, Sie kennen das Sprichwort: Wer schreit, hat
Unrecht.
(Zurufe von der SPD: Oh!)
- Das freut Sie natürlich nicht.
Wenn Sie es immer noch nicht erreicht hat, obwohl es schon
vielfach in der Presse veröffentlicht war, bin ich gerne bereit,
Ihnen unser Konzept zur Gesundheitspolitik zu schicken, in dem
deutlich steht, wie wir uns die Zukunft der gesetzlichen
Krankenversicherung vorstellen: mehr Eigenverantwortung.
(Zurufe von der SPD: Aha!)
- Das heißt nicht: mehr Zuzahlung!
Sie können das alles in Ruhe nachlesen, was wir machen wollen,
damit wir zum einen mehr Geld ins System bringen und zum anderen
die Bürger nicht mehr abkassieren. Wir wollen dem Einzelnen eine
Wahlmöglichkeit geben, damit er sich sein Versicherungspaket
zusammenstellen kann, und trotzdem einen solidarisch
finanzierten Kernbereich gewährleisten.
Wenn Sie bereit sind, dieses Papier zur Kenntnis zu nehmen, dann
werden Sie auch bereit sein, zur Kenntnis zu nehmen: Wenn ich
von 2 Pfennig spreche, dann beruht das natürlich nicht auf
meinen eigenen Erkenntnissen. Lassen Sie sich von der AOK Berlin
oder von den Ersatzkassen in Berlin die Zahlen des dritten
Quartals schicken! Ich habe von rechnerischen Punktwerten und
von Auszahlungspunktwerten gesprochen. Sie werden feststellen,
dass sich für Berlin, bevor das Schiedsamt entschieden hat, für
das dritte Quartal ein rechnerischer Punktwert für die
Psychotherapeuten von 2 Pfennig im Primärkassenbereich und von
5,3 Pfennig im Ersatzkassenbereich ergab.
Anhand dessen können Sie sehen, dass das, was Sie hier im
Deutschen Bundestag behauptet haben - es gebe keinen KV-Bereich,
in dem 2 Pfennig erreicht wurden -, unwahr ist. Ich hoffe, Sie
nehmen das dann auch zurück und akzeptieren, dass diejenigen,
die unmittelbar im Gesundheitswesen beteiligt sind, doch wohl
eher die richtigen Zahlen haben als wir hier im Parlament. Es
schadet nichts, wenn man sich bei den unmittelbaren Fachleuten
ein wenig informiert, bevor man solche Behauptungen aufstellt.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Vizepräsident Rudolf Seiters:
Zu einer Erwiderung die Kollegin Schaich-Walch.
Gudrun Schaich-Walch (SPD):
Herr Wolf, ich stelle Ihnen die Zahlen, die ich hier vorliegen
habe, gerne zur Verfügung. Allerdings ist die Spalte für Berlin
noch leer, weil die Zahlen da noch nicht vorgelegen haben.
(Lachen bei der CDU/CSU)
Ich kann einmal anfangen: 8 Pfennig pro Punktwert für Hamburg;
7,5 Pfennig für Rhein-Hessen.
(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/CSU]: Nein, nein, wir
sprachen von Berlin!)
- In Berlin gibt es eine Überversorgung, die grandios ist. Wenn
Sie jedem, der in dieses System kommt, ein leistungsgerechtes
Gehalt garantieren wollen - was bei keinem anderen Arbeitnehmer
in dieser Republik der Fall ist -, dann wünsche ich Ihnen dabei
viel Vergnügen. Aber diesen Weg gehen Sie allein.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Jetzt etwas zu Ihrem wunderbaren Zukunftsprogramm, Ihrer
Intervention für mehr Eigenverantwortung. "Eigenverantwortung"
heißt bei der F.D.P., für deren Antrag Sie anscheinend mit
gesprochen haben, eine Selbstbeteiligung von 10 DM. Was in Ihrem
Papier "Eigenverantwortung" heißt, ist nicht beschrieben.
Vielmehr sprechen Sie von "Versicherungspaketen", ohne es bis
heute geleistet zu haben - wie Sie das seit Jahren unterlassen
haben -, zu konkretisieren, was ein "Versicherungspaket" denn
beinhaltet.
Welche Indikationen sollen denn aus dem Leistungskatalog der
gesetzlichen Krankenversicherung ausgeschlossen werden? Welche
Indikation soll denn derjenige, der seinen Beitrag in der
gesetzlichen Krankenversicherung zahlt, noch in der PKV
zusatzversichern? Um diese inhaltliche Ausgestaltung haben Sie
sich bis jetzt gedrückt. So lange ist Ihr Paket nichts anderes
als eine Mogelpackung.
(Beifall bei der SPD - Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/CSU]:
Und Sie behaupten Zahlen, die Sie gar nicht haben! Das ist der
größte Witz des Abends!)
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