PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753)
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PSYCHOTHERAPIE
© PSYCHOTHERAPIE 19.10.2001

Kritische Denkanstöße: Sigmund Freud entlarvt

Der Fall Freud
Die Kasuistiken des Wiener Uranalytikers sind massiv getürkt

VON ROLF DEGEN

Man darf Ikonen nicht anfassen, sonst blättert das Gold wie Farbe ab, warnt Flaubert in seiner Madame Bovary. Wir leben aber nun einmal in einer Zeit, die mit perfider Genugtuung die Finger auf die Schrammen an ihren Götzen legt. Häufig werden dabei alleine die charakterlichen Mankos der Erhabenen desavouiert, ohne ihre Werke und Leistungen auch nur anzutasten. Manchmal ist jedoch die Integrität ihrer Schöpfungen in Frage gestellt so jetzt bei Sigmund Freud.

Die Angriffe gelten weniger der Person des Wiener Prometheus, der Licht in die Abgründe des Unbewussten geworfen hat, als seinen legendären Fallgeschichten, die er selbst wiederholt als eine empirische Untermauerung pries. Freuds Fallgeschichten sind "die Pfeiler, auf denen die Psychoanalyse als empirische Wissenschaft ruht", hat einmal Kurt R. Eissler, der Sekretär der New Yorker Sigmund Freud Archive konstatiert. "Wenn man an den Fallgeschichten rüttelt, wird die Psychoanalyse in ihren Grundfesten erschüttert", pflichtet Frank Sulloway, Wissenschaftshistoriker und Autor des Buches "Freud, Biologie der Seele" bei.

Details und Fakten, die in der jüngsten Zeit ans Licht gekommen sind, werfen nun aber erhebliche Zweifel an Freuds Kasuistiken und seiner Kompetenz als Heiler auf. Zwar hat der Ur-Analytiker, aus Antipathie gegen Biographen, seine privaten Aufzeichnungen verbrannt. Die detektivische Kleinarbeit entschlossener Gelehrter und die Offenbarungen von Betroffenen haben dennoch einen Blick hinter die Kulissen seines therapeutischen Bühnenspektakels erlaubt.

Daniel Goleman, Harvard-Psychologe und psychoanalytisch versierter Wissenschaftsjournalist, hat kürzlich in der New York Times die wichtigsten, weitgehend unveröffentlichten Entdeckungen zusammengestellt. Sie porträtieren "einen Freud, der sich manchmal käuflich und manipulativ verhielt, der manchmal Heilungen beanspruchte, wo es keine gab, und der gelegentlich die Tatsachen seiner Fälle verdrehte, um seinen theoretischen Standpunkt abzustützen". Und sie beschreiben einen Seelenheiler, der, gemessen an gegenwärtigen Standards, wenigstens einmal die Grenzen zum Kunstfehler überschritt.

Laut Sulloway hat Freud bereits im Bericht über die erste, von seinem Freund und Mentor Josef Breuer vorgenommene Psychoanalyse die Bilanz "frisiert". Die legendäre Anna O., die sich wegen "hysterischen Hustens, einer Nackenlähmung und Sprachstörungen behandeln ließ, hatte Breuer auf den wohltätigen Effekt der "Redekur" gebracht. In seinem gefeierten Essay über Hysterie stilisierte sein aufstrebender Schützling den Fall im Jahr 1895 zu einer brillanten Heilung hoch. Aber bereits 1925 plauderte Carl Gustav Jung bei einem Seminar in Zürich aus, Freud habe ihm gestanden, dass die Patientin in Wirklichkeit nicht genesen sei.

In den siebziger Jahren stöberte der kanadische Medizinhistoriker Henry F. Ellenberger Schweizer Krankenhausakten auf, die beweisen, dass sich Anna O. noch Jahre nach der angeblichen Heilung mit ihren Beschwerden herumschlug - was nicht verwundert, da Breuer mit seiner Fehldiagnose "Hysterie" an ihrer tuberkulösen Lungenentzündung vorbeiging. "Es ist wahrhaft paradox, dass die nicht erfolgreiche Behandlung der Anna O. für die Nachwelt zum Prototypen einer kathartischen Heilung geworden ist", tut Freud-Forscher Ellenberger seine Verwunderung kund. Der vermutlich schlimmste Fauxpas, den der geistige Vater des Ödipuskomplexes sich geleistet hat, ist indes mit keiner veröffentlichten Fallgeschichte verknüpft. Er offenbart eine besonders dunkle Seite seines Wesens und stellt nach heutigen Kriterien eindeutig einen Kunstfehler dar.

Wie der Yale-Historiker Peter Gay, Autor der jüngsten Freud-Biographie, bemerkt, waren Amerikaner dem Wiener Tiefendeuter zeitlebens wegen ihrer angeblichen Oberflächlichkeit und Exzentrizität verhasst. Auf das von ihm selbst analysierte "Wunderkind" Horace Frink hielt er jedoch große Stücke, und so wurde der New Yorker Psychiater zum Anwärter für Freuds Statthalterschaft in den USA gekürt. Doch bei Freud in Wien in der Analyse rang Frink sich 1922 eine Trennung von seiner Frau ab, der ehemaligen Doris Best, um mit seiner früheren Patientin Angelika Bijur eine neue Ehe einzugehen. Auch an der reichen Erbin Angelika Bijur hatte Freud offenbar einen Narren gefressen. In dem vermessenen Glauben, das Richtige für Frink und die psychoanalytische Vereinigung zu tun, wurde er zum "Drahtzieher" einer Vermählung, deren verheerende Konsequenzen einen Skandal heraufbeschwören sollten.

Freuds mehr als zweifelhafte Rolle in der Affäre wäre wohl eine bizarre Fußnote in der Geschichte der Psychoanalyse geblieben, hätte Helen Frink-Kraft, die Tochter Frinks und seiner ersten Frau, sich nicht vor ein paar Jahren mit Verve auf die Suche nach Spuren und Dokumenten gemacht: "Freud hat meinen Vater, meine Mutter und meine Stiefmutter für seine Zwecke gebraucht", erklärte die Nachfahrin. Von Anfang an hatte Freud es versäumt, die Möglichkeit einer Psychose in Betracht zu ziehen, die sich hinter Frinks neurotischen Schwierigkeiten verbarg. 1921 kehrte der Amerikaner aus Wien in die USA mit der Diagnose zurück, dass eine latente Homosexualität für seine emotionalen Probleme verantwortlich sei, die sich erst nach der Scheidung von Doris Best und der Hochzeit mit Angelika Bijur legen würden. In einem an Frink gerichteten Brief, aus dem Jahr 1922, der auch die widerspenstige Haltung des Adressaten reflektiert, verstieg Freud sich zu einer schier ungeheuerlichen Unterstellung: "Ihre Beschwerde, dass Ihnen Ihre Homosexualität nicht in den Kopf hineingeht, impliziert, dass Sie sich nicht Ihrer Phantasie bewusst sind, aus mir einen reichen Mann zu machen. Wenn alles gut geht, lassen Sie uns doch dieses imaginäre Geschenk in eine reale Spende an den Fonds der Psychoanalyse verwandeln."

Mit einem solchen Ansinnen, so Goleman, könnten Psychoanalytiker unserer Tage sich strafrechtliche Konsequenzen einhandeln. Manche würden allerdings einwenden, dass die Bitte um finanzielle Unterstützung rechtens sei, wenn die Spende an den Fonds und nicht an den Therapeuten geht. Die Schliche, mit denen Freud die Ehe von Frink und Bijur einfädelte, halten aber kaum der berufsethischen Prüfung stand. Der eigens nach Wien eingereisten Angelika Bijur etwa lud er die Verantwortung für die geistige Gesundheit ihres zukünftigen Gatten auf. Sie erinnerte sich später an die Drohung: "Wenn ich Dr. Frink jetzt fallen ließe, würde er nie wieder in die Normalität zurückfinden und wahrscheinlich zum Homosexuellen werden, wenn auch auf eine versteckte Art." Der angeblich latent Homosexuelle verfiel jedoch zunächst einmal in eine psychotische Depression, die mit Schuldgefühlen gegenüber seiner verlassenen ersten Ehefrau zusammenhing.

In einem späteren Brief an seinen amerikanischen Statthalter versuchte Freud, die Spuren seiner Einmischung zu verschleiern. Er habe Frau Bijur gebeten, nicht breitzutreten, dass er ihr unter Androhung eines Nervenzusammenbruches von Frink zu der Hochzeit geraten habe. Einige Wochen später führte Frink die millionenschwere Braut in Paris zum Altar. Aber bereits kurz darauf, im Jahr 1923, stürzte der unerwartete Tod seiner vormaligen Gattin ihn erneut in große psychische Schwierigkeiten, die binnen kurzem zur Auflösung der neuen Ehe führten. Bevor er das vierzigste Lebensjahr erreicht hatte, war auch seine Karriere ruiniert. In einem Schreiben an Bijur, in dem Freud sein Bedauern über die gescheiterte Verbindung kundtat, stichelte er: "Der Punkt, an dem Sie versagt haben, war das Geld." Etwa ein Jahr vor seinem Tod im Alter von 53 Jahren hat Helen-Frink-Kraft ihren Vater, der nie über seine freudianische Vergangenheit sprach, gefragt, welche Botschaft sie Freud ausrichten solle, falls sie ihm jemals begegnete. "Sage ihm, dass er ein großer Mann war", antwortete Frink, "auch wenn er die Psychoanalyse erfunden hat."

Auch aus den Reihen von Freuds Jüngern werden heute immer mehr Zweifel an der Verlässlichkeit der "heiligen Schriften" laut. "Einige von Freuds Fallgeschichten können im Licht der historischen Fakten nicht bestehen", räumt Anthony Stadlen, ein existenzialistisch orientierter Psychoanalytiker ein, der als Stipendiat des Freud-Museums in London besonders den Fall "Dora", die berühmteste und am häufigsten zitierte Kasuistik der Psychoanalyse unter die Lupe genommen hat. Dora - ein Deckname für Ida Bauer - war ein intelligentes und attraktives. Mädchen von 18 Jahren, das unter anderem an nervösem Husten, asthmatischen Symptomen und gelegentlichem Stimmverlust litt. Nach der Ankündigung eines Selbstmordes wurde sie von ihrem Vater zu Freud in die Behandlung geschickt.

Freud sah in den Symptomen seiner Patientin von Anfang an das Musterbeispiel einer "hysterischen Verschiebung", obwohl bestimmte Umstände deutlich auf eine organische Störung wiesen. Der britische Psychologe Hans-Jürgen Eysenck, einer der erbittertsten Anti-Freudianer, urteilt: "Die Konsequenz war, dass er sich gar nicht erst mit den körperlichen Symptomen oder Indikationen abgab, sondern unbeirrt seiner theoretischen Voraussetzung folgte, nach der die einzige Heilungs-Chance in einem Rückgängigmachen ihrer seelischen Ausweichmanöver liegen musste. Es hat den Anschein, als machte sich Freud nicht einmal die Mühe, seine Patientin einer körperlichen Routineuntersuchung zu unterziehen; vielmehr bereitete er ihr einen außerordentlich qualvollen Prozeß."

Nach Ansicht ihres Therapeuten hatte Dora mit Unbewussten Liebesgefühlen für ihren Vater und einen Herrn K. zu kämpfen, der sich ihr vor Jahren unsittlich genähert hatte. Mit einer heute geradezu despotisch anmutenden Rechthaberei trieb er das Mädchen immer wieder mit sexuellen Deutungen in die Ecke. Da war ihr Husten plötzlich die Nachahmung der väterlichen Koitusgeräusche, ein gereizter Blinddarm wurde in eine Entbindungsphantasie umgemünzt. Und obwohl die uneinsichtige Dora bald fluchtartig die Therapie verließ, rechnete Freud sich den Fall als Heilung an.

Mitte der fünfziger Jahre fand der Analytiker Felix Deutsch ein Ehepaar, das Ida Bauer als "abstoßende Hysterikerin" in Erinnerung hatte. Wahrscheinlich erneuerte er damit aber nur eine von Freud begonnene Schmutzkampagne, zitiert der englische Journalist James Wood einen anonym bleibenden Tiefenpsychologen. Die Ehefrau, die Anthony Stadien später ausfindig machen konnte, wollte auch prompt nichts mehr von "abstoßend hysterischen" Zügen bei Dora wissen. Stadlen besuchte zudem Doras Cousine. Diese entsann sich eines Mädchens, das zwar an Migräne, Husten und einer Bedrückung, aber an keiner seelischen Störung litt.

Bei einem anderen Schlüsselfall aus Freuds Schatzkästchen, dem fünfjährigen "kleinen Hans", ging das Symptom eine Pferdephobie - angeblich auf Furcht vor Kastration zurück. Nun haben schon viele Zweifler sich an dem Dogmatismus aufgehalten, mit dem Freud die Details des Falles in das Joch der Hypothese zwang. Die naheliegendste Erklärung blieb völlig ausgespart, erfuhr Freud-Forscher Stadlen durch die Befragung von Personen, die Hans gekannt hatten. Dessen Furcht vor Pferden begann nämlich, als er in der Sommerfrische in ihre Nähe kam.

Manche Häretiker haben sich darüber mokiert, wie sehr Freud sich in der Rolle eines Meisterdetektivs a la Sherlock Holmes gefiel, der mit Bravour aus den unscheinbarsten Spuren die Lösung herausfilterte. Am Fall des "Rattenmannes" Erich Lanzer, dessen Furcht vor Nagern Freud wieder einmal auf latente Homosexualität zurückführte, hat der kanadische Analytiker Patrick Mahoney gezeigt, wie weit der Wiener Seelendoktor sein Detektivspielchen trieb. So will Freud den Namen von Lanzers Freundin "Gisela" aus dem Anagramm "Glejisamen" entknobelt haben, das seinem Patienten in den Sinn gekommen war. Wie Mahoney erfuhr, war dem "Detektiv" der Name der Frau jedoch von Anfang an bekannt er hat sich also mit gezinkten Karten einen Reim auf das Rätsel gemacht.

Man muß an das Diktum über die Analytiker denken, die die Ostereier suchen, die sie zuvor selber versteckt haben. Einem seiner ersten psychoanalytischen Patienten, dem Mädchen Katharina, das ihn bei einer Bergtour im Jahr 1893 wegen nervöser Beschwerden ansprach, will Freud mit überlegenem Durchblick im Schnellverfahren die Krankheitsursache - einen unsittlichen Antrag des Vaters - aus der Nase gezogen haben. Wie der amerikanische Historiker Peter Swales in mühevoller Kleinarbeit herausbekam, wusste er aber wahrscheinlich sehr genau über Katharinas familiäre Verhältnisse Bescheid, besonders über den notorisch sexhungrigen Vater, so dass seine "Intuition" wohl doch keine war.

Auch zu der Praxis, den freien Assoziationen seiner Patientin auf der Couch zu lauschen, ist Freud wohl nicht durch die Gabe der "Erleuchtung" gelangt. Sein erster "Couch-Fall", Frau Cäcilie M., litt vielmehr nach den Erkenntnissen Swales seit Jahrzehnten unter obskuren Schmerzen und Lähmungen, so dass sie sich immer wieder hinlegen musste oft mit Narkotika vollgepumpt. Auf die freie Assoziation ist Freud bei ihr auch nur daher umgestiegen, weil Cäcilie M. partout nicht zu hypnotisieren war.

   
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Es ließen sich leicht noch weitere Freudsche Fehler der genannten Art präsentieren; manche davon, so der Misserfolg bei der Heilung des berühmten Wolfsmannes, sind schon seit geraumer Zeit bekannt. Getreue Jünger stempeln solche Enthüllungen stets als Schlag unter die Gürtellinie des Meisters ab. Peter Neubauer, ein renommierter New Yorker Analytiker, rät, bei allen Schnitzern den Kontext des (großartigen) Oeuvres zu sehen. Wahrscheinlich, meint der Journalist Wood, sind die Fallgeschichten eine komplexe und brillante Mythologie, eine reiche Poetik des Seelischen, die aber nicht in die Sphäre von Wissenschaft und Medizin gehört. Kinder brauchen Märchen, forderte Bruno Bettelheim, der selbst posthum in den Strudel von Enthüllungen geriet. Erwachsene brauchen Mythen, und Freud hat womöglich den größten Mythos des 20. Jahrhunderts kreiert.

© Rolf Degen. Der Beitrag erschien beim Eichborn-Verlag in der Reihe "Kritische Denkanstöße". Wiedergabe in "PSYCHOTHERAPIE" mit freundlicher Genehmigung von Rolf Degen und Annika Balser, Eichborn AG.

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