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   PSYCHOTHERAPIE - Zeitschrift zur Psychotherapie, Psychoanalyse & Verhaltenstherapie       ISSN 1616-3753 
PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) - Herausgeber: Dietmar G. Luchmann, Dipl.-Psychologe & Psychotherapeut * Denken lernen statt Pillen schlucken - Kognitive Psychotherapie hilft am effektivsten.

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© PSYCHOTHERAPIE 19.10.2001

Kritische Denkanstöße: Graphologie signifikant wie Kaffeesatz

Falsches Vertrauen in die "Klaue"
Die Graphologie besitzt keinen diagnostischen Realitätsgehalt

VON ROLF DEGEN

In der Gewissheit, dass die Handschrift eines Menschen selbst dessen verborgensten Wesenszüge widerspiegelt, stimmen die "einfachen Leute" häufig mit den Führungskräften in Industrie und Wirtschaft überein. Zirka 85% aller europäischen Unternehmen, darunter so bedeutsame Namen wie die BASF oder die Lufthansa, greifen nach Angaben der Zeitschrift "Psychologie heute" bei der Begutachtung von Stellenbewerbern mehr oder minder offen auf graphologische Expertisen zurück. Gemessen am empirischen Forschungsstand, wie er unlängst in einer englischsprachigen Monographie festgehalten wurde, lassen sie sich damit offenbar auf eine Diagnose ein, die etwa dem Niveau des Kaffeesatz-Lesens entspricht.

Die Graphologie, als "Kunst und Lehre der Handschriftdeutung" im Italien des 17. Jahrhunderts konstituiert, geht ursprünglich auf die "Physiognomik", die Ausdruckskunde der Antike zurück und wurde im vergangenen Jahrhundert durch den französischen Gelehrten J.H. Michon systematisiert. Ihre Adepten, so die 600 praktizierenden Graphologen in der Bundesrepublik, leiten aus Schriftmerkmalen wie Größe, Lage, Raumverteilung, Schreibdruck, Fülle, Magerkeit oder Zeilenführung Schlussfolgerungen über Persönlichkeitseigenschaften wie Gemütslage, Denkstil oder Ordnungsliebe ab. Als Beurteilungsgrundlage fordern die Schriftsachverständigen in aller Regel spontane, expressive Schriftproben des Probanden an, die nicht eigens zu diesem Zwecke angefertigt wurden und eine Unterschrift enthalten sollen. Darüber hinaus legen die meisten Graphologen aber auch auf Informationen über Alter, Geschlecht, Bildung, Gesundheitszustand und Sozialstatus des Kandidaten Wert. Ihr Gutachten schließlich nimmt fast immer die Gestalt einer globalen, nicht-standardisierten Stellungnahme zur Gesamtpersönlichkeit des Analysanden an.

Bereits bei oberflächlicher Betrachtung, meint Gershon Ben-Shakhar, Professor an der Universität Jerusalem und einer der angesehensten israelischen Psychologen, werden jedoch eklatante Missstände in der Disziplin offenbar. Die Tatsache, dass es weder eine tonangebende Theorie, noch ein verbindliches Lehrbuch der graphologischen Schriftanalyse gibt, steht jeder unzweideutigen empirischen Überprüfung im Weg. "In den meisten Ländern existieren keine offiziell kreditierten Institute, an denen die Lehre unterrichtet wird, keine Ausbildungsprogramme, die irgendwelchen vorgegebenen Kriterien gerecht würden, keine Zulassungsprozeduren etc. Die Praxis wird nicht durch das Gesetz reguliert oder durch irgendeinen ethischen Kodex in Schranken verwiesen."

Durch ihren Verzicht auf standardisierte, in ihrer Reichweite klar umrissene Aussagen, durch den Rückgriff auf schwammige Charakterisierungen wie "geizig" oder "großmütig" und durch das Insistieren auf Zusatzinformationen über den Probanden haben Graphologen in der Vergangenheit eine neutrale Musterung des Wahrheitsgehaltes ihrer Deutungen schwer gemacht. Nichtsdestotrotz liegen diverse Untersuchungen vor, in denen man die graphologischen Diagnosen (und Prognosen) mit standardisierten Testdaten und mit Charakterisierungen durch enge Bekannte des Betroffenen verglichen hat. Um so strikter die Methodik der jeweiligen Studie beschaffen war, resümiert Ben-Shakhar, um so mehr lagen die Schriftexperten mit ihrer Einschätzung daneben. In den wenigen Fällen, in denen es überhaupt eine über dem Zufall liegende "Trefferquote" gab, hatten die Sachverständigen "autobiographisch angehauchte", das heißt möglicherweise das Urteil beeinflussende Elaborate des Kandidaten zu Rate gezogen.

Was die Güte des graphologischen Votums in Sachen Personalberatung angeht, hat Ben-Shakhar zusammen mit seiner Arbeitsgruppe ein raffiniertes und enthüllendes Experiment durchgeführt. Zu diesem Zwecke schaffte er die schriftlichen Bewerbungen von 80 zufällig ausgewählten Angestellten herbei, die seit bis zu drei Jahren bei zwei israelischen Großbanken beschäftigt waren. Zusätzlich sah er die Stellungnahmen der jeweiligen Vorgesetzten ein, die in der Zwischenzeit die verschiedenen berufsbezogenen Qualitäten der Probanden auf quantitativen Schätzskalen beurteilt hatten. 3 Graphologen, die im Dienste der genannten Banken standen, wurden sodann mit der Aufgabe betraut, ihrerseits eine Eignungsdiagnose abzugeben. Fazit: Der Übereinstimmungs-Koeffizient zwischen graphologischem und Vorgesetzten-Urteil lag mit Werten zwischen 0,07 bis 0,42 unterhalb der Signifikanzgrenze und beschämend nahe an dem Bereich, der durch das Lesen von Kaffeesatz zustande kommt. Noch schlimmer: ein klinischer Psychologe, der die (ihm unbekannten) Bewerber allein an Hand der in ihren Texten vermittelten Inhalte eintaxieren sollte, übertrumpfte die Graphologen im Exaktheitsgrad. Selbst bei alleiniger Berücksichtigung von oberflächlichen Textmerkmalen wie Grammatik oder Wortreichtum zog er noch mit den "Schriftgelehrten" gleich.

In einer weiteren Studie ließ der Psychologe 40 Männer, die über 10 Jahre erfolgreich angesehenen Berufen nachgegangen waren, handschriftlich bestimmte, vorgegebene Buchseiten kopieren. Lediglich eine Handvoll (renommierter) Graphologen ließ sich überhaupt auf das Wagnis ein, allein auf der Basis der "Klaue" (und Informationen über Alter, Händigkeit und medizinische Verfassung) berufliche Empfehlungen für die Betreffenden abzugeben. Quintessenz: Einmal mehr stocherten die Fachleute mit ihrer Expertise auf Zufallsebene an den Gegebenheiten vorbei. Nicht einmal untereinander gingen sie auf befriedigendem Niveau in ihren Empfehlungen konform.

Auch bezüglich ihrer Reliabilität, dem statistischen Maß dafür, wie übereinstimmend die Expertise zu verschiedenen Messzeitpunkten ausfällt, hat die Graphologie empirisch Schiffbruch erlitten, hebt Baruch Nevo, ein führender israelischer Testpsychologe hervor. Ohne Stabilität des diagnostischen Urteils kann es jedoch auch keine Validität (Gültigkeit), das heißt, kein Zusammenfallen mit dem objektiven Befund geben.

Auf die Frage, warum die Graphologie sich trotz ihrer "mickrigen" Trefferquote so großer Beliebtheit erfreut, fallen einem laut Ben-Shakhar die verschiedensten Antworten ein. Die Handschrift, die ja nachweislich unter den verschiedensten Umständen einen unverwechselbaren "Fingerabdruck" des Individuums darstellt, drängt sich geradezu als "Spiegel der Seele" auf. In ihrem visuellen Formenreichtum drückt sie scheinbar unmittelbar die unsichtbaren Verwinkelungen des Innerseelischen aus. Zu verführerisch die Schlussfolgerung, dass "krakelige" Schriftzüge ein schlampiges Naturell, exakte Schönschrift den gewissenhaften Pedanten oder der kalligraphisch geschnörkelte "Doktor" ein künstlerisches Flair enthüllen. Solche Plausibilitäts-Deutungen befriedigen nach Ansicht von Nevo auch den tiefsitzenden, im magischen Denken verwurzelten Hang zum "holographischen Weltbild", zu der abergläubischen Überzeugung also, jedes noch so banale "Atom" des menschlichen Verhaltens sei irgendwie noch von der vielschichtigen Ganzheit der Person "beseelt", genauso, wie das Schicksal in all seiner Unerkennbarkeit Zeichen in den Ablagerungen des Kaffeesatzes hinterlässt.

   
 PSYCHOTHERAPIE Buch-Tipp
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Mit seinem Angriff auf den "Irrgarten" von nunmehr 600 konkurrierenden Therapierichtungen enthüllt der von der Deutschen Gesellschaft für Psychologie mit dem "Preis für Wissenschaftspublizistik" ausgezeichnete Journalist die "reine Quacksalberei" großer Teile der Psycho-Zunft. Provokant trägt das Buch damit zur Entwicklung wissenschaftlicher Psychotherapie als echte Heilungsalternative bei - durch fulminante Abrechnung mit falschen Grundannahmen von Psychoanalyse, Psychosomatik und Esoterik.
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Auch der in der Psychologie berühmte "Barnum-Effekt" trägt nach Auffassung von Ben-Shakhar zweifellos zur Popularität graphologischer Interpretationen bei. In verschiedenen Experimenten hat sich gezeigt, dass die meisten Menschen völlig allgemein gehaltene Charakterisierungen als auf sie selbst zutreffend erachten, sofern diese Phrasen in der richtigen Mischung aus reichlich schmeichelhaften Feststellungen und ein wenig den Realismus steigernder, aber nicht zu schmerzhafter Kritik gehalten sind. Da sie meist glänzende Stilisten und kundige Laienpsychologen sind, verstehen sich Graphologen auf solche Zuckerklümpchen-Porträts und wickeln selbst erfahrene Personalchefs mit einleuchtenden Charakterskizzen ein, die mühelos zu den eigenen, vorgefassten Vorurteilen über den Bewerber passen, stellt die Zeitschrift "Psychologie heute" fest. Ohne Umschweife, ohne die für Wissenschaftler charakteristischen einschränkenden und relativierenden Kommentare und ohne mühselig zu übersetzendes Fachchinesisch gehen Graphologen klipp und klar auf so kritische Eigenschaften wie Leistungsbereitschaft, Ehrlichkeit oder Ehrgeiz ein. Höchstwahrscheinlich "polieren" sie ihre Expertise auch noch durch die (nicht eingestandene) Verwertung von im Textinhalt vermittelten Informationen auf. Der Umstand, dass sie Vorinformationen über das Geschlecht des Kandidaten verlangen, öffnet nach Darstellung des amerikanischen Management-Professors Anat Rafaeli sexistischen Voreingenommenheiten Tür und Tor.

Graphologische Analysen, zieht Prof. Ben-Shakhar Bilanz, spielen eine ähnliche Rolle wie Placebos in der Medizin: Sie sind nicht völlig ineffektiv, wenn auch aus anderen Gründen als die, die die Wirksamkeit einer "echten" Arznei ausmachen. "Die Wissenschaft braucht, sollte und kann nicht die Unmöglichkeit des graphologischen Tun an sich beweisen. Es ist die Graphologie, die ihre Machbarkeit und ihren Status als wissenschaftliches Vorgehen zu etablieren hat."

© Rolf Degen. Der Beitrag erschien beim Eichborn-Verlag in der Reihe "Kritische Denkanstöße". Wiedergabe in "PSYCHOTHERAPIE" mit freundlicher Genehmigung von Rolf Degen und Annika Balser, Eichborn AG.

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