© PSYCHOTHERAPIE 19.10.2001
Kritische Denkanstöße: Graphologie signifikant wie Kaffeesatz
Falsches Vertrauen in die "Klaue"
Die Graphologie besitzt keinen diagnostischen
Realitätsgehalt
VON ROLF DEGEN
In der Gewissheit, dass die Handschrift
eines Menschen selbst dessen verborgensten Wesenszüge
widerspiegelt, stimmen die "einfachen Leute" häufig mit den
Führungskräften in Industrie und Wirtschaft überein. Zirka 85%
aller europäischen Unternehmen, darunter so bedeutsame Namen wie
die BASF oder die Lufthansa, greifen nach Angaben der
Zeitschrift "Psychologie heute" bei der Begutachtung von
Stellenbewerbern mehr oder minder offen auf graphologische
Expertisen zurück. Gemessen am empirischen Forschungsstand, wie
er unlängst in einer englischsprachigen Monographie festgehalten
wurde, lassen sie sich damit offenbar auf eine Diagnose ein, die
etwa dem Niveau des Kaffeesatz-Lesens entspricht.
Die Graphologie, als "Kunst und Lehre der
Handschriftdeutung" im Italien des 17. Jahrhunderts
konstituiert, geht ursprünglich auf die "Physiognomik", die
Ausdruckskunde der Antike zurück und wurde im vergangenen
Jahrhundert durch den französischen Gelehrten J.H. Michon
systematisiert. Ihre Adepten, so die 600 praktizierenden
Graphologen in der Bundesrepublik, leiten aus Schriftmerkmalen
wie Größe, Lage, Raumverteilung, Schreibdruck, Fülle, Magerkeit
oder Zeilenführung Schlussfolgerungen über
Persönlichkeitseigenschaften wie Gemütslage, Denkstil oder
Ordnungsliebe ab. Als Beurteilungsgrundlage fordern die
Schriftsachverständigen in aller Regel spontane, expressive
Schriftproben des Probanden an, die nicht eigens zu diesem
Zwecke angefertigt wurden und eine Unterschrift enthalten
sollen. Darüber hinaus legen die meisten Graphologen aber auch
auf Informationen über Alter, Geschlecht, Bildung,
Gesundheitszustand und Sozialstatus des Kandidaten Wert. Ihr
Gutachten schließlich nimmt fast immer die Gestalt einer
globalen, nicht-standardisierten Stellungnahme zur
Gesamtpersönlichkeit des Analysanden an.
Bereits bei oberflächlicher Betrachtung, meint Gershon
Ben-Shakhar, Professor an der Universität Jerusalem und einer
der angesehensten israelischen Psychologen, werden jedoch
eklatante Missstände in der Disziplin offenbar. Die Tatsache,
dass es weder eine tonangebende Theorie, noch ein verbindliches
Lehrbuch der graphologischen Schriftanalyse gibt, steht jeder
unzweideutigen empirischen Überprüfung im Weg. "In den meisten
Ländern existieren keine offiziell kreditierten Institute, an
denen die Lehre unterrichtet wird, keine Ausbildungsprogramme,
die irgendwelchen vorgegebenen Kriterien gerecht würden, keine
Zulassungsprozeduren etc. Die Praxis wird nicht durch das Gesetz
reguliert oder durch irgendeinen ethischen Kodex in Schranken
verwiesen."
Durch ihren Verzicht auf standardisierte, in ihrer Reichweite
klar umrissene Aussagen, durch den Rückgriff auf schwammige
Charakterisierungen wie "geizig" oder "großmütig" und durch das
Insistieren auf Zusatzinformationen über den Probanden haben
Graphologen in der Vergangenheit eine neutrale Musterung des
Wahrheitsgehaltes ihrer Deutungen schwer gemacht.
Nichtsdestotrotz liegen diverse Untersuchungen vor, in denen man
die graphologischen Diagnosen (und Prognosen) mit
standardisierten Testdaten und mit Charakterisierungen durch
enge Bekannte des Betroffenen verglichen hat. Um so strikter die
Methodik der jeweiligen Studie beschaffen war, resümiert
Ben-Shakhar, um so mehr lagen die Schriftexperten mit ihrer
Einschätzung daneben. In den wenigen Fällen, in denen es
überhaupt eine über dem Zufall liegende "Trefferquote" gab,
hatten die Sachverständigen "autobiographisch angehauchte", das
heißt möglicherweise das Urteil beeinflussende Elaborate des
Kandidaten zu Rate gezogen.
Was die Güte des graphologischen Votums in Sachen
Personalberatung angeht, hat Ben-Shakhar zusammen mit seiner
Arbeitsgruppe ein raffiniertes und enthüllendes Experiment
durchgeführt. Zu diesem Zwecke schaffte er die schriftlichen
Bewerbungen von 80 zufällig ausgewählten Angestellten herbei,
die seit bis zu drei Jahren bei zwei israelischen Großbanken
beschäftigt waren. Zusätzlich sah er die Stellungnahmen der
jeweiligen Vorgesetzten ein, die in der Zwischenzeit die
verschiedenen berufsbezogenen Qualitäten der Probanden auf
quantitativen Schätzskalen beurteilt hatten. 3 Graphologen, die
im Dienste der genannten Banken standen, wurden sodann mit der
Aufgabe betraut, ihrerseits eine Eignungsdiagnose abzugeben.
Fazit: Der Übereinstimmungs-Koeffizient zwischen graphologischem
und Vorgesetzten-Urteil lag mit Werten zwischen 0,07 bis 0,42
unterhalb der Signifikanzgrenze und beschämend nahe an dem
Bereich, der durch das Lesen von Kaffeesatz zustande kommt. Noch
schlimmer: ein klinischer Psychologe, der die (ihm unbekannten)
Bewerber allein an Hand der in ihren Texten vermittelten Inhalte
eintaxieren sollte, übertrumpfte die Graphologen im
Exaktheitsgrad. Selbst bei alleiniger Berücksichtigung von
oberflächlichen Textmerkmalen wie Grammatik oder Wortreichtum
zog er noch mit den "Schriftgelehrten" gleich.
In einer weiteren Studie ließ der Psychologe 40 Männer, die über
10 Jahre erfolgreich angesehenen Berufen nachgegangen waren,
handschriftlich bestimmte, vorgegebene Buchseiten kopieren.
Lediglich eine Handvoll (renommierter) Graphologen ließ sich
überhaupt auf das Wagnis ein, allein auf der Basis der "Klaue"
(und Informationen über Alter, Händigkeit und medizinische
Verfassung) berufliche Empfehlungen für die Betreffenden
abzugeben. Quintessenz: Einmal mehr stocherten die Fachleute mit
ihrer Expertise auf Zufallsebene an den Gegebenheiten vorbei.
Nicht einmal untereinander gingen sie auf befriedigendem Niveau
in ihren Empfehlungen konform.
Auch bezüglich ihrer Reliabilität, dem statistischen Maß dafür,
wie übereinstimmend die Expertise zu verschiedenen
Messzeitpunkten ausfällt, hat die Graphologie empirisch
Schiffbruch erlitten, hebt Baruch Nevo, ein führender
israelischer Testpsychologe hervor. Ohne Stabilität des
diagnostischen Urteils kann es jedoch auch keine Validität
(Gültigkeit), das heißt, kein Zusammenfallen mit dem objektiven
Befund geben.
Auf die Frage, warum die Graphologie sich trotz ihrer
"mickrigen" Trefferquote so großer Beliebtheit erfreut, fallen
einem laut Ben-Shakhar die verschiedensten Antworten ein. Die
Handschrift, die ja nachweislich unter den verschiedensten
Umständen einen unverwechselbaren "Fingerabdruck" des
Individuums darstellt, drängt sich geradezu als "Spiegel der
Seele" auf. In ihrem visuellen Formenreichtum drückt sie
scheinbar unmittelbar die unsichtbaren Verwinkelungen des
Innerseelischen aus. Zu verführerisch die Schlussfolgerung, dass
"krakelige" Schriftzüge ein schlampiges Naturell, exakte
Schönschrift den gewissenhaften Pedanten oder der kalligraphisch
geschnörkelte "Doktor" ein künstlerisches Flair enthüllen.
Solche Plausibilitäts-Deutungen befriedigen nach Ansicht von
Nevo auch den tiefsitzenden, im magischen Denken verwurzelten
Hang zum "holographischen Weltbild", zu der abergläubischen
Überzeugung also, jedes noch so banale "Atom" des menschlichen
Verhaltens sei irgendwie noch von der vielschichtigen Ganzheit
der Person "beseelt", genauso, wie das Schicksal in all seiner
Unerkennbarkeit Zeichen in den Ablagerungen des Kaffeesatzes
hinterlässt.
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Degen, Rolf: Lexikon der Psycho-Irrtümer.
Frankfurt/Main: Eichborn-Verlag, 2000.
Mit seinem Angriff auf den "Irrgarten" von nunmehr 600
konkurrierenden Therapierichtungen enthüllt der von der Deutschen
Gesellschaft für Psychologie mit dem "Preis für
Wissenschaftspublizistik" ausgezeichnete Journalist die "reine
Quacksalberei" großer Teile der Psycho-Zunft. Provokant trägt das
Buch damit zur Entwicklung wissenschaftlicher Psychotherapie als
echte Heilungsalternative bei - durch fulminante Abrechnung mit
falschen Grundannahmen von Psychoanalyse, Psychosomatik und
Esoterik.
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Auch der in der Psychologie
berühmte "Barnum-Effekt" trägt nach Auffassung von Ben-Shakhar
zweifellos zur Popularität graphologischer Interpretationen bei.
In verschiedenen Experimenten hat sich gezeigt, dass die meisten
Menschen völlig allgemein gehaltene Charakterisierungen als auf
sie selbst zutreffend erachten, sofern diese Phrasen in der
richtigen Mischung aus reichlich schmeichelhaften Feststellungen
und ein wenig den Realismus steigernder, aber nicht zu
schmerzhafter Kritik gehalten sind. Da sie meist glänzende
Stilisten und kundige Laienpsychologen sind, verstehen sich
Graphologen auf solche Zuckerklümpchen-Porträts und wickeln
selbst erfahrene Personalchefs mit einleuchtenden
Charakterskizzen ein, die mühelos zu den eigenen, vorgefassten
Vorurteilen über den Bewerber passen, stellt die Zeitschrift
"Psychologie heute" fest. Ohne Umschweife, ohne die für
Wissenschaftler charakteristischen einschränkenden und
relativierenden Kommentare und ohne mühselig zu übersetzendes
Fachchinesisch gehen Graphologen klipp und klar auf so kritische
Eigenschaften wie Leistungsbereitschaft, Ehrlichkeit oder
Ehrgeiz ein. Höchstwahrscheinlich "polieren" sie ihre Expertise
auch noch durch die (nicht eingestandene) Verwertung von im
Textinhalt vermittelten Informationen auf. Der Umstand, dass sie
Vorinformationen über das Geschlecht des Kandidaten verlangen,
öffnet nach Darstellung des amerikanischen Management-Professors
Anat Rafaeli sexistischen Voreingenommenheiten Tür und Tor.
Graphologische Analysen, zieht Prof. Ben-Shakhar Bilanz, spielen
eine ähnliche Rolle wie Placebos in der Medizin: Sie sind nicht
völlig ineffektiv, wenn auch aus anderen Gründen als die, die
die Wirksamkeit einer "echten" Arznei ausmachen. "Die
Wissenschaft braucht, sollte und kann nicht die Unmöglichkeit
des graphologischen Tun an sich beweisen. Es ist die
Graphologie, die ihre Machbarkeit und ihren Status als
wissenschaftliches Vorgehen zu etablieren hat."
© Rolf Degen. Der Beitrag erschien beim
Eichborn-Verlag in der Reihe "Kritische Denkanstöße". Wiedergabe
in "PSYCHOTHERAPIE" mit freundlicher Genehmigung von Rolf Degen
und Annika Balser,
Eichborn AG.
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