© PSYCHOTHERAPIE 19.10.2001
Kritische Denkanstöße: Emotionale Intelligenz - EQ
Das Dumme an der Emotionalen Intelligenz
Wunschdenken, Gefühlsduselei und Geschäftemacherei statt
stichhaltigem Konzept
VON ROLF DEGEN
Die Tage, an denen man nur mit eiskalter
Berechnung und nackter Selbstsucht Karriere machen konnte, sind
gezählt. Es ist das erklärte Credo der
Emotionalen-Intelligenz-Bewegung, dass ein hoher IQ für das
Fortkommen nichts (mehr) nützt, wenn der Mensch nicht auch über
"EQ", sprich Charakterstärke und gewandten Umgang mit Menschen,
verfügt. Der Anspruch, dass dieses Konzept auf soliden
wissenschaftlichen Grundlagen und exakten Messungen basiert,
hält jedoch einer kritischen Analyse durch den Vater des
Begriffes nicht stand. Danach handelt sich vielmehr um ein
notdürftig zusammengeschustertes, verschwommenes Konstrukt, das
mehr naivem Wunschdenken und Gefühlsduselei als methodischer
Wahrheitsfindung entspringt.
Mit seinem Buch "Emotionale Intelligenz",
das weltweit eine Auflage von 3 Millionen erreichte, trat der
Wissenschaftsjournalist Daniel Goleman von der New York Times
1995 eine Lawine los. Die Schule, die Arbeitswelt, ja der
gesamte Alltag, so der Tenor des Bestsellers, würden in unserer
Ego-Gesellschaft durch unhöfliche, verantwortungslose und
selbstsüchtige Umgangsformen deformiert. Dabei hätten zahllose
neue wissenschaftliche Untersuchungen längst den Beweis
erbracht, dass der Besitz von "Emotionaler Intelligenz" Menschen
umgänglicher und selbstloser mache und ihnen obendrein zum
Lebenserfolg und zum beruflichen Fortkommen verhelfe. Wer
wünschte sich nicht, dass die netten Typen und nicht die
gnadenlosen Karrieristen nach oben kommen.
Es ist jedoch weniger bekannt, dass die Idee von der Existenz
einer Emotionalen Intelligenz schon im Jahr 1990 von den
amerikanischen Universitätspsychologen John D. Mayer und Peter
Salovey entwickelt worden war. Wie bei der klassischen
Intelligenz sollte es sich bei dieser Fertigkeit um eine
umschriebene Kompetenz handeln, die in der Fähigkeit besteht,
emotionale Informationen (wie etwa fremde Gefühlsausdrücke)
korrekt und effizient zu verstehen. Goleman hat diese
ursprüngliche Anregung aufgegriffen und mit einem Wust von
unbewiesenen Zusatzannahmen aufgebläht. Nach seiner Definition
setzt sich die Emotionale Intelligenz aus einem ganzen Warenkorb
von Tugenden zusammen: Selbstkenntnis, der Fähigkeit, Gefühle
und Stimmungen zu managen, Selbstmotivation, der Fähigkeit,
Gefühle zu erkennen und Beziehungen zu handhaben.
Goleman hat das, was ursprünglich aus einer abgrenzbaren
Fertigkeit bestand, um eine ganze Latte von sozial erwünschten
Persönlichkeitsmerkmalen erweitert, geht nun der Gründervater
John D. Mayer von der University of New Hampshire kritisch mit
seinem intellektuellen Ziehsohn ins Gericht (Educational
Psychology Review, Bd. 12, S. 163 ff.) Die emotionale
"Intelligenzbestie" ist belastbar und flexibel; sie ist
führungsstark und einfühlsam; sie ist fantasievoll, zuverlässig
und moralischen Werten verpflichtet. "Diese neue Akzentuierung
verwandelte die Emotionale Intelligenz in ein Sammelbecken für
alles, was irgendwie Motivation, Emotion oder guten Charakter
betrifft", moniert der Seelenforscher.
Auch Howard Gardner, Harvard-Psychologe und renommiertester
Kritiker des klassischen Intelligenz-Quotienten, kreidet Goleman
das Abirren vom nüchternen Beschreiben ins Moralisieren an: "Der
Begriff der Intelligenz darf nicht so aufgeweicht werden, dass
er die Trennlinie zwischen dem Beschreiben und Vorschreiben
überschreitet... Wenn der Begriff erst einmal die Art von
Persönlichkeit bezeichnet, die wir lediglich anstreben, ist der
Übergang zu einem Wertesystem vollzogen, und der sollte niemals
ein Teil unserer Intelligenzdefinition sein."
Dadurch, dass Goleman Fertigkeiten und Persönlichkeitsmerkmale
zusammenwirft, geht außerdem die Einheitlichkeit der Emotionalen
Intelligenz verloren, kritisiert Mayer weiter. Es gibt in der
Realität überhaupt keine Gewähr dafür, dass beide Aspekte bei
ein und derselben Person zusammenfallen. Die beiden Dimensionen
könnten auch völlig unabhängig voneinander sein, pflichtet
Howard Gardner bei. Man braucht sich nur einen Menschen mit
sadistischer (also emotional dummer) Persönlichkeit
vorzustellen, der seine vorzügliche Fertigkeit im Lesen von
Gefühlen missbraucht, um anderen Menschen wehzutun.
Es müsste also erst einmal empirisch gemessen und "validiert"
werden, dass die von Goleman behaupteten Wesensmerkmale
tatsächlich zusammengehören und einer positiven Entwicklung
Vorschub leisten. Der Begriff "EQ", der sich an dem
testtheoretisch solide abgestützten IQ anlehnt, täuscht diese
Art von Wissenschaftlichkeit nur vor. In Wirklichkeit liegen ihm
überhaupt keinerlei methodischen Untersuchungen zugrunde. Er
geht vielmehr auf ein naives Quiz in der Zeitung "USA Today"
zurück, das im Internet vielfach kolportiert wird (zum Beispiel:
www.utne.com/azEq2.tmpl) und Bände über den wissenschaftlichen
Status des Konzeptes spricht. "Man muss unbedingt feststellen,
dass es kaum Validierungen zu den Instrumenten gibt, die
Emotionale Intelligenz testen wollen", stößt der
US-Arbeitswissenschaftler James Kierstead ins gleiche Horn.
Ein amerikanisches Psychologenteam, das die einschlägigen
Fragebögen statistisch unter die Lupe nahm, zog vergangenes Jahr
pessimistisch Bilanz: "Von der Emotionalen Intelligenz bleibt
wenig übrig, das einzigartig und testtheoretisch solide wäre."
Die Fragebögen, die Persönlichkeitsmerkmale maßen, überschnitten
sich stark mit längst etablierten Instrumenten, zum Beispiel der
Verträglichkeits-Skala. Das heißt im Klartext, sie waren
überflüssig. Jene Skalen, mit denen Fertigkeiten gemessen
wurden, ließen dagegen jegliche Verlässlichkeit (Reliabilität)
vermissen. Bei wiederholter Durchführung schnitt die gleiche
Person immer anders ab.
Der Glaube, dass Emotionale Intelligenz beim Vorwärtskommen
hilft, ist ebenfalls unbegründet, hält Mayer fest. Goleman
verstieg sich 1995 in seinem Buch zu der Behauptung, dass der EQ
sage und schreibe 80 Prozent des beruflichen Erfolges
determiniert. Die Beweisführung hinter dieser Aussage ist wahre
Kinderlogik. Nach den vorliegenden Statistiken wird der
berufliche Erfolg zu 20 Prozent durch die klassische Intelligenz
bestimmt. "Goleman implizierte, dass die übrigen 80 Prozent
durch etwas anderes bestimmt werden müssen. Und dieses ‚andere'
war die Emotionale Intelligenz." Diese naive Schlussfolgerung
steht mit den gesicherten Erkenntnissen auf Kriegsfuß. Der
Intelligenz-Quotient ist de facto der einzige monolithische
Einfluss, der für sich alleine einen bedeutenden Anteil des
Effektes (der Karriere) erklärt. "Die unerklärten 80 Prozent
gehen zum größten Teil auf komplexe und chaotische Interaktionen
zwischen Hunderten von Variablen zurück, die über lange Zeit
zusammenspielen."
Dass emotionale Persönlichkeitsmerkmale bei diesem Prozess keine
große Rolle spielen, geht eindeutig aus den bisherigen
Langzeitstudien hervor. In einer großangelegten Untersuchung an
24.000 Arbeitern wurde zum Beispiel der Einfluss der
einschlägigen sozio-emotionalen Persönlichkeitsmerkmale auf den
Berufserfolg studiert. Der Faktor "Verträglichkeit", der sich
unter anderem aus Bescheidenheit und Selbstlosigkeit
zusammensetzt und der Emotionalen Intelligenz sehr nahe steht,
war weitgehend irrelevant. Die Persönlichkeitszüge, die
überhaupt einen Einfluss hatten, konnten den Berufserfolg
höchstens zu 2 bis 3 Prozent erklären. Die "Gewissenhaftigkeit",
die vorwiegend aus Pflichtgefühl, Ausdauer, Strebsamkeit und
Zuverlässigkeit besteht (und bei der EQ-Bewegung wenig Anklang
findet), schneidet bei solchen Studien stets am besten ab. Es
gibt laut Mayer auch nicht den geringsten Hinweis, dass
Emotionale Intelligenz einen bedeutenden Beitrag zum Schulerfolg
leistet.
Emotionale Intelligenz kann und darf nicht gleichbedeutend mit
"sich wohlfühlen" sein, betont der Psychologe. Schulische und
berufliche Spitzenleistungen setzen auch ganz andere emotionale
Nuancen voraus. Auch Widerspruch und skeptische Zurückhaltung
gehören dazu. "Eine Kritik, der keine negativen Gefühle zugrunde
liegen, kann steril und unweltlich wirken." Sogar Wut,
Verzweiflung und Trauer können die Kreativität und das Geniale
nähren. Im Kerne läuft die Theorie der Emotionalen Kreativität
auf das Wunschdenken hinaus, dass der "gute Mensch" im Leben
auch den Erfolg davonträgt. Und sie nährt die egalitäre
Täuschung, dass ein jeder auf einem wichtigen und
"intelligenten" Gebiet Brillanz besitzt.
Psychologen können solche Wünsche mit der "Illusion der
gerechten Welt" erklären. In den geheimen Winkeln der Seele
leugnet das Individuum demnach die Existenz von Unrecht und
Tragik ab, da andernfalls ja sogar guten Leuten (wie einem
selbst) schlechte Dinge widerfahren könnten. Aus dieser Dynamik
heraus gibt es eine starke, unterbewusste Tendenz, den Opfern
von Missgeschicken die Verantwortung für selbige zuzuschustern.
In dem Maße, in dem man sich erfolgreich von dieser scheinbar
selbstverschuldeten Not absetzt, bleibt einem naturgemäß die
Einsicht in die eigene Vulnerabilität erspart.
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Degen, Rolf: Lexikon der Psycho-Irrtümer.
Frankfurt/Main: Eichborn-Verlag, 2000.
Mit seinem Angriff auf den "Irrgarten" von nunmehr 600
konkurrierenden Therapierichtungen enthüllt der von der Deutschen
Gesellschaft für Psychologie mit dem "Preis für
Wissenschaftspublizistik" ausgezeichnete Journalist die "reine
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Buch damit zur Entwicklung wissenschaftlicher Psychotherapie als
echte Heilungsalternative bei - durch fulminante Abrechnung mit
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Bleibt die Frage, ob man
Emotionale Intelligenz überhaupt vermitteln könnte, wenn sie ein
real existierendes Merkmal wäre. Die Forschungen über die
Stabilität der sozio-emotionalen Persönlichkeitsmerkmale sind in
dieser Hinsicht nicht gerade verheißungsvoll: Spätestens im
jungen Erwachsenenalter, so das Fazit, haben sich derartige
Wesenszüge im Menschen zementiert. Gefühlsintelligenz könne man
auf die Schnelle nicht erlernen, räumt auch Goleman
seriöserweise ein. Allerdings, so fügt er hinzu, gebe es seit
einiger Zeit ein honoriges Institut, die Emotional Intelligence
Services (geleitet von Daniel Goleman). Dort könne man
hochwirksame Seminare buchen... Auch die Seminare und Kurse zur
Erhöhung des EQ, die sich massenhaft im Internet finden lassen,
sind durch ein windiges Flair aus Esoterik und Beutelschneiderei
geprägt. Das Konzept der Emotionalen Intelligenz wäre viel
überzeugender, wenn seine Vermarktung nicht so offensichtlich
auf die Dummheit der Menschen zielte.
© Rolf Degen. Der Beitrag erschien beim
Eichborn-Verlag in der Reihe "Kritische Denkanstöße". Wiedergabe
in "PSYCHOTHERAPIE" mit freundlicher Genehmigung von Rolf Degen
und Annika Balser,
Eichborn AG.
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