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© PSYCHOTHERAPIE 21.06.2001
Positives Denken macht krank: Wahnsinn statt Psychotherapie
Die Diktatur der Optimisten
Teurer Mythos positives Denken
VON CHRISTIAN SCHÜLE
"Du schaffst es!", "Gib niemals auf!", "Sorge dich
nicht - lebe!" Die Entertainer der Erfolgsgesellschaft locken Verzagte,
Berufsmüde und Karrieresüchtige zu Tausenden auf ihre Motivationskongresse.
Begegnungen mit den Predigern der Erschöpfungslehre.
Und dann sagt er ihnen, sie seien in den Hühnerstall
hineingeboren. Zu Hühnern habe man sie erzogen. Und er sagt ihnen, sie seien
Adler, und sie schweigen und lauschen. Und der Hühnerstall, das sagt er
ihnen nicht, ist die Gesellschaft, und Hühner sind schwach. Und die
allermeisten Menschen seien Hühner, und du, sagt er ihnen, du schaffst
alles, wenn du nur willst, DU, sagt er, DU kannst Adler werden! Und 1.100
Adler jubeln. Der Redner heißt Jürgen Höller. Es ist Samstagnachmittag.
Draußen regnet es.
Congress Centrum Hamburg, neun Uhr. Unaufhörlich fahren Männer mit dunklem
Dreiteiler und gestreiften Krawatten, Coat, Mantel, Ledertasche die erste
Rolltreppe hinauf, dazwischen Frauen mit Schlangenlederschuhen und Pumps,
Kleidern, Lederhosen, Jeans. Neben der Garderobe - Erste erkennen sich
wieder, man scherzt - ein lang gezogener Stand: Bücher, Videos und Kassetten
von Brian Tracy, Ulrich Strunz, Jürgen Höller und Napoleon Hill; Die Macht
der Motivation; das Erfolgspaket Sprenge Deine Grenzen!; Denke nach und
werde reich: die 13 Erfolgsgesetze. Drei viertel zehn, die zweite
Rolltreppe. Vor Saal 2 hat die Deutsche Post einen gelben Tisch. "Wir sind
überall dabei", sagt die Betreuerin. 80 Postkunden seien hier, im Seminar,
von der Post eingeladen, zu vergünstigten Konditionen. Schräg gegenüber: der
weißwandige Stand des Deutschen Herold, Versicherungsgruppe der Deutschen
Bank. "Die soziale Kompetenz", sagt der Bereichsdirektor Hamburg und
Umgebung, "wird immer bedeutender und in den Unternehmen keineswegs richtig
gelebt." Fünf vor zehn. Die Tür öffnet sich. 1.100 Menschen strömen in Saal
2. Plötzlich - ein Schrei: "I got the power!" Volume: erheblich. Der Groove
kommt unweigerlich. Einige wippen schon und schwingen. Dann sind die Reihen
dicht. Saal 2 ist voll. Der Organisator von Live Power Seminare tritt auf
die Bühne, hinter ihm zwei beträchtliche Videoleinwände, die ihn
überlebensgroß projizieren. Er kündigt den teuersten Motivationstrainer
Europas an. "Sage und schreibe 45.000 Mark Tagesgage!" Er kündigt den
Vollblutunternehmer und Vater zweier Söhne an. "20 Millionen Mark
Jahresumsatz!" Er kündigt den Mann an, der vor zwei Jahren die Dortmunder
Westfalenhalle füllte. "14.000 Leute!" Und dann stürmt dieser Mann neben der
Bühne ins Parkett. Grün-gelber Laser. Theme from Mission Impossible. Er
lacht und klatscht schnell. Er fasst Hände und Schultern. Zehn Uhr fünf, der
"Termin mit deinem Schicksal" beginnt. 1100 Adler wissen nicht mehr, dass
sie Adler sind. Einer muss es ihnen wieder sagen. Das ist der Beruf von
Jürgen Höller. Seit 1991 hat er einer Million Menschen Kick-offs, Push-ups
und positive thinking beschert; zwei Jahre im Voraus, heißt es, sei er
ausgebucht. Jürgen Höller, sagt man, sei der Star, der Papst, der "Magier"
unter den Motivationstrainern Deutschlands, und an diesem Samstag, als es
unaufhörlich regnet, jubeln ihm 1.100 Menschen zu, die spüren, dass alles,
alles möglich ist.
Draußen ist schwarze Nacht, und in den sonnenhellen Raum kommen Männer Mitte
30 bis 50 mit passgenauen Anzügen, blauen Hemden, roten Krawatten, und es
kommen Frauen Mitte 20 bis 50 in Kostümen, hochhackig und auch casual. 400
Gäste, kein Platz bleibt frei. Cher singt den Choop-Song. München,
Stadtmitte, ein Dienstag. Der Präsentator des Seminars spricht vom
"Geheimnis der Motivation" und davon, dass weder der Markt noch der Partner,
noch das System, nein, meine Damen und Herren, dass nur der Einzelne
verantwortlich sei für sein Schicksal. Er spricht über die "Freisetzung von
Mitarbeiterpotenzial", über die "Nutzung individueller Ressourcen". Ein
Defizit. Neue Anforderungen. Risiken. Chancen! Ein durchaus dynamischer
Handschlag, und auf die Bühne steppt Jörg Löhr, Deutschlands
"Motivationstrainer der Jahre 1998 und 2000". Ein groß gewachsener,
körperpräsenter Mann. Löhr war Leistungssportler, 94facher
Handball-Nationalspieler, Europacup-Sieger, Mannschaftsführer, besaß ein
Fitnessstudio in Augsburg und noch eines und dann eine Unternehmensberatung,
und nun ist er "Erfolgstrainer". Zusatzausbildungen wie NLP, wovon gleich
die Rede sein wird, hat er absolviert. Hunderte Seminare hat er selbst
besucht, Robbins, Tracy, hunderte Bücher gelesen und nicht weniger Kassetten
gehört. Selten sieht man ihn nicht strahlen. Seine Augen sind wasserblau und
sehr offen. Er zeigt Impulse als Zentimeter, zieht gern drei, vier grobe,
allgemein verständliche Linien auf das Flipchart, "mit Spaß und Freude ist
eine ganz andere Leistung möglich", sagt er dabei den Zuhörern, die lächeln,
lachen, klatschen, staunen, die schon wenig später schreiben werden, dass
sie dieser Abend verändert habe.
Seit der postmodernen Erosion der "alten" Werte in den achtziger Jahren, die
zugleich ein Plädoyer für Öffnung und die Erlaubnis zu Pluralismus und
Wahlfreiheit war, rollt eine Welle durch Deutschland, die aus dem Amerika
von 1870 kommt. Ihr Erfolg beruht darauf, dass sie dem Einzelnen eine schier
endlose, von gesellschaftlicher Erziehung verschüttete Selbstmächtigkeit
unterstellt. Eifernde Evangelisten in den Vereinigten Staaten machten den
Anfang, es folgten, in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts, Dale
Carnegie, Joseph Murphy, Norman Peale und Erhard Freitag, in den Achtzigern
und Neunzigern Anthony Robbins, Brian Tracy und Tom Peters. In Deutschland
will Anfang der siebziger Jahre die Münchnerin Vera F. Birkenbihl, nach zehn
Jahren heimgekehrt aus Amerika, den "psychologischen Supermarkt" erfunden
haben. Es gab Nikolaus Enkelmann, dann kamen der Holländer Emile Ratelband
und seit fünf bis zehn Jahren jene, die manche Medien mit religiöser
Konnotation "Päpste" und "Gurus" nennen: Ulrich Strunz, Bodo Schäfer, Jürgen
Höller, Jörg Löhr. Die Welle führt, je nach Standpunkt des Betrachters,
hilfreiche Visionen, fatale Ideologien oder schlicht zusammengeklaubte
Kalenderweisheiten mit sich. Sie verspricht "Power", Frische und Aufbruch,
fließt im Bett des "Positiven Denkens", speist sich hemmungslos aus dem
Prinzip Individualismus und ergießt sich in das "Un- und Unterbewusste". Auf
ihrem Weg hat sie Kinesiologie und Kybernetik mit sich gerissen und vor
allem das "Neurolinguistische Programmieren (NLP)", einen psychologischen
Mischmasch, der das Wort mit dem Denken, das Denken mit dem Willen
gleichsetzt und mit der verbalen Suggestion das Gehirn neu formatieren, das
Individuum auf die Schnelle verändern zu können glaubt. Die, die auf dieser
Welle erfolgreich surfen, ziehen eine Menge Trittbrettfahrer hinterher. Man
unterteilt sie in seriös und unseriös, kritisiert sie als Bluffer, Blender
und Betrüger, lobt sie als Propheten, Priester, Profis. Es sind ehemalige
Leistungssportler, Direktverkäufer, Unternehmensberater oder alles zusammen.
Sie sind schrill und bedächtig, und ihre Zahl beläuft sich auf über 1.000 in
Deutschland, was geschätztes Minimum ist. Was sie verkaufen, sind Strategien
zur Selbstvermarktung, zu Kreativität, Selbst- und Zukunftsmanagement, "Präsentainment",
Rhetorik - die ewigen Gesetze des Erfolges. Sie bieten
Tagesgroßveranstaltungen an, vertiefende Zwei-, Drei- und Viertageseminare,
werden für die firmeneigene Fortbildung gebucht, als mentale Honorierung für
verdienstvolle Außendienstmitarbeiter, und als Firmenpräsent zur Pflege der
Kunden. Sie füllen Hallen und Hotels, lassen Führungskräfte über glühende
Kohlen und durch Scherben gehen, mit dem Hals Eisenstangen verbiegen und
Tsjakkaa! schreien. Sie empfehlen sich gegenseitig, nehmen sich unter
Vertrag, treten als "Gaststars" auf und sind sich doch Konkurrenz. Ihre
eigenen Firmen gehen Pleite, sie torkeln, fallen und stehen wieder auf. "Du
musst immer einmal mehr aufstehen als hinfallen!", sagt Jürgen Höller.
"Erfolg heißt, einmal mehr aufzustehen als hinzufallen", sagt Jörg Löhr. Das
Zitat stammt von Churchill, und Dorothea Laupheimer, wie das Leben so
spielt, ist gerade wieder aufgestanden.
Hemmungsloser Individualismus: Illusion und Selbsttäuschung
Lange habe sie in einem düsteren Loch gesteckt, sagt
sie, persönliche Probleme, eine schwere Krankheit in der Familie, eins kam
zum anderen, und so weiter, man kennt das ja, sie fühlte sich ausgelaugt,
groggy, grau, wollte Spaß am Leben und fand ihn nicht mehr. Dann besuchte
sie ein Seminar bei Jörg Löhr, und vieles, sagt sie, habe sich von da an zum
Guten gewendet. Dorothea Laupheimer, Zahnärztin aus dem schwäbischen
Laupheim, Kieferorthopädin und Praxischefin mit Zwölfstundentag, hat drei
große Dreitageseminare mit Jörg Löhr absolviert, dazwischen dessen Bücher
gelesen, verinnerlicht und verschenkt, sich Löhrs Hörkassetten gekauft, auf
dass auch Autofahrten Sinn abwürfen, und sie habe, wie sie sagt, allmählich
begriffen, "dass nur du selbst dich motivieren kannst". Löhr habe Antworten
auf ihre Probleme. Löhr ziehe einen mit. Auf Löhr lässt sie nichts kommen.
Jedes Mal nach den Seminaren, als sie nach Hause gekommen und wieder sie
selbst gewesen sei, hätten ihre Kinder sie staunend dasselbe gefragt: "Mama,
was hat denn der mit dir gemacht?" Sie lacht. Einer ständig kranken
Mitarbeiterin, "einer sehr guten Fachkraft", habe sie irgendwann in einem
langen Gespräch von Löhrs Thesen erzählt. "Danach war die keinen Tag mehr
krank." Ihre Berufsgruppe, müsse man wissen, stehe ständig unter Stress,
Wochenendarbeit, kaum Urlaub, wenig Zeit für die Familie, Anspannung,
Verspannung, und in Kürze werde sie deshalb ein Entspannungsseminar besuchen
und dann ein Feuerlaufseminar, und danach werde sie ihre Erkenntnisse an
ihre 30 Mitarbeiter weitergeben. Eine Art Kunst für sich sei dieses Denken,
eine Kunst der Wiederherstellung von Lebensfreude, "Gedanken- und
Worthygiene", und dazu das Dreigestirn des Pragmatismus: Begeisterung, Mut
und Tatkraft. All das also, was Jürgen Höller vermisst, in und an der
deutschen Gesellschaft dieser Tage, die das Positive unter
Verschwörungsverdacht stelle, dem Nein huldige, den einzelnen Bürger klein
und ziellos halte, weil dieser sich klein und ziellos halten lasse und doch
groß und erfolgreich werden könne - ein Adler eben.
Am Rande des schlummernden Schwebheim, tiefes Franken, liegt eine weiße
Villa neben dem Wald. Ein bewegliches Kameraauge erfasst den Vorhof, und
wenn es klingelt, übernimmt der Mischling Gino das Regiment. Höllers
Arbeitszimmer ist noch neu. Seit zwei Jahren wohnt die Familie im
Tausendseelendorf Schwebheim, in dem Höller vor 37 Jahren als Arbeitersohn
geboren und nach eigener Einschätzung um Anerkennung betrogen wurde. "Wissen
Sie", sagt er, "ich bin ein im positiven Sinne Verrückter, weil ich
weggerückt bin vom Gewöhnlichen." Höllers "größte Schwäche" kommt herein,
bringt Kaffee und Gebäck. Kerstin Höller grüßt herzlich. Das Essen, flüstert
sie ihrem Gatten bei einer Umarmung ins Ohr, stehe unten in der Küche. Die
Höllers küssen sich, die Tür klappt leise. "Ich empfehle nicht, dies oder
das zu tun, ich will unabhängige, erfolgreiche Menschen." - Erfolg ist ja
nun eine dehnbare Hülse ... - "... für mich ist Erfolg ganzheitliches Glück,
in allen Lebensbereichen." - Ist Glück also Erfolg? - "Wir müssen einfach
begreifen, dass wir heute lebenslang zu lernen haben, und man muss den
Leuten Mut machen, muss ihnen sagen: Du schaffst es, du musst nur an dich
glauben!" Höllers bestes Beispiel ist Höller. Ob vor Zehntausenden in den
Hallen der Republik oder in der Gelassenheit privathäuslicher Intimität:
Wenn er spricht, spricht er immer das Gleiche und spricht er über sich.
Erfolg ist allen möglich, weil er ihm möglich war. Misserfolg muss nicht
sein, weil er aufgestanden ist. Jedes Huhn könne wieder zum Adler werden,
sagt Höller, das sei seine Botschaft. Strebt jeder unbedingt nach oben, nur
weil Höller nach oben strebte, seit er mit sieben beschloss, so groß zu
werden, so wie sein Vorbild Arnold Schwarzenegger, der Grazer Bub? In
Schwebheim damals, im Sportunterricht, Fußball, Handball, wer ist da immer
übrig geblieben, als die Mannschaften sich formierten? "Der Klassendicke und
der kleine Jürgen." Die hat niemand gewählt. Die wollte man nicht. Höller
lacht. Es bleibt ein professionelles, ein trockenes Lachen. Heute kämen die
Sportasse zu ihm, Welt- und Europameister, Berühmtheiten, und er spricht vom
Christoph, der gerade vorher angerufen hätte, und er meint den
zurückgekehrten Daum, Fußballtrainer ehedem. Höller trinkt seine Tasse
Kaffee, lehnt sich zurück, nestelt am roten Poloshirt. Ein Fax kommt. Der
Jürgen Höller, sagt Jürgen Höller, sei heute Deutschlands, vielleicht
Europas erfolgreichster Motivationstrainer. Motivieren kann er nicht. Will
er auch nicht. Motivieren könne sich jeder nur selbst. Menschen, die ihn
aufsuchen, haben Erfolg. Aber sie wollen mehr. Sie wollen die letzten zwei
Prozent. "Sehen Sie, ich will, dass sich die Menschen ein wenig
überschätzen, denn wer sich nicht überschätzt, kommt nicht aus der
Komfortzone heraus." Pessimisten, Nörgler, Skeptiker, Miesmacher, Grübler -
alle diese mag er nicht. Von Zielen, von Visionen spricht er, und vom
schmalen Grat zur Halluzination. "Die meisten Menschen erkennen die
Barrieren zwischen ihrem Istzustand und dem Erfolg nicht, und ich biete
ihnen einfach Strategieänderungen an." - Manche, hört man, hätten nach
seinen Seminaren Allmachtsfantasien ... - "Was glauben Sie: Ich mache mir
aus meiner Ethik als bekennender Christ heraus jeden Tag Gedanken, wie ich
es schaffe, dass die Leute eben nicht übertreiben, dass ich sie so erreiche,
dass sie sich selbst aus dem Sumpf ziehen können." So hat er es getan, Tag
für Tag, Jahr für Jahr, und dabei ist jene Vision gereift, die er
weitergeben, mit der er Erste Lebenshilfe leisten will: "Erst mal muss ich
über den Hügel da laufen und sehen, was dahinter ist. Denn das, was dahinter
ist, will ich erobern, wie es die amerikanischen Siedler auf dem Weg nach
Westen getan haben." Keine Wolke über Schwebheim, Franken. Eine blendend
starke Frühlingssonne. In der Garage ein roter Ferrari. "Viel Erfolg!", sagt
Höller, winkt und schließt die Haustür.
Congress Centrum Hamburg, vor Saal 2, Kaffeepause. Man redet und lacht und
ist bereits gut drauf. Manche wippen an Stehtischen in einem fort, andere
sind noch ergriffen. Dieser Höller habe Power, meine Güte, sagen sie,
schauen sich erfreut an. Die Damen und Herren vom Pharmavertrieb etwa,
eingerahmt von zwei Lehrerinnen und dem Mann aus dem Stromkonzern, verweisen
darauf, wie das positive Denken ihren Arbeitsalltag verändert habe, wie das
öde, eingefahrene, funktionale Dasein lebendig geworden sei, freier,
glücklicher, gelungener. Natürlich, das Negative, sagen sie, das gehöre wohl
dazu, aber nun ziehe es sofort das Positive nach sich - wie man in den Wald
reinschreie, so komme es ja zurück. Auch heute, sagen sie zum Schluss, werde
man den Schwung mitnehmen, und man freue sich auf die nächsten Stunden, ja,
schon jetzt habe sich der Tag gelohnt. In Saal 2: ein Schrei.
Noch nie gab es aus kulturwissenschaftlicher Sicht so viele Brüche wie im
20. Jahrhundert: gebrochene Biografien, gebrochene Linearitäten, gebrochene
Träume. Zerstörte Utopien, zerstörtes Glück. Die Sehnsucht nach dem Paradies
in der "reflexiven", ihre eigenen Grundlagen bedenkenden Moderne könnte
also, massenpsychologisch gesprochen, die Sehnsucht des haltlosen
Individuums nach Teilnahme an einer fantasierten Allmacht sein. Milieus
zersplittern, Institutionen bröckeln, Partnerschaften wechseln, Familien
zerbrechen. Es gibt kein Über mehr und kein Zurück, nur noch das Fort. Der
aus sozialen Normen befreite Einzelne lebt in spiritueller Obdachlosigkeit,
das allgemeine Lebenstempo steigt, Informationen bestürmen ungefiltert den
Geist und Impulse ungebremst die Sinne. Flexibilität ist von der Verheißung
zum Diktat geworden, Erfolg zum Schlüsselbegriff einer Epoche. Das einst
verbürgte lebenslange Recht auf denselben Arbeitsplatz existiert nicht mehr;
der Einzelne ist heute ein Unternehmer seiner selbst mit der Chance und Last
zum eigenverantwortlichen Einsatz seiner Ich-Aktie. Sucht er deshalb Hilfe
bei Erfolgstrainern, weil diese neue Freiheit ein Fluch ist?
Er oder sie ist vielleicht Finanzdienstleister oder Außendienstverkäufer,
Makler oder Berater. Sie stehen unter Erfolgsdruck. Sie leben mit ständiger
Konkurrenz, bangen um den Arbeitsplatz und definieren sich größtenteils über
Leistung, die über ihr Selbstwertgefühl bestimmt. Job bestimmt Haben, Haben
Sein. Und wenn die Leistung nicht mehr stimmt? Wenn der Chef mehr verlangt,
und nächstes Jahr noch mehr, und wenn er die Kollegen lobt und die ihren
Umsatz unablässig steigern, ein, zwei Prozent nur, und Erfolg ohnehin das
oberste Lebensprinzip im entfesselten Wettbewerb ist? Dann werden sie ihre
Leistung zu steigern suchen. Aber wie? Sie sind physisch am Limit, mit ihren
Kindern verbringen sie die statistischen zehn Minuten am Tag, Glücksgefühle
kennen sie kaum noch. Natürlich, sie könnten sich noch mal ins Zeug legen,
sich fortbilden, neue Grundlagen aneignen. Das kostet vor allem Geduld und
Zeit. Oder sie könnten ein Motivationsseminar besuchen, und dann ein anderes
und vielleicht noch eins. Das geht schneller. Das machen so viele andere
auch. Das ist teuer. Da muss was dran sein. Und dann probieren sie es
einfach mal aus, und es bestätigt sie, und es unterhält und gefällt und
macht sogar Spaß, und irgendwann beginnen sie diesen Kick zu brauchen.
Vom Werteverlust in die Patchwork-Identität gestolpert
Heiner Keupp, Professor für Sozialpsychologie an der
Universität München, wendet auf den prototypischen Seminargänger den Begriff
der "Patchwork-Identität" an: die Identitätskonstruktion im Eilverfahren,
ein zusammengestückeltes Ich, das sich als Person nicht mehr entwickelt,
weil das Umfeld es nicht mehr zulässt. Heute, sagt Keupp, herrsche das
Primat der Oberflächengestaltung: das inszenierte Event; ein letztlich
erlebnisgesättigter Materialismus, dem man sich zu fügen habe. Gewinnen ist
gesellschaftlicher Imperativ. Wer nicht gewinnt, versagt. Ist das so? So
einfach? Die alteuropäischen Werte wie Tiefe und Seriosität, die
fürsorglichen Traditionen der Industriegesellschaft in der postindustriell
geöffneten Gesellschaft, Gemeinschaftlichkeit, Solidarität, die soziale
Ethik - all das, schwinde zusehends und sei zum Teil schon unwiderruflich
passé. Der Einzelne: ein entleertes Selbst. Das spätmoderne Ich: atomisiert,
nur noch sich selbst verantwortend. Vielleicht aber hat dieses atomisierte
Ich Selbstverantwortung niemals gelernt, vielleicht ist es verunsichert.
Versagensangst, Zukunftsangst und Verunsicherung sind von jeher ein idealer
Markt für Ideologen und Glückspropheten. Warum sich nicht helfen lassen?
Jörg Löhr reißt Witze, parodiert Profile, Dialekte, Ausreden, er stottert,
persifliert, schauspielert, gibt den Archetyp des Antityps, fordert, fragt
"Wer von Ihnen hat ...?", ist spöttisch, selbstironisch, satirisch frech.
Alles kurzweilig, charmant, flüssig. Er appelliert an "die Kraft im
Unterbewusstsein", zitiert den Kirchenvater Augustinus, fragt "Wie viel
Feuer brennt in Ihnen?", ist gerne performativ, will "Feuer unterm Arsch
machen" und hält sich also zugleich ein Feuerzeug an den eigenen Hintern.
Ein Lacher. Applaus. "Wie viel kommuniziert das durchschnittliche deutsche
Ehepaar miteinander?" Schulterzucken. "Vier Minuten." Staunen, Raunen. "Vier
Mi-nu-ten!" Tuscheln. "Ist das nicht der Hammer?" Pointe. Fazit: "Wir haben
genug Energie für Familie und Beruf." Und dann der ihm so wichtige Satz:
"Aber Wachstum ... das findet immer nur außerhalb der Komfortzone statt."
Die Komfortzone ist der Hamsterkäfig. Die Glaubenssätze, die Meinungsdogmen.
Die Sturheit des Gewohnten. Der Alltag. Dienstag, München, Stadtmitte. Jörg
Löhr powert durch den Abend, keine Pause, kein Stillstand, kein Versprecher.
Lebenshilfekabarett. Ja, wo Spaß ist, sagt Löhr, sei die meiste Energie, wo
Energie, da Erfolg. "Kommen Sie ins Handeln, machen Sie Unsicherheit zur
Sicherheit!" Krise als Chance. Ein Lächeln erntet ein Lächeln. "Wir können
nicht alles, aber wir können unglaublich viel erreichen." Sie und Sie und
Sie, bedeutet er den Kunden gestisch, sind professionelle Problemlöser,
"wenn Sie das Problem nicht lösen, dann löst es ein anderer". Viele
schreiben mit. "Also schreien Sie nach Problemen!" Die mittleren Manager
nicken und schreiben schneller. Jörg Löhr, vorne, lässt seine wasserblauen
Augen strahlen.
Jenem Dreigestirn des Pragmatismus - Begeisterung, Mut und Tatkraft -
bescheinigt der Führungstheoretiker Oswald Neuberger, Professor für
Psychologie an der Universität Augsburg, allenfalls eine zirkuläre Falle zu
sein: "Wenn du keinen Erfolg hast, dann bist du eben selber schuld, weil du
es offensichtlich nicht richtig probiert hast. Der Trainer aber bleibt
unfehlbar." Das Problem des Versagens werde individualisiert, Misserfolg
personalisiert, das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem von Schuld
freigesprochen. Der Einzelne werde gezwungen, seine Biografie fortwährend
neu zu gestalten und sich stets aufs Neue zu erfinden, während zur gleichen
Zeit die stützenden Soziostrukturen wegbrächen. Das, sagt Neuberger, sei
grausam für viele, die nie und nirgendwo gelernt hätten, ins wilde Wagnis
des unberechenbaren Fortschritts hinauszugehen, die halt- und
orientierungslos seien, verschreckt und verwirrt von der großen neuen
Freiheit eines voluntaristischen Lebens mit seinem ständigen Zwang, sich zu
entscheiden. Eine bedrohliche, hemmende Freiheit. Die Schattenseite der
"Multioptionsgesellschaft". Die Last der Möglichkeiten. Und nun könnte genau
jener Moment sein, in dem sich der Prototyp der Spätmoderne als Pilger auf
die Pfade des Erlösers begibt, in Saal 2 oder 3 oder 4. Früher waren es
Heilige und Prediger, heute sind es Ersatzheilige und Erfolgsprediger.
Sozialdarwinistischer Machbarkeitswahn
400 Kunden jedenfalls, so darf man schließen, sind von
Jörg Löhrs Motivationsperformance beeindruckt bis begeistert, am
Dienstagabend, München, Stadtmitte. Für jeden war es ein voller Erfolg:
Versicherungskaufleute, Steuerberater, Computerexperten, Bankkaufleute,
Consulting- und Management-Service-Vertreter, Siemens, Bosch, Deutsche Bank,
BMW, Allfinanz, Deutsche Post, Vorsitzende, Geschäftsführer, Inhaber,
Direktoren, Chefredakteure, Marketingreferenten. Auf der Feedback-Liste
erhält Jörg Löhr von allen ein "sehr gut", nur einer war nicht ganz
zufrieden. Die "vielen praktischen Beispiele", die "fesselnde Darbietung",
die "tolle persönliche Ausstrahlung", das "Know-how", so etwas schätzen die
Führungskräfte. Und was werden sie sofort umsetzen? Die "Begeisterung
behalten", "Ziele formulieren", "innerhalb der 72-Stunden-Regel handeln",
"positiver denken", "Körperhaltung verbessern". Raus aus der Komfortzone.
"Meine Stärke", sagt Jörg Löhr später, "ist meine Authentizität." Die
Akademie für Führungskräfte in Leonberg, die ihn deshalb zweimal zum Trainer
des Jahres erkoren hat, bescheinigt Löhr mit den Worten ihres Präsidenten
noch dazu den "höchsten Qualitätsstandard" in der Trainerszene. "Woher",
fährt der Akademie-Präsident sogleich fragend fort, "soll eine in der Schule
als Egomane erzogene Führungskraft Teamarbeit lernen?", und antwortet
selbst: "Soziale Intelligenz wird in der deutschen Ausbildung doch bestraft
statt gefördert." Jährlich testet die Führungsakademie etwa 30 Trainer nach
geheimen 40 Kriterien, um die kompetenten von den inkompetenten zu scheiden.
Hat Jörg Löhr also die sozialen Defizite der Gesellschaft am besten erkannt?
Kann er Ärzte, Lehrer, Direktoren wirklich zu langfristigen
Verhaltensänderungen bringen, zu Selbstverantwortung in Teamwork? "Immer
mehr Menschen kümmern sich heute um die Frage: Was kann ich machen, um mein
Potenzial besser auszuschöpfen?", sagt Löhr, also sei es doch legitim, sich
Trainer zu holen, um eine Antwort zu bekommen. Die Ausbildungsleiter jener
Firmen, die regelmäßig mit den Erfolgstrainern zusammenarbeiten, sprechen
vom "Katalysatoreffekt", von "Initialzündung" und "Eigendynamik". Dröge
Referentenreferate seien out. Der hoch motivierte Mitarbeiter sei der
Schlüssel zum Erfolg. Dafür müsse man an den Puls der Zeit. Also bucht man
den Trainer von außen. Warum überhaupt ein Trainer? Weil die neue
Unternehmenskultur den neuen, den wandlungsfähigen Menschen braucht, das
autonome Selbst mit der Fähigkeit zur sozialen Kompetenz. Punktum. Muss so
etwas trainiert werden? Ist das verloren gegangen? Können deutsche
Führungskräfte nicht führen? Sind sie soziale Analphabeten?
In einem kleinen Büro nahe der Isar - im Schaufenster kapitalismus- und
sektenkritische Titel - sitzt ein Mann mit langen hellblonden Haaren und
nennt die Ideen der Motivationstrainer "psycho- und sozialdarwinistischen
Machbarkeitswahn". Der Mann heißt Colin Goldner, ist seit 1995 Leiter des
Forums Kritische Psychologie in München und diagnostiziert "Denk- und
Wahrnehmungsdefizite" zunehmend bei Leuten, die den "trivialisierten
Hypnosuggestionen" und "pseudodialektischen Heilsversprechen" tingelnder
"Drittklassgurus" auf den Leim gingen. Was für ein Vorteil es denn bitte
schön sei, ein Adler zu sein, fragt Goldner, ein Raubvogel, der andere Vögel
auffrisst? Und ist nicht gerade der Adler selbst vom Aussterben bedroht?
Zwei Dinge charakterisieren Goldner zufolge jeden so genannten
"Motivationstag": die überautoritäre Gängelung und Konditionierung des
Publikums erstens und zweitens das teuer bezahlte Angebot, in frühkindliche
Entwicklungsphasen zurückfallen zu dürfen. Diese "Chance zur
Totalregression" spreche die Sehnsucht der beruflichen Einzelkämpfer nach
der Flucht ins Spielerische, um nicht zu sagen Infantile an.
Motivationstrainer schwämmen im abgestandenen Fahrwasser der
New-Age-Esoterik, sagt Goldner, wo der "verquast-reaktionäre Firlefanz von
Rajneesh oder Scientology" noch eine Rolle spiele. Höller, Löhr und Co.,
meint Goldner, seien bloß "nützliche Handlanger" kühl kalkulierender
Firmenchefs, die stromlinienförmige Mitarbeiter wünschten und deren eben
dadurch lahm gelegte Kreativität anzuzapfen suchten. Ein Prinzip der
puritanischen Arbeitsethik im Zeitalter der Globalisierung. Ein Zwang zum
motivierten Selbst, der den Anspruch eliminiere, die Arbeitsbedingungen
mitzubestimmen.
Drei Wochen nach dem "Termin mit deinem Schicksal" hat der Bereichsdirektor
Hamburg und Umgebung des Deutschen Herold mit jenen etwa 100 seiner 660
Geschäftspartner gesprochen, die sein Unternehmen zu Best of Höller
eingeladen hatte: Bankdirektoren, Versicherungs- und Finanzmakler. Die
Karten hatten zwischen 99 und 500 Mark pro Kopf gekostet. Ist etwas
geblieben nach dem Samstag in Saal 2, als die Energie von vorn nach hinten
und von hinten nach vorn zu fließen schien, als sie sich umsetzte in
Euphorie und Fröhlichkeit? Von "vorbehaltlos positiven Rückmeldungen"
berichtet Karl-Heinz Döring erst mal. Viele seien begeistert gewesen und
würden seither an sich arbeiten, sie planten, den Tag aktiv anzugehen, die
Lethargie des Alltags zu bekämpfen, Ziele zu formulieren, und zwar
schriftlich, wie Höller es forderte. Die Konkurrenz, sagt der
Bereichsdirektor, sei hart, der Markt gnadenlos und eine Dienstleistung im
Grundsatz unsinnlich: Lassen sich so vielleicht begeisternde
Verkaufsstrategien entwickeln oder gesteigerte Umsätze? Eben, sagt Döring,
jetzt liege es an jedem selbst, mehr aus sich zu machen, jetzt sei jeder
seines eigenen Glückes Schmied. Neue Aufgaben fordern, heißt das. Neue
Probleme. Neue Ziele. Neue Chancen. Und in der Firma: ein neues "Wirgefühl".
Motivations- und Erfolgstrainer als gefährliche Scharlatane
Bleibt wirklich etwas nach einem Samstag in Saal 2,
Hamburg, nach einem Dienstag, München Stadtmitte, nach vielen Stunden
geliehener Lebensenergie? Nach Pusch, Kick-off, geborgter Euphorie? Wird
sich das Leben ändern, das Glück herbeifliegen? Oder wird das Fantastische
von der Realität vernichtet, und werden die Adler wieder zu Hühnern im
großen, mobilen Stall, der sich Leben nennt und aus dem es kein Entkommen
gibt? Warum also, fragt Günter Scheich, ziehen, pilgern, strömen Massen von
Deutschen auf "Motivationstage"? Und was sagt dies über soziale Reife,
kulturelle Kompetenz und den möglichen Hang zur Massenhysterie? Scheich ist
Psychotherapeut in Oelde im Münsterland, hat eine grundsätzlich andere
Lebensauffassung als Jörg Löhr und Jürgen Höller und ist zu keinerlei
Zugeständnis an das positive Denken bereit. "Positives Denken macht krank",
sagt er, und für diesen Satz, der auch Titel seines Buches ist, würde Jürgen
Höller ihn, sozusagen, am liebsten einsperren lassen. In einen Hühnerstall
vermutlich. Günter Scheich, der mühsam und kleinteilig mit verletzten Seelen
arbeitet, sieht in Motivations- und Erfolgstrainern gefährliche Scharlatane,
weil sie auf unverantwortliche Weise die Psyche der Menschen manipulierten.
Beweise liefern ihm experimentelle Studien aus der Wahrnehmungs- und
Emotionspsychologie, und bald sollen Experimental- und Kontrollgruppen
zusammengestellt und empirische Langzeitstudien zum fatalen Einfluss des
positiven Denkens begonnen werden.
Hundertfach haben ihm verzweifelte Angehörige geschrieben: von plötzlich
unzugänglichen Töchtern, erfolgshysterischen Söhnen, euphorisierten Gatten,
von Arbeitnehmern, die kündigten, weil sie sich für Adler hielten, und doch
wieder im Hühnerstall endeten, von Angestellten, die unter ihren Chefs
litten, weil diese unzumutbare Positivdenker waren und mit klatschenden
Händen ihre Untergebenen tyrannisierten, auf Seminare schickten, dauernd zu
Terminen mit dem Schicksal. "Unsere reiche Gesellschaft hat massenhaft
unreife Menschen", sagt Scheich und meint jene Systemmenschen mit
aufgepumpter Selbstsicherheit, die ihr Leben den Gesetzen des
"Funktionalitätsprinzips" unterwerfen: cool, schön, reich, erfolgreich. Der
pure Optimismus. Diktate chronischer Fröhlichkeit. "Für die Psychohygiene
ist das sicher ganz verheerend: Wut, Ärger, Aggression, Zweifel sind sehr
wichtig für die Lebensorientierung einerseits und die psychische Gesundheit
andererseits." Menschen, die zu Erfolgsseminaren gingen und sich durch
positives Denken gleichschalten ließen, behauptet Günter Scheich, seien
labil und brauchten Halt. Viele wüssten nicht mehr, wer sie wirklich seien,
kämen euphorisch nach Hause, verspürten den Impuls, innerhalb einer
Viertelstunde ein ganzes Leben umzukrempeln und schritten zur Tat. "Diese
Leute denken, sie könnten mit geringstem Aufwand alles erreichen, wenn sie
nur ihr Denken umstellen. Absoluter Unsinn, und gefährlich dazu." Günter
Scheich also steht kopfschüttelnd vor der Tatsache, dass sich Abertausende
deutsche Bürger mit Vernunft, Verstand und einträglichem Wohlstand von
Jürgen Höller und Kollegen den Weg zum Paradies auf Erden ausschildern
lassen. Ein Paradies aus gedroschenen Binsen?
Die Sehnsucht nach dem erlösenden Wort des Erfolgsverkünders, nach dem
Glücksvorführer hat nach Ansicht von Psychologen, Hirnforschern und
Kulturwissenschaftlern mit intellektueller Potenz gar nichts zu tun.
Ichstärke ist keine Frage der Intelligenz; vielmehr sucht die im
Berufsalltag beanspruchte Ratio Ausgleich im seelischen Anderswo. Je simpler
die Botschaft, desto attraktiver der Fluchtweg. "Die Adressaten solcher
Beeinflussungsversuche", meint der Führungstheoretiker Oswald Neuberger,
"haben irrationale Ängste und Wünsche, die ein Motivationsguru zu lösen und
erfüllen verspricht." Du kannst es! Auch du hast Erfolg! Du bist gut! Du
bist besser als dein Konkurrent! Und für einige Stunden erliege man der
massenpsychologisch berechneten Suggestion individueller Überlegenheit.
Neuberger nennt das "kollektive Erregung". Und Jürgen Höller sei deshalb
durchaus begabt. Ein Aufreißer. Mehr nicht.
1100 Adler jubeln begeistert
Jürgen Höller redet ohne Pause. Seine Stimme ist
weich. Er spricht frei, in einem fränkischen Fluss. Dunkler Anzug, dunkle
Weste, weißes Hemd. Er bewegt sich geschmeidig, läuft im Radius von zwei
Metern mit lockeren Schritten. Seine Sprache ist linear, ohne Fallen,
Kniffe, Fremdwörter. Der Satzbau ist schlicht und imperativisch: Subjekt,
Prädikat, Ausrufezeichen. Jeder soll ihn verstehen. "Ihr müsst handeln! Tut
was!" Er sagt: "Ich sage nicht, dass das richtig ist, was ich sage." Er
setzt sich auf Barhocker an der Bühnenrampe. "Jedes Ziel ist immer außerhalb
deiner Komfortzone." Er will Distanz verringern und doch beibehalten. "Bitte
erweitere deine Komfortzone!" Der Saal verdunkelt. Spot auf den Coach. "Den
Sinn des Lebens", Stille, "muss jeder selbst finden." Im Hintergrund:
Meditationsmusik. "Ich war mit 21 fast pleite. Jetzt bin ich
Multimillionär." Seine Arme gehen zur Decke. "Zeige Schwäche und Zweifel -
und du wirst niemals erfolgreich sein!" Da stürmt Jennifer Lopez mit Lets
get loud und tausend Watt in Saal 2. Jürgen Höller schreit: "Hey! Hey! Hey!"
Rote und blaue Laserstrahlen zucken. Auf einer Videoleinwand springen Tiger
in Zeitlupe, und Surfer wirbeln durch die Luft, dazwischen Höller live, in
Sequenzen zerlegt. Dann donnert Move your body herein, und sie tanzen,
twisten und in die Luft stochern Zeigefinger stakkatohaft, schnelle Schläge,
harter Bass. Höller in Ekstase, dann klippenspringende Skifahrer im
Tiefschnee. Und irgendwann, als der Termin mit dem Schicksal zu Ende geht,
fliegen zu Here comes the summer sun Luftballons durch den Saal 2 des
Hamburger Congress Centrums, und die strahlenden, sich reckenden Makler,
Pharmavertriebler und Unternehmensberater tippen sich Bälle und Ballons zu
und schicken sie fort in die Finsternis des Raums. "Das Geheimnis des
Erfolgs", sagt Jürgen Höller dabei, "ist ganz simpel: Denk immer an dein
Ziel - glaub an den Erfolg - träume davon, Tag und Nacht." Es ist sechzehn
Uhr als "Mister Motivation" die Leben verändern will. Nun weinen die Töne
einer anrührenden Musik im Hintergrund, und er wandelt im Lichtkegel über
die Bühne, und 1100 Menschen sind plötzlich still, schauen gebannt,
andächtig, und dann, bevor er die Arme in die Luft hält und den Kopf nach
hinten legt, bevor er gehen wird und sie mit ihrem Leben wieder allein
lässt, sagt er es: "Gib NIE, NIE, NIE ...", er bleibt stehen, vorne, am Rand
der Bühne, wo noch immer der Graben zur ersten Reihe ist, seine Hand
beschwört das Wort, "... gib NIEMALS auf!" 1100 Adler jubeln. Er verneigt
sich, winkt, saugt die explodierende Begeisterung in sich auf, und es will
scheinen, als sei dies das Finale einer großen Oper, als seien es Sekunden
nach der letzten Arie des Heldentenors, der davongetragen wird vom
rauschenden Bravo seiner zahllos zahlenden Verehrer.
© 2001
DIE ZEIT. Der Beitrag erschien erschien unter dem Titel "Die Diktatur
der Optimisten" in der Wochenzeitung DIE ZEIT, Ausgabe 25/2001. Die
Wiedergabe in PSYCHOTHERAPIE erfolgt mit freundlicher Genehmigung von
Christian Schüle.
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