© PSYCHOTHERAPIE 21.08.2001
Fortsetzung von
Teil 1.
Im Interview: Ellis Huber über das deutsche Gesundheitssystem
und den Wert der Psychotherapie für das soziale Bindegewebe
Psychotherapie für 5 Euro im Monat (Teil
2)
Ellis Huber: "Psychotherapiehonorare sind nicht Dilemma, sondern
das Festhalten der Psychotherapeuten am perversen System"
VON
DIETMAR G. LUCHMANNPSYCHOTHERAPIE:
"Die Fähigkeit, das Gesundheitssystem neu zu
denken, dürfte die Machtfrage bei den nächsten Bundestagswahlen
entscheiden", prophezeiten Sie 1997. So geschah es.
Ex-Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) proklamierte
zwar den "mündigen Versicherten" und schuf mit der
Kostenerstattung für alle Kassenversicherten im selben Jahr eine
Nottür für jene Leistungen, die mangels Kostendeckung nicht mehr
ausreichend angeboten wurden. Dazu gehörte auch die
Psychotherapie. Weil die Regierung von CDU/CSU und FDP im
Kern jedoch bei der Budgetierung blieb und die strukturellen
Mängel des Gesundheitssystems nicht behob, scheiterte sie. Die
Koalition aus SPD und Bündnis90/Die Grünen schaffte 1999 als
erste gesundheitspolitische Entscheidung die Kostenerstattung
für Pflichtversicherte ab. Nachdem für 50 Minuten
nicht-genehmigungspflichtige Psychotherapie im 1. Quartal 2000
bei der AOK Berlin nur 1,74 DM gezahlt wurde, war das Honorar im
4. Quartal 2000 bei den AOK, IKK und BKK in Sachsen sogar bei
Null Pfennig angelangt. Ihre Prophezeiung von 1997 könnte ebenso
bei der Bundestagswahl 2002 zutreffen, wenn die
Gesundheitspolitik Wahlkampfthema wird. Was aber empfehlen Sie
Versicherten heute, die vor dem Hintergrund solcher
Null-Honorare keinen ernstzunehmenden Psychotherapeuten mehr
finden?
Ellis Huber: Es ist kein Problem, im bestehenden System
Psychotherapeuten mit einem Stundensatz von 145 DM oder 75 Euro
zu finanzieren, wenn sie im Gegenzug der psychosozialen
Gesundheit der Gesellschaft wirklich dienen und den einzelnen
Menschen nicht als Objekt ausbeuten. Das jetzige Honorarsystem
ist nicht mehr diskussionswürdig. Die dadurch verursachte
Atomisierung der Beziehungen zwischen Therapeuten, Ärzten und
Patienten zeigt, dass dieses Organisationsmuster bösartig ist
und weg muss. Die Honorare für Psychotherapie sind also nicht
das Dilemma, sondern die Tatsache, dass Psychotherapeuten an
diesem perversen System weiter festhalten und um Punktwerte
kämpfen statt um die Anerkennung der Psychotherapie in dieser
Gesellschaft.
Die Politiker sind gegenwärtig überfordert, Lösungen zu finden.
Ein soziales Gesundheitssystem ist auf ein neues kooperatives
Miteinander von Krankenkassen, Ärzteschaft, Psychotherapeuten
und Politik angewiesen. Es ist letztlich eine gemeinsame
Aufgabe, die es zu bewältigen gilt. Der blödsinnige Streit
zwischen Sachleistung und Kostenerstattung geht ebenfalls am
Problem vorbei. In der SECURVITA BKK ist deutlich sichtbar, wie
Kostenerstattungssysteme von gewissenlosen Anbietern missbraucht
werden und dieses Instrument mit Heilversprechen benutzt wird,
um Kasse zu machen. Ich will nicht ausschließen, dass die
Situation im Gesundheitswesen zu einem entscheidenden
Wahlkampfthema im nächsten Jahr wird. Beim Zustand der heutigen
Opposition ist allerdings zu bezweifeln, dass dies die Machtlage
grundlegend verändert. Krankheiten machen vor Parteigrenzen
nicht Halt und ein neues Gesundheitswesen hat bisher keine der
politischen Parteien wirklich auf der Agenda.
PSYCHOTHERAPIE: Das 1999 nach über
20-jährigem politischen Gezerre in Kraft getretene
Psychotherapeutengesetz hat die Psychologischen
Psychotherapeuten zu vollwertigen Mitgliedern der
Kassenärztlichen Vereinigungen und gleichzeitig zu Abhängigen
vom Wohlwollen der ärztlichen Mehrheit bei der Honorarverteilung
gemacht. War diese Integration der Psychotherapeuten ein Fehler?
Ellis Huber: Ich sehe keine Integration der
Psychotherapeuten, sondern eine geglückte Unterwerfung unter ein
desolates und längst marodes Regime. Die Kassenärztlichen
Vereinigungen decken tagtäglich soziale Verantwortungslosigkeit
bei ihren Mitgliedern und haben ihren gesetzlichen Auftrag
verraten. Der Sicherstellungsauftrag der Kassenärztlichen
Vereinigungen bezieht sich nicht auf ein Honorarsystem und eine
Honorarverteilung, sondern auf eine Versorgungsaufgabe. Die
Psychotherapeuten sind freiwillig in dieses Imperium eingetreten
und sie werden darin umkommen.
PSYCHOTHERAPIE: Was tragisch für die
psychosoziale Gesundheit wäre. Wissenschaftliche Untersuchungen
und unabhängige Berater – wie beispielsweise die
Verbraucherzentralen im "Ratgeber Psychotherapie" – weisen
darauf hin, dass für jeden in effiziente ambulante
Psychotherapie investierten Euro an anderen Stellen des
Gesundheitssystems neun Euro gespart werden. Warum gelingt es
nicht, diese attraktive Rendite im Gesundheitssystem in dem
Umfang zu realisieren, wie es möglich und im
gesamtgesellschaftlichen Interesse wünschenswert ist?
Ellis Huber: Im System geht es eben nicht um
Bevölkerungsrenditen und eine preiswerte Versorgung im Ganzen.
Psychotherapie schafft keine profitable Rendite für
Aktienbesitzer und die medizinische Industrie. Die Krankheit des
Gesundheitssystems ist eine Krebszellökonomie. Das politische
Ziel im Unternehmen Gesundheit für Deutschland lautet:
Preiswerte Gesundheit für alle Bürgerinnen und Bürger. Wenn
dieses Ziel ernsthaft verfolgt wird, müssen alle Beteiligten,
Ärzte, Krankenhäuser oder Krankenkassen als Subsysteme sich dem
Gesamtnutzen unterordnen. Das Versorgungsmanagement hätte
Ressourcen sparende Versorgungsprozesse sicherzustellen und
dafür zu sorgen, dass der einzelne Arzt oder Psychotherapeut
seine Arbeit gut machen kann und die ökonomischen Anreize
müssten so gesetzt werden, dass ein Teil nicht die Gesundheit
des Ganzen zerstören kann.
Die heutigen Honorarsysteme sind lukrativ für eine Arztpraxis
oder einen Krankenhausträger, wenn sie das Gesamtsystem
rücksichtslos ausschöpfen und ohne Rücksicht auf die anderen
ihre betriebswirtschaftliche Aggression austoben. Die
Abstimmungen zwischen Gesamtzielen im Gesundheitswesen und
Teilzielen funktioniert nicht und dies lässt sich verändern.
PSYCHOTHERAPIE: Etwa die Hälfte aller
Beschwerden, die Patienten und Klienten in die Praxis eines
Hausarztes führen, haben psychische Ursachen. Im heutigen System
mindern erfolgreiche Psychotherapeuten zwangsläufig einen
beträchtlichen Teil des ärztlichen Umsatzes. Ist es in
Anbetracht dieser gegenläufigen wirtschaftlichen Interessen von
Ärzten und Psychologischen Psychotherapeuten nicht ein
Anachronismus, eine Sicherstellung der psychotherapeutischen
Versorgung von den Kassenärztlichen Vereinigungen zu erwarten,
die die Psychotherapie vielfach nach Kräften platt machen?
Ellis Huber: Die Frage zeigt überdeutlich, wie inzwischen
die Psychotherapeuten vom Honorarverteilungsvirus so infiziert
werden, dass sie nur in Verteilungsmustern denken können. Unter
dem bestehenden System ist es der aggressive Konkurrenzkampf um
Ressourcen, der Ärzte und Psychologische Psychotherapeuten
spaltet und zu Feinden macht. In einem anderen System könnten
Ärzte und Psychologische Psychotherapeuten kooperieren, ihre
gegenseitige Kompetenz als Synergie nutzen und im
wechselseitigen Austausch eine bessere Versorgung praktisch
umsetzen. Beide Seiten, Ärzteschaft sowie Psychologische
Psychotherapeuten müssen lernen, sich von einem Imperium zu
verabschieden, das sie gleichermaßen unterwirft und korrumpiert.
Wenn Krankenkassen und Therapeuten eng zusammenwirken, sind
Zwangskartelle wie Kassenärztliche Vereinigungen völlig
überflüssig.
PSYCHOTHERAPIE: In Nord-Württemberg ist
vor kurzem der Versuch reaktionärer Kassenarztfunktionäre
gescheitert, mit dem Medi-Verbund mehr Wettbewerb und Effizienz
im Gesundheitswesen zu verhindern (siehe
PSYCHOTHERAPIE Dossiers). Am 24.
Juli 2001 hat das Landessozialgericht Stuttgart der
Kassenärztlichen Vereinigung die Beteiligung an dem Ärztenetz
und die Behinderung neuer Formen zur Integrationsversorgung oder
Disease Management-Projekten untersagt. Inzwischen hat der
Vorsitzende des Bundestags-Gesundheitsausschusses, Klaus
Kirschner (SPD), in der "Süddeutschen Zeitung" am 1. August 2001
die Kassenärztlichen Vereinigungen insgesamt in Frage gestellt,
sie hätten sich "in der jetzigen Form überlebt". Die Tür steht
somit weit offen für neue Versorgungsformen, z.B. im Bereich der
Psychotherapie, wo die Kluft zwischen den nach
wissenschaftlichem Stand kostengünstig möglichen
Therapieerfolgen und der teuren Versorgungsrealität beispiellos
extrem ist. Wann wird eine Krankenkasse oder ein Kassenverband
den Versicherten ein eigenes bundesweites
Psychotherapie-Netzwerk mit Psychotherapeuten anbieten, die es
als eigenes Bedürfnis ansehen, die Ergebnisqualität ihrer Arbeit
einer Kontrolle zu unterziehen?
Ellis Huber: Ich glaube, dass die Zeit für eine solche
Perspektive reif ist. Vielleicht geht es nicht um ein
bundesweites Psychotherapie-Netzwerk, sondern um ein Netzwerk
von Gesundheitstherapeuten, in dem Ärzte, nicht-ärztliche
Psychotherapeuten und andere Gesundheitsberufe
selbstverständlich zusammen wirken, sich gegenseitig
unterstützen, sich austauschen und gemeinsame Versorgungsziele
verfolgen. Die gesetzliche Regelung einer integrierten
Versorgung im §140 SGB V lässt solche Perspektiven heute schon
zu. Sie scheitert gegenwärtig an der Angst von einzelnen
Krankenkassen und am Wissen der Kassenärztlichen Vereinigungen,
dass sie in einer integrierten Versorgung überflüssig wären. Der
Medi-Verbund ist keine Alternative zur Kassenärztlichen
Vereinigung, sondern tatsächlich der Versuch reaktionärer
Kassenarztfunktionäre, die schwindende Macht der KVen durch ein
neues Kartell zu ersetzen und die Ärzte als Kampfbund gegen den
Rest der Welt zu einen.
Das berufsständische Denken ist ein Relikt der Vergangenheit und
in der Kommunikationsgesellschaft nicht mehr durchzusetzen. Die
Menschen gucken nicht mehr auf den Stand, sondern auf die
Leistungen und die Ergebnisse, die ein Dienstleistungsangebot
erbringt. Die Kommunikationstechnologie wird die Verhältnisse
zwischen den Berufsgruppen und das Verhältnis zwischen Patient
und Arzt oder Klient und Therapeut grundlegend verändern.
Selbstbewusste Menschen sind neugierig auf ihre eigene
Produktivität und es ist ihnen ein inneres Bedürfnis die
Ergebnisse ihres Tuns immer zu reflektieren und zu verbessern.
Qualitätsmanagement ist also gesund und berufständischer
Egoismus ist krank!
PSYCHOTHERAPIE: Gesundheitspolitiker,
Vertragsärzte und Psychotherapeuten diskutieren zunehmend die
Aufspaltung in Pflicht- und Wahl-Leistungen. Der
rheinland-pfälzische Sozialminister Florian Gerster (SPD),
selbst Diplom-Psychologe, fordert die Abschaffung von
tiefenpsychologischer und psychoanalytischer Psychotherapie auf
Krankenschein. Zudem vermag ein Klient in kaum einem Bereich des
Gesundheitswesens sein Befinden so gut selbst beurteilen wie in
der Psychotherapie. Wäre es angesichts des schwer trocken zu
legenden Sumpfes von psychoanalytischen und
psychotherapeutischen Lobbyisten und Gutachtern, die echte
Qualitätssicherung in der Psychotherapie verhindern,
möglicherweise ein Gewinn für die Versorgung, Psychotherapie
gänzlich aus dem Pflichtkatalog auszugliedern?
Ellis Huber: Europa besitzt eine über 100 Jahre alte
Kultur der sozialen Integration über sozial verpflichtete
Gesundheitssysteme. Dies unterscheidet England, Frankreich,
Italien oder Deutschland produktiv von den Vereinigten Staaten
von Amerika. Die europäische Fähigkeit zum Ausgleich zwischen
Individuum und Gesellschaft ist ein nachhaltiger
Produktivfaktor, dessen Bedeutung in der Zukunft erkannt werden
wird. Denn die solidarische Absicherung der Gesundheitsrisiken
und die Gestaltung eines sozialen Gesundheitswesens kennzeichnen
eine europäische Perspektive, die eine beispielhafte ökosoziale
Gestaltung der Gesellschaft ermöglicht.
Das soziale Gesundheitssystem stabilisiert die Zivilgesellschaft
und hält, wie sozialer Kitt, das Gemeinwesen zusammen. Diese
politische Heilkunst gegen den Verfall der sozialen Bindungen
unter den Verhältnissen der Globalisierung und
Individualisierung dürfte sich langfristig als ökonomischer
Vorteil erweisen und durchsetzen. Es sind aber nicht die
Gentechnologie oder Molekularbiologie, also die
Reparaturfabriken für Körpermaschinen, die über die Zukunft
moderner Gesellschaften entscheiden, sondern die soziale
Kohärenz und die Kultivierung des humanen Kapitals. Das Wachstum
der Gesundheitswirtschaft sollte daher auch mehr auf menschliche
Dienstleistungen und weniger auf technologische Highlights
setzen.
Das Gesundheitswesen ist Teil der sozialen Kultur und nicht Teil
einer am Shareholder Value fixierten Wirtschaft. Gesundheit ist
eine gesellschaftliche Ressource und die Investition in
Psychotherapie schafft mehr Arbeitsplätze als die Produktion von
noch mehr Computertomographen irgendwo auf der Welt. Ein
soziales Gesundheitssystem muss die inklusiven, also die
integrierenden Kräfte des Gemeinwesens stärken und kranke
Menschen unabhängig von ihrer sozialen Lage und ihrer Kaufkraft
unterstützen. Gute gesellschaftliche Gesundheit braucht daher
eine Pflichtversicherung oder eine Versicherungspflicht für alle
Bürgerinnen und Bürger, mit dem der Regelbedarf von
gesundheitlicher Dienstleistung finanziert wird. Die
Versicherungen sollten frei gewählt werden können und müssten
jeden aufnehmen. Die Diskriminierung von einzelnen mit
besonderen Risiken muss strafrechtlich verfolgt werden.
Es geht also um eine soziale Regelversorgung, die individuelles
und allgemeines Wohl verknüpft und ein Community-Bewusstsein in
der Bevölkerung wach hält. Letztlich tut es allen gut, wenn man
für die Kranken und Schwachen gemeinsam einsteht. Die Abgrenzung
einer Regelversorgung von einer Wahlmöglichkeit ist
unverzichtbar notwendig, da Menschen individuelle Bedürfnisse
und soziale Pflichten besitzen.
Beim Herzstillstand ist unabhängig vom individuellen Bedürfnis
die medizinische Intervention ziemlich klar festgelegt. Ebenso
lässt sich bei einer Ehekrise der Bedarf an therapeutischer
Zuwendung beschreiben. Bedarf sind all die Leistungen, die im
Krankheitsfall unabhängig von individuellen Bedürfnissen
nachweislich wirksam sind. Ärztliche Erfahrung und
wissenschaftliche Erkenntnisse fließen in die Definition dieses
Leistungsspektrums ein. Die Grenze zwischen Bedarf und Bedürfnis
ist jedoch kein Naturgesetz, sondern eine politische Setzung,
die einen kontinuierlichen Diskurs um die Grenze zwischen Bedarf
und Bedürfnis voraussetzt.
Das Thema Gesundheit beschreibt einen allgemeinen Bedarf, der
solidarisch abgesichert werden sollte und individuelle
Bedürfnisse, für die jeder selbst sorgen muss. Der eine bewegt
sich gern. Der andere nimmt lieber eine Tablette. Es wäre
seltsam, wenn Krankenkassen Turnschuhe finanzieren müssten.
Warum müssen sie aber die Ersatzbefriedigung fehlender Aktivität
absichern? Die Aktienkurse bei Bayer sind gefallen, weil ein
Lifestyle Medikament zu große Risiken birgt. Die Pille war für
die Gesundheit der Bevölkerung überflüssig. Mancher Mann
benötigt für sein sexuelles Glück Viagra, ein zweifellos
hochpotentes Medikament. Der Viagra gestützte Don Juan ist im
Zeitalter von Aids aber eine Gesundheitsgefahr für seine soziale
Umgebung. Es gibt eine breite Palette von Dienstleistungen und
Konsumgütern, die Gesundheitsbedürfnisse abdecken, das
individuelle Wohlbefinden steigern oder das subjektive Glück
beflügeln. Ihre Bedeutung ist jedoch individuell definiert und
nicht allgemein gültig.
PSYCHOTHERAPIE: Also kein Glück auf
Krankenschein, gleich ob durch Viagra oder Psychotherapie?
Ellis Huber: Eine moderne Gesellschaft muss entscheiden,
ob sexuelles Glück durch erektile Potenz ein Gut darstellt, dass
von der Solidarversicherung bereit gestellt werden soll oder nur
ein individuell bestimmtes Bedürfnis ist. Es spricht aber nichts
dagegen, wenn junge Männer eine individuelle Zusatzversicherung
gegen die drohende Impotenz abschließen oder selbst dafür
bezahlen. "Medizinische Krücken" oder pharmazeutische
Ersatzbefriedigung zur individuellen Bedürfnisbefriedigung
müssen in einem modernen Gesundheitssystem auch individuell
finanziert werden, wenn das Gemeinschaftsgefühl einer
Gesellschaft nicht zerstört werden soll.
Die Gliederung einer solidarischen Pflichtversicherung mit
individuellen Wahlmöglichkeiten für eine Zusatzversorgung je
nach Bedürfnis muss politisch umgesetzt werden, damit wieder
Klarheit und Transparenz im Verhältnis zwischen Individuum und
Gesellschaft einkehrt. Wir können frei entscheiden, ob
Psychotherapie eine individuelle oder eine soziale Leistung
darstellt. Ich persönlich würde psychotherapeutische Zuwendung
immer als Bedarf definieren und eine psychotherapeutische
Infrastruktur als Basis der gesellschaftlichen Entwicklung
sicherstellen.
PSYCHOTHERAPIE: Wie könnte eine
alternative Sicherstellung der Versorgung im Bereich der
Psychotherapie aussehen?
Ellis Huber: Eine Zusatzversicherung für die Leistung der
Psychotherapie würde gegenwärtig eine monatliche Prämie zwischen
drei bis fünf Euro zur Folge haben, wenn die Psychotherapeuten
die Bürgerinnen und Bürger davon überzeugen, dass diese
Versorgungsleistung notwendig ist und das Risiko psychischer
Erkrankungen eine ernst zu nehmende Beeinträchtigung des
individuellen Lebens ist. Die Freiheit einer offenen
Solidargemeinschaft der Bürgerinnen und Bürger, die den Körper
nicht mehr als Maschine, sondern als beseeltes Wesen sehen, wäre
ein begeisterungswürdiges Ziel für Psychotherapeuten und
Klienten. Als Gesundheitspolitiker würde ich die
psychotherapeutische Versorgung zum Bestandteil einer
solidarischen Pflichtversicherung machen. Im Gegenzug wäre
sicherzustellen, dass die Psychotherapie sozial verantwortlich
ausgeübt wird.
PSYCHOTHERAPIE: Die Gesetzliche
Krankenversicherung (GKV) ist ohne grundlegende Reformen nicht
mehr finanzierbar. Als wesentliche Gründe hierfür gelten
wachsende Kosten für den medizinischen Fortschritt und die
zunehmende Überalterung der Gesellschaft. Welches Konzept
braucht unser Gesundheitssystem, um die medizinische und
psychotherapeutische Versorgung zukunftssicher zu machen?
Ellis Huber: Unter den europäischen Ländern hat
Griechenland die höchste Lebenserwartung bei Frauen und Männern.
Gleichzeitig zahlen die Griechen am wenigsten Geld für ihre
nationale Gesundheitsversorgung. Steigende Kosten für ein
Gesundheitssystem und steigende Gesundheit in einer Gesellschaft
korrelieren nicht miteinander. Nach den empirischen Erfahrungen
weltweit ist die Überalterung der Gesellschaft nur dann ein
Kostenproblem, wenn das Alter als Krankheit definiert und von
einem medizinisch-industriellen Komplex ausgebeutet wird. Die
Menschen werden heute sehr viel älter, sie sind im Leben
durchschnittlich aber nicht kränker.
Die Gesundheitswissenschaften weisen nach, dass die Spannung des
sozialen Bindegewebes, die Gegensätze zwischen reich und arm und
Existenzängste, die mitten durch eine Gesellschaft gehen, über
die Gesundheit insgesamt stärker entscheiden als medizinische
Dienstleistungen. Soziale Integration und sozialer Ausgleich
sind daher für ein modernes Gesundheitswesen bedeutsamer als
Hightech-Medizin. Die Zahl der Belastungs-EKGs in einer Region
sind kein Leistungsmaßstab. Eher messen sie die
Ressourcenvergeudung. Wirkliche Leistungen in der Heilkunst
werden im bundesdeutschen Gesundheitswesen nicht definiert und
daher sind alle Preissysteme und Vergütungsmuster letztlich
leistungsfeindlich und zerstörerisch für die gesundheitliche
Produktivität.
Die Ausbeutung des Kranken ist immer noch lukrativer als eine
gesundheitsförderliche persönliche Betreuung. Eine neue
Leistungsdefinition würde ein klares Ziel setzen: Autonomie!
Autonomie für den einzelnen Menschen trotz eines körperlichen,
seelischen oder sozialen Handicaps ist die Aufgabe moderner
Heilkunst. Welche Hilfe trägt dazu bei, dass ein Einzelner trotz
Krankheit und Gebrechen selbständig sein Leben meistern kann?
Dazu bedarf es der kreativen Gestaltung von ressourcensparenden
Wertschöpfungsprozessen.
Gesundheit ist eine Beziehungsleistung. Das Arzt-Patient- oder
das Therapeut-Klient-Verhältnis stellen die kleinste
produzierende Zelle für Krankheitsbewältigung und bessere
Gesundheit dar. Daher müssen die sozialen Ressourcen dort
investiert werden und nicht in die Sekundär- und Tertiärprozesse
des Verwaltens, Ordnens und Überwachens. Heute schluckt der
Terror der Bürokratie und das allseitige Misstrauen, das die
Kommunikation unter den Beteiligten bestimmt, gut die Hälfte der
im Gesundheitswesen eingesetzten Mittel. Im kapitalistischen
System der Vereinigten Staaten von Amerika fließen sogar 80
Prozent der bereitgestellten Ressourcen in unproduktive
Sekundär- und Tertiärprozesse.
Ein schlankes Gesundheitssystem konzentriert den Mitteleinsatz
auf die Kernleistung des Helfens und Heilens und die primäre
Wertschöpfung, also auf die Beziehung zwischen Hilfsbedürftigen
und Helfern. In diesem Sinne braucht ein soziales
Gesundheitssystem auch ein konsequentes Versorgungsmanagement,
das im lokalen, regionalen und nationalen Rahmen funktioniert.
Ein solches Management ist eine Führungsaufgabe, die in sozialer
Verantwortung wahrgenommen werden muss. Ein fortlaufendes und
auch für die Kunden transparentes Leistungscontrolling gehört
dabei ebenso zum selbstverständlichen Führungsinstrument wie die
offene Kommunikation über das Einkommen einzelner Therapeuten
und Experten. Es geht letztlich um einen fairen
Ergebniswettbewerb und nicht um individuelle Profitabschöpfung.
Jeder Kranke weiß auch, dass Körper, Seele und soziales
Beziehungsnetz miteinander verwoben sind. Schlechte genetische
Voraussetzungen können durch gute soziale Kultur kompensiert
werden. Der Herzinfarkt ist kein Versagen einer mechanischen
Pumpe oder das Ergebnis einer verstopften Röhre. Die Medizin der
Industriekultur mit ihren mechanistischen Sichtweisen wird von
der Kommunikationsgesellschaft verändert und an den neuen Bedarf
angepasst. Die neue Zeit lernt, in Wechselwirkungen zu denken
und zu handeln. Danach ist der Herzinfarkt eine
Kommunikationsstörung zwischen Individuum und sozialem Raum oder
zwischen Hormonsystem und Herzmuskelzelle. Er stellt eine
Interaktionskatastrophe dar, die nicht mehr monokausal und
mechanistisch, sondern kommunikativ und integriert geheilt wird.
Gegenwärtig entsteht eine neue, ganzheitlich orientierte
Medizin, die Gen, Person und soziale Gemeinschaft miteinander
verknüpft sieht. Diese "Relativitätstheorie" der Medizin wird
diese so radikal verändern, wie die Relativitätstheorie der
Physik deren Vorstellungen und Einstellungen umgewälzt hat.
Die Globalisierung macht real Druck auf das soziale Bindegewebe.
Die exklusiven Kräfte der sich entwickelnden Gesellschaft nehmen
zu. Dem muss ein soziales Gesundheitssystem entgegen wirken.
Gleichzeitig darf es aber nicht eine antiquierte mechanistische
Philosophie vertreten oder den medizinischen Overkill als
Leistung verkaufen. Ganzheitliche Heilkunst der Zukunft ordnet
das Gesundheitssystem dem kulturellem Raum der Gesellschaft zu.
Das Versorgungsmanagement für den Einzelnen und die Bevölkerung
gelingt dann, wenn die Führungseliten in der Politik, bei
Krankenkassen, Krankenhäusern und in der Ärzteschaft auf neue
Art zusammenwirken und ihre soziale Verantwortlichkeit erkennen.
PSYCHOTHERAPIE: Trotz dieses
Reformdrucks haben fast alle führenden Experten Zweifel an dem
von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) angestrebten
Konsens in der Gesundheitspolitik. Die nötigen Reformen führen
zwangsläufig zu Konflikten mit den Interessengruppen. Gert
Wagner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW)
nannte den Wunsch nach einem überparteilichen Konsens deshalb
sogar "naiv". Jede gute Strukturreform basiert auf einem klaren
Konzept, das durch einen Konsens verwässert wird. Wann, Herr Dr.
Huber, wird Ihre Vision Wirklichkeit werden?
Ellis Huber: Die Zeit ist reif mit dieser Erkenntnis die
anstehende Modernisierung anzupacken und erfolgreich
durchzuführen. Für Europa könnte die Gesundheitsreform zur
zweiten Chance werden. Nach der Kommunikationswirtschaft kommt
ein Aufschwung der Gesundheitswirtschaft. Wenn diese sozial
integriert statt spaltet, schafft sie viele Arbeitsplätze und
neuen gesellschaftlichen Wohlstand. Die Psychotherapeuten und
die Psychotherapie müssen keine Bange haben, wenn sie diese
Vision verfolgen und aus dem Gefängnis des gegenwärtigen Systems
selbstbewusst ausbrechen.
Lesen Sie im Teil 1 des Interviews mit
Ellis Huber, wie krank das deutsche Gesundheitssystem
tatsächlich ist .
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