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Psychotherapie
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Von der Online-Persönlichkeit zur multiplen Persönlichkeit - Virtuelle Realitäten in Internet-Gemeinden als Eldorado der WerbungDüsseldorf/Stuttgart (11.09.2000) - Für viele seiner rund 16 Millionen Nutzer in Deutschland ist das Internet schon fast zur zweiten Familie geworden. Zunehmend wird es nicht bloß als Informations-, sondern auch als Kontaktbörse für Gleichgesinnte genutzt. Zu diesem Zweck wurden virtuelle Gemeinschaften erschaffen, so genannte Internet-Communities. Diese Gemeinden sind besonders für die Werbebranche hochinteressant, denn in ihnen finden sich Menschen mit gleichen Interessen zusammen, eine homogene Zielgruppe. Das wiederum erleichtert eine gezielte Ansprache - Werbung der Zukunft.Mit einem Umsatz von 150 Millionen Mark im vergangenen Jahr sieht Volker Nickel, Geschäftsführer des Zentralverbandes der deutschen Werbewirtschaft, den Bereich Online-Werbung zur Zeit zwar noch als Nische. Doch bereits für dieses Jahr werde mit Steigerungsraten von 200 bis 300 Prozent gerechnet. Die Communities würden dabei eine große Rolle spielen. Nickel: "Diese personalisierte Werbung wird weiter zunehmen". Der Grund: Um Werbung so individuell wie möglich zu gestalten, brauchen die Agenturen möglichst genaue Daten über die Zielgruppe. Hierbei hilft die Web-Community: In der Regel wird der User aufgefordert, bei der Anmeldung einen "persönlichen Steckbrief" mit oft umfangreichen Angaben zur eigenen Person zu erstellen. Ein etwas anderes Konzept verfolgt "Cycosmos" - mit rund 350.000 Mitgliedern eine der größten deutschsprachigen Communities. Dort erstellt das neue Mitglied gleich eine eigene virtuelle Persönlichkeit. "Unsere Mitglieder erschaffen meist einen digitalen Doppelgänger, denn sonst würde es schnell langweilig", sagt Cycosmos-Sprecher Gunnar Sohn. Eine einzige virtuelle Identität als Ergänzung der realen Existenz in der materiellen Welt "draußen" wird jedoch genauso schnell langweilig. Zumal eine fast beliebige Zahl davon verfügbar ist. Viele Surfer spielen in den neuen Welten des Cyberspace verschiedene Rollen parallel. "Jedes Fenster öffnet sich in eine andere virtuelle Realität, in der man dann eine seiner verschiedenen Persönlichkeiten spielt. Das Leben wird immer dezentrierter, in je mehr Beziehungsnetzen wir miteinander verbunden sind" (S. 284), beschreibt der amerikanische Erfolgsautor Jeremy Rifkin in seinem neuen, in deutscher Übersetzung im Campus-Verlag erschienenen Buch "Access" die Gefahr, "uns selbst im labyrinthischen Netzwerk kurzlebiger und sich ständig ändernder Verbindungen zu verlieren". "Zumindest einige der ersten postmodernen Generation begännen auszubilden, was Psychologen 'multiple Persönlichkeiten' nennen", warnt Rifkin unter Bezugnahme auf entsprechende Studien in Nordamerika. Im Cyberspace entwickeln laut Professor Sherry Turkle vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) "Hunderttausende, vielleicht sogar schon Millionen von Nutzern eine Online-Persönlichkeit, die in verschiedenen Gruppen virtueller Gemeinschaften lebt, in denen die routinemäßige Formierung multipler Identitäten jegliche Vorstellung eines realen und einheitlichen Selbst untergräbt" ("Life on the Screen. Identity in the Age of the Internet", 1995, S. 267). Die Zukunft wird nicht nur für Psychotherapeuten "unterhaltsam" sein, wenn in den Praxen immer mehr "Postmoderne" mit multiplen Persönlichkeiten vorstellig werden, die die Welt außerhalb und innerhalb des Cyberspace nicht mehr auseinander zu halten vermögen. Kaum war der täglich einstündige Chat der Redaktion "PSYCHOTHERAPIE" eröffnet, fand sich im Online-Dialog bereits eine Anfrage der postmodernen Art: "Meine Frau und ich haben ein Problem mit multiplen Persönlichkeiten. Können Sie uns helfen?" Die Düsseldorfer Online-Media-Agentur "planetactive" geht mit ihrer Community gleich einen Schritt weiter. Dort machen neue Mitglieder einen Psychotest, der eine Grob-Kategorisierung in bestimmte Lifestyle-Typen ermöglichen soll. "Wir arbeiten an einer weiteren Verfeinerung", sagt Matthias Kurwig, Geschäftsführer von "planetactive". Eine weitere Neuerung sei eine monatliche Chat-Talkshow mit einem Prominenten, an der alle Mitglieder teilnehmen können. Kurwig: "Mit Bild und Ton sollen diese Talkshows künftig auch Image-Werbung transportieren." Für die Anmeldung bei "ciao.com", einer Verbraucher-Community, ist indessen nur ein Spitzname und eine E-Mail-Adresse erforderlich. In so genannten Erfahrungsberichten beschreiben die Mitglieder Produkte oder Dienstleistungen. "Da wird schnell klar, wer welche Interessen hat", sagt Franziska Deecke, Sprecherin von "ciao.com". Die europaweite Gemeinschaft zählt nach eigenen Angaben allein in Deutschland rund 200.000 Mitglieder. "Den gläsernen Verbraucher halte ich trotzdem für nicht möglich, es sei denn der Konsument gibt sein Einverständnis" sagt Nickel, der auch Sprecher des Deutschen Werberates ist. Durch das vorbildliche deutsche Datenschutz-Recht sei die Weitergabe persönlicher Daten sogar strafbar. "Außerdem schaut die Konkurrenz mit Argusaugen auf jeden Verstoß", sagt Bernd Michael, Geschäftsführer der Grey-Werbegruppe in Düsseldorf. Trotzdem rät Helga Zander-Hayat von der Verbraucherzentrale NRW den Internet-Nutzern, nur seriösen Anbietern persönliche Daten anzuvertrauen: "Grundsätzlich sollte man die Datenschutzpassage in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen prüfen und dann so wenig Daten wie möglich preisgeben". Bei Verstößen empfiehlt sie, sich an einen der Datenschutzbeauftragten der Länder zu wenden. Diese Empfehlungen verhallen wirkungslos, wo die virtuelle Realität zur Sucht geworden ist. "In einer Wirtschaft, die damit beschäftigt ist, kulturelle Waren und gelebte Erfahrungen zu verkaufen", schreibt Rifkin (Seite 287), "könne die Fragmentierung jeder Psyche in multiple Persönlichkeiten nur die Zahl der potenziellen Kulturmärkte erhöhen. ...Je mehr Persönlichkeiten ein Mensch also ausbildet, desto mehr Märkte stehen der Ausbeutung offen." [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 11. September 2000] Buchtipp - und hier können Sie bestellen...
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© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. |
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