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Risiken
und Nebenwirkungen: Immer mehr Gesundheitsratgeber im Web - mit
immer mehr Banalität?
Siegburg/Köln
(24.05.2000) - Bei Übelkeit nach einem Unfall sollte man einen
Arzt aufsuchen, Schwangere brauchen viel Folsäure, und Aspirin
verdünnt das Blut. So steht es im Internet, das inzwischen auf
wohl jede Frage Rat suchender Patienten eine Antwort weiß. Zu
Risiken und Nebenwirkungen befragt wird dann nicht etwa der Arzt
oder Apotheker um die Ecke, sondern der "Netdoktor".
Gesundheitsratgeber schießen im Web wie Pilze aus dem Boden, von
ihren kommerziellen Betreibern eingerichtet in der Hoffnung, die
Bedürfnisse einer immer mehr auf Well- und Fitness fixierten Bevölkerung
anzusprechen. Die etablierten Beteiligten am Geschäft mit der
Gesundheit - Ärzte und Krankenkassen - sehen in dieser
Entwicklung sowohl Chancen als auch Risiken. Zugleich bemühen sie
sich mit eigenen Webangeboten, den Anschluss nicht zu verlieren.
Dass die neuen Gesundheitsportale mit den vielen bunten Bildern
das Verhalten der Internetsurfer tatsächlich in einem positiven
Sinne beeinflussen, mag Ursula Auerswald jedoch nicht so recht
glauben. Die Anästhesistin aus Bremen und Vizepräsidentin der
Bundesärztekammer hält viele Gesundheits-Ratschläge aus dem
Cyberspace schlichtweg für "banal", etwa Hinweise, dass
Rauchen schädlich und Gemüse gesund ist.
Andere Webseiten weckten dagegen nur unnötige Ängste: "Auf
Dauer hält es das Gesundheitssystem nicht aus, wenn jemand mit
Kopfschmerz zum Arzt kommt und sagt: Ich hab' da im Internet was
gelesen, ich brauche jetzt doch bestimmt eine
Kernspintomographie." Die Diagnose zu stellen, bleibe auch im
21. Jahrhundert die Aufgabe des Arztes, der auf eine persönliche
Begutachtung des Patienten angewiesen sei. "Ferndiagnosen per
Internet darf es auch in Zukunft nicht geben", fordert
Auerswald.
Da kann Christoph Straub, Leiter der Abteilung für medizinische
Grundsatzfragen beim im Siegburg ansässigen Verband der
Angestellten-Krankenkassen (VdAK) nur zustimmen. Dass das Internet
in Zukunft einen festen Platz im Arzt-Patient-Verhältnis
einnehme, lasse sich jedoch weder leugnen noch sei es unbedingt
schlecht: "Wenn ein schon gut informierter Patient zum Arzt
kommt, kann er vom Mediziner besser geführt werden und selbst stärker
bei der Therapie mitwirken." So sei etwa denkbar, dass
Diabetiker künftig Blutwerte per E-Mail mit ihrem Arzt
diskutieren - hier biete das Internet eine große Chance.
Entscheidend für den Erfolg von Gesundheits-Dienstleistungen im
Cyberspace ist, dass die Patienten den Informationen trauen können.
"Wenn es nur darum geht, etwas zu verkaufen, sollten alle
Warnlampen angehen", rät Ekkehard Bahlo von der Deutschen
Gesellschaft für Versicherte und Patienten (DGVP) in Heppenheim
(Hessen). Aus diesem Grunde sollte man die neuen
Gesundheitsportale gut beobachten: "Wir wissen nicht, was die
in zwei oder drei Jahren anbieten." Auch diese Dienste müssten
sich ja finanzieren, und deshalb sollten Surfer genau schauen, ob
nicht etwa ein Arzneimittel-Unternehmen beteiligt ist.
Dass die "Gesundheitsportale" in der Tat mit der
Pharmabranche kooperieren, halten deren Betreiber weder geheim
noch für schlimm. Es seien oft schließlich mehrere Unternehmen
im Boot, was - so wird behauptet - die Objektivität sichere.
Ebenso wird auf wissenschaftliche Beiräte verwiesen, denen
kompetente Autoren angehörten, die nur das Wohl der Patienten im
Auge haben. "Unheilige Allianzen" könnten sich
VdAK-Experte Straub zufolge im Web dagegen an anderen Stellen
bilden: So manche Selbsthilfegruppe arbeite eng mit einzelnen
Pharmafirmen zusammen und preise in ihren gedruckten
Mitglieder-Informationen deren Produkte an. Es sei zu befürchten,
dass sich dies im Internet fortsetzt.
Die Zahl der Gesundheitsportale dürfte in den kommenden Jahren
zunächst weiter steigen, schätzt Straub. "Da kommen noch
einige dazu, vom Weltkonzern bis zur Garagenfirma. Und dann gibt's
eine Marktbereinigung: Die Großen werden die Kleinen
schlucken."
Krankenkassen und Ärzteverbände hätten nicht vor, auf dem Markt
der Gesundheitsseiten im Web den Nicht-Profis wie Medienkonzernen
das Feld zu überlassen, sagt Straub. Ob dies gelingt, wird nach
Ansicht der Experten auch davon abhängen, inwieweit ein Gütezeichen
etabliert und bekannt gemacht werden kann, das dem Surfer eine
Hilfestellung bei der Bewertung der Informationen auf den
jeweiligen Websites gibt.
Christoph Straub vom VdAK weist auf schon vorhandene Label wie das
aus der Schweiz stammende HON ("Health on the Net") hin,
die nur bekannter gemacht werden müssen. Allerdings ist der
Schwachpunkt dieses Labels seine Unverbindlichkeit: Eine Prüfung
entsprechender Webseiten sei kaum möglich und auch unseriöse
Anbieter haben sich das Label schon auf ihre Website gesetzt.
Ein allein auf Deutschland bezogenes Gütezeichen hält auch Rüdiger
Krech vom Regionalbüro der Weltgesundheitsorganisation WHO in
Kopenhagen nicht für ratsam: "Das Web ist global, also
sollte auch die Zertifizierung international koordiniert
werden." Wenn die WHO von ihren Mitgliedern ein Mandat dazu
erhalten sollte, "können wir das schnell übernehmen".
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