© PSYCHOTHERAPIE 15.02.2000Pharmaindustrie und
Krankenversicherer nutzen Internet stärker als die Heilberufe
Verschlafen Ärzte und Psychotherapeuten das Internet?
Skepsis und Vorbehalte vor der Informationstechnologie dominieren
VON REINHILD SONNENSCHEIN
Das Internet werde sich nach Ansicht der Mehrheit der Ärzte (53 Prozent) zwar
zum wichtigsten Informationsmedium im Gesundheitswesen entwickeln und Selbstbild und Tätigkeit der
Mediziner stark verändern. Aber nur gut jeder dritte Arzt (36 Prozent) rechnet durch die zunehmende
Vernetzung mit großen Kosteneinsparungen im Gesundheitssystem.
Große Zurückhaltung herrscht auch bei der Nutzung: Nur ein geringer Teil der
Ärzte nutzt die Möglichkeiten der Informationstechnologie. Dies ergab eine repräsentative Befragung
von niedergelassenen sowie im Krankenhaus tätigen Ärzten. Im Auftrag vom "Deutschen Ärzteblatt" waren
von Gemini Consulting bei der Umfrage zu Neuen Medien 1.685 Fragebögen ausgewertet worden.
Dieser Umfrage zufolge sind "mehr als 70 Prozent ... nicht davon überzeugt, dass durch die größere
Informationsverbreitung im Internet das Patienten-Arzt-Verhältnis erleichtert wird", berichtet das
"Deutsche Ärzteblatt" in Köln in seiner Ausgabe vom 11.02.2000. Und 42 Prozent der Mediziner glauben,
dass durch die Informationstechnologie die Gefahr schematischer Diagnose- und Therapievorschläge
zunehmen wird.
Laut "Ärzteblatt" haben 70 Prozent der Krankenhausärzte beruflich, privat oder sogar an beiden Stellen
einen Internet-Zugang, während dies nur knapp die Hälfte der niedergelassenen Ärzte hat. Eine eigene
Homepage haben elf Prozent der Ärzte. Viel Zeit wird dem Internet allerdings noch nicht geopfert: Das
Internet und Online-Dienste nutzt nur jeder Fünfte der Befragten "häufig" bis "sehr oft". Tatsächlich
"verbringen gerade zwei Prozent der Ärzte mehr als 20 Stunden monatlich im Netz", 18 Prozent fünf bis
zehn Stunden und fast ein Drittel weniger als fünf Stunden.
Die Umfrage zeigt, so das "Ärzteblatt", dass an erster Stelle der Informationsquellen im Ärzte-Alltag
nach wie vor die traditionellen Medien stehen. Bevorzugt werden Fachzeitschriften mit 90 Prozent. Auf
dem zweiten Rang mit 79 Prozent folgen Fachbücher, danach rangieren Gespräche mit Kolleginnen und
Kollegen (72 Prozent).
Dem gegenüber schicken sich weltweit Pharmaindustrie und Krankenversicherer an, das Internet im
Gesundheitsbereich zu "übernehmen". Im britischen National Health Service sollen Internet und
Telefondienste die Hausärzte ersetzen, macht die "Ärzte-Zeitung", in ihrer heutigen Ausgabe auf die
dramatische Entwicklung für die 32.000 staatlichen Allgemeinärzte aufmerksam. Das Londoner
Gesundheitsministerium will mit NHS Direct und NHS Direct Online bis Ende 2000 "mindestens 65 Prozent"
aller britischen Patienten in die Lage versetzen, entweder telefonische ärztliche Hilfsdienste oder
interaktive Internetmedizindienste zu benutzen, um die Hausarztpraxis nicht mehr aufsuchen zu müssen.
Und wo der Hausarzt überflüssig wird, freut sich der Apotheker. Georgina Craig von der National
Pharmaceutical Association Großbritanniens kommentierte diese Entwicklung am 25.10.1999 mit den
Worten: "Wir begrüßen diese Gelegenheit, dass der Apotheker eine vitale Rolle bei der Gestaltung und
Umsetzung der Dienstleistungen von NHS Direct zu spielen hat". Dabei verweist der NHS auch auf das
Ergebnis einer "unabhängigen Evaluation" der Sheffield Universität, nach der "97 Prozent der Anrufer
mit den erhaltenen Leistungen zufrieden sind".
So konnte das britische Gesundheitsministerium nach dem Start von NHS Direct Online (http://www.nhsdirect.nhs.uk/)
am 08.12.1999 vermelden, "1.5 Millionen Menschen benutzten NHS Direct Online am ersten Tag". Alan
Milburn, britischer Gesundheitsminister und entschiedener Förderer des Wandels zur medizinischen
Onlineversorgung, wertet diese Zahlen als Beleg dafür, "dass NHS Direct Online genau das ist, was die
Menschen vom NHS auf dem Weg in das 21. Jahrhundert erwarten". Qualifizierte Krankenschwestern geben
bei NHS Direct rund um die Uhr Rat und Information bei Gesundheitsproblemen: "Anrufer erhalten den
besten Rat auf dem besten Wege", heißt es hierzu aus dem Hause Milburn.
In Amerika hat die Entwicklung medizinischer Portal-Sites bereits eine breite Basis. Diese
Info-Dienste sind weitgehend von der Pharma-Industrie kontrolliert und agieren entsprechend. "Bieten
sich bei Migräne zwei Behandlungsmethoden an, wird auf amerikanischen Seiten vermutlich die teurere
favorisiert", schreibt das Branchenblatt Net-Investor in seiner jüngsten Ausgabe - gut für den Profit.
Logisch darum auch, dass sich erst unlängst für angeblich eine Milliarde Dollar Rupert Murdochs News
Corporation beim größten amerikanischen Informationsdienst Healtheon/Web-MD eingekauft hat.
Im Gegensatz hierzu haben deutsche Ärzte-Fürsten mit ihrer vollendeten Arroganz und Hybris beim
dilettantischen Umgang mit dem Internet schon für viel Gelächter gesorgt. So sackte die
Kassenärztliche Vereinigung Nord-Württemberg unter Führung ihres "Spitzen"-Duos mit den Dres. Werner
Baumgärtner und Norbert Metke im Juli 1999 erschreckt über 30 (!) Domains ein und bekam vom ABARIS
Systemhaus für Internet Services noch zwei Domains als Sahnehäubchen dazu geschenkt.
Die Stuttgarter Kassenärzte-Chefs, die zuvor kollegiale Hilfe zurückwiesen und sich mit der
"politischen Totgeburt" eines Ärzte-"Kartells" der Entwicklung entgegenstellen wollen, schafften es
aber in über einem halben Jahr nicht, mit einer neuen Homepage im Internet wieder zu erscheinen,
nachdem die vormalige Präsenz stillgelegt wurde. "Die Seite kann nicht angezeigt werden", ist die
einzige Meldung, die mit dem bandwurmartigen Domainhaufen der Kassenärztlichen Vereinigung
Nord-Württemberg zu erzeugen ist.

Wenn Ärzte und Psychotherapeuten in Deutschland nicht rasch aufwachen, wird auch hierzulande von der
Politik nur noch festzustellen sein, dass sie es offenbar verdienen, aus der Unfähigkeit der
Selbstverwaltung in die Unmündigkeit der "Obhut" von Krankenversicherungen und Industrie entlassen zu
werden. Ob diese Erkenntnis zu dem am 15.01.2000 neu gewählten Kassenarzt-Chef Dr. Manfred
Richter-Reichhelm bereits in voller Tiefe durchgedrungen ist, darf als fraglich angesehen werden. Denn
falls der anämische rosa Anstrich, den die vordem kräftig weinrote Homepage der Kassenärztlichen
Bundesvereinigung (KBV) in den letzten Tagen erhalten hat, die einzige Veränderung bleibt, wird bei
der nächsten politischen Renovierung nur eines noch umgelegt werden können - Trauerflor.
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