© PSYCHOTHERAPIE 18.11.2000 (erstmals MEDI-Report
12.07.1999)
Gut gebrüllt, Löwe ! Oder jaulte da nur ein Schnauzer, Herr
Dr. Norbert Metke?
Medi-Verbund lädt zur Entrechtung
Die Risiken und Nebenwirkungen des "Medi-Kartells"
VON
DIETMAR G. LUCHMANN
"Der stellvertretende
Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Nordwürttemberg,
Dr. Norbert Metke," so berichteten die Stuttgarter
Nachrichten am 24.06.1999, "legt im
Zusammenhang mit unserer Berichterstattung über den Streit um
das ärztliche Praxisnetz 'Medi-S' Wert auf die Feststellung, daß
er dem Netzkritiker Dietmar G. Luchmann dessen Kompetenz als
Psychotherapeut nicht abspricht. Metkes verkürzt wiedergegebenes
Zitat lautet tatsächlich: 'Luchmann hat für uns einen hohen
Unterhaltungswert, ganz im Gegensatz dazu hat er in bezug auf
ärztliche Dinge und Angelegenheiten als Nicht-Arzt die Kompetenz
eines Kaninchenzüchters im Schnauzerverein.' " Nicht nur
Ärzte und Psychotherapeuten stellten sich bei dieser
Zeitungsmeldung betreten die Frage, ob Dr. Norbert Metke wohl
die Kassenärztliche Vereinigung Nord-Württemberg (KV NW) oder
das in heftige Kritik geratene Stuttgarter Ärztekartell Medis
als "Schnauzerverein" versteht - oder
vielleicht sogar beides. Sicher ist wohl nur: Die
Kampfhundeverordnung wird bei dieser "auf den Hund" gekommenen
Art ärztlicher Umgangsform nicht anwendbar sein.
Es ist stets erfreulich, wenn es gelingt, die Diskussion
schwieriger Themen mit einem "hohen
Unterhaltungswert" zu verbinden. Und die
Gesundheitspolitik ist ein extrem schwieriges Terrain. Nirgendwo
geht es um die Verteilung derart gigantischer Umsätze wie im
Gesundheitsmarkt - rund 560 Milliarden DM pro Jahr. Kaum
irgendwo ist die Komplexität des Geschehens so verwirrend und
die Transparenz so gering. Und nur in wenigen Bereichen werden
die Veränderungen in den nächsten Jahren so radikal sein wie im
Gesundheitsmarkt. So manche Ärztin und so manchen Arzt
überwältigte schon bislang beim Blick auf den Honorarauszug der
Kassenärztlichen Vereinigung eine Depression. Es ist
verständlich, wenn beim Blick in die Zukunft manchen auch die
Angst packt. Allerdings dürfte der "hohe
Unterhaltungswert" jene Ärzte, die sich in ihrer Angst,
allein nicht gut genug für den Gesundheitsmarkt der Zukunft zu
sein, zur Medi-Therapie überreden ließen, kaum vor der herben
Ernüchterung bewahren, die eine Betrachtung der Risiken und
Nebenwirkungen des Medi-Projektes nach sich zieht. Da wird
sich wohl mancher der Medi-Ärzte wünschen, er hätte vor seinem
Therapieversuch besser den Medi-Beipackzettel gelesen. Bei einem
gängigen Antidepressivum mit dem Markennamen
DOXEPIN-neuraxpharm® werden als Nebenwirkungen auch
Kollapszustände und die Verstärkung einer bestehenden
Herzinsuffizienz aufgeführt. Eine von der Kassenärztlichen
Vereinigung Nord-Württemberg 1995 initiierte Praxisvernetzung
unter dem Namen DOXX - Teilnehmer werden sich anhand der
verbliebenen ISDN-Karte erinnern - ist aufgrund
Insuffizienz vor bereits längerer Zeit stillschweigend
kollabiert. Ärzte jedoch, die sich, um "in den
Ruinen der Gewohnheiten weiter zu leben" (Heinz
Köttendrop in der Ärzte Zeitung vom 05.07.1999, Seite 14), in
zentralistische Strukturen und Kartelle gegen den "Rest der
Welt" retten wollen, werden in einem Gesundheitsmarkt der
Zukunft tatsächlich nicht bestehen. Dazu bedarf es mehr:
Kompetenz, Kreativität und Kundenorientierung. Die inzwischen
zahlreich in Deutschland vorhandenen Versuche
unterschiedlichster Vernetzung (wie zum Beispiel ein Berliner
Netz mit rund 500 Teilnehmern) haben u.a. ein höchst
bemerkenswertes Ergebnis erbracht: Gerade die klugen und
tüchtigen Ärzte, die sich durch diese drei K's aus Kompetenz,
Kreativität und Kundenorientierung auszeichnen, bleiben den
Netzen fern.
Eine genauere Betrachtung der Risiken und Nebenwirkungen von
Praxisnetzen wie auch des Stuttgarter Ärztekartells Medis läßt
die Gründe unschwer erkennen. "Die bis heute
bekanntgewordenen Informationen zeigen: Es gibt kein einziges
wirklich funktionierendes Ärztenetz in Deutschland. Netze
scheitern an menschlichen, materiellen, fachlichen und
kommunikativen Voraussetzungen und an den berechtigten
Interessen der nicht vernetzten Kollegen." Dieses
vernichtende Urteil fällte in der Ärzte Zeitung vom 05.07.1999,
Seite 14, mit Heinz Köttendrop ein ausgewiesener Profi im
Bereich Praxissanierung: "Reibungspunkte gibt
es in erster Linie aus dem betriebswirtschaftlichen Blickwinkel
heraus. Man kann eben aus Gruppen von 50 bis 200 Einzelkämpfern,
Individualisten und Interessenfanatikern keine wirtschaftliche
Einheit bilden."
Dieser MEDI-Report stellt die schweren und zahlreichen Nachteile
des geplanten Stuttgarter Ärztekartells Medis für die
beteiligten Ärzte und Patienten den geringen Vorteilen
gegenüber, die auf anderem Wege besser realisiert werden können.
Angst ist - das erlebt der Verfasser dieses Berichtes als
Behandler täglich in der Stuttgarter Angstambulanz (www.angstambulanz.de) - sehr häufig das
Ergebnis vergleichsweise trivialer Denkfehler. Insoweit ist die
Hoffnung nicht verloren, dass die Stuttgarter Ärzteschaft
künftig einen besseren Gebrauch von ihrem Denkvermögen zu machen
vermag, als sich auf das Niveau eines Schnauzervereins ziehen zu
lassen. Oder eines Sandkastenspiels mit "Häuptlingen"
(Original-Ton Metke), denn dazu wird den Teilnehmern das
wirtschaftliche Überleben ihrer Praxis zu ernst sein.
Betrachten wir die Risiken und Nebenwirkungen des geplanten
Ärztekartells Medi, mit dem Baumgärtner und Metke ganz
Deutschland überziehen wollen, im einzelnen:
1. Politische Probleme
Es klingt trivial, doch an den
erschütternden Trivialitäten einer Posse mangelte es Medi (wie
der Report Nr.1 auf diesem Server belegt) bislang nicht: Einen
vom Umsatz und öffentlichen Interesse her gleichermaßen
bedeutsamen Markt wie den Gesundheitsmarkt in seiner Entwicklung
mit einem Kartell ausbremsen zu wollen, zeugt von einer
erschreckenden politischen Problemlöseunfähigkeit und
Kurzsichtigkeit. Psychologisch kann ein derartiges Denken nur
als selbstschädigend qualifiziert werden. Kartelle werden in
einer demokratischen Gesellschaft als Wettbewerbshindernisse
empfunden und durch die Gesetzgebung und Kartellbehörden mit
Recht als unzulässige Entwicklungsbremse verhindert, unterbunden
oder aufgelöst. Insofern führt der von der Öffentlichkeit nicht
zu akzeptierende Versuch von Teilen der Ärzteschaft, sich mit
einer Kartellbildung außerhalb des vom politischen und
Rechtssystem gezogenen Rahmens zu stellen, schnell zur
selbstverursachten Isolation. Im Abseits aber kann man das
Dasein nicht gestalten. Dieses für die Ärzteschaft als Ganzes
fatale und verhängnisvolle Ergebnis wird durch eine überaus
dilettantische Öffentlichkeitsarbeit und ungerechtfertigte
Panikmache der Ärztefunktionäre bis zum Super-GAU getrieben: dem
Verlust der Glaubwürdigkeit der Ärzteschaft. "Die Glaubwürdigkeit der Ärzteschaft bei
(nicht-medizinischen) Fragen nach dem Gesundheitsmarkt und den
Kosten medizinischer Leistungen ist in den vergangenen fünf
Jahren stark gesunken", berichtete die in dieser Hinsicht
gewiss unverdächtige Ärzte Zeitung am 30.06.1999, Seite 5, über
das bestürzende Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des
Emnid-Instituts.
Noch gefährlicher wird der Gedanken-Schritt sein, wenn Patienten
vom Misstrauen gegenüber den kaufmännischen Aspekten ärztlichen
Tuns zum Misstrauen gegenüber dem ärztlichen Tun selbst
gelangen. Daran kann niemand gelegen sein. Aber: Ein
Ärztekartell oder auch nur ein Praxisnetz beschränkt durch seine
internen Regularien das hohe Gut der freien Arztwahl des
Patienten stets genauso wie das der Therapiefreiheit von
Patient und Arzt. Der KV-Vize und Medis-Chef Metke kam nicht
umhin, gegenüber der Stuttgarter Zeitung vom 12.06.1999 die
Skepsis vieler Ärzte einzuräumen: "'Medis'
bringe eine stärkere Bevormundung mit sich - jeder Arzt müsse
sich gewissen Vorgaben unterwerfen", schrieb die
Stuttgarter Zeitung auf Seite 27. Die Kassenärztliche
Vereinigung wird von den Ärzten bereits als Disziplinierungs-
und Gleichschaltungseinrichtung in bezug auf die
Therapiefreiheit von Ärzten und Patienten empfunden. Warum
sollten Arzt und Patient sich nach der Zwangsjacke der
Kassenärztlichen Vereinigung, die von der Politik mit der
Gesundheitsreform 2000 erfreulicherweise gelockert werden soll,
nun in die Gummizelle eines Kartells stecken? "Allein der Spardruck im Gesundheitswesen werde
seinen Berufskollegen gar keine andere Chance lassen, glaubt der
Stuttgarter Mediziner Norbert Metke", berichtete die
Stuttgarter Zeitung am 23.06.1999. Und weiter: "Sollten die Versicherer künftig das neue Recht
nutzen, an den kassenärztlichen Vereinigungen vorbei Mediziner
zu ihren Konditionen 'einzukaufen', sollen sie auf Granit
beißen: Die Ärztezusammenschlüsse, die wiederum überregional
vernetzt sind, verbieten es ihren Mitgliedern nämlich, einzeln
mit der Kasse zu verhandeln." Das ist Klartext. Doch
warum sollten sich qualifizierte und patientenorientierte
Praxisinhaber vor dem Wettbewerb fürchten und es vorziehen,
eingefangen und entmündigt zu werden? Um "in
den Ruinen der Gewohnheiten weiter zu leben", wie der
Praxissanierer Heinz Köttendrop meint? Welche Praxis werden die
mündigen Patienten der Zukunft wohl bevorzugen: diejenige, in
der der Inhaber noch Herr im Hause ist, oder jene, in der er
seine eigene Entscheidungsfähigkeit zumindest teilweise
aufgegeben hat? Ist der Ärztezusammenschluss um Baumgärtner und
Metke also nur ein Sammelbecken für die Furchtsamen vor der
modernen Dienstleistungsgesellschaft aus den drei K's aus
Kompetenz, Kreativität und Kundenorientierung?
"Die Politik will die Planwirtschaft“,
schwang der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung
Nord-Württemberg und Allgemeinarzt, Dr.med. Werner Baumgärtner,
zu Beginn seiner Rede auf der ersten
Medis-Gesellschafterversammlung am 16.06.1999 zum wiederholten
Male die Angstkeule, dem die Ärzte Medis entgegenstellen müßten.
Baumgärtner kann sein Bemühen, die Stuttgarter Ärzte und
Patienten aus Angst vor dem Machtverlust der Kassenärztlichen
Vereinigung mit dem Praxisnetz Medis in eine noch schlimmere
Bevormundung und Abhängigkeit einer Gesellschaft bürgerlichen
Rechts (GbR) zu drängen, jedoch nur unzureichend bemänteln. Es
ist bezeichnend, dass gerade der Hartmannbund, der seit jeher
der entschiedenste Verfechter der ärztlichen Interessen und
Freiberuflichkeit ist, sich in Hamburg auf seiner
Jahresversammlung einstimmig dagegen ausgesprochen hat,
Praxisnetze einzurichten, und vor "politischem
Übereifer“ gewarnt hat. "Praxisnetze
sind so überflüssig wie ein Kropf“, mahnte der Hamburger
Hartmannbund-Vorsitzende Dr. Klaus Wagner und geißelte
Praxisnetze als "konsequente Fortsetzung der
Planwirtschaft im Gesundheitswesen“ (vgl. Ärzte Zeitung
vom 11.05.1999, Seite 7): In Hamburg arbeiten bereits fünf (!)
Praxisnetze und Wagner sieht "für Patienten
und Ärzte keine Vorteile durch die Einrichtung von Praxisnetzen.
Im Gegenteil: Die freie Arztwahl für die Patienten werde auf das
Netz beschränkt, die Ärzte seien an 'Steuerungsmechanismen' des
Netzes gebunden". Es könnte "im und
außerhalb des Netzes zu einer gewissen Enteignung kommen",
warnte der Hartmannbund-Landesvorsitzende. Es ist somit wohl
klar absehbar, warum die Inhaltsstoffe von Baumgärtners und
Metkes Medi-Rezeptur das Siechtum der konventionellen Arztpraxis
nicht heilen werden. Eine taugliche politische Alternative ist
Medi nicht. Ihre PC- und netzerfahreneren Kollegen haben
inzwischen das "Heilmittel" Praxisnetz mit dem Warnhinweis
"giftig" versehen.
"Der persönliche Burn-out wird zu einem
Flächenbrand werden" schrieb Dr. med. F.-G. Haag zur
gegenwärtigen Situation der Ärzteschaft im Deutschen Ärzteblatt
vom 09.07.1999 auf S.A-1806. Gewiss, die Situation der
Ärzteschaft ist schwieriger geworden. Käme es aber nicht einem
verzweifelten Sektenverhalten gleich, würden Ärztinnen und Ärzte
deshalb kollektiv die Augen nicht nur vor den politischen,
sondern auch vor den praktischen Risiken und Nebenwirkungen von
Baumgärtners Therapieangebot verschließen? Auch beim
Bundesdatenschutzbeauftragten, Joachim Jacob, stößt die
Einführung von elektronischen Patientenakten und die Vernetzung
von Patientendaten auf erhebliche Bedenken: "Lösungen,
die so viel Sicherheit gegen unbefugte Nutzungen bieten, daß ein
Arzt die ihm anvertrauten Gesundheitsdaten für zukünftige
Online-Abrufe zur Verfügung stellen könnte, liegen derzeit noch
nicht vor", erklärte Jacob am 01.06.1999 in der Ärzte
Zeitung, Seite 4. Vielen Ärzten und Psychotherapeuten sei nach
Aussage von Experten ebenfalls nicht klar, dass sie sich in
einem Praxisnetz wie der Medis GbR haftungsrechtlichen und
steuerlichen Risiken aussetzten, die nicht überschaubar seien. "Das nicht ausschließbare Mißbrauchsrisiko steigt
eher exponentiell als linear mit der Zahl der am Praxisnetz
beteiligten Ärzte. ICH würde daher gerade einen nicht am
Praxisnetz beteiligten Arzt wählen", konstatiert mit Dr.
med. Rüdiger Verhasselt in einem E-Mail-Kommentar an den Autor
am 08.07.1999 ein im Bereich Arzthaftungsrecht und
Medizinschadenbegutachtung erfahrener Arzt und Jurist. Wer
möchte dem noch etwas hinzufügen?
Die Konfrontationspolitik einiger Ärztefunktionäre mit dem Ziel,
die mit der Gesundheitsreform 2000 politisch angestrebte
Verringerung von Einfluss und Zahl der Kassenärztlichen
Vereinigungen zu unterlaufen, kann nur tragisch für jene Ärzte
enden, die sich gegen den Wettbewerb stellen. Man kann
hierzulande gewiss keine Politik gegen die Ärzte machen, aber
die Ärzte können auch keine Politik gegen den "Rest der Welt"
machen. Dies gilt insbesondere in berufspolitischer Hinsicht mit
Blick auf die recht gegensätzlichen Interessen der einzelnen
medizinischen Fachgruppen. So erhob sich schon bei der
ersten Informationsveranstaltung zum Medis-Kartell ein Vertreter
des Dermatologenverbandes und kündigte an, dass die von den
Hausärzten wenig geliebten Dermatologen möglicherweise ein
eigenes Netz aufmachen. Wie er - Spielverderber (!) - hier in
diesem Rahmen eine solche Bombe platzen lassen könne, blaffte es
aus dem Präsidium zurück. Nun ja, warum sollten sich
Minderheitenfachgruppen wie Hautärzte, Gynäkologen,
Psychotherapeuten, ambulante Chirurgen, Strahlentherapeuten usw.
nicht nach realistischeren Alternativen umtun und sich selbst
den Kassen zuwenden. Ihre Leistung ist sehr qualifiziert und
auch ein Praxis-Kartell wird an der Interessenlage und dem
"Minderheitenstatus" nichts ändern. So werfen
Strahlentherapeuten (siehe Ärzte Zeitung vom 02./03.07.1999,
Seite 1) der Kassenärztlichen Vereinigung bei Punktwerten von
0,9 bis 1,7 Pfennigen ein unkollegiales Verhalten bei der
Honorarverteilung vor. In Anbetracht der Tatsache, dass
bekanntlich rund die Hälfte aller Patienten einer
Allgemeinarzt-Praxis psychosomatische oder psychische Probleme
hat, wird wohl - wie schon bisher - auch im Netz nur ein
geringer Teil der Hausärzte einen sehr kleinen Teil ihrer
Patienten zum Psychotherapeuten schicken (vgl. hierzu den
Artikel "Die Plattmacher" vom 27.01.1998). Wer außer den
Herren Baumgärtner und Metke hat also wirklich etwas zu
verlieren? Vor diesem gesellschafts- und berufspolitischen
Hintergrund ist der Gedanke, ein Ärztekartell als
Überlebensgarantie schaffen zu wollen, daher nicht nur eine
famose Biertisch-Idee, sondern eine grandiose politische
Totgeburt.
2. Menschliche und psychologische Probleme
2.1. Die Führung
Wie aber wollen Ärzte ihre berechtigten Interessen in eine
Öffentlichkeit transportieren, die im Grundsatz am Wohlergehen
ihres Doktors durchaus ein eigenes Interesse hat, wenn sie sich
von Ärztefunktionären führen lassen, deren persönliches
Geltungsbedürfnis größer ist als ihre politische Integrations-
und Problemlösefähigkeit? Nachdem er ausreichend die Angstkeule
geschwungen hat, teilte der KV-Vorsitzende Baumgärtner seinen
Getreuen in einem Medis-Schreiben vom 25.05.1999 mit: "Natürlich müssen wir auch Ängste bei Kolleginnen und
Kollegen abbauen, weil Fragen auftreten, die es vertrauensvoll
zu beantworten gilt. Andererseits werden auf dem Feld der
Verbundsysteme einerseits Verbandsinteressen ausgetragen, oder
andererseits persönliche Rechnungen beglichen."
Beobachter der Stuttgarter und Nord-Württembergischen
Ärzteschaft konstatieren, dass sich kein KV-Vorsitzender in so
kurzer Zeit so viele Gegner geschaffen hat - ohne Not und durch
einen erstaunlichen Mangel an Integrations- und
Konsensfähigkeit. Selbst von wohlmeinenden Kommentatoren der
Ärztezeitung wie Dieter Schütz werden Baumgärtner unter dem
Titel "Baumgärtner schürt Patienten-Ängste"
verantwortungslose Übertreibungen und Schädigung "seiner eigenen Sache" bescheinigt: "der Stuttgarter KV-Vorsitzende Dr. Werner
Baumgärtner schießt mit seinem Protest gegen die
Gesundheitspolitik weit übers Ziel hinaus" (Ärzte Zeitung
vom 18.05.1999, Seite 2). Auch der Vorsitzende der
Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. med. Winfried Schorre,
nannte bereits vor einem Jahr am 16.06.1998 in einem Interview
mit den Stuttgarter Nachrichten "die Haltung
des nord-württembergischen Kollegen Baumgärtner ...
verantwortungslos“. Wenn Baumgärtners KV-Vize und
Medis-Chef Metke seine Kollegen dann noch in die Nähe von
Schnauzern rückt, braucht es nicht zu wundern, wenn die
Selbstachtung eine Kollegin nach der anderen und einen
Kollegen nach dem anderen auf Distanz gehen lässt.
Gewiss, Baumgärtner ist von der Vertreterversammlung der KV
Nord-Württemberg 1997 demokratisch gewählt worden. Er wurde
jedoch gewählt zu einer Zeit, in der die Ärzteschaft den
Honorarverfall deutlich zu spüren begann und nach einem "Löwen"
suchte, der ihre Interessen gegenüber Krankenkassen und
Öffentlichkeit glaubwürdig und erfolgreich vertreten kann. So
beschämend wie die Abwahl des feinsinnigeren KV-Vorsitzenden
Mohr war, so ernüchternd ist Baumgärtners Bilanz nach nur zwei
Jahren Amtszeit. Die Glaubwürdigkeit ist inzwischen
weitgehend wohl "im Eimer" und an überdauerndem "Erfolg" wird
vielleicht nur das Gebrüll bleiben. Von dem reichlich
zerschlagenen Porzellan gar nicht zu sprechen. Der Kommentator
der Ärzte Zeitung vom 18.05.1999 (Seite 2) empfahl Baumgärtner
ungeschminkt: "Gefragt sind keine
Horrorvisionen, sondern intelligente Lösungen". Weder ein
Kartell noch der Rückfall in zentralistische Planwirtschaft
verdienen aber, intelligent genannt zu werden. Allenfalls sind
sie ein Zeichen für Hilflosigkeit und, wovon Baumgärtner am
häufigsten spricht, Angst. Eine so sehr emotional reagierende
und so wenig sachorientiert agierende Führung vermag weder den
wünschenswerten und erforderlichen Konsens in der Ärzteschaft zu
schaffen und - was schwieriger ist - auch zu erhalten, noch eine
angemessene und weitsichtige Politik und Projektentwicklung zu
betreiben.
"Ich bin wild entschlossen, meinen Kurs
fortzusetzen", blies Baumgärtner auf der
Vertreterversammlung der KV Nord-Württemberg am 07.07.1999
unbeirrbar in sein Horn. "Einem Streit weicht
er auch auf der Vertreterversammlung nicht aus",
berichtete die Ärzte Zeitung am 09./10.07.1999, Seite 5: "seine Haltung spiegelt nichts anderes als seine
Überzeugung wider". Ein Überzeugungstäter, ein Fanatiker
gar? Was wird am Ende dieser wilden Jagd von den Ärztinnen und
Ärzten bleiben, die sich von ihm in eine völlig sinnlose
Konfrontation mit der Realität führen lassen? "Die KV wird zum Papiertiger", schreibt die
Ärzte Zeitung vom 09./10.07.1999 weiter. Ja, das ist politisch
gewollt und seit Jahren absehbar gewesen, weil dieses KV-System
nicht mehr funktioniert. Okay, Papiertiger. Aber will sich noch
jemand als Bettvorleger dazutun?
2.2. Die Netzmitglieder
Eine Gemeinschaftspraxis ist schlimmer als eine Ehe, lautet eine
häufig kolportierte Erfahrung. In der Tat haben
unterschiedliche Abhängigkeiten und Interessenkonflikte
schon so manche Gemeinschaftspraxis scheitern lassen. Umso
problematischer ist der Versuch zu beurteilen, jeweils 50, 200
oder mehr Ärztinnen und Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen
in regionale Gesellschaften bürgerlichen Rechts
zusammenschweißen zu wollen, die wechselseitig für einander
gerade stehen, einen gemeinsamen wirtschaftlichen Kurs fahren
und eine gemeinsame Steuererklärung abgeben. Wie der
Praxissanierer Heinz Köttendrop am 05.07.1999 in der Ärzte
Zeitung (Seite 14) feststellte, belegen sämtliche bisher
gemachten Erfahrungen immer wieder: "Man kann
... aus Gruppen von 50 bis 200 Einzelkämpfern, Individualisten
und Interessenfanatikern keine wirtschaftliche Einheit bilden."
Allenthalben ist deshalb die anfängliche Euphorie bei
Praxisnetzen heftiger Ernüchterung gewichen: Bei vergleichbar
großen Netzen wie in Berlin mit über 500 Medizinern wird unter
Fachleuten übereinstimmend konstatiert, dass "die
Hoffnung, in einem Praxisnetz wirklich effektiver zu arbeiten,
... bislang enttäuscht" wurde . Mehr noch: "Mangelnde Kooperation bremst Aufbruchstimmung"
beobachtete die Ärzte Zeitung am 07.06.1999 in einem Bericht auf
der Titelseite. "Einem Teil der Ärzte war die
enge Kooperation ein echtes Bedürfnis. Doch mancher Facharzt
versprach sich zusätzliche Überweisungen, einige Kollegen
Vorteile vom Status als Netzarzt, wieder andere mußten zur
Teilnahme überredet werden. 'Ein Teil der Kollegen wollte
einfach nichts verpassen', komplettiert ein Kreuzberger Netzarzt
den bunten Strauß der Motive, beim Netz mitzumachen." So
der Bericht der Ärzte Zeitung am 07.06.1999, Seite 17, über das
Berliner Netz. Wirklich gute Ärzte und Therapeuten bleiben, wie
bereits im MEDI-Report Nr.1 herausgearbeitet, den Praxisnetzen
fern, weil sie ihre Patienten keiner Einheitsmedizin oder
Rationierung der Netzsteuerung und die Daten ihrer
Patienten nicht dem Marktplatz ausliefern wollen. Entsprechend
lautete das Fazit des umfangreichen Berichtes der Ärzte Zeitung:
"Ärzte, die dagegen im Netz wirklich gebraucht
würden, hätten sich 'leider' bis heute nicht angeschlossen"
(07.06.1999, Seite 1). Ärztinnen und Ärzte, die ihre Patienten
und ihren Beruf ernst nehmen und ihre Praxis als eine
Dienstleistungseinrichtung begreifen (Sie erinnern sich, lieber
Leser, an die 3 K's des unternehmerischen Erfolgs), werden in
der Regel mehr Patienten für sich werben als andere. Warum aber
sollten erfolgreiche Ärzte weniger kompetente, weniger kreative
und weniger patientenorientierte Kollegen in einem Netz mit
durchfüttern? Doppeluntersuchungen solle das Netz vermeiden
helfen, heißt es. Was aber, wenn - im Interesse des Patienten -
der Kollege den Befunden des Kollegen nicht traut? Bleibt ihm
dann nur die Wahl zwischen dem zivilrechtlichen Haftungsrisiko
als Arzt und dem wirtschaftlichen Regress-Risiko als
Netzmitglied? Und dann noch das Schlagwort Qualitätssicherung:
Werden da nicht oft nur Worthülsen teuer materialisiert?
Der entscheidende Knackpunkt bleibt nämlich die
Zwangsgemeinschaft unterschiedlichster Praxisinhaber, deren
individuelle Bedürfnisse und Befähigungen in einem Netz nicht
oder nicht ausreichend berücksichtigt werden können. Da mag ein
neuer Ethik-Kodex, den die Medis-Jünger sich gegeben haben, als
Errungenschaft verkauft werden. Allein ein Blick in das weit
verbindlichere und weitergehende Gelöbnis der Berufsordnung
lässt den Medis-Ethik-Kodex als ein weiteres Stück geduldigen
Papiers erscheinen. Die Vorbehalte und Abneigungen des einen
gegenüber dem anderen Kollegen werden auch mit einem neuen Kodex
nicht geringer. Die Schwierigkeit, die Sicht des jeweils anderen
zu akzeptieren, bleibt genauso bestehen, wie der Futterneid des
anderen gegenüber dem einen. "Aktive Ärzte",
so der Bericht zum Berliner Netz, "haben mehr
Netzpatienten als weniger aktive, die dann wiederum über einen
niedrigen Anteil klagen. 'Da beißt sich die Katze in den
Schwanz.'" Das ist so wie im wirklichen Leben halt auch:
nur mit sehr viel mehr wechselseitiger Abhängigkeit und
Mehraufwand, nicht zuletzt für - wie könnte es anders sein -
eine eigene Netzverwaltung. Diejenigen, die eine enge
Kooperation um des Patienten willen schon immer betrieben haben,
werden diese sehr gut und viel freier ohne Netz realisieren
können. Sie ersparen sich indessen, ihren Kollegen
Nachhilfeunterricht zu geben, in dem, was sie selbst erfolgreich
macht: Medizin als Dienstleistung und sich selbst als
Unternehmer zu begreifen. Deshalb kann Baumgärtners und Metkes
"Angstkeule" vor der Gesundheitsreform wohl auch nur die
Furchtsamen für die realitätsfremde Idee eines Ärztekartells
aktivieren. Der Gesetzentwurf zur Gesundheitsreform macht den
Weg für Einzelverträge mit den Ärzten frei. Wenn die
Krankenversicherungen leistungsfähige Ärzte aus dem System der
Kassenärztlichen Vereinigungen herauskaufen, so fürchten
KV-Chefs mit recht, bliebe ihnen nur noch der "Schotter". Wer
hat da wohl Angst vorm schwarzen Mann?
3. Standes- und berufsrechtliche Probleme
Das Standesrecht der Ärzte wird
gelegentlich wegen seiner wettbewerbsbehindernden Inhalte
kritisiert. Das ist sicher berechtigt, soweit es um antiquierte
Regelungen wie etwa die Größe des Praxisschildes geht. Das
ärztliche Standesrecht hat sich jedoch bewährt, wenn es um die
Wahrung des kollegialen und respektvollen Umgangs der Ärzte
miteinander und dem Schutz der Patienten vor berufsunwürdigem
Verhalten geht. Das selbstverordnete ärztliche Berufsrecht
verhinderte - auch als eine Maßnahme der Qualitätssicherung
ärztlichen Tuns - bislang recht zuverlässig, dass jene am
meisten Eindruck schinden konnten, die nur am lautesten zu
brüllen vermochten. Umso erstaunlicher ist es, dass die
Ärzteschaft, ihre Kammern und die Aufsichtsbehörden offenbar auf
die mögliche Vergewaltigung der eigenen Berufsordnung
durch Baumgärtner und Metke noch nicht reagiert haben:
In der zum Zeitpunkt des Medis-Starts gültigen Berufsordnung der
Landesärztekammer Baden-Württembergs vom 14.01.1998 heißt es im
Abschnitt C II zu den Formen der Zusammenarbeit unter Nr.11
(Praxisverbund): "Ärztinnen und Ärzte dürfen
sich, ohne eine Berufsausübungsgemeinschaft oder
Organisationsgemeinschaft zu bilden, unter Beibehaltung ihrer
selbständigen Berufsausübung und ihrer Praxissitze durch
schriftlichen Vertrag, der der Vorlage an die Bezirksärztekammer
bedarf, zu einem Praxisverbund zusammenschließen, wenn der
Zusammenschluß durch ein gemeinsames Versorgungsziel im Rahmen
der vertragsärztlichen Versorgung der Versicherten der
gesetzlichen Krankenversicherung aufgrund von Maßnahmen der
Kassenärztlichen Vereinigung begründet ist, und die
Mitgliedschaft in einem Praxisverbund grundsätzlich allen dazu
bereiten Ärztinnen und Ärzten offensteht. Soll die Möglichkeit
zur Mitgliedschaft beschränkt werden (z.B. durch räumliche oder
qualitative Kriterien), dürfen die dafür maßgeblichen Kriterien
nicht diskriminierend sein und müssen der Bezirksärztekammer
gegenüber offengelegt werden. Ärztinnen und Ärzte in einem
zulässigen Praxisverbund dürfen die medizinisch gebotene oder
von Patientinnen und Patienten gewünschte Überweisung an nicht
dem Praxisverbund zugehörige Ärztinnen und Ärzte nicht
behindern."
Diese Kollegialität wird von Baumgärtner und Metke jedoch mit
dem geplanten Ärztekartell ganz offen gegen die Wand gefahren.
Wer zwei Drittel der Stuttgarter Ärztinnen und Ärzte als "Restärzte" abwertet und sich als
Ärztefunktionär so aufführt, dass das Ansehen der gesamten
Ärzteschaft mit der Assoziation eines Schnauzervereins Schaden
nimmt, sollte den § 29 der Berufsordnung zum kollegialen
Verhalten als Pflichtlektüre verordnet bekommen.
In einer unlängst unter Ärzten verteilten Broschüre "Medi-Info"
der Vertragsärztlichen Vereinigung, die mit "Liebe
Kolleginnen und Kollegen" beginnt, aber
bemerkenswerterweise von niemand namentlich unterzeichnet oder
in einem Impressum verantwortet ist, werden einige Fragen
beantwortet, die offenbar in der Ärzteschaft für Unmut sorgen.
Unter anderem auch die Frage: "Warum gibt es
nicht eine Aufnahmegewährleistung für alle Interessenten?"
Die Antwort: "Prinzipiell hat der Verbund
Interesse, daß alle im Augenblick in Nordwürttemberg tätigen
Kollegen in den Verbund eintreten und dort aufgenommen werden.
Dennoch ist es nicht auszuschließen, daß es in Zukunft für den
einzelnen Verbund eine Situation gibt, wo er einzelnen Kollegen
die Aufnahme verweigern muß. Dies aus strukturellen oder
finanziellen Gründen, und dies ist zum Schutz für das
wirtschaftliche Überleben eines Verbundes notwendig."
Nun, diese Antwort entlarvt das ganze Konzept: Wird die
wirtschaftliche Situation schwieriger, dann pfeifen Baumgärtner
und Metke auch auf das Diskriminierungsverbot der
Berufsordnung. Dann richtet sich Medi nicht mehr nur gegen
Krankenkassen und Patienten, sondern auch gegen die eigene
Kollegin oder den Kollegen. "Das Konzept ist
neu und einmalig in Deutschland" lautet der zweite Satz
nach der liebevollen Anrede. Fürwahr, kann man da nur sagen.
Weil auch der Präsident der Bezirksärztekammer Nord-Württemberg,
Dr. med. Klaus Baier, beim Medi-Kartell munter mitmacht,
erledigte sich die Offenlegung der "maßgeblichen
Kriterien", die laut Berufsordnung "nicht
diskriminierend sein" dürfen, wohl auf dem kleinen
Dienstweg. Bei so viel effizienter ärztlicher Selbstverwaltung
braucht man eigentlich die Abteilung V im Stuttgarter
Sozialministerium als Aufsichtsbehörde nicht mehr. Oder doch?
Wer nun meint, so schlimm könne es ja nicht kommen und auch Medi
werde trotz der wenig seriösen Anfänge eine Eigendynamik
entwickeln, die ein demokratischeres und respektvolleres
Miteinander ermögliche, wird sich - gefangen im Topf der
Furchtsamen vor dem Wettbewerb - bald die Augen reiben: Unter
Baumgärtner und Metke wird stramm nach Vorgabe marschiert: "Deshalb ist die (Medi-)
GmbH so strukturiert, daß wir innerhalb der (Medi-)
GmbH nicht das gleiche Szenario vorfinden, wie
im augenblicklichen innerärztlichen Dissens. Innerärztliche
Konflikte", heißt es in der Medi-Info-Broschüre weiter, "sollten im freien Verband (der
Vertragsärztlichen Vereinigung, der wiederum Baumgärtner
vorsteht) ausgetragen werden, dort stehen die
entsprechenden demokratischen Strukturen, und wo es um
Strukturen und Geld geht, müssen die Entscheidungsstrukturen
klar gegliedert sein." Alles klar? Demokratieverständnis
nach bekannter Baumgärtner Art also.
© 1999 Der MEDI-Report. Aus der Reihe
"Fragen Sie Ihren Rechtsanwalt oder gesundheitspolitischen
Verstand" des MEDI-Report:
Pressedokumentation
des rechtswidrigen Versuches Stuttgarter Kassenarzt-Funktionäre,
mit dem Medi-Verbund Konkurrenz und Wettbewerb auszuschalten
(MEDI-Report Nr. 2 vom 12.07.1999).
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