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© PSYCHOTHERAPIE 22.09.2000
Denken statt Schlucken: Leben im Einklang mit sich und der Natur - und nicht
am Tropf der Pharmaindustrie
Psychopharmaka unnötig?
Bei Depressionen ist Sport wirksamer als Antidepressiva und die
psychoanalytische Couch
VON GOTTLIEB SEELEN
Das Phänomen kostet der Gesellschaft Milliarden: In
Scharen laufen verstimmte, traurige, melancholische und depressive Menschen
zu ärztlichen Psychotherapeuten und Psychiatern, um sich dort jahrelang mit
Psychopharmaka voll pumpen zu lassen. Während sich bei den Betroffenen dabei
das Gefühl verstärkt, "Totalversager" zu sein, kultivieren Ärzte sich
Dauerpatienten und fährt die Pharmaindustrie genussvoll Milliardenumsätze
ein.
Ein Defekt durch "frühe Prägung",
von der die abstruse Psychoanalyse fabuliert? Mitnichten. Zwar prägte im
deutschen Kinderfernsehen vor langer Zeit eine "Frau Doktor Pille mit der
großen klugen Brille" das medizinische Weltbild der Kleinen. Doch dürfte ein
andauernder "Prägungsschaden" aus dieser frühen Orientierung auf die Pille
als Heilsbringer des modernen Zeitalters kaum entstanden sein. Die
verheerenden Folgen von verschleppten und chronifizierten Depressionen und
tablettensüchtigen Patienten resultieren viel mehr aus dem Hang vieler
körper- und profitorientierter Haus- und Fachärzte, gern und ausdauernd
Psychopharmaka zu verschreiben. Auf 37,57 Milliarden DM waren die
Arzneimittelkosten allein der gesetzlichen Krankenversicherung im Jahre 1999
gestiegen. In diesem Jahr wird die ärztliche Verschreibungswut bereits 40
Milliarden DM kosten. Mit dem Hang der selbstsüchtigen Mediziner, zuerst an
ihr Einkommen zu denken, geht folgerichtig ihre Abneigung einher, depressive
und psychosomatische Patienten zu einer effektiven Behandlung zu überweisen
- zur kognitiven Psychotherapie.
Dabei liegen die natürlichen Alternativen preiswert oder kostenfrei
gewissermaßen vor der Haustür: Rein in die Sportschuhe und ein paar Runden
gelaufen - das vertreibt trübe Gedanken besser als das Labern über die frühe
Kindheit auf der Couch und Tabletten schlucken. Denn regelmäßiger Sport ist
gegen dauerhafte Depressionen weitaus wirksamer als Anti-Depressiva. Dies
haben US-Wissenschaftler in einer Studie herausgefunden, die am Donnerstag
im Fachmagazin "Psychosomatic Medicine"
veröffentlicht wurde. Die Forscher des Medizinischen Zentrums der
Duke-Universität in Durham, (Bundesstaat North Carolina), fanden ferner
heraus, dass Patienten, die den Sport mit der Einnahme von Medikamenten
verbinden, eher rückfällig werden.
Das US-Team unter Leitung des Psychologen James Blumenthal hatte 156
Patienten mittleren Alters untersucht, deren Zustand sich durch sportliche
Aktivitäten nach vier Monaten verbessert hatte. Nach weiteren sechs Monaten,
so ergab die Studie, wurden nur acht Prozent der Sport treibenden Patienten
wieder depressiv, verglichen mit 38 Prozent derer, die nur Medikamente
einnahmen.
Von besonderer Bedeutung ist die Beobachtung, dass die Einnahme von
Medikamenten im Zusammenhang mit positiven Aktivitäten wie z.B. Sport zu
einer größeren Rückfallhäufigkeit führt. "Die bisherige
Annahme, dass beide Faktoren zusammen eine positive Auswirkung haben, hat
sich nicht bestätigt" wurde Blumenthal in der Zeitschrift zitiert.
Zwischen sportlicher Betätigung und dem Risiko der Rückfälligkeit gebe es
ein "Umkehrverhältnis". "Je mehr
Sport, um so geringer die Wahrscheinlichkeit, dass die depressiven Symptome
zurückkehren", sagte Blumentahl. Dabei spiele es möglicherweise eine
Rolle, dass der Patient mit den Übungen eine "aktive Rolle"
im Genesungsprozess übernahm. Dadurch werde das Gefühl von "Kontrolle und Erfolg" vermittelt.
Das Wesen der psychotherapeutischen Wirkung sportiver Betätigung sei indes
sehr einfach, erläutert Dietmar G. Luchmann vom ABARIS Institut für
Psychotherapie in Stuttgart: "Wer wenig tut, der
erhält wenig positives Feedback - sowohl von seinem Körper als auch von der
Umwelt. Das kann spiralförmig abwärts zu weiterer Depression führen und das
positive Feedback von Körper und Umwelt schließlich auf Null reduzieren.
Irgendwann kann der Betreffende dann meinen, das Leben habe keinen Sinn
mehr." Umgekehrt führt Aktivität - zum Beispiel Sport - zu positiven
Erfahrungen: Dies dreht die Spirale aufwärts. "Da die Art
und Weise, wie jeder mit Problemen umgeht, natürlich eine individuelle
Lerngeschichte hat, ist es eine unverzichtbare Voraussetzung für den
dauerhaften Erfolg, mögliche selbstschädigende Denkstile abzulegen",
betont Luchmann.
Kein Medikament, sondern nur die kognitive Verhaltenstherapie kann helfen,
solche Denkfehler zu erkennen und zu beseitigen. Moderne kognitive
Psychotherapie unterweist Betroffene darin, wie sie fehlerhafte Denkschemata
verändern und realitätsgerechter gestalten können. Freuds Couch mit der
erstarrten Orientierung auf die Suche nach dem Schmutz der Vergangenheit
gehörte schon lange auf den Müllhaufen der Menschheitsirrtümer - am Leben
gehalten nur von einer Lobby von Psychotherapeuten, die sich dem
wissenschaftlichen Fortschritt verschließen.
Ein Waldlauf mit einem kognitiven Psychotherapeuten, der ganz nebenbei und
praktisch vermittelt, wie die Unvollkommenheit der Welt - je nach Art des
Denkens - statt zu Ärger und Depression auch zur Erheiterung führen kann,
ist da zweifellos die bessere Wahl. Überdies zum Preis einer Eintrittskarte
ins Kabarett: "Lachen ist die beste Medizin". -
Eine alte Weisheit, die ein Antidepressivum auf seine Werbefahne geschrieben
hat, auf das man dann ebenso getrost verzichten kann.
Die schlechteren Ergebnisse einer Therapie mit Tabletten resultieren aus dem
Unvermögen jeglichen Medikaments, selbstschädigende Denkstile und
Denkinhalte zu verändern. Viele Betroffene glauben, "Wenn ich vom Arzt
Tabletten bekomme, dann muss das besser sein, als wenn ich keine bekomme".
Dies ist jedoch falsch und "wohl eine der häufigsten
Fehlannahmen von Patienten über Medikamente und Ärzte", sagt
Luchmann. "Antidepressiva vermitteln denjenigen, die sie
wegen leichterer Depressionen einnehmen und Sport treiben, zwangsläufig die
falsche Erfahrung, die Veränderung des Befindens sei auf die Tabletten und
nicht auf ihre eigene Aktivität zurückzuführen", erklärt Luchmann. So
verharren die Betroffenen häufig weiter in ihrer Passivität ohne die
entscheidende Bedeutung ihrer eigenen Aktivität als Voraussetzung des
Erfolgs zu erkennen. Wer hingegen - durchaus mit psychotherapeutischer
Anleitung - die Kenntnis und Erfahrung gewonnen hat, durch eigene Aktivität
und "gesünderes" Denken sein Befinden verbessern zu
können, wird sich mit dem Gelernten später aus schwierigen Situationen viel
eher wieder allein herauszuhelfen vermögen.
Deshalb sind diese Studienergebnisse nicht als Einladung zu verstehen,
Medikamente einfach durch Fitness-Training zu ersetzen. Bei Blumenthals
Versuchsteilnehmern handelte es sich keineswegs um schwerst depressive und
suizidgefährdete Menschen, sondern um solche, die sich freiwillig auf
Anzeigen der Forscher für die Teilnahme gemeldet haben. Aus den Ergebnissen
lässt sich vielmehr ableiten, dass Sport eine gute Ergänzung zur
kognitiven Psychotherapie sein kann, insbesondere für jene Patienten,
die auf Medikamente nicht ansprechen.
Die Forscher der Duke-Universität werden bei der Fortführung ihrer Studien
vom National Institute of Mental Health (NIMH) unterstützt. Die neuen
Untersuchungen sollen vor allem eine Antwort auf noch offene Fragen geben,
warum Sport bei Depressionen besser wirkt als Antidepressiva. "Wir haben ein großes Interesse an der Erforschung
verhaltenstherapeutischer, nicht-pharmakologischer Ansätze zur
Depressionsbehandlung", erläutert Blumenthal. "Weil
bis zu ein Drittel der depressiven Patienten auf eine Arzneimitteltherapie
nicht anspricht und diejenigen, die Tabletten nehmen, unter Nebenwirkungen
leiden, ist es wichtig, andere Wege zu finden."
Das U.S.-Institut für seelische Gesundheit - NIMH - stellt hierfür drei
Millionen Dollar bereit - ein geringer Betrag im Vergleich zu den jährlichen
Kosten von Antidepressiva und deren unerwünschten Begleiterscheinungen.
Depressionen in der Arbeitswelt werden dramatisch zunehmen
Allein in Deutschland leiden mehrere Millionen
Menschen an Depressionen - und es werden immer mehr. Einen wesentlichen
Anteil an dieser Entwicklung hat der zunehmende Leistungs- und
Wettbewerbsdruck in der Arbeitswelt. Schätzungen der
Weltgesundheitsorganisation (WHO) sagen für die Industrieländer voraus, dass
Depressionen nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen zur Volkskrankheit Nr. 2
werden.
Von einer sinnvollen Prävention ist man in Deutschland freilich noch weit
entfernt. Viel wäre bereits gewonnen, wenn Betroffene bei den ersten
Anzeichen einer Dysthymie, Depression oder psychischen Erschöpfung (Burnout)
zum Psychotherapeuten gingen. Dies ist der beste und schnellste Weg zum
Therapieerfolg.
Tatsächlich sind Betroffene zu diesem Schritt häufig erst bereit, wenn sie
sich unter zunehmendem Leistungsabfall lange und erfolglos gequält haben.
Solche Klienten erhalten am ABARIS Institut für Psychotherapie
zusammen mit einer kognitiven Therapie von wenigen Stunden als erstes einen
mehrwöchigen Urlaub in der Ferne verordnet. "Das bringt
einem Manager, der am Ende seiner psychischen Kräfte ist, entschieden mehr
als sich mit Antidepressiva ins Bett zu legen oder weiter unproduktiv auf
seinen Schreibtisch zu starren", sagt Luchmann. Betroffene
berichteten regelmäßig, nach dem Wiedererlangen ihrer Leistungsfähigkeit in
nur einem Bruchteil der Zeit gegenüber der Erschöpfungs- und
Erkrankungsphase Aufgaben abzuarbeiten, die sie zuvor viele Monate nicht
mehr richtig bewältigten.
Nicht nur Arbeitgeber, sondern auch Krankenversicherungen könnten enorme
Kosten sparen, wenn sie solche Versicherte zum frühzeitigen ambulanten
psychotherapeutischen Kontakt ermutigten und nicht nach langer Verzögerung
für Monate in psychosomatische Kliniken steckten. Doch deutsche Manager sind
von dieser Erkenntnis noch weit entfernt. "Vier Wochen
Karibik und zwei Wochen Kanada sind ungleich hilfreicher und sehr viel
preiswerter als die meisten Klinikeinweisungen", sagt Luchmann und
ergänzt: "Gleichwohl berichten Klienten eher, dass ihnen
vom Management selbst dann noch sechs oder acht Wochen in einer
psychotherapeutischen Klinik nahegelegt werden, wenn sie nach einem Dutzend
Konsultationen bei uns allein wieder 'auf die Beine' gekommen sind".
Dies lasse erkennen, dass deutsche Manager als psychische Faktoren der
Arbeitswelt eher unsinnige Motivationsseminare assoziieren als eine gesunde
Psychohygiene und Führungskultur. Dem entsprechend reagieren sie bei
Stressfolgeerkrankungen wie Depressionen, Angst und Burnout bei sich oder
bei Mitarbeitern viel zu spät oder gar nicht, beobachtet Luchmann.
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Adressen-Tipp |
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ABARIS® Institut für
Psychotherapie und Life Coaching
Zaackoer Weg 40
D-15926 Luckau
www.abaris.de - Online-Anmeldung für
die Angstambulanz, Coaching, kognitive Verhaltenstherapie,
Psychotherapie, Paartherapie u.v.m.
Leitung:
Dietmar G. Luchmann,
Diplom-Psychologe, Psychotherapeut.
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Psychotherapeutische Kliniken, so argumentiert eine
zunehmende Zahl von Kritikern, sind mit bis zu 800,00 DM pro Tag nicht nur
erheblich teurer als eine ambulante Therapie, sondern wegen ihres viel zu
geringen Anteils individueller Psychotherapie (häufig nur eine Stunde pro
Woche) ineffektiv und unwirtschaftlich. Überdies kranken viele Konzepte der
stationären Psychotherapie daran, dass sie die Patienten entmündigen,
abhängig machen oder gar schädigen anstatt Erkenntnis, Autonomie und
Selbstverantwortung zu fördern.
Psychotherapeut Luchmann freut sich immer wieder, wenn seine Klienten nach
wenigen Wochen dieser konsequenten aktivitätsorientierten Auszeit mit
begleitender ambulanter kognitiver Therapie sein persönliches Kriterium für
die wiedererlangte Arbeitsfähigkeit erreichen: "Wenn ein
Klient mir sagt, er habe eine Woche lang kontinuierlich Lust auf Arbeit
gehabt, ist er über den Berg." Eine gesunde Lust, die aufgrund der
nachhaltigen kognitiven Veränderungen, wie seine Klienten bestätigen, auf
Dauer zu bestehen vermag.
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