© PSYCHOTHERAPIE 28.03.2000
Hausärzte mit Psychotherapie-Zusatzausbildung erkennen
Depressionen so schlecht wie Hausärzte ohne
Psychotherapie-Kenntnisse
Depressionen bleiben oft unentdeckt
Keine Geschlechtsunterschiede - Männer und Frauen sind in der
Depression gleich
Ist eine Frau typischerweise wegen einer
gescheiterten Liebesbeziehung depressiv? Wird ein Mann von
Selbstzweifeln zerfressen, weil seine Karriere einen Knick
bekommen hat? - In einer gerade im "Journal of
Cognitive Psychotherapy" erschienenen Studie zeigen zwei
Psychologen, dass die Gründe für eine Depression oder für
Versagensangst nicht geschlechtstypisch, sondern allgemein
menschlich sind.
Diane Spangler, Assistenzprofessorin an
der Brigham Young University in Provo (Utah), und David
Burns, Professor für Psychiatrie an der Stanford School of
Medicine, haben 427 Personen untersucht, die unter
klinischer Depression leiden. Die Forscher haben getestet, in
welchem Maße die Personen an zu großer Abhängigkeit (etwa von
einem Partner) oder zu großem Perfektionismus (im Beruf) leiden.
Es zeigte sich, dass es zwischen Männern und Frauen keine
Unterschiede im Grad der Abhängigkeit oder des Perfektionismus
gibt. Beide Geschlechter leiden an beiden Problemen.
Die beiden Forscher wenden sich mit ihren Analysen auch gegen
die zur Zeit vorherrschende Zuweisung von typisch männlichen und
typisch weiblichen Problemen, wie sie in Büchern von John Gray
("Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus")
oder Deborah Tannen ("Du versteht mich einfach
nicht!") vorgenommen wird. "Es hat eine
Zeit lang eine Überflutung von geschlechtsdifferenzierendem Zeug
in der professionellen Literatur gegeben, und jetzt schwappt es
über in den populärwissenschaftlichen Bereich," sagte
Spangler.
"Natürlich ist unsere Arbeit auf depressive
Individuen beschränkt, aber dennoch soll sie Teil einer Bewegung
sein, die Geschlechtsstereotype zurückweist", ergänzt
Spangler. "Wenn verschiedene Wissenschaftler
in ihren Bereichen in dieser Richtung forschen, werde es immer
schwieriger, solche unzutreffenden geschlechts-differenzierenden
Vorurteile aufrecht zu erhalten."
Darüber hinaus werden Depressionen von Ärzten oft nicht erkannt
und daher auch nicht entsprechend behandelt. Nur in knapp 30
Prozent der Fälle wird die Erkrankung richtig diagnostiziert,
ergaben Untersuchungen des Max-Planck-Instituts für
Psychiatrie in München. Ein Drittel der Betroffenen suche
gar keine ärztliche oder psychologische Hilfe. Fast die Hälfte
der Depressiven, deren Krankheit nicht behandelt wurde, hatte
gegenüber einem Arzt oder Angehörigen über ihre Beschwerden
gesprochen.
Allerdings haben die Wissenschaftler bei fast einem Drittel der
nicht behandelten Depressionskranken auch Verhaltensweisen
festgestellt, die nicht zum Krankheitsbild passten: Solche
Patienten bemühen sich, durch selbstbewusstes, charmantes
Auftreten einen möglichst guten Eindruck zu hinterlassen - was
die Diagnose entsprechend erschwerte.
Selbst Hausärzte, die eine Zusatzausbildung in Psychotherapie
absolviert haben, waren beim Erkennen von Depressionen nicht
erfolgreicher als andere. Außerdem ließ sich zeigen, dass Ärzte,
die Depressionspatienten generell ungern behandeln, die
Erkrankung noch schlechter diagnostizieren.
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