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   PSYCHOTHERAPIE - Zeitschrift zur Psychotherapie, Psychoanalyse & Verhaltenstherapie       ISSN 1616-3753 
PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) - Herausgeber: Dietmar G. Luchmann, Dipl.-Psychologe & Psychotherapeut * Denken lernen statt Pillen schlucken - Kognitive Psychotherapie hilft am effektivsten.

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Zur DruckversionLeserbriefe
© PSYCHOTHERAPIE 29.09.2001

Psychopathologie des Ärzte-Alltags in Internet und Realität

Perverse Ärzte - kranke Ärzteschaft?
Deutsches Ärzteblatt mit Mobbing-Forum: Schwuler Arzt erhält Rat, dem Chefarzt "einfach mal den Allerwertesten hinzuhalten"

VON CARMEN HEERDEGEN

Ärzte genießen in der Bevölkerung nach wie vor das höchste Ansehen, ergab eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Juni 2001 im Auftrag des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. Für 74 Prozent der Deutschen gehört der Arztberuf zu den absoluten Top-Jobs, nur ein Prozent weniger als noch im Jahr 1999. Ein Traumergebnis für die so genannten "Halbgötter in Weiß". Ein Ergebnis indes, das auf einem eklatanten Irrtum beruht, der Fassade und Inhalt verwechselt. Allein ein Blick in das Internet-Forum des Deutschen Ärzteblattes enthüllt den ganz normalen Wahnsinn eines Berufsstandes, der zum Erbrechen reizt.

Dabei liegt ein wunderschöner Herbsttag vor mir. Nach einer ausgefüllten Arbeitswoche als niedergelassene Neurologin und Psychotherapeutin genieße ich den Samstagmorgen mit dem Duft frischer Bäckerbrötchen, den Blick auf die ersten gelben Tupfer des Herbstlaubs und blättere in der Wochenendausgabe der "Frankfurter Rundschau". "Als Rezept gegen Beitragserhöhungen der Krankenkassen haben Verbraucherschützer und die Anti-Korruptions-Organisation Transparency International (TI) entschiedenes Vorgehen gegen Missbrauch und Betrug im Gesundheitswesen gefordert", lese ich dort. "Es sind Milliarden, die durch Betrug und intransparente Machenschaften im deutschen Gesundheitswesen verloren gehen", zitiert die Zeitung aus einer Erklärung der TI-Gesundheitsexpertin und früheren SPD-Politikerin Anke Martiny vom Freitag in Berlin. "Neben konsequenter strafrechtlicher Verfolgung von Betrug und Korruption setzen TI und der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) zur Eindämmung von Missbrauch auch auf die Einhaltung ethischer Verhaltensregeln", schreibt die Zeitung.

Ethik freilich ist inzwischen bei vielen Ärzten zum Fremdwort geworden, ausgetauscht durch gut verhüllte Ego-Werte wie Gier nach Macht und Geld. "Inzwischen pfeifen die Spatzen von den Dächern", schrieb Transparency International im September 2000 im TI-Rundbrief Nr. 15, "Ärzte und Apotheker bereichern sich am öffentlichen Gesundheitswesen in zweistelliger Millionenhöhe, und die kassenärztlichen Vereinigungen und Ärztekammern, resp. Apothekerkammern, die die nötige Kontrolle ausüben müssten, sind in die unlauteren Machenschaften oft mit verstrickt." Weshalb die kassenärztlichen Vereinigungen, von deren Zwangsmitgliedschaft die Gesundheitspolitik aufrechte Ärzte noch nicht zu befreien vermochte, immer häufiger als "kriminelle Vereinigungen" bezeichnet werden. 

Nach einem kräftigen Schluck frischen Kaffees wechsle ich zum "Deutschen Ärzteblatt" vom 28.09.2001, das noch auf dem Poststapel liegt. Dieses in der Öffentlichkeit wenig bekannte Blättchen ist mit seinen amtlichen Mitteilungen eine höchst unaufregende Pflichtlektüre der deutschen Ärzteschaft - und dem Establishment ärztlicher Selbstverwaltung verhaftet. Am 3. November 2000 berichtete es großformatig über den "Medi-Verbund", das abwegige Zwangsnetz für ängstliche Ärzte, das die Kassenarztchefs von Stuttgart und Berlin, Werner Baumgärtner und Manfred Richter-Reichhelm, ausgeworfen haben: "Egal was geschieht, das Schiff Medi-Verbund fährt und ist in sicheren Gewässern."

   
 PSYCHOTHERAPIE Lese-Tipp
Von der Zwangsjacke in die Gummizelle?
Medi-Verbund - Nein, danke: Medi-Kartell rechtswidrige "Biertisch-Idee"
(Pressedokumentation).


Für das Eingeständnis richterlich festgestellten Realitätsverlustes der Medi-Ärzte war ein dreiviertel Jahr später, am 6. August 2001, hingegen nur eine dürre Mitteilung drin: "Das Landessozialgericht Baden-Württemberg hat es der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nord-Württemberg per einstweiliger Anordnung untersagt, sich an der Medi Verbund GmbH zu beteiligen." Diese Rechtskultur der Ärztefunktionäre ist seit Jahren ein Dauerbrechmittel. "Sie zeigt, dass die Ärztefunktionäre nicht nur sich selbst in die Tasche wirtschaften und Gesetze ignorieren, sondern zu Schikane aus niedersten Motiven fähig sind", stellt die Berliner Tageszeitung "taz" am 11. August 2001 auf Seite 25 fest.

Auch diesmal kam das "Deutsche Ärzteblatt" mit dem gewohnt langweiligen Titelblatt, das jede Wochenzeitung zum garantierten Flop machte. Fast wollte ich das 1872 gegründete Pflicht-"Organ der Ärzteschaft" wieder beiseite legen, da lese ich auf Seite A2487 den Titel "Forum Psychotherapie - Frust abgelassen". Die Redaktion, so heißt es, habe sich entschieden, auf den Internetseiten des "Deutschen Ärzteblattes" ein Forum einzurichten, in dem "erbitterte Auseinandersetzungen" stattfänden. "Die Beiträge von Ärzten und Psychologischen Psychotherapeuten im Forum 'Mobbing' ließen Diskussionsbedarf erkennen", schreibt die DÄ-Redakteurin Petra Bühring. Von "gegenseitiger verbaler Zerfleischung" ist die Rede. Selten genug für dieses Ärzteblatt, wird von Versuchen der Ärzte berichtet, "die Psychologen auszugrenzen, 'um die überaus reich gefüllten Pfründe zu sichern'". Also beschließe ich, der Website einen Besuch abzustatten während ich mein nächstes Brötchen streiche.

Der Schock: Unglaubliche Menschenverachtung unter Ärzten

Im Forum "Mobbing" lädt mich der Beitrag eines "Detlef M. aus K. am 27.09.01" mit der Überschrift "Schwul und Gemobbt" zum Anklicken und Lesen ein. Schwule Ärzte - eigentlich kein Thema mehr, könnte man meinen, seitdem Politiker sich unter dem Jubel ihrer Anhänger outen. "Ich bin schwul, und das ist auch gut so", erklärte Klaus Wowereit (SPD), Bürgermeister von Berlin. Bei karnevalistisch anmutenden Umzügen feiern Zehntausende ihre sexuelle Befreiung und seit dem 1. August 2001 werden durch das Gesetz für die Eingetragene Lebenspartnerschaft homosexueller Paare inzwischen vielerorts Homo-Ehen geschlossen. Chefärzte jedoch sind in der Regel extrem konservativ, so verwundert nicht, wenn im Forum des "Deutschen Ärzteblattes" ein homosexueller Assistenzarzt um Hilfe bittet, weil "die Arbeit ... die Hölle" für ihn geworden ist, seit sein Chef von seiner Homosexualität erfahren hat:

Deutsches Ärzteblatt - Forum Mobbing

Offensichtlich wird auch die Arbeitswelt im Gesundheitswesen des Jahres 2001 noch von Vorurteilen, Ängsten, Unwissenheit und Unverständnis geprägt. Allerdings erheben Ärzte und ärztliche Psychotherapeuten in Fragen der psychosozialen Gesundheit einen Führungsanspruch, an dem sie ihre Art des Umgangs mit Homosexualität als natürliche menschliche Daseinsform messen lassen müssen. Eingerahmt vom Deutschen Ärzteblatt, inmitten von Werbung für die Deutsche Ärzte-Versicherung, der HEXAL AG und Boehringer Ingelheim Pharma KG, zwei bekannten Pharmaunternehmen, schließen sich im Diskussionsfaden an die Bitte um Rat die "Empfehlungen" der Forumsteilnehmer an.

Deutsches Ärzteblatt - Forum Mobbing

Ein "Stat.-Arzt am 28.09.01" nimmt in erkennbar diskriminierender Weise Bezug auf den aus dem Allgemeinen Landrecht von 1794 stammenden § 175 StGB, mit dem die Preußen "Sodomiterei und dergleichen unnatürliche Sünden" mit Zuchthaus bedrohten. 1935 wurde der § 175 verschärft, indem der Begriff "widernatürliche Unzucht zwischen Männern" durch "Unzucht mit Männern" ersetzt und die Strafen empfindlich erhöht wurden. Erst 1994 wurde der § 175 StGB zur Bestrafung der Homosexualität unter Erwachsenen im Zuge der Gesetzesharmonisierung nach der deutschen Wiedervereinigung endgültig gestrichen. "Halten Sie Ihren Chef doch einfach mal den Allerwertesten hin, vielleicht steht er dann besser zu Ihnen, Sie verfluchter hundertfünfundsiebziger!", heißt es in der Antwort auf den Hilferuf. Weil diese Erwiderung kaum zu glauben ist, entschließe ich mich, die Seiten dieses Ärzteforums zu dokumentieren.

Deutsches Ärzteblatt - Forum Mobbing

Eine einzelne Entgleisung? Wohl kaum: "Es ist alles viel schlimmer!", zitiert Jens Flintrop, Mitglied der gesundheits- und sozialpolitischen Redaktion des "Deutschen Ärzteblattes" (aerzteblatt@aerzteblatt.de), in einem eigenen Forumsbeitrag vom Frühjahr 2001 einen Arzt. Flintrop illustriert dies mit der Feststellung eines anderen Mediziners: "Wenn mit den Ärzten in der Weiterbildung nur Einjahresverträge geschlossen werden, und diese jeweils nur um ein Jahr verlängert werden, obwohl der Chefarzt zur vollen Weiterbildungszeit lizensiert ist, entsteht eine Abhängigkeit, der der Assistenzarzt wie ein Leibeigener ausgesetzt ist."

So spiegelt wohl auch jene Empfehlung die mittelalterlichen Zustände ärztlicher Realität wider, die von einem weiteren "Arzt am 28.09.01" angefügt wird. Unverhohlen gibt dieser "Arzt" seine üble Gesinnung zu erkennen, die in kranken Ideologien aus der dunkelsten Zeit deutscher Geschichte wurzelt. Unter dem Titel-Kürzel "AF", das offenbar für "Arschficker" stehen soll, schreibt er: "Mit Beiträgen wie diesem zersetzen Sie Moral, Ehrgefühl und Anstand der Deutschen Ärzteschaft. Danken Sie Ihrem Schöpfer auf Knien, dass er Sie in einem so zivilen Krankenhaus arbeiten läßt, in dem man nur über Sie lacht. Unterdrücken Sie Ihre schädlichen Neigungen, wenn Sie auch nur einen Funken Ehrgefühl im Leib haben." Eine Antwort, die angesichts der Leiden homosexueller Männer in der Zeit des Nationalsozialismus unfassbar respektlos und skandalös ist.

Deutsches Ärzteblatt - Forum Mobbing

Sind das Ärzte, denen man sich anvertrauen kann? Sind solche Ärzte überhaupt fähig, zur Lösung der drängenden psychosozialen Probleme und der wachsenden psychosomatischen Herausforderung in unserer Gesellschaft beizutragen? Definitiv nicht; diese Ärzte sind selbst ein Teil des Problems.

Ich erinnere mich, vor vier Wochen im "SPIEGEL" gelesen zu haben, dass ein 40-jähriger Angestellter am Bundeskriminalamt sich selbst mit fünf Liter Benzin übergossen und bei lebendigem Leibe verbrannt hat, weil er sich von seinen Kollegen wegen seiner Homosexualität verstoßen fühlte. Ich blättere im "SPIEGEL"-Heft 35/2001: "Nachts um 3.50 Uhr hören Bewohner des Wiesbadener Ortsteils Gräselberg gellende Schreie. Knapp zwei Stunden später entdeckt eine junge Frau, die frühmorgens ihre Hunde spazieren führt, am Rande eines Bolzplatzes, direkt unter einem Holunderbusch, ein kleines Feuer. Erst beim genaueren Hinsehen erkennt die Frau, dass das verkohlte Bündel, an dem noch schwache Flammen züngeln, ein Mensch gewesen ist."

Es ist bemerkenswert, wie ähnlich die Not der Betroffenen ist: Der BKA-Mann Peter Zimmermann, ebenso schwul und gemobbt wie der Fragesteller im Ärzte-Forum, klagte vor seinem Feuer-Suizid in einem Abschiedsbrief: "Einige Kollegen behandelten mich wie den letzten Dreck", und fügte hinzu: "Leider bin ich in einer Abteilung, in der Homosexuelle größtenteils als Menschen zweiter Klasse behandelt werden." Nach den perfiden Kommentaren und der flapsigen Aufforderung, "Wattebäuschlein [zu] werfen" resignierte wohl auch "Detlef M. aus K.", der Assistenzarzt, wie sein Beitrag am Folgetag erkennen lässt: "Wieder einer, der mich nicht ernst nimmt und nur spottet!"

Die Äußerungen im Ärzte-Forum erschrecken. Sie sind sexistisch und menschenverachtend. Der praktizierte Umgangsstil, den der Deutsche Ärzte-Verlag duldet, ist dem Beruf des Arztes und Psychotherapeuten unwürdig. Ist dies die Realität? Ja, es ist die bittere Wirklichkeit. Am 7. August 2001 wird im Forum zum Beispiel über "Beischlaf am Arbeitsplatz" berichtet, "eine nette Dame macht auf Kosten anderer die Herzkatheder". Die Beiträge in diesem Diskussionsfaden sprechen für sich: "Wolpertinger am 07.08.01" fragt lediglich "Auf dem Kathedertisch?" Und "Bock am 09.08.01" fügt an: "Geil! Bitte mehr Details und so..."

Geld, Macht, Sex und Drogen - Wertewandel der Ärzte?

Patientinnen und Patienten sind für viele deutsche Ärzte nur ein Objekt zur Befriedigung eigener Bedürfnisse - für Geld, Macht, Sex oder Drogen und zuweilen auch alles zusammen. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht neue abschreckende Beispiele krimineller, perverser oder geisteskranker Ärzte aufgedeckt werden. Am 28.08.2001 berichtete die Presse von einem 35-Jährigen als "Sex-Monster im weißen Arztkittel" ("BILD"), der - verheiratet, zwei Kinder -  mal so im Vorbeigehen eine 24-jährige Patientin, die nach einer Operation noch in Narkose lag, in ihrem Einzelzimmer auf der Intensivstation einer Stuttgarter Klinik mehrfach vergewaltigte. Trotz noch wirkender Narkose konnte sich die Frau an den Mann erinnern und die Klinikleitung verständigen - ein eher selten glücklicher Umstand. Denn diese Praktiken sind unter den ausgeprägt chauvinistischen Ärzten keineswegs Einzelfälle; sie werden in der Regel nur nicht bekannt.

Eine bedrohliche Zahl von Ärztinnen und Ärzten sind - durchaus auch als Folge des inhumanen und teilweise in mittelalterlichen Strukturen organisierten Medizinbetriebs - selbst psychisch verkrüppelt sowie geistig und körperlich krank. Am 24. September 2001 gestand ein drogenabhängiger Arzt vor dem Münchner Schwurgericht, im Kokain-Rausch seine Ehefrau erstochen zu haben. Diese habe dem 40-Jährigen Sex- und Drogensucht vorgeworfen. Sie drohte ihrem Mann, ihn anzuzeigen. Der HNO-Facharzt, der in seinem Beruf als erfolgreich galt, habe dann angefangen, seine Frau zu würgen. Später habe er einen Hammer aus der Küche geholt, ihr auf den Kopf geschlagen und ihr schließlich ein über 20 Zentimeter langes Messer in den Rücken gerammt. "Das ist von Anfang bis Ende der helle Wahnsinn, einfach unbegreifbar", zitiert "DER SPIEGEL" den Arzt mit seinem Geständnis. Ein ganz normaler ärztlicher Wahnsinn, den das "Deutsche Ärzteblatt" in seinen Foren repräsentativ erahnen lässt.

Denn das Forum ist durchaus mit hochkarätigen ärztlichen Teilnehmern besetzt. Zudem prüft und zensiert das "Deutsche Ärzteblatt" die Beiträge. "Ja das machen wir", wird von der "Redaktion DÄ am 22.07.01 um 01.20" Uhr weit nach Mitternacht auf die Frage eines Teilnehmers nach Zensur mitgeteilt, obwohl es "einen regulären Nachtdienst in der Redaktion [...] natürlich nicht" gibt, wie der Mitarbeiter der "Redaktion DÄ am 23.07.01 um 0.27" Uhr ergänzt.  Auch der Präsident der Berliner Ärztekammer, Günther Jonitz (guenther.jonitz@dgn.de), nimmt - wie seine sechs Einträge allein im nachfolgenden Forumsausschnitt zeigen - fast täglich und teilweise mehrfach täglich die Gelegenheit wahr, sich zu äußern und Beiträge zu kommentieren.

Deutsches Ärzteblatt - Forum Ausbeutung

"Es ist besser ein Licht anzuzünden", empfiehlt Ärztepräsident "Günther Jonitz am 12.08.2001 um 11.00" Uhr noch. Dieses Licht muss am 28. September 2001 wieder erloschen sein. Was er selbst "wüste Beschimpfungen und menschlich-moralische Tiefflüge" seiner Standeskollegen nennt, lässt ihn lediglich mit der Frage reagieren: "Macht internet dumm und undifferenziert?"

Deutsches Ärzteblatt - Forum Ausbeutung

Für Dummheit und Verantwortungslosigkeit, Gier und Korruption, Perversion und Krankheit sowie "menschlich-moralische Tiefflüge" in der Ärzteschaft das Internet verantwortlich machen zu wollen, ist allerdings so billig, dass es selbst naiven Zeitgenossen übel aufstößt. Möglicherweise ist von Ärzten, denen der Doktorhut aufgesetzt wird für Arbeiten über Themen wie Verletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern, schwerlich mehr geistiger Tiefgang zu erwarten. Welcher Patient, der zu dem vermeintlichen Halbgott in Weiß aufschaut, hat sich je gefragt, mit welcher skurrilen und leichtgewichtigen Doktorarbeit sein Arzt jemals die Befähigung für "wissenschaftliches Denken" nachgewiesen hat? Welcher Patient hinterfragt überdies, wie Ärzte als Mitglieder "eines Berufsstandes, der [...] zu 90% aus Kriechern, Duckmaeusern und verbitterten Neidhammeln besteht" - so ein Forum-"Beitrag von J. U. Stier am 03.06.01" (stierjan@hotmail.com) - überhaupt menschliche und sittliche Reife erwerben können?

Die tatsächliche Psychopathologie des ärztlichen Alltags wird von den Beteiligten mit gutem Grund eifrig vor der Öffentlichkeit verborgen: Der Anteil der suchtkranken Ärztinnen und Ärzte ist mindestens doppelt bis dreimal so hoch wie in der Bevölkerung. Dabei "ist Suchtstoff Nummer eins der Alkohol", berichtete die "Ärzte-Zeitung" am 21.10.1999. Ihre eigenen Probleme ignorieren Ärzte regelmäßig, bis "die Praxis gefährdet, das Privatleben zerrüttet oder der Arbeitsplatz in Gefahr" ist. Und die Behandlungsopfer den Marktplatz füllen - so kann man versucht sein, den Zeitungsbericht zu ergänzen. Im Gesundheitswesen der Gegenwart scheint mir die Feststellung von Napoleon I. Bonaparte, dem Feldherrn, Politiker und Kaiser der Franzosen, noch immer zutreffend: "Die Ärzte haben mehr Menschenleben auf dem Gewissen als die Generäle."

Fast folgerichtig beträgt die Suizidrate unter Ärzten ein Mehrfaches gegenüber der Bevölkerung. Die größten Defekte scheinen dabei die Hirne derer zu haben, die die psychische Gesundheit zu fördern behaupten. Welcher Patient, der sich wegen seiner Depressionen zum Psychiater begibt, denkt schon daran, dass die so genannten "Experten", die ihre Affinität zum Irresein möglicherweise genau diesen Beruf hat wählen lassen, sich laut "Ärzte-Zeitung" vom 19.01.1998 sogar siebenmal häufiger umbringen?

Ärztliche Selbstverwaltung - das Kartell der organisierten Verantwortungslosigkeit

Es ist unverkennbar, dass verantwortungslose und selbstsüchtige ärztliche Standesfunktionäre die Ärzteschaft nur als beliebig benutzbares Wegwerfmaterial zum Erreichen ihrer aus einem kranken Selbst und wuchernder Gier entspringenden egomanen Ziele betrachten. Die ärztliche Selbstverwaltung imponiert zunehmend als der Triumph des totalen Egoismus über gesellschaftliche Vernunft und Verantwortlichkeit. Das Gesundheitswesen präsentiert sich als ein Kartell der organisierten Verantwortungslosigkeit. Zu besonderer Vollkommenheit dieses brutalen Missbrauchs öffentlich-rechtlicher Wahlämter hat es der nord-württembergische Kassenarztchef Werner Baumgärtner gebracht. Mit einem rechtswidrigen Honorarverteilungsmaßstab (HVM) hat er 88 Prozent ärztlichen Psychotherapiehonorars zu streichen versucht und den Opfern kaltschnäuzig mitgeteilt: "Daß es auch hier Gewinner und Verlierer gegeben hat, muß ich Ihnen nicht erklären." Man braucht die Ärzte, die sich solche Standesfunktionäre gewählt haben, nicht zu bedauern. Sie haben den kranken Zustand, in welchem die deutsche Ärzteschaft sich jetzt befindet, über Jahre bewusst und zielstrebig selbst herbeigeführt - und damit die Grundlagen ihrer Selbstverwaltung zerstört.

   
 PSYCHOTHERAPIE Lese-Tipp
Ellis Huber im Interview
"Ein Drittel der Ärztinnen und Ärzte sind zynische Egoisten, denen das Schicksal ihrer Patienten völlig egal geworden ist..."


Ellis Huber, der von 1987 bis 1999 als Präsident der Berliner Ärztekammer beharrlich Systemfehler und Profitorientierung im Gesundheitsbetrieb kritisierte, erklärte im Interview mit PSYCHOTHERAPIE am 21. August 2001: "Etwa ein Drittel der Ärztinnen und Ärzte sind zynische Egoisten, denen das Schicksal ihrer Patienten völlig egal geworden ist. Sie denken nur an sich und machen Therapien, deren Unsinn sie von vornherein bereits kennen. Ein weiteres Drittel umfasst frustrierte und prinzipienlose Opportunisten, die im System mitschwimmen und versuchen, einigermaßen über die Runden zu kommen und das schlechte Gewissen durch Freude an Status und Ansehen zu kompensieren."

Das Gespür für ein sozial verantwortliches Gesundheitssystem, das Ellis Huber immer wieder zu sensibilisieren versuchte, ist den Ärzten weitgehend abhanden gekommen. Günther Jonitz, der Ellis Huber im präsidialen Ehrenamt nachfolgt, wusste nichts besseres zu tun als in einer "Nacht- und Nebelaktion, die an Peinlichkeit nicht zu überbieten ist", wie sich der Internist Andreas Grüneisen laut "Ärzte-Zeitung" vom 12.07.2001 empörte, seine monatliche Vorstandsentschädigung von 13.200 auf 18.250 DM zu erhöhen. Der Berliner Arzt Manfred Engel kommentierte diese ärztliche Werteorientierung bereits am 29.05.2001 in einem Leserbrief mit den Worten: "Immerhin zeigt Herr Jonitz den Berliner Ärzten, wie er das Amt als Kammerpräsident der Hauptstadt sieht: Als Geldquelle, und sonst gar nichts. Damit paßt er durchaus in die Landschaft der modernen Politik, die ihr Amt weniger als Vertretung der Wähler, als vielmehr für ihre eigenen Interessen sehen..."

Das Deutsche Ärzteblatt mit seinem Internet-Forum lässt dies für jedermann erkennbar werden und entblößt - ungeachtet der vereinzelt zu findenden konstruktiven Beiträge - eine ekelhafte Fratze der Ärzteschaft, die schaudern lässt.

Lesen Sie hier einen Kommentar des Herausgebers zur Reaktion des "Deutschen Ärzteblattes".

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Perverse und kranke Ärzte: Neu ist nur die Offenheit

Sehr geehrte Frau Dr. Heerdegen,

ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Beitrag in "Psychotherapie". Ich kann Ihren Ausführungen nur zustimmen. Da mich selbst die Praxis der ärztlichen Tätigkeit (übrigens auch als Nervenarzt) total abgestoßen hat und ich nicht mehr bereit war, mich weiter an diesem menschenverachtenden System zu beteiligen, verließ ich den Beruf vor einigen Jahren und bin glücklicher als je zuvor.

Als Journalist und Autor bemühe ich mich - ebenso wie Sie -, die Desaster des ärztlichen Standes offen zu legen. Allerdings gebe ich mich kaum Illusionen hin: Bis es zu Änderungen kommt, muss leider wahrscheinlich noch viel Schlimmeres passieren.

Als erstmals die unglaublichen Arbeitsbedingungen von Klinikärzten an die Öffentlichkeit kamen, sah ich die Zeit für ein Buch über den Niedergang des Arztberufs in Deutschland gekommen. Inzwischen liegt das Manuskript von "Der kranke Stand" mehreren großen Verlagen vor, die sich dafür interessieren. Der Tenor meines Buches ist ähnlich wie in Ihrem Beitrag - logisch, denn bei einer einigermaßen objektiven Betrachtungsweise - und zu der sollten wir Ärzte wegen der wissenschaftlichen Basis unserer "Heilkunst" eigentlich fähig sein - kann man m. E. zu gar keiner andern Einschätzung kommen. Anlass für mein Engagement bei diesem Thema waren natürlich auch eigene Erlebnisse in meiner Zeit als Arzt.

Ebenso wie für Sie war für mich das Internetforum des Ärzteblatts eine wertvolle Quelle zur Recherche. Allerdings verfolgte ich es nach Beendigung des Rohmanuskripts nicht mehr, so dass mir die skandalösen Entgleisungen gegenüber dem schwulen Kollegen bislang entgingen.

Jürgen Schell: Camouflage - hier bestellenDie Schattenseiten unserer weißen Zunft kritisierte ich bisher noch eher verborgen - in Belletristik. Vor wenigen Monaten erschien mein Roman "Camouflage" (Verlag im Kilian), in dem im Gefängnis ein auf Ärzte spezialisierter Anlagebetrüger zum Psychiatrieprofessor mutiert und ein erfolgloser Kunstmaler sich - nunmehr erfolgreich - als Laborarzt ausgibt. Zwar ist der Roman eine Satire, aber jeder, der sich einigermaßen im Medizinbetrieb auskennt, wird sofort die realen Probleme und Defizite wieder erkennen. Auf der Frankfurter Buchmesse werde ich Auszüge daraus am 13. und 14.10. um 16.00 Uhr lesen. Wahrscheinlich findet die Lesung in Halle 3.1, Stand K 175 statt.

Erfreulich finde ich in diesem Zusammenhang jedoch, dass es offenbar eine kleine Schar aufrechter Kämpfer gibt (zu denen ich Sie auch zählen möchte), die es nicht länger tatenlos hinnehmen wollen, wie ein Berufstand, der vor hundert Jahren noch zur Weltspitze gehörte, von Ärzten selbst und von anderen Gruppen systematisch in den Ruin getrieben wird.

Setzen auch Sie Ihr Engagement für mehr Humanität in der Ärzteschaft fort, auch wenn es jetzt empörte Reaktionen hageln sollte!

Mit herzlichen Grüßen

Dr. med. F. Jürgen Schell, Mainz
03.10.2001

Hinweis der Redaktion:
Das Buch von Dr. F. Jürgen Schell kann über diesen Link erworben werden.

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MEDICAL TRIBUNE, 15. Juni 2001
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"Die Plattmacher" der Psychotherapie (III) - Dokumentation
Werner Baumgärtner: Sein Kampf - gegen Kritik und Gerichtsurteile


"Die Plattmacher" der Psychotherapie (II)
Psychotherapeuten von KV Nordwürttemberg (KVNW) unter Vorsitz von Werner Baumgärtner verhöhnt


"Die Plattmacher" der Psychotherapie (I)
Werner Baumgärtner und der Umgang mit Psychotherapeuten in der Kassenärztlichen Vereinigung Nord-Württemberg (KV NW)



Angst? Wir helfen heraus... Angst? Wir helfen heraus...

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