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© PSYCHOTHERAPIE 29.09.2001
Psychopathologie des Ärzte-Alltags in Internet und Realität
Perverse Ärzte - kranke Ärzteschaft?
Deutsches Ärzteblatt mit Mobbing-Forum: Schwuler Arzt erhält Rat, dem
Chefarzt "einfach mal den Allerwertesten hinzuhalten"
VON CARMEN HEERDEGEN
Ärzte genießen in der Bevölkerung nach wie vor das
höchste Ansehen, ergab eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach
im Juni 2001 im Auftrag des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. Für 74
Prozent der Deutschen gehört der Arztberuf zu den absoluten Top-Jobs, nur
ein Prozent weniger als noch im Jahr 1999. Ein Traumergebnis für die so
genannten "Halbgötter in Weiß". Ein Ergebnis indes, das auf einem eklatanten
Irrtum beruht, der Fassade und Inhalt verwechselt. Allein ein Blick in das
Internet-Forum des Deutschen Ärzteblattes enthüllt den ganz normalen
Wahnsinn eines Berufsstandes, der zum Erbrechen reizt.
Dabei liegt ein wunderschöner Herbsttag vor mir. Nach
einer ausgefüllten Arbeitswoche als niedergelassene Neurologin und
Psychotherapeutin genieße ich den Samstagmorgen mit dem Duft frischer
Bäckerbrötchen, den Blick auf die ersten gelben Tupfer des Herbstlaubs und
blättere in der Wochenendausgabe der "Frankfurter Rundschau". "Als Rezept
gegen Beitragserhöhungen der Krankenkassen haben Verbraucherschützer und die
Anti-Korruptions-Organisation Transparency International (TI) entschiedenes
Vorgehen gegen Missbrauch und Betrug im Gesundheitswesen gefordert", lese
ich dort. "Es sind Milliarden, die durch Betrug und intransparente
Machenschaften im deutschen Gesundheitswesen verloren gehen", zitiert die
Zeitung aus einer Erklärung der TI-Gesundheitsexpertin und früheren
SPD-Politikerin Anke Martiny vom Freitag in Berlin. "Neben konsequenter
strafrechtlicher Verfolgung von Betrug und Korruption setzen TI und der
Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) zur Eindämmung von Missbrauch auch
auf die Einhaltung ethischer Verhaltensregeln", schreibt die Zeitung.
Ethik freilich ist inzwischen bei vielen Ärzten zum Fremdwort geworden,
ausgetauscht durch gut verhüllte Ego-Werte wie Gier nach Macht und Geld.
"Inzwischen pfeifen die Spatzen von den Dächern", schrieb Transparency
International im September 2000 im TI-Rundbrief Nr. 15, "Ärzte und Apotheker
bereichern sich am öffentlichen Gesundheitswesen in zweistelliger
Millionenhöhe, und die kassenärztlichen Vereinigungen und Ärztekammern,
resp. Apothekerkammern, die die nötige Kontrolle ausüben müssten, sind in
die unlauteren Machenschaften oft mit verstrickt." Weshalb die
kassenärztlichen Vereinigungen, von deren Zwangsmitgliedschaft die
Gesundheitspolitik aufrechte Ärzte noch nicht zu befreien vermochte, immer
häufiger als "kriminelle Vereinigungen" bezeichnet werden.
Nach einem kräftigen Schluck frischen Kaffees wechsle ich zum "Deutschen
Ärzteblatt" vom 28.09.2001, das noch auf dem Poststapel liegt. Dieses in der
Öffentlichkeit wenig bekannte Blättchen ist mit seinen amtlichen
Mitteilungen eine höchst unaufregende Pflichtlektüre der deutschen
Ärzteschaft - und dem Establishment ärztlicher Selbstverwaltung verhaftet.
Am 3. November 2000 berichtete es großformatig über den "Medi-Verbund", das
abwegige Zwangsnetz für ängstliche Ärzte, das die Kassenarztchefs von
Stuttgart und Berlin, Werner Baumgärtner und Manfred Richter-Reichhelm,
ausgeworfen haben: "Egal was geschieht, das Schiff Medi-Verbund fährt und
ist in sicheren Gewässern."
Für das Eingeständnis richterlich festgestellten
Realitätsverlustes der Medi-Ärzte war ein dreiviertel Jahr später, am 6.
August 2001, hingegen nur eine dürre Mitteilung drin: "Das
Landessozialgericht Baden-Württemberg hat es der Kassenärztlichen
Vereinigung (KV) Nord-Württemberg per einstweiliger Anordnung untersagt,
sich an der Medi Verbund GmbH zu beteiligen." Diese Rechtskultur der
Ärztefunktionäre ist seit Jahren ein Dauerbrechmittel. "Sie zeigt, dass die
Ärztefunktionäre nicht nur sich selbst in die Tasche wirtschaften und
Gesetze ignorieren, sondern zu Schikane aus niedersten Motiven fähig sind",
stellt die Berliner Tageszeitung "taz" am 11. August 2001 auf Seite 25 fest.
Auch diesmal kam das "Deutsche Ärzteblatt" mit dem gewohnt langweiligen
Titelblatt, das jede Wochenzeitung zum garantierten Flop machte. Fast wollte
ich das 1872 gegründete Pflicht-"Organ der Ärzteschaft" wieder beiseite
legen, da lese ich auf Seite A2487 den Titel "Forum Psychotherapie - Frust
abgelassen". Die Redaktion, so heißt es, habe sich entschieden, auf den
Internetseiten des "Deutschen Ärzteblattes" ein Forum einzurichten, in dem
"erbitterte Auseinandersetzungen" stattfänden. "Die Beiträge von Ärzten und
Psychologischen Psychotherapeuten im Forum 'Mobbing' ließen
Diskussionsbedarf erkennen", schreibt die DÄ-Redakteurin Petra Bühring. Von
"gegenseitiger verbaler Zerfleischung" ist die Rede. Selten genug für dieses
Ärzteblatt, wird von Versuchen der Ärzte berichtet, "die Psychologen
auszugrenzen, 'um die überaus reich gefüllten Pfründe zu sichern'". Also
beschließe ich, der Website einen Besuch abzustatten während ich mein
nächstes Brötchen streiche.
Der Schock: Unglaubliche Menschenverachtung unter Ärzten
Im Forum "Mobbing" lädt mich der Beitrag eines "Detlef
M. aus K. am 27.09.01" mit der Überschrift "Schwul und Gemobbt" zum
Anklicken und Lesen ein. Schwule Ärzte - eigentlich kein Thema mehr, könnte
man meinen, seitdem Politiker sich unter dem Jubel ihrer Anhänger outen.
"Ich bin schwul, und das ist auch gut so", erklärte Klaus Wowereit (SPD),
Bürgermeister von Berlin. Bei karnevalistisch anmutenden Umzügen feiern
Zehntausende ihre sexuelle Befreiung und seit dem 1. August 2001 werden
durch das Gesetz für die Eingetragene Lebenspartnerschaft homosexueller
Paare inzwischen vielerorts Homo-Ehen geschlossen. Chefärzte jedoch sind in
der Regel extrem konservativ, so verwundert nicht, wenn im Forum des
"Deutschen Ärzteblattes" ein homosexueller Assistenzarzt um Hilfe bittet,
weil "die Arbeit ... die Hölle" für ihn geworden ist, seit sein Chef von
seiner Homosexualität erfahren hat:

Offensichtlich wird auch die Arbeitswelt im Gesundheitswesen des Jahres 2001
noch von Vorurteilen, Ängsten, Unwissenheit und Unverständnis geprägt.
Allerdings erheben Ärzte und ärztliche Psychotherapeuten in Fragen der
psychosozialen Gesundheit einen Führungsanspruch, an dem sie ihre Art des
Umgangs mit Homosexualität als natürliche menschliche Daseinsform messen
lassen müssen. Eingerahmt vom Deutschen Ärzteblatt, inmitten von Werbung für
die Deutsche Ärzte-Versicherung, der HEXAL AG und Boehringer Ingelheim
Pharma KG, zwei bekannten Pharmaunternehmen, schließen sich im
Diskussionsfaden an die Bitte um Rat die "Empfehlungen" der Forumsteilnehmer
an.

Ein "Stat.-Arzt am 28.09.01" nimmt in erkennbar diskriminierender Weise
Bezug auf den aus dem Allgemeinen Landrecht von 1794 stammenden § 175 StGB,
mit dem die Preußen "Sodomiterei und dergleichen unnatürliche Sünden" mit
Zuchthaus bedrohten. 1935 wurde der § 175 verschärft, indem der Begriff
"widernatürliche Unzucht zwischen Männern" durch "Unzucht mit Männern"
ersetzt und die Strafen empfindlich erhöht wurden. Erst 1994 wurde der § 175
StGB zur Bestrafung der Homosexualität unter Erwachsenen im Zuge der
Gesetzesharmonisierung nach der deutschen Wiedervereinigung endgültig
gestrichen. "Halten Sie Ihren Chef doch einfach mal den Allerwertesten hin,
vielleicht steht er dann besser zu Ihnen, Sie verfluchter
hundertfünfundsiebziger!", heißt es in der Antwort auf den Hilferuf. Weil
diese Erwiderung kaum zu glauben ist, entschließe ich mich, die Seiten
dieses Ärzteforums zu dokumentieren.

Eine einzelne Entgleisung? Wohl kaum: "Es ist alles viel schlimmer!",
zitiert Jens Flintrop, Mitglied der gesundheits- und sozialpolitischen
Redaktion des "Deutschen Ärzteblattes" (aerzteblatt@aerzteblatt.de), in
einem eigenen Forumsbeitrag vom Frühjahr 2001 einen Arzt. Flintrop
illustriert dies mit der Feststellung eines anderen Mediziners: "Wenn mit
den Ärzten in der Weiterbildung nur Einjahresverträge geschlossen werden,
und diese jeweils nur um ein Jahr verlängert werden, obwohl der Chefarzt zur
vollen Weiterbildungszeit lizensiert ist, entsteht eine Abhängigkeit, der
der Assistenzarzt wie ein Leibeigener ausgesetzt ist."
So spiegelt wohl auch jene Empfehlung die mittelalterlichen Zustände
ärztlicher Realität wider, die von einem weiteren "Arzt am 28.09.01"
angefügt wird. Unverhohlen gibt dieser "Arzt" seine üble Gesinnung zu
erkennen, die in kranken Ideologien aus der dunkelsten Zeit deutscher
Geschichte wurzelt. Unter dem Titel-Kürzel "AF", das offenbar für
"Arschficker" stehen soll, schreibt er: "Mit Beiträgen wie diesem zersetzen
Sie Moral, Ehrgefühl und Anstand der Deutschen Ärzteschaft. Danken Sie Ihrem
Schöpfer auf Knien, dass er Sie in einem so zivilen Krankenhaus arbeiten
läßt, in dem man nur über Sie lacht. Unterdrücken Sie Ihre schädlichen
Neigungen, wenn Sie auch nur einen Funken Ehrgefühl im Leib haben." Eine
Antwort, die angesichts der Leiden homosexueller Männer in der Zeit des
Nationalsozialismus unfassbar respektlos und skandalös ist.

Sind das Ärzte, denen man sich anvertrauen kann? Sind solche Ärzte überhaupt
fähig, zur Lösung der drängenden psychosozialen Probleme und der wachsenden
psychosomatischen Herausforderung in unserer Gesellschaft beizutragen?
Definitiv nicht; diese Ärzte sind selbst ein Teil des Problems.
Ich erinnere mich, vor vier Wochen im "SPIEGEL" gelesen zu haben, dass ein
40-jähriger Angestellter am Bundeskriminalamt sich selbst mit fünf Liter
Benzin übergossen und bei lebendigem Leibe verbrannt hat, weil er sich von
seinen Kollegen wegen seiner Homosexualität verstoßen fühlte. Ich blättere
im "SPIEGEL"-Heft 35/2001: "Nachts um 3.50 Uhr hören Bewohner des
Wiesbadener Ortsteils Gräselberg gellende Schreie. Knapp zwei Stunden später
entdeckt eine junge Frau, die frühmorgens ihre Hunde spazieren führt, am
Rande eines Bolzplatzes, direkt unter einem Holunderbusch, ein kleines
Feuer. Erst beim genaueren Hinsehen erkennt die Frau, dass das verkohlte
Bündel, an dem noch schwache Flammen züngeln, ein Mensch gewesen ist."
Es ist bemerkenswert, wie ähnlich die Not der Betroffenen ist: Der BKA-Mann
Peter Zimmermann, ebenso schwul und gemobbt wie der Fragesteller im
Ärzte-Forum, klagte vor seinem Feuer-Suizid in einem Abschiedsbrief: "Einige
Kollegen behandelten mich wie den letzten Dreck", und fügte hinzu: "Leider
bin ich in einer Abteilung, in der Homosexuelle größtenteils als Menschen
zweiter Klasse behandelt werden." Nach den perfiden Kommentaren und der
flapsigen Aufforderung, "Wattebäuschlein [zu] werfen" resignierte wohl auch
"Detlef M. aus K.", der Assistenzarzt, wie sein Beitrag am Folgetag erkennen
lässt: "Wieder einer, der mich nicht ernst nimmt und nur spottet!"
Die Äußerungen im Ärzte-Forum erschrecken. Sie sind sexistisch und
menschenverachtend. Der praktizierte Umgangsstil, den der Deutsche
Ärzte-Verlag duldet, ist dem Beruf des Arztes und Psychotherapeuten
unwürdig. Ist dies die Realität? Ja, es ist die bittere Wirklichkeit. Am 7.
August 2001 wird im Forum zum Beispiel über "Beischlaf am Arbeitsplatz"
berichtet, "eine nette Dame macht auf Kosten anderer die Herzkatheder". Die
Beiträge in diesem Diskussionsfaden sprechen für sich: "Wolpertinger am
07.08.01" fragt lediglich "Auf dem Kathedertisch?" Und "Bock am 09.08.01"
fügt an: "Geil! Bitte mehr Details und so..."
Geld, Macht, Sex und Drogen - Wertewandel der Ärzte?
Patientinnen und Patienten sind für viele deutsche
Ärzte nur ein Objekt zur Befriedigung eigener Bedürfnisse - für Geld, Macht,
Sex oder Drogen und zuweilen auch alles zusammen. Es vergeht kaum eine
Woche, in der nicht neue abschreckende Beispiele krimineller, perverser oder
geisteskranker Ärzte aufgedeckt werden. Am 28.08.2001 berichtete die Presse
von einem 35-Jährigen als "Sex-Monster im weißen Arztkittel" ("BILD"), der -
verheiratet, zwei Kinder - mal so im Vorbeigehen eine 24-jährige
Patientin, die nach einer Operation noch in Narkose lag, in ihrem
Einzelzimmer auf der Intensivstation einer Stuttgarter Klinik mehrfach
vergewaltigte. Trotz noch wirkender Narkose konnte sich die Frau an den Mann
erinnern und die Klinikleitung verständigen - ein eher selten glücklicher
Umstand. Denn diese Praktiken sind unter den ausgeprägt chauvinistischen
Ärzten keineswegs Einzelfälle; sie werden in der Regel nur nicht bekannt.
Eine bedrohliche Zahl von Ärztinnen und Ärzten sind - durchaus auch als
Folge des inhumanen und teilweise in mittelalterlichen Strukturen
organisierten Medizinbetriebs - selbst psychisch verkrüppelt sowie geistig
und körperlich krank. Am 24. September 2001 gestand ein drogenabhängiger
Arzt vor dem Münchner Schwurgericht, im Kokain-Rausch seine Ehefrau
erstochen zu haben. Diese habe dem 40-Jährigen Sex- und Drogensucht
vorgeworfen. Sie drohte ihrem Mann, ihn anzuzeigen. Der HNO-Facharzt, der in
seinem Beruf als erfolgreich galt, habe dann angefangen, seine Frau zu
würgen. Später habe er einen Hammer aus der Küche geholt, ihr auf den Kopf
geschlagen und ihr schließlich ein über 20 Zentimeter langes Messer in den
Rücken gerammt. "Das ist von Anfang bis Ende der helle Wahnsinn, einfach
unbegreifbar", zitiert "DER SPIEGEL" den Arzt mit seinem Geständnis. Ein
ganz normaler ärztlicher Wahnsinn, den das "Deutsche Ärzteblatt" in seinen
Foren repräsentativ erahnen lässt.
Denn das Forum ist durchaus mit hochkarätigen ärztlichen Teilnehmern
besetzt. Zudem prüft und zensiert das "Deutsche Ärzteblatt" die Beiträge.
"Ja das machen wir", wird von der "Redaktion DÄ am 22.07.01 um 01.20" Uhr
weit nach Mitternacht auf die Frage eines Teilnehmers nach Zensur
mitgeteilt, obwohl es "einen regulären Nachtdienst in der Redaktion [...]
natürlich nicht" gibt, wie der Mitarbeiter der "Redaktion DÄ am 23.07.01 um
0.27" Uhr ergänzt. Auch der Präsident der Berliner Ärztekammer,
Günther Jonitz (guenther.jonitz@dgn.de),
nimmt - wie seine sechs Einträge allein im nachfolgenden Forumsausschnitt
zeigen - fast täglich und teilweise mehrfach täglich die Gelegenheit wahr,
sich zu äußern und Beiträge zu kommentieren.

"Es ist besser ein Licht anzuzünden", empfiehlt Ärztepräsident "Günther
Jonitz am 12.08.2001 um 11.00" Uhr noch. Dieses Licht muss am 28. September
2001 wieder erloschen sein. Was er selbst "wüste Beschimpfungen und
menschlich-moralische Tiefflüge" seiner Standeskollegen nennt, lässt ihn
lediglich mit der Frage reagieren: "Macht internet dumm und
undifferenziert?"

Für Dummheit und Verantwortungslosigkeit, Gier und Korruption, Perversion
und Krankheit sowie "menschlich-moralische Tiefflüge" in der Ärzteschaft das
Internet verantwortlich machen zu wollen, ist allerdings so billig, dass es
selbst naiven Zeitgenossen übel aufstößt. Möglicherweise ist von Ärzten,
denen der Doktorhut aufgesetzt wird für Arbeiten über Themen wie
Verletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern, schwerlich mehr geistiger
Tiefgang zu erwarten. Welcher Patient, der zu dem vermeintlichen Halbgott in
Weiß aufschaut, hat sich je gefragt, mit welcher skurrilen und
leichtgewichtigen Doktorarbeit sein Arzt jemals die Befähigung für
"wissenschaftliches Denken" nachgewiesen hat? Welcher Patient hinterfragt
überdies, wie Ärzte als Mitglieder "eines Berufsstandes, der [...] zu 90%
aus Kriechern, Duckmaeusern und verbitterten Neidhammeln besteht" - so ein
Forum-"Beitrag von J. U. Stier am 03.06.01" (stierjan@hotmail.com) - überhaupt
menschliche und sittliche Reife erwerben können?
Die tatsächliche Psychopathologie des ärztlichen Alltags wird von den
Beteiligten mit gutem Grund eifrig vor der Öffentlichkeit verborgen: Der
Anteil der suchtkranken Ärztinnen und Ärzte ist mindestens doppelt bis
dreimal so hoch wie in der Bevölkerung. Dabei "ist Suchtstoff Nummer eins
der Alkohol", berichtete die "Ärzte-Zeitung" am 21.10.1999. Ihre eigenen
Probleme ignorieren Ärzte regelmäßig, bis "die Praxis gefährdet, das
Privatleben zerrüttet oder der Arbeitsplatz in Gefahr" ist. Und die
Behandlungsopfer den Marktplatz füllen - so kann man versucht sein, den
Zeitungsbericht zu ergänzen. Im Gesundheitswesen der Gegenwart scheint mir
die Feststellung von Napoleon I. Bonaparte, dem Feldherrn, Politiker und
Kaiser der Franzosen, noch immer zutreffend: "Die Ärzte haben mehr
Menschenleben auf dem Gewissen als die Generäle."
Fast folgerichtig beträgt die Suizidrate unter Ärzten ein Mehrfaches
gegenüber der Bevölkerung. Die größten Defekte scheinen dabei die Hirne
derer zu haben, die die psychische Gesundheit zu fördern behaupten. Welcher
Patient, der sich wegen seiner Depressionen zum Psychiater begibt, denkt
schon daran, dass die so genannten "Experten", die ihre Affinität zum
Irresein möglicherweise genau diesen Beruf hat wählen lassen, sich laut
"Ärzte-Zeitung" vom 19.01.1998 sogar siebenmal häufiger umbringen?
Ärztliche Selbstverwaltung - das Kartell der organisierten
Verantwortungslosigkeit
Es ist unverkennbar, dass verantwortungslose und
selbstsüchtige ärztliche Standesfunktionäre die Ärzteschaft nur als beliebig
benutzbares Wegwerfmaterial zum Erreichen ihrer aus einem kranken Selbst und
wuchernder Gier entspringenden egomanen Ziele betrachten. Die ärztliche
Selbstverwaltung imponiert zunehmend als der Triumph des totalen Egoismus
über gesellschaftliche Vernunft und Verantwortlichkeit. Das Gesundheitswesen
präsentiert sich als ein Kartell der organisierten Verantwortungslosigkeit.
Zu besonderer Vollkommenheit dieses brutalen Missbrauchs
öffentlich-rechtlicher Wahlämter hat es der nord-württembergische
Kassenarztchef Werner Baumgärtner gebracht. Mit einem rechtswidrigen
Honorarverteilungsmaßstab (HVM) hat er 88 Prozent ärztlichen
Psychotherapiehonorars zu streichen versucht und den Opfern kaltschnäuzig
mitgeteilt: "Daß es auch hier Gewinner und Verlierer gegeben hat, muß ich
Ihnen nicht erklären." Man braucht die Ärzte, die sich solche
Standesfunktionäre gewählt haben, nicht zu bedauern. Sie haben den kranken
Zustand, in welchem die deutsche Ärzteschaft sich jetzt befindet, über Jahre
bewusst und zielstrebig selbst herbeigeführt - und damit die Grundlagen
ihrer Selbstverwaltung zerstört.
Ellis Huber, der von 1987
bis 1999 als Präsident der Berliner Ärztekammer beharrlich Systemfehler und
Profitorientierung im Gesundheitsbetrieb kritisierte, erklärte im Interview
mit PSYCHOTHERAPIE am 21. August 2001: "Etwa ein Drittel der Ärztinnen und
Ärzte sind zynische Egoisten, denen das Schicksal ihrer Patienten völlig
egal geworden ist. Sie denken nur an sich und machen Therapien, deren Unsinn
sie von vornherein bereits kennen. Ein weiteres Drittel umfasst frustrierte
und prinzipienlose Opportunisten, die im System mitschwimmen und versuchen,
einigermaßen über die Runden zu kommen und das schlechte Gewissen durch
Freude an Status und Ansehen zu kompensieren."
Das Gespür für ein sozial verantwortliches Gesundheitssystem, das Ellis
Huber immer wieder zu sensibilisieren versuchte, ist den Ärzten weitgehend
abhanden gekommen. Günther Jonitz, der Ellis Huber im präsidialen Ehrenamt
nachfolgt, wusste nichts besseres zu tun als in einer "Nacht- und
Nebelaktion, die an Peinlichkeit nicht zu überbieten ist", wie sich der
Internist Andreas Grüneisen laut "Ärzte-Zeitung" vom 12.07.2001 empörte,
seine monatliche Vorstandsentschädigung von 13.200 auf 18.250 DM zu erhöhen.
Der Berliner Arzt Manfred Engel kommentierte diese ärztliche
Werteorientierung bereits am 29.05.2001 in einem Leserbrief mit den Worten:
"Immerhin zeigt Herr Jonitz den Berliner Ärzten, wie er das Amt als
Kammerpräsident der Hauptstadt sieht: Als Geldquelle, und sonst gar nichts.
Damit paßt er durchaus in die Landschaft der modernen Politik, die ihr Amt
weniger als Vertretung der Wähler, als vielmehr für ihre eigenen Interessen
sehen..."
Das Deutsche Ärzteblatt mit seinem Internet-Forum lässt dies für jedermann
erkennbar werden und entblößt - ungeachtet der vereinzelt zu findenden
konstruktiven Beiträge - eine ekelhafte Fratze der Ärzteschaft, die
schaudern lässt.
Lesen Sie hier einen
Kommentar des Herausgebers zur Reaktion des "Deutschen Ärzteblattes".
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